MT-Serie "Corona-Jahr": Vom Abschied zum Aufstieg Christian Bendig Minden. Gestern war es genau ein Jahr her: Malte Tretzack lief zum letzten Mal für seinen Herzensverein HSG Porta auf – und das sehr erfolgreich. Gegen die HSG Altenbeken/Buke gewannen die Portaner Handballer vor vollen Rängen der Veltheimer Karl-Krüger-Halle mit 31:25. Wenige Tage zuvor hatte Tretzack seinem Trainer Daniel Franke mitgeteilt, dass er nach dieser Spielzeit pausieren will. „Nach zehn Jahren in der 1. Mannschaft wurde mir klar, dass ich den Ehrgeiz verloren hatte. Ich war satt vom Handball“, erinnert sich Tretzack. Niklas Knüttel wollte dagegen diese Saison richtig durchstarten. Der jetzt 19-Jährige war im Sommer zur JSG Lit 1912 gewechselt. Doch anstatt in der Jugend-Bundesliga aufzutrumpfen, stehen aktuell die Wohnungssuche und die Abiturprüfungen im Fokus. Privat viel Positives erlebt Dass der Startschuss in die Handballpause derart abrupt folgen würde, war weder für Tretzack noch für irgendjemand anderes im Verein absehbar. „Am Dienstag nach dem Spiel haben wir ja noch normal trainiert“, erzählt der Kreisläufer. Donnerstag war dann schon alles dicht. „Da sickerte durch, dass die Saison erst mal unterbrochen wird“, erinnert er sich. Die Hoffnung, dass die Serie zu Ende gespielt wird und Tretzack einen würdigen Abschied in seiner Halle feiern kann, erfüllte sich nicht. Die Verabschiedung wurde dann beim ersten Heimspiel der Saison 2020/21 nachgeholt. „Es war schon bewegend. Aber doch irgendwie anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber die Halle war nun mal wegen der Abstandsregelungen halb leer“, berichtet der Veltheimer. Zudem verringerten sich die sozialen Kontakte zur Mannschaft spätestens mit dem Saisonabbruch. Tretzack genoss die sich nun bietende Freizeit enorm. „Ein ganzer Tag ist bei einem Spiel immer weg. Ich konnte, sofern es erlaubt war, einige Kurztrips nach Köln oder Hamburg unternehmen“, erzählt der 28-Jährige, auf den auch beruflich als selbstständiger Versicherungskaufmann ein sehr viel größeres Pensum zukam. „Aufgrund von Kurzarbeit mussten viele Verträge angepasst werden“, erklärt er. Zudem mussten sich insbesondere Gastronomen auf ein neues Geschäftsmodell vorbereiten. „Oft ging es um die Frage, wie ein Lieferdienst abgesichert ist.“ Und eine Erkenntnis, die Tretzack aus den zahlreichen Kundenterminen mitnahm, lautet: „Viele Selbstständige haben keinen riesigen Puffer, um eine unbestimmte Zeit finanziell zu überstehen.“ Privat hat die Coronazeit viele positive Auswirkungen auf Tretzacks Leben: „Zum Beispiel habe ich kurz nach dem ersten Lockdown meine Freundin kennengelernt.“ Zudem bot die neue Freizeit ausreichend zeitliche Kapazitäten, um ein Haus zu planen. „Tatsächlich sind die Unterlagen für den Bauantrag nun raus“, berichtet Tretzack von spannenden Wochen, in denen das Haus mehrfach umgeplant werden musste. Nachdem dieser Punkt nun abgearbeitet ist, ist im Kopf aber auch wieder Platz für Handball. Tretzack beendet nun schneller als gedacht seine Handballpause – und steigt auf: Von der Verbandsliga mit der HSG geht es in die Oberliga zum