„Man denkt: Das kann nicht sein“ - GWD-Profi Max Staar erlebte die Flutkatastrophe in Hagen hautnah mit Marcus Riechmann,Jörg Wehling Minden. Als die Katastrophe über Hagen hereinbrach, war Max Staar mittendrin und zugleich eine ganze Welt entfernt. Einige wenige Meter machten den Unterschied: „Meine Eltern wohnen zum Glück etwas höher im Stadtteil Emst", erzählt der Bundesligaspieler von GWD Minden, der ein paar Tage zum Familienurlaub in der Heimat weilte. „Es hat am Abend heftig geregnet und früh morgens hat man dann die Sirenen gehört", schildert er die Nacht, als das Wasser kam. Beim Blick aus dem Fenster am Morgen sei alles wie immer gewesen. „Wir hatten ein paar Pfützen vorm Haus. Aber ein paar hundert Meter weiter die Straße runter war die Zerstörung sichtbar. Das war total krass. Alles war voller Schlamm, alles war braun. Da denkt man: Das kann nicht sein?", beschreibt Staar Momente der Fassungslosigkeit, die sich noch steigerten, als ihn Nachrichten auf dem Handy mit Fotos und Videos erreichten, die die Urgewalt des Wassers dokumentierten. „Die Volme ist im Sommer eigentlich ganz flach, vielleicht knöchel- oder knietief", sagt Staar, der in Hagen aufwuchs. Die Videos zeigten dann, wie Wohnwagen oder Bäume vom tosenden Wasser unter den Brücken hindurchgepresst wurden. Für Staar unbegreiflich: „Es gab immer mal wieder Hochwasser in den vergangenen Jahren, aber das war nichts im Vergleich zu dieser Überschwemmung." Wenn der Mindener Handballer seine Heimatstadt beschreibt, spricht er von Trichtern zwischen den Hügeln. Diese Senken waren vielfach vom Hochwasser zerstört worden und damit die Verbindungslinien zerschnitten. „Man kam erstmal nirgends hin, das Ausmaß der Zerstörung wurde erstmal gar nicht deutlich", sagt der 22-Jährige. Freitags habe man versucht, sich familiär zu sammeln und zu versorgen. Samstags dann half man betroffenen Freunden. Staar, der mittlerweile nach Minden zurückgekehrt ist, beschreibt: „Wir haben Parkett und auch ganze Wände rausgerissen. Es ist unvorstellbar, wie es an manchen Ecken aussieht. Da stehen viele Leute vor dem Nichts." Wie Staar ist auch Jonas Zollitsch in Hagen groß geworden. Beide haben in der Jugend – übrigens gemeinsam mit Tim Brand – bei HTV Sundwig/Westig gespielt, ehe es zu GWD ging. Die Familie von Zollitsch, der das Fach vom Torwart zum Schiedsrichter gewechselt hat, lebt im schwer von der Flut betroffenen Stadtteil Hohenlimburg. Erst Stück für Stück habe er das Ausmaß der Tragödie erfasst, berichtet der 23-Jährige. „Ich war erstmal geschockt, aber ziemlich schnell kam Entwarnung von der Familie. Es geht allen gut, die Häuser sind heil geblieben." Beim Sauerland-Cup in Menden soll er am 14. und 15. August als Schiedsrichter mit seinem Partner Marvin Völkening pfeifen. „Wir hatten uns ein Hotel in Altena ausgesucht. Jetzt ist das Hotel nicht wiederzuerkennen", schildert Zollitsch. Auch Altena ist schwer vom der Naturkatastrophe betroffen. Ob das Turnier überhaupt stattfinden kann, steht in den Sternen: „Die Menschen haben gerade andere Sorgen", sagt Zollitsch. Lukas Kister, der vor zwei Jahren