MT-Serie: Freunde an der Flöte - Ralf Duda und Fritze Schmidt Marcus Riechmann Hille/Petershagen. Sie wohnen seit Kindesbeinen im „Dreiländereck“ der Galgenheide, wo die Orte Friedewalde, Holzhausen und Nordhemmern aneinanderstoßen, nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Sie sind beide Jahrgang 1969, haben eine halbe Ewigkeit gemeinsam Handball gespielt, und kennen sich ein ganzes Leben lang. Wenig überraschend machen Ralf Duda und Friedrich „Fritze“ Schmidt auch an der Flöte gemeinsame Sache. Seit sieben Jahren leiten die Freunde als Schiedsrichter Handballspiele. Woche für Woche sind sie in ganz Westfalen unterwegs, in der Männer-Verbands- und Frauen-Oberliga. 2013 haben die beiden den Schiedsrichterschein gemacht. „Ralf wollte schon 2008 damit anfangen“, erzählt Schmidt, aber er habe zunächst andere Pläne gehabt. Er machte den Trainerschein, coachte mit der C-Lizenz Jugend- und Männerteams. Und so wartete Duda: „Ohne Fritze anzufangen war keine Option.“ Sein Partner bedauert: „Hätten wir den Schein etwas eher gemacht, wäre vielleicht ein bisschen mehr möglich gewesen. Mit über 40 Jahren war nach oben nicht mehr so viel drin, jetzt erst recht nicht mehr.“ Den Lehrgang absolvierten die beiden damals bei Jürgen Steinhauer. „Das war gut. Torsten Brandt hat uns danach gecoacht, das hat uns extrem nach vorne gebracht“, erzählt Schmidt von der wichtigen Begleitung durch den einstigen Bundesliga-Schiedsrichter: „Das wurde damals angeboten. Weil wir ja schon etwas älter waren, wollten wir schnell nach vorne kommen und haben das gern angenommen.“ Zwei (Lehr-) Jahre pfiffen die Kumpel auf Kreisebene. An ihren ersten Einsatz können sie sich noch lebhaft erinnern. „Sonntagmorgens um zehn Uhr, Nordhemmern fünf gegen Nordhemmern sechs. Wir wurden amüsiert begrüßt: Was wollt ihr denn hier? Dass es unser erstes Spiel war, hat keiner gemerkt, es lief ganz gut“, erinnert sich Duda und berichtet von entspannten Umständen: „Jeder kannte uns, da brauchte man nicht nervös sein.“ Das galt für die gesamte Zeit in den Kreisligen: „Das war immer menschlich, immer fair. Man kannte ja auch alle Spieler aus der aktiven Zeit“, erinnert sich Schmidt an eine familiäre Atmosphäre. Im dritten Jahr ging es hoch in die Landesliga. Und damit mehr als nur eine Spielklasse nach oben. „Da waren die Hallen plötzlich voll, das hat schon mehr Spaß gemacht.“, sagt Duda. Der Maschinenbauer erinnert sich an einen besonderen Auftritt: „Beim Spitzenspiel zwischen Brockhagen und Isselhorst war die Halle rappelvoll, da hörte man seinen eigenen Pfiff nicht.“ Auch an schwierige Partien erinnern sie sich, doch die waren die Ausnahme. „Es gibt eigentlich kein Spiel, bei dem man hinterher nicht noch auf ein Getränk eingeladen wird und noch ein bisschen quatscht“, erzählt Duda und beschreibt ein Credo ihres Wirkens: „Wir wollen Spaß haben. Und das Spiel soll auch allen anderen Spaß machen. Jeder Handballer weiß, dass es mehr Freude macht, wenn man einen guten Schiri hat.“ Eine klare Linie ist ihnen wichtig. „Jeder soll wissen, woran er ist“, sagt der Versicherungskaufmann Schmidt. Außerdem gilt: „Es gibt keine Ausnahmen. Alle sind gleich.“ Schmidt sagt: „Wir lassen schon eine gewisse Härte zu, wir sind nicht kleinlich. Aber wir haben klare Grenzen. Beim Gegenstoß heißt es: Finger weg. Konterfouls sind ein No-Go.