Sport-Rückblick: Als der TuS Nettelstedt vor 40 Jahren als Außenseiter den Europapokal gewann Michael Lorenz Lübbecke. „Es war einmalig, es war sensationell, es war einfach alles“, schildert Peter Pickel, eine lebende Handball-Legende des TuS Nettelstedt, den größten Triumph der rot-schwarzen Vereinsgeschichte. Vor 40 Jahren gewann der TuS, der heute TuS N-Lübbecke heißt, durch einen Finalsieg über den DDR-Klub Empor Rostock den Europapokal der Pokalsieger. Es war die Spitze eines stetigen Aufstiegs, der gut ein Jahrzehnt zuvor begann. Rückblende: 1970 verpflichtete der Kreisligist TuS Nettelstedt den damaligen Weltklassespieler Herbert Lübking von Grün-Weiß Dankersen, lockte ihn mit einer beruflichen Perspektive. Das Ereignis schlug nicht nur in Dankersen, sondern auch medial hohe Wellen. Die Richtung, in die der TuS wollte, war klar: Ganz nach oben, und zwar so schnell wie möglich. Nettelstedt stieg Jahr für Jahr auf, landete 1976 bereits in der Bundesliga. 1980 erreichte Nettelstedt erstmals das Finale um den DHB-Pokal, unterlag dem TV Großwallstadt in Gießen aber 15:17. Da der TVG damals aber auch Meister war und im Europapokal der Landesmeister antrat, war der Weg frei für den TuS. Nettelstedter Trainer war der ehemalige GWD-Torwart Martin Karcher, der bis heute in Dützen wohnt. Peter Pickel schildert die damaligen Verhältnisse wie folgt: „Man muss bedenken, dass wir damals zum ersten Mal überhaupt im Europapokal vertreten waren. Die Rostocker hingegen dominierten zusammen mit dem SC Magdeburg den DDR-Handball und hatten in Frank-Michael Wahl einen absolut herausragenden Spieler. Rostock war klarer Favorit.“ Im Hinspiel an der Ostsee versuchte es der favorisierte Klub aus dem Arbeiter- und Bauernstaat mit einem schmutzigen Trick, wie Pickel berichtet: „Wir bemerkten vor dem Spiel, dass der Ball zu klein ist, unser Kapitän Jimmy Waltke hat das moniert und dann wurde mit einem Ball in korrekter Größe gespielt. Auch sonst war es eher abenteuerlich im Osten. Überall Stasi-Leute, unsere Fans durften sich in der Halle kaum bewegen, auch die Stadt Rostock nicht besichtigen.“ Die Gäste schlugen sich erstaunlich gut und unterlagen 16:18. Der damalige Rechtsaußen des TuS, Hans-Jürgen Grund, wie Karcher und Waltke ein ehemaliger Dankerser und wie Karcher in Dützen wohnend, erinnert sich: „Das knappe Ergebnis hatte uns keiner zugetraut, Rostock war eine ganz andere Größenordnung. Aber nach dem Ergebnis haben wir uns etwas ausgerechnet. Als wir in der Kreissporthalle Lübbecke die aufgebauten Zusatztribünen sahen, kam bei uns echte Euphorie auf.“ Die Rostocker stiegen vor dem Rückspiel im Mindener Hotel „Exquisit“ im Ortsteil Bärenkämpen ab. Nach einem Stadtbummel sahen sie sich im Kino die Dieter-Hallervorden-Klamotte „Ach du lieber Harry“ an. Ein anderer Harry machte ihnen tags darauf allerdings das Leben schwer: Der linkshändige Rückraum-Hüne Harry Keller erzielte drei wichtige Tore für den TuS. Der TuS führte 11:7, doch Rostock kam auf 11:10 heran und das Spiel drohte zu kippen. Der überragende Nettelstedter Keeper Klaus Wöller hatte etwas dagegen und vernagelte seinen Kasten. Vor den Augen von Bundestrainer Vlado Stenzel hielt er bei 14 Gegentoren 13 zum Teil schwere Bälle, bis heute eine Topquote. Nettelstedts Klaus Waldhelm deckte Frank-Michael Wahl kurz, doch „Potti“ wich häufig auf Linksaußen aus und erzielte sechs Tore, davon einen Siebenmeter. In der Schlussminute stand es 16:14 und Nettelstedt hätte das Duell aufgrund der Auswärtstor-Regelung gewonnen. Doch nach dem Treffer von Keller zum 17:14 kannte der Jubel keine Grenzen, Trainer Martin Karcher war an jenem Samstagabend noch zu Gast im ZDF-Sportstudio. „Der Schlüssel zum Erfolg war aus meiner Sicht damals, dass wir eine eingespielte, gute Truppe waren, in der es auch menschlich absolut stimmte“, blickt Jürgen Grund zurück. Die Mannschaft, deren Spieler bis heute regelmäßigen Kontakt halten, veredelte ihren Europapokalsieg fünf Wochen später, als sie in zwei Endspielen gegen den VfL Günzburg (15:19-Niederlage auswärts und 22:17-Sieg in der Kreissporthalle) erstmals den DHB-Pokal gewann. TuS Nettelstedt – Empor Rostock 17:14 (8:6). Hinspiel: 18:16 für Rostock. TuS Nettelstedt: Wöller (Lipp n. e.) – Kania 2, Schibschid, Keller 3, Miljak 4/3, Kölling 1, Waltke 3, Pickel, Waldhelm 3, Grund, Lazarevic 1. Trainer: Karcher. Zuschauer: 4500 (ausverkauft).

