Die Nebenbei-WM: Vier heimische Trainer richten einen persönlichen Blick auf die Titelkämpfe in Ägypten Marcus Riechmann,Christian Bendig Minden. Nein, das Corona-Turnier in Ägypten hat sie nicht begeistert. Das vorzeitige Aus der deutschen Handballer hat sie nicht überrascht, das WM-Fieber hat sie nicht gepackt. Vier heimische Handball-Trainer berichten ihre Eindrücke von der Weltmeisterschaft. Sie sind sich in vielen Bereichen ihrer Analyse einig, auch beim Titel-Tipp: Vor dem Start der Viertelfinals sagen Daniel Gerling, André Torge, Hendrik Thielking und Björn Petereit: Neuer Weltmeister wird Titelverteidiger Dänemark, der sich nach dem EM-Debakel vor einem Jahr im eigenen Land nun rehabilitieren wird. Handball ist weit weg Daniel Gerling (Trainer Lit 1912/3. Liga): „Wenn man die Leistung des deutschen Teams bewertet, muss man immer beachten, dass einige wichtige Spieler gefehlt haben. Vor allem im Innenblock ohne Pekeler und Wiencek hat man das klar gesehen. Da fehlte Cleverness. Mit den beiden wäre das letzte Tor der Ungarn vielleicht nicht gefallen. Mich hat die deutsche Mannschaft nicht enttäuscht. Ich hatte einfach nicht mehr erwartet. Ein paar Spieler haben mir aber gut gefallen. Philipp Weber hat auf Mitte seine Sache richtig gut gemacht und kaum Fehler produziert. Jogi Bitter war im Tor stabil, Johannes Golla ist ein Gewinner des Turniers. Vor allem gefällt mir Timo Kastening, auch wenn seine Quote nicht perfekt war. Er ist ein cooler Typ, ein richtiger Zocker auf Rechtsaußen. Die linke Seite war eher schwach. Ein Mann wie Julius Kühn öffnet die Deckung und verschafft vielleicht Weber Räume. Er ist der einzige echte Werfer im Rückraum. Aber Akzente hat er nicht gesetzt. Die WM ist bislang insgesamt okay gelaufen, aber ganz mitgenommen hat sie mich nicht. Man ist derzeit so weit weg vom Handball, da war das Interesse an den WM-Spielen nicht richtig da. Ich habe vor allem die deutschen Spiele geschaut, aber auch da fehlten an allen Stellen ein bisschen die Emotionen, beim Team aber auch bei der Übertragung aus der leeren Halle. Mein Tipp: Der neue Weltmeister kommt aus Skandinavien, Norwegen oder Dänemark werden es machen.“ Harte Kost gegen Polen André Torge (Trainer TuS 09 Möllbergen/Oberliga): „Das DHB-Team hat nicht wirklich überzeugt, aber das hatte ich nicht anders erwartet. Vor allem das Polen-Spiel zum Abschluss war schon harte Kost. Die Mannschaft ist einfach nicht stabil, aber wie sollte sie das auch sein. Ich habe nicht alles verstanden, was Bundestrainer Gislason gemacht hat. Er entwickelt Struktur im Angriff, das ist gut. Aber man sieht auch: Er experimentiert nicht viel, er setzt auf Stammpersonal wie damals beim THW Kiel. Das „schöne Spiel“ habe bei unserem Team nicht so gesehen, eher bei anderen Mannschaften. Dafür könnte Juri Knorr stehen, der bei seinen Kurzeinsätzen ein paar gute Sachen gezeigt hat. Weber, Golla oder Bitter haben mir gut gefallen, Häfner war okay. Von ein paar etablierten Spielern wie Wolff oder Gensheimer kam zuwenig Leistung und dadurch auch zuwenig Führungskraft. Ich verfolge die WM ein bisschen weniger als sonst, aber man ist in dieser Zeit fast froh, wenigstens im Fernsehen mal wieder Handball zu schauen. Die WM hat mich nicht so abgeholt, wie das sonst der Fall war. Man fiebert nicht so mit, gegen Polen war es mir am Ende sogar fast egal, ob die deutsche Mannschaft gewinnt oder nicht. Ohne Fans in der Halle fehlt was. Das ist einfach ein andere Nummer, wenn da in einem Hexenkessel 16.000 Leute Gas geben. Wer wird Weltmeister? Ich bin Spanien-Fan, vor allem wegen der Abwehr, aber ich vermute: Dänemark wird das Rennen machen.