von GWD zum VfL Eintracht Hagen wechselte, war vom Chaos in der Stadt nicht direkt betroffen. Allerdings fiel das erst vergangene Woche wieder aufgenommen Training aus: „Die Halle wurde erstmal zu einem Notfalllager", erzählt der mit dem VfL frisch in die 2. Liga aufgestiegene Kister. Gestern ging es für ihn aus Dortmund erstmals wieder nach Hagen. „Ich bin gespannt, wie es dort aussieht. Es ist schwer, zu begreifen, was da passiert ist", sagt er. Im Zentrum des Geschehens steht der Drittligist TuS Volmetal, der die Kraft des gesamten Vereins vom Sport auf Nothilfe umlenkt. Der Klub sammelt Geld- und Sachspenden, koordiniert über die Facebook-Seite den Bedarf nach Hilfe und die Hilfsangebote. Die Mitglieder packen an, die Sporthalle hat sich zum Notversorgungszentrum gewandelt. Rund 90.000 Euro sind an Spenden bereits zusammengekommen. Hilfsbereitschaft zeigen auch die heimischen Handballvereine. Einige Mannschaften spendeten spontan Kleinbeträge. „Wir wollen daraus keine große Sache machen. Wir haben dafür Geld aus unserer Mannschaftskasse zusammengelegt", sagt beispielsweise Michael-Tobias Kwoll, Teamkapitän des Kreisligisten GWD Minden III. Ein Schneeballeffekt setzte beim TuSpo Meißen ein. Urheber der Spendenaktion war hier Mannschaftskapitän Nico Burzlaff, der einen Aufruf in der teaminternen WhatsApp-Gruppe startete. Andere Handballteams des Vereins schlossen sich an. Auch der Abteilungsvorstand legte zusammen, so dass bereits 800 Euro als Spendensumme zusammen kamen. TuSpo-Vereinschef Harald Pohlmann steuerte mit „Pro Meißen" noch einmal Geld dazu, so dass nun 1200 Euro nach Hagen gehen. „Uns war wichtig, dass schnell geholfen wird", sagt Initiator Burzlaff. Neben den Bildern aus dem Fernsehen konnte er sich einen Eindruck bei Vereinskameraden verschaffen, die als DLRG-Helfer im Hochwassergebiet unterwegs waren. „Mir war schnell klar, dass wir was machen müssen", sagte Burzlaff und betont: Auf den Umfang des einzelnen Beitrags komme es nicht an. „Wichtig ist, dass überhaupt geholfen wird. Vielleicht werden andere Klubs oder Mannschaften zum Mitmachen inspiriert. Schließlich sind wir eine große Handball-Familie." Freundschaftliche Verbundenheit der Fanklubs des TuS 09 Möllbergen und des TuS Volmetal aus gemeinsamen Oberligazeiten lösten beim Möllberger Fanklub-Vorsitzenden Torsten Böke den Impuls aus, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen. Ein erster Aufruf des Fanklubs auf Facebook brachte gut 500 Euro ein. „Wir hoffen natürlich, dass es noch etwas mehr wird, wobei wir sehr froh sind, in so kurzer Zeit einiges zusammenbekommen haben", sagt Böke zu der Aktion, die noch läuft. „Wie wir das Geld überreichen werden, wissen wir noch nicht. Aber es soll so unkompliziert wie möglich sein." Auch die Männer-Mannschaft des TuS 09 Möllbergen will sich einbringen. „Die Hochwasser-Katastrophe und die Situation beim TuS Volmetal waren in unserer Mannschaft natürlich ein Thema", sagt Trainer André Torge. Neben einer Spende aus der Teamkasse wollen sie bei einigen anstehenden Testspielen die Einnahmen dem TuS Volmetal zur Verfügung stellen.

