Die 300er-Marke fällt - GWD und TuS hoffen auf mehr Fans Marcus Riechmann Minden-Lübbecke. Sie hatten gehofft, sie hatten an einem Konzept gearbeitet. Doch der Optimismus war der Ernüchterung gewichen. „GWD Minden und der TuS N-Lübbecke werden den Heimspielauftakt mit nur 300 Zuschauern erleben dürfen", meldeten die beiden Handball-Bundesligisten, die sich die 3000 Plätze bietende Kreissporthalle als Heimstätte teilen. Obwohl das Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke und das Ordnungsamt in Lübbecke ein von beiden Klubs vorgelegtes Hygienekonzept mit einer Zielzahl von 762 Zuschauern für gut befunden haben, bremst die aktuelle Corona-Landesverordnung die beiden heimischen Klubs aus. „Es darf nicht sein, dass eine Landesverordnung den Behörden vor Ort überhaupt keinen Entscheidungsspielraum lässt", klagte GWD-Geschäftsführer Markus Kalusche frustriert. Insbesondere die unterschiedlichen Regeln für Sport (maximal 300) und Kultur (mehr als 300) in der seit 1. September geltenden Verordnung stießen den Verantwortlichen sauer auf. „Dafür fehlt mir das Verständnis und ich empfinde das als Ungleichbehandlung", kritisierte TuS-Geschäftsführer Torsten Appel und führte aus: „Wir haben mit unserem Hygiene-Konzept alle Auflagen erfüllt und liegen teilweise sogar über den Standards. Die wirklich konstruktiven und zielführenden Überlegungen der Vereine vor Ort werden auf Landesebene komplett ignoriert." Große Hoffnungen verband man nicht nur in Minden und Lübbecke mit dem gestern angesetzten digitalen Sportgipfel. Über die Initiative Teamsport NRW saßen auch die NRW-Profiklubs aus Handball, Basketball, Volleyball und Eishockey mit am virtuellen Tisch. Dort vollzog sich die seit Wochen erhoffte Kehrtwende: Ministerpräsident Armin Laschet und die Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt Andrea Milz (beide CDU) sagten umfängliche Änderungen in der nächsten Corona-Schutzverordnung sowie ein Soforthilfe-Paket im Umfang von 15 Millionen Euro zu. Um den Sport wieder einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat die Landesregierung mit den Teilnehmern des Gipfels im Einklang mit dem aktuellen Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen eine Öffnung vereinbart, meldete die Staatskanzlei gestern auf MT-Anfrage in einer Pressemitteilung. So soll es wieder möglich sein – unter Beachtung der Hygienemaßnahmen und der Kapazitäten der Sportstätte – mehr Zuschauer in Stadien und Hallen zu lassen. Damit kommt die pauschale 300er-Grenze vom Tisch, die in der aktuellen Verordnung von der Handball-Kreisklasse bis zur Fußball-Bundesliga Geltung hatte. In der Novelle der Corona-Schutzverordnung, die am kommenden Dienstag in geltendes Recht umgesetzt werden soll, wird der Einzelfall und die jeweilige Situation vor Ort eine stärkere Rolle spielen. Die durch das Fehlen von Zuschauern erlittenen finanziellen Einbußen will die Landesregierung abfedern. Um Insolvenzen abzuwenden, wird ein zusätzliches Hilfspaket in Höhe von 15 Millionen Euro aufgelegt. Damit werden die bisherigen Hilfen, das Sporthilfepaket in Höhe von 10 Millionen Euro, mehr als verdoppelt. Die unerwartete Entwicklung weckt bei GWD Minden und dem TuS N-Lübbecke die Hoffnung, dass ihr speziell für die Lübbecker Kreissporthalle entwickeltes und auf 762 Zuschauer