Sport-Rückblick: Als der TuS Nettelstedt vor 40 Jahren als Außenseiter den Europapokal gewann

Peter Pickel (stehend von links), Trainer Martin Karcher, Dieter Waltke (verdeckt), Harry Keller, Hartmut Kania, Milan Lazarevic und Manager Wolfgang Wischmeier sowie Zdravko Miljak (hockend von links), Jürgen Grund, Klaus Wöller, Peter Lipp und Klaus Schibschid bejubeln ausgelassen den Gewinn des Europapokals. © MT-Archiv Jürgen Knicker

Lübbecke. „Es war einmalig, es war sensationell, es war einfach alles“, schildert Peter Pickel, eine lebende Handball-Legende des TuS Nettelstedt, den größten Triumph der rot-schwarzen Vereinsgeschichte. Vor 40 Jahren gewann der TuS, der heute TuS N-Lübbecke heißt, durch einen Finalsieg über den DDR-Klub Empor Rostock den Europapokal der Pokalsieger. Es war die Spitze eines stetigen Aufstiegs, der gut ein Jahrzehnt zuvor begann.

Rückblende: 1970 verpflichtete der Kreisligist TuS Nettelstedt den damaligen Weltklassespieler Herbert Lübking von Grün-Weiß Dankersen, lockte ihn mit einer beruflichen Perspektive. Das Ereignis schlug nicht nur in Dankersen, sondern auch medial hohe Wellen.

Die Richtung, in die der TuS wollte, war klar: Ganz nach oben, und zwar so schnell wie möglich. Nettelstedt stieg Jahr für Jahr auf, landete 1976 bereits in der Bundesliga. 1980 erreichte Nettelstedt erstmals das Finale um den DHB-Pokal, unterlag dem TV Großwallstadt in Gießen aber 15:17. Da der TVG damals aber auch Meister war und im Europapokal der Landesmeister antrat, war der Weg frei für den TuS. Nettelstedter Trainer war der ehemalige GWD-Torwart Martin Karcher, der bis heute in Dützen wohnt.