“ Für sie selbst gilt beim Tempogegenstoß: Schnell an die Seite. „Sonst stehst du im Weg. Der Handball ist schneller geworden. Bei Konter wirst du von zwölf Leuten überholt, selbst wenn du mit rennst“, erzählt Schmidt, einst selbst ein Flügelflitzer. Beide mögen an den höheren Spielklassen auch, dass die Spieler weniger diskutieren. „Die wissen alle, dass kein Pfiff zurückgenommen wird und dass das Spiel sofort weitergeht“, berichtet Duda. Beide pflegen die Kommunikation mit allen Beteiligten: Von der technischen Besprechung vor bis zum Schnack nach dem Spiel. „Beim Spiel ist Ralf dann auch noch für die Zuschauer zuständig“ meint Schmidt grinsend. „Dafür ist Fritze der Mann für die Roten Karten“, retourniert Duda. Die beiden Freunde sind ein eingespieltes Team – nicht nur verbal. „Die Schiri-Aufwandsentschädigungen gehen in unsere Mannschaftskasse und davon bestreiten wir jedes Jahr eine gemeinsame Tour“, erzählt Duda von Ausflügen zum Final-Four nach Hamburg oder zur WM nach Berlin. Nur ein paar Jahre waren sie sportlich getrennt unterwegs: Der Holzhauser Duda verbrachte die Jugend beim VfB, der Friedewalder Schmidt spielte beim TuS Freya. Bei Letzterem fanden der Holzhauser Linkshänder und der „Freywohler“ Rechtshänder als Außenzange wieder zusammen und spielten rund 25 Jahre bei der HSG Stemmer/Friedewalde und dem HSV Minden–Nord. So ernst wie einst das Spiel am Ball nehmen sie heute den Job an der Pfeife: „Handball geht vor“, erläutert Duda die Prioritätenliste des Wochenendes. Beide bereiten sich auf jedes der rund 30 Spiele pro Saison vor, schauen sich Tabellenstand und Pressetexte an: „Wir wollen ja wissen, was Phase ist ist und was auf uns zukommt“, erläutert Duda. Auch die Kaffeepause auf der Anreise ist wie die kritische Nachbetrachtung unmittelbar nach Abpfiff Pflichtprogramm. Warum sie pfeifen? „Angefangen haben wir auch, weil wir meinten, dass wir es besser könnten als mancher von denen, die uns damals gepfiffen haben. Vor allem hatten wir aber Bock, weiter beim Handball zu bleiben, bei Leuten, denen Handball wie uns wichtig ist“, erzählt Duda. Damit spricht er Frank Begemann aus dem Herzen. „Solche Leute wie Ralf und Fritze sind wichtig für den Handball, die gibt es viel zu selten“, berichtet der Lehrwart im Handballkreis, „die, die ihre Karriere an der Pfeife verlängern, fehlen uns .“ Begemann lobt die beiden Galgenheider: „Sie haben eine herzliche Art und eine positive Präsenz, sie gehen offen auf die Leute zu. Das hilft einem Schiedsrichter auch mal über einen schwierigen Moment im Spiel weg.“ Ihre Erfahrung kommt ihnen zugute. „Man kennt die kleinen versteckten Fouls, man hat ja in 35 Jahren ein bisschen was erlebt“, sagt Duda. Vor allem habe man als ehemaliger Spieler ein „anderes Standing“. Die Situation als Schiri nach der Handballzeit sei ideal. „Man steht fest im Leben. Da lässt man Querköppe auch schon mal stramm stehen“, meint der einstige Rechtsaußen glaubhaft. Die beiden wünschen sich, dass Nachwuchsschiris in Ruhe eine breite Brust entwickeln dürfen: „Es gibt ein paar junge Gespanne, die richtig gut sind. Aber grundsätzlich würde ich sagen: Wenn die jung sind, sollten die Jugendspiele pfeifen und nicht Senioren, die sollen erstmal Erfahrungen sammeln und nicht den Spaß verlieren“, sagt Schmidt: „Die brauchen Coaching, auch im Verein. Es geht ja nicht nur um Regelkunde, sondern um mehr. Zum Beispiel: Wie gehe ich mit Leuten um, die Stress machen? Da sind auch die Vereine gefordert und müssen für Fairness sorgen.“ MT-Serie: Schiedsrichter „Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