VfL Mennighüffen. Der fragte bereits im vergangenen Januar an, aber das kam nicht infrage. „Bei der zweiten Anfrage aus der Oberliga wollte ich nun aber nicht absagen“, betont Tretzack, der auch offen dafür ist, vielleicht schon in einer freiwilligen Oberliga-Pokalrunde für seinen neuen Verein aufzulaufen. Der Kreisläufer ist wieder heiß auf Handball. Verträge in der Tasche Als die Corona-Pandemie ihre Auswirkungen auf den Sport zeigte, stand auch für Niklas Knüttel ein Abschied fest. Von der HSG Schaumburg wechselte der Kreisläufer zur JSG Lit 1912. „Von daher war die Gefühlslage im ersten Lockdown dann eigentlich auch mehr von der Vorfreude auf die Jugendbundesliga geprägt. Die war schon immer ein Traum von mir.“ Abseits vom Handball lernte der angehende Abiturient nach dem Lockdown vor allem das Schulleben wieder zu schätzen: „Na klar, nicht in die Schule zu müssen, war erst einmal nicht schlecht. Aber nach vier Wochen ist mir die Decke schon extrem auf den Kopf gefallen. Jetzt gehe ich wieder gerne zur Schule.“ In der lauert, wie in allen anderen Lebensbereichen auch die Gefahr der Ansteckung, wie Knüttel bereits zweimal zu spüren bekam. „Zweimal war ein Mitschüler, der am anderen Ende des Raumes saß, positiv getestet worden. Obwohl er weit weg war und wir alle im Unterricht Maske trugen, musste ich zweimal für zwei Wochen in Quarantäne“, erzählt der 19-Jährige: „Die Zeit war extrem nervig, weil man ja nicht einmal das Grundstück verlassen darf.“ Knüttel, der noch in Bad Nenndorf lebt, hofft, dass es in den verbleibenden Wochen bis zum Abitur reibungslos und ohne Komplikationen weiterläuft. „In Niedersachsen lernen wir als Abschlussklasse gerade nach dem sogenannten Szenario C. Die Klasse werden geteilt und in zwei Räumen unterrichtet. Für die Lehrer ist das ganz schön stressig.“ Auch ihm stehen im Hinblick auf die Abschlussprüfungen noch arbeitsreiche Wochen bevor. Der Zeit danach blickt er dagegen entspannt entgegen. Der Wechsel ins Drittliga-Team von Lit ist unter Dach und Fach. Und auch einen Ausbildungsplatz zum Industriekaufmann beim Portaner Unternehmen PreZero hat er in der Tasche. Eine Wohnung in Porta Westfalica oder Minden sucht Knüttel hingegen noch: „Der Wohnungsmarkt scheint hier sehr schwierig zu sein.“ Abitur, Job, Wohnung und wann es mit dem Handball endlich weitergeht – das sind die Themen, die den 19-Jährigen aktuell beschäftigen. Gedanken über eine Corona-Infektion und mögliche Langzeitfolgen macht er sich nicht: „Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich weiß, dass das jugendlicher Leichtsinn ist. Aber Gedanken, wie meine Großeltern die Krankheit verkraften würden, mache ich mir schon.“ MT-Serie: Ein Jahr Sport und Pandemie Freitag, der 13. März 2020 – der Tag der Zäsur. Corona traf den Sport vor einem Jahr mit voller Wucht. Spiel- und Trainingsbetrieb wurden von einem Tag auf den anderen eingestellt, wenige Wochen später alle Ligen abgebrochen. In der MT-Serie „Ein Jahr Sport und Pandemie“ lassen wir Sportler auf die zwölf Monate zurückblicken und erzählen, was sie in dem Coronajahr auch abseits des Sports bewegt hat.

