Tomas Urban lässt sich seinen EM-Traum beim Heimturnier nicht kaputt machen Sebastian Külbel Minden/Bratislava. Aus diesem Stoff sind Sportlerträume: Eine Europameisterschaft im eigenen Land, die Vorrunde sogar in der Heimatstadt, mehr als 8.000 Fans in einer Arena, die den Außenseiter zur Überraschung treiben soll. Genau das war das große Ziel von Tomas Urban, als die EM 2022 im Sommer 2018 an Ungarn und die Slowakei vergeben wurde. Die Corona-Pandemie hat diesen Traum zwar getrübt, aber der Linkshänder von Handball-Bundesligist GWD Minden lässt ihn sich nicht kaputt machen: „Die EM ist trotzdem ein Highlight in meiner Karriere.“ Denn das am Donnerstag beginnende Turnier scheint wie gemalt für Tomas Urban: Mit 32 Jahren ist er eine der Führungsfiguren der slowakischen Mannschaft, die ihre drei Vorrundenspiele in seiner Heimatstadt Kosice bestreitet. „Dort lebt ein Teil meiner Familie und ich habe viele Freunde“, erzählt Urban im MT-Gespräch. Der Haken: Er darf sie während des Turniers alle nicht treffen, denn auch die Handballer der Slowakei haben ihre Turnier-Blase längst geschlossen. „Ich bin aber froh, dass sie überhaupt in die Halle kommen dürfen“, sagt Urban zum jüngsten Beschluss der slowakischen Regierung: Demnach dürfen die Hallen bei der EM zu 25 Prozent ausgelastet werden, in der Steel-Arena von Kosice wären das rund 2.000 Besucher. „Es ist nicht das, was wir uns gewünscht haben, aber es ist besser als nichts“, findet der Routinier. Schließlich können so auch seine Frau Lucia Vargova und sein fünfjähriger Sohn Tomas in die Halle kommen – auch ihnen kann Urban aber nur zuwinken: „Das ist natürlich hart. Aber es muss wohl sein, damit wir dieses Turnier überhaupt spielen können.“ Beim Co-Ausrichter Ungarn dürfen die Hallen übrigens vollständig gefüllt werden. Wie fragil die Austragung einer Großveranstaltung inmitten der Corona-Welle sein kann, zeigt sich schon in deren Vorfeld. In zahlreichen Teams gab es schon positive Fälle, auch die Slowaken wurden nicht verschont. Zurzeit sind Infektionen bei zwei Spielern nachgewiesen, zwei weitere befinden sich als Kontaktpersonen in Quarantäne. Die beiden geplanten Testspiele gegen Österreich wurden daher abgesagt. „Das war natürlich nicht der Plan, aber in diesen Zeiten kann man da nichts machen“, sagt Urban. Der konzentriert sich ohnehin viel lieber auf das Sportliche und blendet die Corona-Nachrichten aus: „Es gibt wichtigere Dinge, als sich über zwei Jahre damit zu beschäftigen.“ Der 32-Jährige bemüht sich um den vollen Fokus auf sein Traum-Turnier. Denn die Slowaken brauchen jede Trainingseinheit, jede Videoanalyse und jede Teambesprechung, um in der Gruppe F eine Chance zu haben. Nur die ersten beiden Teams schaffen den Sprung in die Hauptrunde. „Wir sind Außenseiter“, sagt auch Tomas Urban: „Aber das können wir vielleicht nutzen, wenn wir in unserer Halle spielen.“ Und nicht nur da haben die Slowaken schon einige beachtliche Ergebnisse erzielt. 2012 etwa trotzten sie dem späteren Europameister Serbien in der Vorrunde ein 21:21-Remis ab, 2008 verloren sie ihr Auftaktspiel gegen Frankreich knapp 31:32. Die einzigen Siege bei einem großen Turnier gelangen ihnen aber bei der WM 2009 in Kroatien, als sie als Vorrundenzweiter in die Zwischenrunde einzogen und am Ende Zehnter wurden. Bei drei EM-Teilnahmen reichte es dagegen jeweils nur zum letzten Platz unter 16 Teilnehmern. Das wollen Urban und seine Kollegen schnell ändern, und der GWD-Spieler sieht durchaus Chancen. Das zeigt sich schon beim Blick auf den Spielplan, der gleich zum Auftakt Norwegen als stärksten Gruppengegner bereit hält. „Das ist gut, im ersten Spiel kann alles passieren“, meint Urban. Die zweite Partie gegen Litauen mit TuS N-Lübbeckes Mittelmann Benas Petreikis könnte zum Schlüssel werden, denn beide Teams sind international eher zweitklassig und begegnen sich auf Augenhöhe. Am Ende wartet in Russland ein angeschlagener Gegner: „Sie haben viele verletzte und positive Spieler, die ausfallen“, weiß Urban: „Das müssen wir nutzen.“Und so sehr er betont, dass für ein erfolgreiches Turnier seiner Slowaken vieles passen muss, so sehr glaubt er auch an die Qualitäten des Teams. Das setzt auf eine starke Abwehr mit einer guten Torwartleistung, um sein Tempo bei den Gegenstößen zu nutzen. „Wir haben keinen Shooter, der aus elf Metern trifft, also müssen wir schnell spielen und die Fehler des Gegners nutzen“, skizziert der Routinier und fügt hinzu: „Wir müssen in die Tiefe gehen, Lücken sehen, über außen spielen und mit der Schnellen Mitte.“ Insgesamt ist das gar nicht weit weg von der Spielweise in seinem Vereinsteam. „Das ist mir auch schon aufgefallen“, sagt Urban. Der GWD-Profi ist einer der wenigen slowakischen Handballer in den europäischen Top-Ligen. Das und seine lange Karriere machen ihn zu einem der Anführer im Team: „Ich bin einer der erfahrensten Spieler, da ist meine Rolle klar. Das möchte ich annehmen, die Mannschaft nach vorne pushen und 60 Minuten alles reinhauen“, sagt Urban über seine Aufgabe. Zu der gehört auch die Anleitung der vielen jungen Spieler, die mit dem Turnier auch Hoffnungen verbinden: „Jeder will sich zeigen, das ist ein Vorteil.“ Schließlich ist die EM stets auch ein Schaufenster für mögliche Wechsel zu Vereinen auf einem höheren Niveau. Das hat Urban in Minden bereits erreicht, der Linkshänder ist bei GWD als Top-Torschütze eine der Überraschungen der Saison. Während er im Verein jedoch zumeist im rechten Rückraum agiert, spielt er im Nationalteam auf seiner Parade-Position Rechtsaußen – auch aus Mangel an Alternativen: „Wir haben zwar noch vier Linkshänder im Kader, aber alle spielen im Rückraum.“ Wie wichtig den Slowaken die Heim-EM ist, zeigte sich im Sommer: Da verzichteten die Spieler auf einen Teil ihres Urlaubs und trafen sich zu einem zweiwöchigen Extra-Lehrgang. „Die EM ist wirklich etwas Besonderes für uns“, sagt Tomas Urban. Zudem ist es eine Chance: In der Slowakei steht Handball deutlich im Schatten von Fußball und Eishockey. „Das wollen wir ändern, wir wollen die Leute wieder zum Handball bringen.“ Auch, wenn die Hallen nur zu einem Viertel gefüllt sein dürfen. Der Autor ist erreichbar unter Sebastian.Kuelbel@MT.de