MT-Serie: Freunde an der Flöte - Ralf Duda und Fritze Schmidt

Hille/Petershagen. Sie wohnen seit Kindesbeinen im „Dreiländereck“ der Galgenheide, wo die Orte Friedewalde, Holzhausen und Nordhemmern aneinanderstoßen, nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Sie sind beide Jahrgang 1969, haben eine halbe Ewigkeit gemeinsam Handball gespielt, und kennen sich ein ganzes Leben lang.

Selfie vor dem Anpfiff: Ralf Duda (links) und Fritze Schmidt wollen als Schiedsrichter Spaß haben und auf dem Spielfeld Freude vermitteln. - © Foto: pr
Selfie vor dem Anpfiff: Ralf Duda (links) und Fritze Schmidt wollen als Schiedsrichter Spaß haben und auf dem Spielfeld Freude vermitteln. - © Foto: pr

Wenig überraschend machen Ralf Duda und Friedrich „Fritze“ Schmidt auch an der Flöte gemeinsame Sache. Seit sieben Jahren leiten die Freunde als Schiedsrichter Handballspiele. Woche für Woche sind sie in ganz Westfalen unterwegs, in der Männer-Verbands- und Frauen-Oberliga.

2013 haben die beiden den Schiedsrichterschein gemacht. „Ralf wollte schon 2008 damit anfangen“, erzählt Schmidt, aber er habe zunächst andere Pläne gehabt. Er machte den Trainerschein, coachte mit der C-Lizenz Jugend- und Männerteams. Und so wartete Duda: „Ohne Fritze anzufangen war keine Option.“ Sein Partner bedauert: „Hätten wir den Schein etwas eher gemacht, wäre vielleicht ein bisschen mehr möglich gewesen. Mit über 40 Jahren war nach oben nicht mehr so viel drin, jetzt erst recht nicht mehr.“

Einsatz vor der Haustür: Ralf Duda schaut beim Oberliga-Derby im Hahler Feld genau hin. - © Foto: Christian Bendig
Einsatz vor der Haustür: Ralf Duda schaut beim Oberliga-Derby im Hahler Feld genau hin. - © Foto: Christian Bendig

Den Lehrgang absolvierten die beiden damals bei Jürgen Steinhauer. „Das war gut. Torsten Brandt hat uns danach gecoacht, das hat uns extrem nach vorne gebracht“, erzählt Schmidt von der wichtigen Begleitung durch den einstigen Bundesliga-Schiedsrichter: „Das wurde damals angeboten. Weil wir ja schon etwas älter waren, wollten wir schnell nach vorne kommen und haben das gern angenommen.“

Zwei (Lehr-) Jahre pfiffen die Kumpel auf Kreisebene. An ihren ersten Einsatz können sie sich noch lebhaft erinnern. „Sonntagmorgens um zehn Uhr, Nordhemmern fünf gegen Nordhemmern sechs. Wir wurden amüsiert begrüßt: Was wollt ihr denn hier? Dass es unser erstes Spiel war, hat keiner gemerkt, es lief ganz gut“, erinnert sich Duda und berichtet von entspannten Umständen: „Jeder kannte uns, da brauchte man nicht nervös sein.“ Das galt für die gesamte Zeit in den Kreisligen: „Das war immer menschlich, immer fair. Man kannte ja auch alle Spieler aus der aktiven Zeit“, erinnert sich Schmidt an eine familiäre Atmosphäre.

Im dritten Jahr ging es hoch in die Landesliga. Und damit mehr als nur eine Spielklasse nach oben. „Da waren die Hallen plötzlich voll, das hat schon mehr Spaß gemacht.“, sagt Duda. Der Maschinenbauer erinnert sich an einen besonderen Auftritt: „Beim Spitzenspiel zwischen Brockhagen und Isselhorst war die Halle rappelvoll, da hörte man seinen eigenen Pfiff nicht.“ Auch an schwierige Partien erinnern sie sich, doch die waren die Ausnahme. „Es gibt eigentlich kein Spiel, bei dem man hinterher nicht noch auf ein Getränk eingeladen wird und noch ein bisschen quatscht“, erzählt Duda und beschreibt ein Credo ihres Wirkens: „Wir wollen Spaß haben. Und das Spiel soll auch allen anderen Spaß machen. Jeder Handballer weiß, dass es mehr Freude macht, wenn man einen guten Schiri hat.“

Eine klare Linie ist ihnen wichtig. „Jeder soll wissen, woran er ist“, sagt der Versicherungskaufmann Schmidt. Außerdem gilt: „Es gibt keine Ausnahmen. Alle sind gleich.“ Schmidt sagt: „Wir lassen schon eine gewisse Härte zu, wir sind nicht kleinlich. Aber wir haben klare Grenzen. Beim Gegenstoß heißt es: Finger weg. Konterfouls sind ein No-Go.“ Für sie selbst gilt beim Tempogegenstoß: Schnell an die Seite. „Sonst stehst du im Weg. Der Handball ist schneller geworden. Bei Konter wirst du von zwölf Leuten überholt, selbst wenn du mit rennst“, erzählt Schmidt, einst selbst ein Flügelflitzer.