“ Hut hoch für Semrau Henrik Thielking (Trainer TSV Hahlen/Verbandsliga): „Ich ziehe den Hut vor Uwe Semrau. Der hat ja auf sportdeutschland.tv gefühlt jedes Spiel moderiert (lacht). Aber im Ernst: Ich habe mir zwar das Ticket für die Streams gekauft, aber sehr viel weniger geschaut als bei vorherigen Turnieren. Schade finde ich, dass die USA wegen vieler Corona-Fälle nicht am Start war. Die hätte ich alleine schon wegen Teammanager Andreas Hertelt verfolgt. Der war ja drei Jahre lang mein Trainer in Hahlen. Gut finde ich, dass Nationen wie Portugal, Ägypten oder die nordafrikanischen Teams richtig stark geworden sind. Das macht es interessanter. Eine Handball-WM ist dann tatsächlich keine EM mehr. Das Abschneiden des DHB-Teams ist grundsätzlich ok. Weber hat mich überzeugt, Drux brachte Druck rein, wenn er von der Bank kam. Im linken Rückraum sind andere Nationen besser aufgestellt als Deutschland mit Julius Kühn. In den entscheidenden Spielen waren die deutschen Torhüter schwächer als die von Ungarn und Spanien. Ich verstehe auch nicht, warum der Bundestrainer gleich drei „alte“ Torhüter mitgenommen hat. Im Hinblick auf die Heim-EM 2024 wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, Till Klimpke oder Joel Birlehm als Nummer drei mitzunehmen. Sie hätten die ersten Eindrücke eines Großturniers sammeln können. Der deutschen Mannschaft fehlen einfach zwei Spieler, die den Unterschied ausmachen können. In der Breite sind wir sehr gut aufgestellt. Ich behaupte: Spielt Spanien V gegen Deutschland V, gewinnt Deutschland. Das Festhalten an Olympia-Gold als nächstem Ziel ist schwachsinnig. Das ist der vierte Schritt vor dem dritten. Zuerst muss sich die Mannschaft qualifizieren Dann kann man weitersehen.“ Knorr-Kritik ist verfehlt Björn Petereit (Trainer Eintracht Oberlübbe/Verbandsliga): „Ich habe nur die deutschen Spiele geschaut. Das WM-Fieber kam wegen der allgemeinen Corona-Lage nicht auf. Das Abschneiden ist enttäuschend. Aber mit ein bisschen mehr Glück gegen Ungarn und Spanien wäre das Viertelfinale drin gewesen. Für viele Spieler war es das erste Großturnier. Es ist in jedem Fall eine Perspektive für die Zukunft vorhanden. Golla hat stark gespielt, dazu kommen Patrick Wiencek und Henrik Pekeler für den Mittelblock wieder zurück. Oder auch der spielstarke Fabian Wiede im Rückraum. Aus heimischer Sicht hätte man sich sicher mehr Spielanteile für Juri Knorr und auch Marian Michalczik gewünscht. Wenn Knorr gespielt hat, hat er versucht, das Spiel an sich zu reißen. Das hat mich beeindruckt. Das Angriffsspiel hatte immer dann sehr viel Tempo, wenn Knorr und Weber gemeinsam gespielt haben. Und wären die zwei Knorr-Pässe gegen Spanien angekommen, wäre er in der Öffentlichkeit der gefeierte Held gewesen. Das ist ein schmaler Grad und deswegen empfinde ich die Kritik in den sozialen Medien auch als verfehlt. Ein Trend war das schnelle Verteilen der Zeitstrafen. Häufig waren die nicht gerechtfertigt. Trends schwappen oft in den Amateurbereich. Ich hoffe, dieser nicht.“