MT-Serie "Corona-Jahr": Vom Abschied zum Aufstieg

Nach dem deutlichen Heimsieg gegen die TSG Altenhagen-Heepen starteten Niklas Knüttel und die JSG Lit in der Jugendbundesliga durch. Dann kam im vergangenen November die nächste Zwangspause. Foto: Bendig © Christian Bendig

Minden. Gestern war es genau ein Jahr her: Malte Tretzack lief zum letzten Mal für seinen Herzensverein HSG Porta auf – und das sehr erfolgreich. Gegen die HSG Altenbeken/Buke gewannen die Portaner Handballer vor vollen Rängen der Veltheimer Karl-Krüger-Halle mit 31:25. Wenige Tage zuvor hatte Tretzack seinem Trainer Daniel Franke mitgeteilt, dass er nach dieser Spielzeit pausieren will. „Nach zehn Jahren in der 1. Mannschaft wurde mir klar, dass ich den Ehrgeiz verloren hatte. Ich war satt vom Handball“, erinnert sich Tretzack. Niklas Knüttel wollte dagegen diese Saison richtig durchstarten. Der jetzt 19-Jährige war im Sommer zur JSG Lit 1912 gewechselt. Doch anstatt in der Jugend-Bundesliga aufzutrumpfen, stehen aktuell die Wohnungssuche und die Abiturprüfungen im Fokus.

Privat viel Positives erlebt

Dass der Startschuss in die Handballpause derart abrupt folgen würde, war weder für Tretzack noch für irgendjemand anderes im Verein absehbar. „Am Dienstag nach dem Spiel haben wir ja noch normal trainiert“, erzählt der Kreisläufer. Donnerstag war dann schon alles dicht. „Da sickerte durch, dass die Saison erst mal unterbrochen wird“, erinnert er sich.

„Es saßen Vertreter von vielen interessierten Vereinen auf der Tribüne“, erinnert sich Malte Tretzack an das letzte Spiel für die HSG. MT-Foto: tok - © Thomas Kühlmann
„Es saßen Vertreter von vielen interessierten Vereinen auf der Tribüne“, erinnert sich Malte Tretzack an das letzte Spiel für die HSG. MT-Foto: tok - © Thomas Kühlmann

Die Hoffnung, dass die Serie zu Ende gespielt wird und Tretzack einen würdigen Abschied in seiner Halle feiern kann, erfüllte sich nicht. Die Verabschiedung wurde dann beim ersten Heimspiel der Saison 2020/21 nachgeholt. „Es war schon bewegend. Aber doch irgendwie anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber die Halle war nun mal wegen der Abstandsregelungen halb leer“, berichtet der Veltheimer.

Zudem verringerten sich die sozialen Kontakte zur Mannschaft spätestens mit dem Saisonabbruch. Tretzack genoss die sich nun bietende Freizeit enorm. „Ein ganzer Tag ist bei einem Spiel immer weg. Ich konnte, sofern es erlaubt war, einige Kurztrips nach Köln oder Hamburg unternehmen“, erzählt der 28-Jährige, auf den auch beruflich als selbstständiger Versicherungskaufmann ein sehr viel größeres Pensum zukam. „Aufgrund von Kurzarbeit mussten viele Verträge angepasst werden“, erklärt er. Zudem mussten sich insbesondere Gastronomen auf ein neues Geschäftsmodell vorbereiten. „Oft ging es um die Frage, wie ein Lieferdienst abgesichert ist.“ Und eine Erkenntnis, die Tretzack aus den zahlreichen Kundenterminen mitnahm, lautet: „Viele Selbstständige haben keinen riesigen Puffer, um eine unbestimmte Zeit finanziell zu überstehen.“

Privat hat die Coronazeit viele positive Auswirkungen auf Tretzacks Leben: „Zum Beispiel habe ich kurz nach dem ersten Lockdown meine Freundin kennengelernt.“ Zudem bot die neue Freizeit ausreichend zeitliche Kapazitäten, um ein Haus zu planen. „Tatsächlich sind die Unterlagen für den Bauantrag nun raus“, berichtet Tretzack von spannenden Wochen, in denen das Haus mehrfach umgeplant werden musste.