Beide mögen an den höheren Spielklassen auch, dass die Spieler weniger diskutieren. „Die wissen alle, dass kein Pfiff zurückgenommen wird und dass das Spiel sofort weitergeht“, berichtet Duda. Beide pflegen die Kommunikation mit allen Beteiligten: Von der technischen Besprechung vor bis zum Schnack nach dem Spiel. „Beim Spiel ist Ralf dann auch noch für die Zuschauer zuständig“ meint Schmidt grinsend. „Dafür ist Fritze der Mann für die Roten Karten“, retourniert Duda. Die beiden Freunde sind ein eingespieltes Team – nicht nur verbal. „Die Schiri-Aufwandsentschädigungen gehen in unsere Mannschaftskasse und davon bestreiten wir jedes Jahr eine gemeinsame Tour“, erzählt Duda von Ausflügen zum Final-Four nach Hamburg oder zur WM nach Berlin.

Nur ein paar Jahre waren sie sportlich getrennt unterwegs: Der Holzhauser Duda verbrachte die Jugend beim VfB, der Friedewalder Schmidt spielte beim TuS Freya. Bei Letzterem fanden der Holzhauser Linkshänder und der „Freywohler“ Rechtshänder als Außenzange wieder zusammen und spielten rund 25 Jahre bei der HSG Stemmer/Friedewalde und dem HSV Minden–Nord. So ernst wie einst das Spiel am Ball nehmen sie heute den Job an der Pfeife: „Handball geht vor“, erläutert Duda die Prioritätenliste des Wochenendes. Beide bereiten sich auf jedes der rund 30 Spiele pro Saison vor, schauen sich Tabellenstand und Pressetexte an: „Wir wollen ja wissen, was Phase ist ist und was auf uns zukommt“, erläutert Duda. Auch die Kaffeepause auf der Anreise ist wie die kritische Nachbetrachtung unmittelbar nach Abpfiff Pflichtprogramm.

Warum sie pfeifen? „Angefangen haben wir auch, weil wir meinten, dass wir es besser könnten als mancher von denen, die uns damals gepfiffen haben. Vor allem hatten wir aber Bock, weiter beim Handball zu bleiben, bei Leuten, denen Handball wie uns wichtig ist“, erzählt Duda.

Damit spricht er Frank Begemann aus dem Herzen. „Solche Leute wie Ralf und Fritze sind wichtig für den Handball, die gibt es viel zu selten“, berichtet der Lehrwart im Handballkreis, „die, die ihre Karriere an der Pfeife verlängern, fehlen uns .“ Begemann lobt die beiden Galgenheider: „Sie haben eine herzliche Art und eine positive Präsenz, sie gehen offen auf die Leute zu. Das hilft einem Schiedsrichter auch mal über einen schwierigen Moment im Spiel weg.“

Ihre Erfahrung kommt ihnen zugute. „Man kennt die kleinen versteckten Fouls, man hat ja in 35 Jahren ein bisschen was erlebt“, sagt Duda. Vor allem habe man als ehemaliger Spieler ein „anderes Standing“. Die Situation als Schiri nach der Handballzeit sei ideal. „Man steht fest im Leben. Da lässt man Querköppe auch schon mal stramm stehen“, meint der einstige Rechtsaußen glaubhaft.

Die beiden wünschen sich, dass Nachwuchsschiris in Ruhe eine breite Brust entwickeln dürfen: „Es gibt ein paar junge Gespanne, die richtig gut sind. Aber grundsätzlich würde ich sagen: Wenn die jung sind, sollten die Jugendspiele pfeifen und nicht Senioren, die sollen erstmal Erfahrungen sammeln und nicht den Spaß verlieren“, sagt Schmidt: „Die brauchen Coaching, auch im Verein. Es geht ja nicht nur um Regelkunde, sondern um mehr. Zum Beispiel: Wie gehe ich mit Leuten um, die Stress machen? Da sind auch die Vereine gefordert und müssen für Fairness sorgen.“

MT-Serie: Schiedsrichter

„Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

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