Die Nebenbei-WM: Vier heimische Trainer richten einen persönlichen Blick auf die Titelkämpfe in Ägypten

Keine Stimmung, kein Erfolg. Das Bild steht symbolisch für die deutsche Mannschaft bei der Corona-WM: Bundestrainer Alfred Gislason steht mit verrutschtem Mundschutz in der menschenleeren Halle. Foto: Sascha Klahn © saschaklahn.com

Minden. Nein, das Corona-Turnier in Ägypten hat sie nicht begeistert. Das vorzeitige Aus der deutschen Handballer hat sie nicht überrascht, das WM-Fieber hat sie nicht gepackt. Vier heimische Handball-Trainer berichten ihre Eindrücke von der Weltmeisterschaft. Sie sind sich in vielen Bereichen ihrer Analyse einig, auch beim Titel-Tipp: Vor dem Start der Viertelfinals sagen Daniel Gerling, André Torge, Hendrik Thielking und Björn Petereit: Neuer Weltmeister wird Titelverteidiger Dänemark, der sich nach dem EM-Debakel vor einem Jahr im eigenen Land nun rehabilitieren wird.

Handball ist weit weg

Daniel Gerling (Trainer Lit 1912/3. Liga): „Wenn man die Leistung des deutschen Teams bewertet, muss man immer beachten, dass einige wichtige Spieler gefehlt haben. Vor allem im Innenblock ohne Pekeler und Wiencek hat man das klar gesehen. Da fehlte Cleverness. Mit den beiden wäre das letzte Tor der Ungarn vielleicht nicht gefallen. Mich hat die deutsche Mannschaft nicht enttäuscht. Ich hatte einfach nicht mehr erwartet. Ein paar Spieler haben mir aber gut gefallen. Philipp Weber hat auf Mitte seine Sache richtig gut gemacht und kaum Fehler produziert. Jogi Bitter war im Tor stabil, Johannes Golla ist ein Gewinner des Turniers. Vor allem gefällt mir Timo Kastening, auch wenn seine Quote nicht perfekt war. Er ist ein cooler Typ, ein richtiger Zocker auf Rechtsaußen. Die linke Seite war eher schwach. Ein Mann wie Julius Kühn öffnet die Deckung und verschafft vielleicht Weber Räume. Er ist der einzige echte Werfer im Rückraum. Aber Akzente hat er nicht gesetzt.

Die WM ist bislang insgesamt okay gelaufen, aber ganz mitgenommen hat sie mich nicht. Man ist derzeit so weit weg vom Handball, da war das Interesse an den WM-Spielen nicht richtig da. Ich habe vor allem die deutschen Spiele geschaut, aber auch da fehlten an allen Stellen ein bisschen die Emotionen, beim Team aber auch bei der Übertragung aus der leeren Halle. Mein Tipp: Der neue Weltmeister kommt aus Skandinavien, Norwegen oder Dänemark werden es machen.“

Harte Kost gegen Polen

André Torge (Trainer TuS 09 Möllbergen/Oberliga): „Das DHB-Team hat nicht wirklich überzeugt, aber das hatte ich nicht anders erwartet. Vor allem das Polen-Spiel zum Abschluss war schon harte Kost. Die Mannschaft ist einfach nicht stabil, aber wie sollte sie das auch sein. Ich habe nicht alles verstanden, was Bundestrainer Gislason gemacht hat. Er entwickelt Struktur im Angriff, das ist gut. Aber man sieht auch: Er experimentiert nicht viel, er setzt auf Stammpersonal wie damals beim THW Kiel. Das „schöne Spiel“ habe bei unserem Team nicht so gesehen, eher bei anderen Mannschaften. Dafür könnte Juri Knorr stehen, der bei seinen Kurzeinsätzen ein paar gute Sachen gezeigt hat. Weber, Golla oder Bitter haben mir gut gefallen, Häfner war okay. Von ein paar etablierten Spielern wie Wolff oder Gensheimer kam zuwenig Leistung und dadurch auch zuwenig Führungskraft.