„Man denkt: Das kann nicht sein“ - GWD-Profi Max Staar erlebte die Flutkatastrophe in Hagen hautnah mit

Spuren der Verwüstung: An einer Straße in Hagen haben Bewohner den vom Hochwasser zerstörten Hausrat auf dem Bürgersteig abgestellt. Foto: David Inderlied/dpa © David Inderlied

Minden. Als die Katastrophe über Hagen hereinbrach, war Max Staar mittendrin und zugleich eine ganze Welt entfernt. Einige wenige Meter machten den Unterschied: „Meine Eltern wohnen zum Glück etwas höher im Stadtteil Emst", erzählt der Bundesligaspieler von GWD Minden, der ein paar Tage zum Familienurlaub in der Heimat weilte.

GWD-Außen Max Staar erlebte die Flutkatastrophe hautnah - und half betroffenen Freunden bei den Aufräumarbeiten. Foto: - © imago images/pmk
GWD-Außen Max Staar erlebte die Flutkatastrophe hautnah - und half betroffenen Freunden bei den Aufräumarbeiten. Foto: - © imago images/pmk

„Es hat am Abend heftig geregnet und früh morgens hat man dann die Sirenen gehört", schildert er die Nacht, als das Wasser kam. Beim Blick aus dem Fenster am Morgen sei alles wie immer gewesen. „Wir hatten ein paar Pfützen vorm Haus. Aber ein paar hundert Meter weiter die Straße runter war die Zerstörung sichtbar. Das war total krass. Alles war voller Schlamm, alles war braun. Da denkt man: Das kann nicht sein?", beschreibt Staar Momente der Fassungslosigkeit, die sich noch steigerten, als ihn Nachrichten auf dem Handy mit Fotos und Videos erreichten, die die Urgewalt des Wassers dokumentierten. „Die Volme ist im Sommer eigentlich ganz flach, vielleicht knöchel- oder knietief", sagt Staar, der in Hagen aufwuchs. Die Videos zeigten dann, wie Wohnwagen oder Bäume vom tosenden Wasser unter den Brücken hindurchgepresst wurden. Für Staar unbegreiflich: „Es gab immer mal wieder Hochwasser in den vergangenen Jahren, aber das war nichts im Vergleich zu dieser Überschwemmung."

Wenn der Mindener Handballer seine Heimatstadt beschreibt, spricht er von Trichtern zwischen den Hügeln. Diese Senken waren vielfach vom Hochwasser zerstört worden und damit die Verbindungslinien zerschnitten. „Man kam erstmal nirgends hin, das Ausmaß der Zerstörung wurde erstmal gar nicht deutlich", sagt der 22-Jährige. Freitags habe man versucht, sich familiär zu sammeln und zu versorgen. Samstags dann half man betroffenen Freunden. Staar, der mittlerweile nach Minden zurückgekehrt ist, beschreibt: „Wir haben Parkett und auch ganze Wände rausgerissen. Es ist unvorstellbar, wie es an manchen Ecken aussieht. Da stehen viele Leute vor dem Nichts."

Die Familie vom Mindener DHB-Schiedsrichter Jonas Zollitsch (Mitte, rechts) lebt im besonders schwer betroffenen Stadtteil Hohenlimburg. MT-Foto: - © Jörg Wehling
Die Familie vom Mindener DHB-Schiedsrichter Jonas Zollitsch (Mitte, rechts) lebt im besonders schwer betroffenen Stadtteil Hohenlimburg. MT-Foto: - © Jörg Wehling

Wie Staar ist auch Jonas Zollitsch in Hagen groß geworden. Beide haben in der Jugend – übrigens gemeinsam mit Tim Brand – bei HTV Sundwig/Westig gespielt, ehe es zu GWD ging. Die Familie von Zollitsch, der das Fach vom Torwart zum Schiedsrichter gewechselt hat, lebt im schwer von der Flut betroffenen Stadtteil Hohenlimburg. Erst Stück für Stück habe er das Ausmaß der Tragödie erfasst, berichtet der 23-Jährige. „Ich war erstmal geschockt, aber ziemlich schnell kam Entwarnung von der Familie. Es geht allen gut, die Häuser sind heil geblieben."

Beim Sauerland-Cup in Menden soll er am 14. und 15. August als Schiedsrichter mit seinem Partner Marvin Völkening pfeifen. „Wir hatten uns ein Hotel in Altena ausgesucht. Jetzt ist das Hotel nicht wiederzuerkennen", schildert Zollitsch. Auch Altena ist schwer vom der Naturkatastrophe betroffen. Ob das Turnier überhaupt stattfinden kann, steht in den Sternen: „Die Menschen haben gerade andere Sorgen", sagt Zollitsch.