Nachdem dieser Punkt nun abgearbeitet ist, ist im Kopf aber auch wieder Platz für Handball. Tretzack beendet nun schneller als gedacht seine Handballpause – und steigt auf: Von der Verbandsliga mit der HSG geht es in die Oberliga zum VfL Mennighüffen. Der fragte bereits im vergangenen Januar an, aber das kam nicht infrage. „Bei der zweiten Anfrage aus der Oberliga wollte ich nun aber nicht absagen“, betont Tretzack, der auch offen dafür ist, vielleicht schon in einer freiwilligen Oberliga-Pokalrunde für seinen neuen Verein aufzulaufen. Der Kreisläufer ist wieder heiß auf Handball.

Verträge in der Tasche

Als die Corona-Pandemie ihre Auswirkungen auf den Sport zeigte, stand auch für Niklas Knüttel ein Abschied fest. Von der HSG Schaumburg wechselte der Kreisläufer zur JSG Lit 1912. „Von daher war die Gefühlslage im ersten Lockdown dann eigentlich auch mehr von der Vorfreude auf die Jugendbundesliga geprägt. Die war schon immer ein Traum von mir.“ Abseits vom Handball lernte der angehende Abiturient nach dem Lockdown vor allem das Schulleben wieder zu schätzen: „Na klar, nicht in die Schule zu müssen, war erst einmal nicht schlecht. Aber nach vier Wochen ist mir die Decke schon extrem auf den Kopf gefallen. Jetzt gehe ich wieder gerne zur Schule.“ In der lauert, wie in allen anderen Lebensbereichen auch die Gefahr der Ansteckung, wie Knüttel bereits zweimal zu spüren bekam. „Zweimal war ein Mitschüler, der am anderen Ende des Raumes saß, positiv getestet worden. Obwohl er weit weg war und wir alle im Unterricht Maske trugen, musste ich zweimal für zwei Wochen in Quarantäne“, erzählt der 19-Jährige: „Die Zeit war extrem nervig, weil man ja nicht einmal das Grundstück verlassen darf.“

Knüttel, der noch in Bad Nenndorf lebt, hofft, dass es in den verbleibenden Wochen bis zum Abitur reibungslos und ohne Komplikationen weiterläuft. „In Niedersachsen lernen wir als Abschlussklasse gerade nach dem sogenannten Szenario C. Die Klasse werden geteilt und in zwei Räumen unterrichtet. Für die Lehrer ist das ganz schön stressig.“ Auch ihm stehen im Hinblick auf die Abschlussprüfungen noch arbeitsreiche Wochen bevor.

Der Zeit danach blickt er dagegen entspannt entgegen. Der Wechsel ins Drittliga-Team von Lit ist unter Dach und Fach. Und auch einen Ausbildungsplatz zum Industriekaufmann beim Portaner Unternehmen PreZero hat er in der Tasche. Eine Wohnung in Porta Westfalica oder Minden sucht Knüttel hingegen noch: „Der Wohnungsmarkt scheint hier sehr schwierig zu sein.“ Abitur, Job, Wohnung und wann es mit dem Handball endlich weitergeht – das sind die Themen, die den 19-Jährigen aktuell beschäftigen. Gedanken über eine Corona-Infektion und mögliche Langzeitfolgen macht er sich nicht: „Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich weiß, dass das jugendlicher Leichtsinn ist. Aber Gedanken, wie meine Großeltern die Krankheit verkraften würden, mache ich mir schon.“

MT-Serie: Ein Jahr Sport und Pandemie

Freitag, der 13. März 2020 – der Tag der Zäsur. Corona traf den Sport vor einem Jahr mit voller Wucht. Spiel- und Trainingsbetrieb wurden von einem Tag auf den anderen eingestellt, wenige Wochen später alle Ligen abgebrochen.

In der MT-Serie „Ein Jahr Sport und Pandemie“ lassen wir Sportler auf die zwölf Monate zurückblicken und erzählen, was sie in dem Coronajahr auch abseits des Sports bewegt hat.

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