Ich verfolge die WM ein bisschen weniger als sonst, aber man ist in dieser Zeit fast froh, wenigstens im Fernsehen mal wieder Handball zu schauen. Die WM hat mich nicht so abgeholt, wie das sonst der Fall war. Man fiebert nicht so mit, gegen Polen war es mir am Ende sogar fast egal, ob die deutsche Mannschaft gewinnt oder nicht. Ohne Fans in der Halle fehlt was. Das ist einfach ein andere Nummer, wenn da in einem Hexenkessel 16.000 Leute Gas geben. Wer wird Weltmeister? Ich bin Spanien-Fan, vor allem wegen der Abwehr, aber ich vermute: Dänemark wird das Rennen machen.“

Hut hoch für Semrau

Henrik Thielking (Trainer TSV Hahlen/Verbandsliga): „Ich ziehe den Hut vor Uwe Semrau. Der hat ja auf sportdeutschland.tv gefühlt jedes Spiel moderiert (lacht). Aber im Ernst: Ich habe mir zwar das Ticket für die Streams gekauft, aber sehr viel weniger geschaut als bei vorherigen Turnieren. Schade finde ich, dass die USA wegen vieler Corona-Fälle nicht am Start war. Die hätte ich alleine schon wegen Teammanager Andreas Hertelt verfolgt. Der war ja drei Jahre lang mein Trainer in Hahlen. Gut finde ich, dass Nationen wie Portugal, Ägypten oder die nordafrikanischen Teams richtig stark geworden sind. Das macht es interessanter. Eine Handball-WM ist dann tatsächlich keine EM mehr.

Das Abschneiden des DHB-Teams ist grundsätzlich ok. Weber hat mich überzeugt, Drux brachte Druck rein, wenn er von der Bank kam. Im linken Rückraum sind andere Nationen besser aufgestellt als Deutschland mit Julius Kühn. In den entscheidenden Spielen waren die deutschen Torhüter schwächer als die von Ungarn und Spanien. Ich verstehe auch nicht, warum der Bundestrainer gleich drei „alte“ Torhüter mitgenommen hat. Im Hinblick auf die Heim-EM 2024 wäre es vielleicht sinnvoll gewesen, Till Klimpke oder Joel Birlehm als Nummer drei mitzunehmen. Sie hätten die ersten Eindrücke eines Großturniers sammeln können.

Der deutschen Mannschaft fehlen einfach zwei Spieler, die den Unterschied ausmachen können. In der Breite sind wir sehr gut aufgestellt. Ich behaupte: Spielt Spanien V gegen Deutschland V, gewinnt Deutschland. Das Festhalten an Olympia-Gold als nächstem Ziel ist schwachsinnig. Das ist der vierte Schritt vor dem dritten. Zuerst muss sich die Mannschaft qualifizieren Dann kann man weitersehen.“

Knorr-Kritik ist verfehlt

Björn Petereit (Trainer Eintracht Oberlübbe/Verbandsliga): „Ich habe nur die deutschen Spiele geschaut. Das WM-Fieber kam wegen der allgemeinen Corona-Lage nicht auf. Das Abschneiden ist enttäuschend. Aber mit ein bisschen mehr Glück gegen Ungarn und Spanien wäre das Viertelfinale drin gewesen. Für viele Spieler war es das erste Großturnier. Es ist in jedem Fall eine Perspektive für die Zukunft vorhanden. Golla hat stark gespielt, dazu kommen Patrick Wiencek und Henrik Pekeler für den Mittelblock wieder zurück. Oder auch der spielstarke Fabian Wiede im Rückraum.

Aus heimischer Sicht hätte man sich sicher mehr Spielanteile für Juri Knorr und auch Marian Michalczik gewünscht. Wenn Knorr gespielt hat, hat er versucht, das Spiel an sich zu reißen. Das hat mich beeindruckt. Das Angriffsspiel hatte immer dann sehr viel Tempo, wenn Knorr und Weber gemeinsam gespielt haben. Und wären die zwei Knorr-Pässe gegen Spanien angekommen, wäre er in der Öffentlichkeit der gefeierte Held gewesen. Das ist ein schmaler Grad und deswegen empfinde ich die Kritik in den sozialen Medien auch als verfehlt.

Ein Trend war das schnelle Verteilen der Zeitstrafen. Häufig waren die nicht gerechtfertigt. Trends schwappen oft in den Amateurbereich. Ich hoffe, dieser nicht.“

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