Tomas Urban lässt sich seinen EM-Traum beim Heimturnier nicht kaputt machen

So kennt man ihn in Minden: Tomas Urban ist nicht nur Top-Torschütze bei GWD, sondern auch ein Führungsspieler in der slowakischen Handball-Nationalmannschaft. Foto: © Vjeran Zganec Rogulja/imago

Minden/Bratislava. Aus diesem Stoff sind Sportlerträume: Eine Europameisterschaft im eigenen Land, die Vorrunde sogar in der Heimatstadt, mehr als 8.000 Fans in einer Arena, die den Außenseiter zur Überraschung treiben soll. Genau das war das große Ziel von Tomas Urban, als die EM 2022 im Sommer 2018 an Ungarn und die Slowakei vergeben wurde. Die Corona-Pandemie hat diesen Traum zwar getrübt, aber der Linkshänder von Handball-Bundesligist GWD Minden lässt ihn sich nicht kaputt machen: „Die EM ist trotzdem ein Highlight in meiner Karriere.“

Denn das am Donnerstag beginnende Turnier scheint wie gemalt für Tomas Urban: Mit 32 Jahren ist er eine der Führungsfiguren der slowakischen Mannschaft, die ihre drei Vorrundenspiele in seiner Heimatstadt Kosice bestreitet. „Dort lebt ein Teil meiner Familie und ich habe viele Freunde“, erzählt Urban im MT-Gespräch. Der Haken: Er darf sie während des Turniers alle nicht treffen, denn auch die Handballer der Slowakei haben ihre Turnier-Blase längst geschlossen.

„Ich bin aber froh, dass sie überhaupt in die Halle kommen dürfen“, sagt Urban zum jüngsten Beschluss der slowakischen Regierung: Demnach dürfen die Hallen bei der EM zu 25 Prozent ausgelastet werden, in der Steel-Arena von Kosice wären das rund 2.000 Besucher. „Es ist nicht das, was wir uns gewünscht haben, aber es ist besser als nichts“, findet der Routinier. Schließlich können so auch seine Frau Lucia Vargova und sein fünfjähriger Sohn Tomas in die Halle kommen – auch ihnen kann Urban aber nur zuwinken: „Das ist natürlich hart. Aber es muss wohl sein, damit wir dieses Turnier überhaupt spielen können.“ Beim Co-Ausrichter Ungarn dürfen die Hallen übrigens vollständig gefüllt werden.