ausgelegtes Hygiene-Konzept doch noch Anwendung findet. Doch Torsten Appel bleibt vorsichtig: „Ich begrüße die Entwicklung, aber das ist erst mal nur ein erster Schritt. Wir brauchen konkrete Zahlen, damit wir weiter arbeiten können." Man müsse die exakte Fassung der neuen Verordnung abwarten. Wenn die Genehmigungsfragen tatsächlich an die lokalen Behörden ausgelagert werden sollten, sei er „sicher, dass wir hier vor Ort zu guten Ergebnissen kommen werden", meint Appel. Mit dem anerkannten Krankenhaushygieniker Dr. Peter Witte von den Mühlenkreiskliniken hatten sich beide Vereine einen Fachmann an die Seite geholt. Ergebnis der Kooperation ist ein 20 Seiten starkes Konzept. „Zentraler Punkt ist eine strikte Zonentrennung der Halle. Die baulichen Gegebenheiten erlauben es, die Zuschauer auf beiden Tribünenseiten konsequent voneinander zu trennen. Das gilt für die Parkplätze und die Zugänge zur Halle genauso wie für die Verpflegung und die sanitären Anlagen", erklärt Witte. Symptomkontrolle, Kontaktnachverfolgung und allgemeine Hygieneregeln wie Abstandskontrolle, das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes und Desinfektion vervollständigen die Maßnahmen. „Der Sport möchte beweisen, dass es einen Weg gibt, die Fans auf eine verantwortungsvolle Weise wieder in die Hallen zu lassen", sagt GWD-Ticketing-Expertin Anke Brinkmann. Als Zielmarke für die Zulassung von Zuschauern waren beim Sportgipfel zwei Varianten im Gespräch: Ein Drittel oder 20 Prozent der jeweiligen Hallen-Kapazität. Das würde für die Kreissporthalle einen Wert zwischen 600 und 1.000 Zuschauern bedeuten. „Wir hoffen auf die Drittel-Lösung", sagt Kalusche. Dann wäre die Arbeit nicht vergebens gewesen. Und Fans wie Klubs hätten eine Perspektive. Kommentar zum Sportgipfel: Eiertanz Marcus Riechmann Man muss nicht viele Worte verlieren: Die pauschale Zuschauer-Differenzierung zwischen Kultur in Paragraf 8 (mehr als 300) und Sport in Paragraf 9 (bis zu 300) in der aktuell geltenden Corona-Schutzverordnung war Unsinn. Es kann ja für den Virus-Schutz keinen Unterschied machen, ob in der Lübbecker Kreissporthalle Handballer oder Musiker zu sehen sind. Sportfans tragen kein höheres Infektionsrisiko in sich als Theaterliebhaber. Kein Wunder, dass sich der Sport zu Wort meldete. GWD Minden und TuS N-Lübbecke haben ein auf die lokale Situation in der Kreissporthalle Lübbecke zugeschnittenes Konzept erarbeitet, das die Zustimmung der lokalen Aufsichtsbehörden findet. Und doch nicht genehmigt werden kann, weil das Gesetz es nicht zulässt. Es ist nur richtig, dass die Landesregierung nun den Sportvertretern endlich zugehört hat und nachbessern will. Es ist zu hoffen, dass die neue Verordnung die Entscheidungskompetenz dorthin verlagert, wo sie gut aufgehoben ist: zu den Behörden vor Ort. Nur hier kann sinnvoll über Konzepte und Kapazitäten entschieden werden. Den Eiertanz der vergangenen Wochen hätte die Landesregierung sich und vor allem den Klubs ersparen können: Frühzeitig nachdenken statt nun nacharbeiten. Nie verkehrt. Immerhin holen Laschet und Co. den Ball nach dem Eigentor nun wieder aus dem Netz und bringen ihn ins Spiel. Nun müssen sie die richtigen Pässe spielen. Es wird sich Dienstag zeigen, ob Laschets Team erstligatauglich ist oder auf dem Niveau einer Hobby-Truppe kickt.