Nettelstedts Harry Keller lässt in dieser Szene die Defensive des SC Empor Rostock schlecht aussehen. Rechts macht TuS-Kreisläufer Uwe Kölling Platz. Fotos: MT-Archiv/Jürgen Knicker - © MT-Archiv Jürgen Knicker
Nettelstedts Harry Keller lässt in dieser Szene die Defensive des SC Empor Rostock schlecht aussehen. Rechts macht TuS-Kreisläufer Uwe Kölling Platz. Fotos: MT-Archiv/Jürgen Knicker - © MT-Archiv Jürgen Knicker

Peter Pickel schildert die damaligen Verhältnisse wie folgt: „Man muss bedenken, dass wir damals zum ersten Mal überhaupt im Europapokal vertreten waren. Die Rostocker hingegen dominierten zusammen mit dem SC Magdeburg den DDR-Handball und hatten in Frank-Michael Wahl einen absolut herausragenden Spieler. Rostock war klarer Favorit.“

Im Hinspiel an der Ostsee versuchte es der favorisierte Klub aus dem Arbeiter- und Bauernstaat mit einem schmutzigen Trick, wie Pickel berichtet: „Wir bemerkten vor dem Spiel, dass der Ball zu klein ist, unser Kapitän Jimmy Waltke hat das moniert und dann wurde mit einem Ball in korrekter Größe gespielt. Auch sonst war es eher abenteuerlich im Osten. Überall Stasi-Leute, unsere Fans durften sich in der Halle kaum bewegen, auch die Stadt Rostock nicht besichtigen.“ Die Gäste schlugen sich erstaunlich gut und unterlagen 16:18. Der damalige Rechtsaußen des TuS, Hans-Jürgen Grund, wie Karcher und Waltke ein ehemaliger Dankerser und wie Karcher in Dützen wohnend, erinnert sich: „Das knappe Ergebnis hatte uns keiner zugetraut, Rostock war eine ganz andere Größenordnung. Aber nach dem Ergebnis haben wir uns etwas ausgerechnet. Als wir in der Kreissporthalle Lübbecke die aufgebauten Zusatztribünen sahen, kam bei uns echte Euphorie auf.“

Die Rostocker stiegen vor dem Rückspiel im Mindener Hotel „Exquisit“ im Ortsteil Bärenkämpen ab. Nach einem Stadtbummel sahen sie sich im Kino die Dieter-Hallervorden-Klamotte „Ach du lieber Harry“ an. Ein anderer Harry machte ihnen tags darauf allerdings das Leben schwer: Der linkshändige Rückraum-Hüne Harry Keller erzielte drei wichtige Tore für den TuS. Der TuS führte 11:7, doch Rostock kam auf 11:10 heran und das Spiel drohte zu kippen. Der überragende Nettelstedter Keeper Klaus Wöller hatte etwas dagegen und vernagelte seinen Kasten. Vor den Augen von Bundestrainer Vlado Stenzel hielt er bei 14 Gegentoren 13 zum Teil schwere Bälle, bis heute eine Topquote.

Nettelstedts Klaus Waldhelm deckte Frank-Michael Wahl kurz, doch „Potti“ wich häufig auf Linksaußen aus und erzielte sechs Tore, davon einen Siebenmeter. In der Schlussminute stand es 16:14 und Nettelstedt hätte das Duell aufgrund der Auswärtstor-Regelung gewonnen. Doch nach dem Treffer von Keller zum 17:14 kannte der Jubel keine Grenzen, Trainer Martin Karcher war an jenem Samstagabend noch zu Gast im ZDF-Sportstudio.

„Der Schlüssel zum Erfolg war aus meiner Sicht damals, dass wir eine eingespielte, gute Truppe waren, in der es auch menschlich absolut stimmte“, blickt Jürgen Grund zurück. Die Mannschaft, deren Spieler bis heute regelmäßigen Kontakt halten, veredelte ihren Europapokalsieg fünf Wochen später, als sie in zwei Endspielen gegen den VfL Günzburg (15:19-Niederlage auswärts und 22:17-Sieg in der Kreissporthalle) erstmals den DHB-Pokal gewann.

TuS Nettelstedt – Empor Rostock 17:14 (8:6).

Hinspiel: 18:16 für Rostock.

TuS Nettelstedt: Wöller (Lipp n. e.) – Kania 2, Schibschid, Keller 3, Miljak 4/3, Kölling 1, Waltke 3, Pickel, Waldhelm 3, Grund, Lazarevic 1.

Trainer: Karcher.

Zuschauer: 4500 (ausverkauft).

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