Wie fragil die Austragung einer Großveranstaltung inmitten der Corona-Welle sein kann, zeigt sich schon in deren Vorfeld. In zahlreichen Teams gab es schon positive Fälle, auch die Slowaken wurden nicht verschont. Zurzeit sind Infektionen bei zwei Spielern nachgewiesen, zwei weitere befinden sich als Kontaktpersonen in Quarantäne. Die beiden geplanten Testspiele gegen Österreich wurden daher abgesagt. „Das war natürlich nicht der Plan, aber in diesen Zeiten kann man da nichts machen“, sagt Urban.

Der konzentriert sich ohnehin viel lieber auf das Sportliche und blendet die Corona-Nachrichten aus: „Es gibt wichtigere Dinge, als sich über zwei Jahre damit zu beschäftigen.“ Der 32-Jährige bemüht sich um den vollen Fokus auf sein Traum-Turnier. Denn die Slowaken brauchen jede Trainingseinheit, jede Videoanalyse und jede Teambesprechung, um in der Gruppe F eine Chance zu haben. Nur die ersten beiden Teams schaffen den Sprung in die Hauptrunde. „Wir sind Außenseiter“, sagt auch Tomas Urban: „Aber das können wir vielleicht nutzen, wenn wir in unserer Halle spielen.“

Und nicht nur da haben die Slowaken schon einige beachtliche Ergebnisse erzielt. 2012 etwa trotzten sie dem späteren Europameister Serbien in der Vorrunde ein 21:21-Remis ab, 2008 verloren sie ihr Auftaktspiel gegen Frankreich knapp 31:32. Die einzigen Siege bei einem großen Turnier gelangen ihnen aber bei der WM 2009 in Kroatien, als sie als Vorrundenzweiter in die Zwischenrunde einzogen und am Ende Zehnter wurden. Bei drei EM-Teilnahmen reichte es dagegen jeweils nur zum letzten Platz unter 16 Teilnehmern.

Das wollen Urban und seine Kollegen schnell ändern, und der GWD-Spieler sieht durchaus Chancen. Das zeigt sich schon beim Blick auf den Spielplan, der gleich zum Auftakt Norwegen als stärksten Gruppengegner bereit hält. „Das ist gut, im ersten Spiel kann alles passieren“, meint Urban. Die zweite Partie gegen Litauen mit TuS N-Lübbeckes Mittelmann Benas Petreikis könnte zum Schlüssel werden, denn beide Teams sind international eher zweitklassig und begegnen sich auf Augenhöhe. Am Ende wartet in Russland ein angeschlagener Gegner: „Sie haben viele verletzte und positive Spieler, die ausfallen“, weiß Urban: „Das müssen wir nutzen.“

Und so sehr er betont, dass für ein erfolgreiches Turnier seiner Slowaken vieles passen muss, so sehr glaubt er auch an die Qualitäten des Teams. Das setzt auf eine starke Abwehr mit einer guten Torwartleistung, um sein Tempo bei den Gegenstößen zu nutzen. „Wir haben keinen Shooter, der aus elf Metern trifft, also müssen wir schnell spielen und die Fehler des Gegners nutzen“, skizziert der Routinier und fügt hinzu: „Wir müssen in die Tiefe gehen, Lücken sehen, über außen spielen und mit der Schnellen Mitte.“ Insgesamt ist das gar nicht weit weg von der Spielweise in seinem Vereinsteam. „Das ist mir auch schon aufgefallen“, sagt Urban.

Der GWD-Profi ist einer der wenigen slowakischen Handballer in den europäischen Top-Ligen. Das und seine lange Karriere machen ihn zu einem der Anführer im Team: „Ich bin einer der erfahrensten Spieler, da ist meine Rolle klar. Das möchte ich annehmen, die Mannschaft nach vorne pushen und 60 Minuten alles reinhauen“, sagt Urban über seine Aufgabe. Zu der gehört auch die Anleitung der vielen jungen Spieler, die mit dem Turnier auch Hoffnungen verbinden: „Jeder will sich zeigen, das ist ein Vorteil.“ Schließlich ist die EM stets auch ein Schaufenster für mögliche Wechsel zu Vereinen auf einem höheren Niveau.

Das hat Urban in Minden bereits erreicht, der Linkshänder ist bei GWD als Top-Torschütze eine der Überraschungen der Saison. Während er im Verein jedoch zumeist im rechten Rückraum agiert, spielt er im Nationalteam auf seiner Parade-Position Rechtsaußen – auch aus Mangel an Alternativen: „Wir haben zwar noch vier Linkshänder im Kader, aber alle spielen im Rückraum.“

Wie wichtig den Slowaken die Heim-EM ist, zeigte sich im Sommer: Da verzichteten die Spieler auf einen Teil ihres Urlaubs und trafen sich zu einem zweiwöchigen Extra-Lehrgang. „Die EM ist wirklich etwas Besonderes für uns“, sagt Tomas Urban. Zudem ist es eine Chance: In der Slowakei steht Handball deutlich im Schatten von Fußball und Eishockey. „Das wollen wir ändern, wir wollen die Leute wieder zum Handball bringen.“ Auch, wenn die Hallen nur zu einem Viertel gefüllt sein dürfen.

Der Autor ist erreichbar unter Sebastian.Kuelbel@MT.de

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