Lukas Kister, der vor zwei Jahren von GWD zum VfL Eintracht Hagen wechselte, war vom Chaos in der Stadt nicht direkt betroffen. Allerdings fiel das erst vergangene Woche wieder aufgenommen Training aus: „Die Halle wurde erstmal zu einem Notfalllager", erzählt der mit dem VfL frisch in die 2. Liga aufgestiegene Kister. Gestern ging es für ihn aus Dortmund erstmals wieder nach Hagen. „Ich bin gespannt, wie es dort aussieht. Es ist schwer, zu begreifen, was da passiert ist", sagt er.

Gezeichnet vom Hochwasser hängt ein Banner des TuS Volmetal an der Straße. Der Verein setzt sich stark in der Hilfe für Flutopfer ein. Foto: privat - © Screenshot
Gezeichnet vom Hochwasser hängt ein Banner des TuS Volmetal an der Straße. Der Verein setzt sich stark in der Hilfe für Flutopfer ein. Foto: privat - © Screenshot

Im Zentrum des Geschehens steht der Drittligist TuS Volmetal, der die Kraft des gesamten Vereins vom Sport auf Nothilfe umlenkt. Der Klub sammelt Geld- und Sachspenden, koordiniert über die Facebook-Seite den Bedarf nach Hilfe und die Hilfsangebote. Die Mitglieder packen an, die Sporthalle hat sich zum Notversorgungszentrum gewandelt. Rund 90.000 Euro sind an Spenden bereits zusammengekommen.

Hilfsbereitschaft zeigen auch die heimischen Handballvereine. Einige Mannschaften spendeten spontan Kleinbeträge. „Wir wollen daraus keine große Sache machen. Wir haben dafür Geld aus unserer Mannschaftskasse zusammengelegt", sagt beispielsweise Michael-Tobias Kwoll, Teamkapitän des Kreisligisten GWD Minden III.

Ein Schneeballeffekt setzte beim TuSpo Meißen ein. Urheber der Spendenaktion war hier Mannschaftskapitän Nico Burzlaff, der einen Aufruf in der teaminternen WhatsApp-Gruppe startete. Andere Handballteams des Vereins schlossen sich an. Auch der Abteilungsvorstand legte zusammen, so dass bereits 800 Euro als Spendensumme zusammen kamen. TuSpo-Vereinschef Harald Pohlmann steuerte mit „Pro Meißen" noch einmal Geld dazu, so dass nun 1200 Euro nach Hagen gehen.

„Uns war wichtig, dass schnell geholfen wird", sagt Initiator Burzlaff. Neben den Bildern aus dem Fernsehen konnte er sich einen Eindruck bei Vereinskameraden verschaffen, die als DLRG-Helfer im Hochwassergebiet unterwegs waren. „Mir war schnell klar, dass wir was machen müssen", sagte Burzlaff und betont: Auf den Umfang des einzelnen Beitrags komme es nicht an. „Wichtig ist, dass überhaupt geholfen wird. Vielleicht werden andere Klubs oder Mannschaften zum Mitmachen inspiriert. Schließlich sind wir eine große Handball-Familie."

Torsten Böke hat eine Spendenaktion initiiert. Foto: privat - © privat
Torsten Böke hat eine Spendenaktion initiiert. Foto: privat - © privat

Freundschaftliche Verbundenheit der Fanklubs des TuS 09 Möllbergen und des TuS Volmetal aus gemeinsamen Oberligazeiten lösten beim Möllberger Fanklub-Vorsitzenden Torsten Böke den Impuls aus, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen. Ein erster Aufruf des Fanklubs auf Facebook brachte gut 500 Euro ein. „Wir hoffen natürlich, dass es noch etwas mehr wird, wobei wir sehr froh sind, in so kurzer Zeit einiges zusammenbekommen haben", sagt Böke zu der Aktion, die noch läuft. „Wie wir das Geld überreichen werden, wissen wir noch nicht. Aber es soll so unkompliziert wie möglich sein."

Auch die Männer-Mannschaft des TuS 09 Möllbergen will sich einbringen. „Die Hochwasser-Katastrophe und die Situation beim TuS Volmetal waren in unserer Mannschaft natürlich ein Thema", sagt Trainer André Torge. Neben einer Spende aus der Teamkasse wollen sie bei einigen anstehenden Testspielen die Einnahmen dem TuS Volmetal zur Verfügung stellen.

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