Die 300er-Marke fällt - GWD und TuS hoffen auf mehr Fans

Volle Ränge: So wie beim Heimspiel von GWD gegen Göppingen im Februar wird es auf absehbare Zeit in der Kreissporthalle Lübbecke nicht aussehen. Die Klubs hoffen wenigstens auf die Zulassung von 760 Fans. Foto: Wedel © Noah Wedel

Minden-Lübbecke. Sie hatten gehofft, sie hatten an einem Konzept gearbeitet. Doch der Optimismus war der Ernüchterung gewichen. „GWD Minden und der TuS N-Lübbecke werden den Heimspielauftakt mit nur 300 Zuschauern erleben dürfen", meldeten die beiden Handball-Bundesligisten, die sich die 3000 Plätze bietende Kreissporthalle als Heimstätte teilen. Obwohl das Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke und das Ordnungsamt in Lübbecke ein von beiden Klubs vorgelegtes Hygienekonzept mit einer Zielzahl von 762 Zuschauern für gut befunden haben, bremst die aktuelle Corona-Landesverordnung die beiden heimischen Klubs aus.

„Es darf nicht sein, dass eine Landesverordnung den Behörden vor Ort überhaupt keinen Entscheidungsspielraum lässt", klagte GWD-Geschäftsführer Markus Kalusche frustriert. Insbesondere die unterschiedlichen Regeln für Sport (maximal 300) und Kultur (mehr als 300) in der seit 1. September geltenden Verordnung stießen den Verantwortlichen sauer auf. „Dafür fehlt mir das Verständnis und ich empfinde das als Ungleichbehandlung", kritisierte TuS-Geschäftsführer Torsten Appel und führte aus: „Wir haben mit unserem Hygiene-Konzept alle Auflagen erfüllt und liegen teilweise sogar über den Standards. Die wirklich konstruktiven und zielführenden Überlegungen der Vereine vor Ort werden auf Landesebene komplett ignoriert."

Große Hoffnungen verband man nicht nur in Minden und Lübbecke mit dem gestern angesetzten digitalen Sportgipfel. Über die Initiative Teamsport NRW saßen auch die NRW-Profiklubs aus Handball, Basketball, Volleyball und Eishockey mit am virtuellen Tisch. Dort vollzog sich die seit Wochen erhoffte Kehrtwende: Ministerpräsident Armin Laschet und die Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt Andrea Milz (beide CDU) sagten umfängliche Änderungen in der nächsten Corona-Schutzverordnung sowie ein Soforthilfe-Paket im Umfang von 15 Millionen Euro zu.

Um den Sport wieder einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat die Landesregierung mit den Teilnehmern des Gipfels im Einklang mit dem aktuellen Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen eine Öffnung vereinbart, meldete die Staatskanzlei gestern auf MT-Anfrage in einer Pressemitteilung. So soll es wieder möglich sein – unter Beachtung der Hygienemaßnahmen und der Kapazitäten der Sportstätte – mehr Zuschauer in Stadien und Hallen zu lassen.

Damit kommt die pauschale 300er-Grenze vom Tisch, die in der aktuellen Verordnung von der Handball-Kreisklasse bis zur Fußball-Bundesliga Geltung hatte. In der Novelle der Corona-Schutzverordnung, die am kommenden Dienstag in geltendes Recht umgesetzt werden soll, wird der Einzelfall und die jeweilige Situation vor Ort eine stärkere Rolle spielen.

Die durch das Fehlen von Zuschauern erlittenen finanziellen Einbußen will die Landesregierung abfedern. Um Insolvenzen abzuwenden, wird ein zusätzliches Hilfspaket in Höhe von 15 Millionen Euro aufgelegt. Damit werden die bisherigen Hilfen, das Sporthilfepaket in Höhe von 10 Millionen Euro, mehr als verdoppelt.

Die unerwartete Entwicklung weckt bei GWD Minden und dem TuS N-Lübbecke die Hoffnung, dass ihr speziell für die Lübbecker Kreissporthalle entwickeltes und auf 762 Zuschauer ausgelegtes Hygiene-Konzept doch noch Anwendung findet. Doch Torsten Appel bleibt vorsichtig: „Ich begrüße die Entwicklung, aber das ist erst mal nur ein erster Schritt. Wir brauchen konkrete Zahlen, damit wir weiter arbeiten können." Man müsse die exakte Fassung der neuen Verordnung abwarten. Wenn die Genehmigungsfragen tatsächlich an die lokalen Behörden ausgelagert werden sollten, sei er „sicher, dass wir hier vor Ort zu guten Ergebnissen kommen werden", meint Appel.

Mit dem anerkannten Krankenhaushygieniker Dr. Peter Witte von den Mühlenkreiskliniken hatten sich beide Vereine einen Fachmann an die Seite geholt. Ergebnis der Kooperation ist ein 20 Seiten starkes Konzept. „Zentraler Punkt ist eine strikte Zonentrennung der Halle. Die baulichen Gegebenheiten erlauben es, die Zuschauer auf beiden Tribünenseiten konsequent voneinander zu trennen. Das gilt für die Parkplätze und die Zugänge zur Halle genauso wie für die Verpflegung und die sanitären Anlagen", erklärt Witte. Symptomkontrolle, Kontaktnachverfolgung und allgemeine Hygieneregeln wie Abstandskontrolle, das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes und Desinfektion vervollständigen die Maßnahmen. „Der Sport möchte beweisen, dass es einen Weg gibt, die Fans auf eine verantwortungsvolle Weise wieder in die Hallen zu lassen", sagt GWD-Ticketing-Expertin Anke Brinkmann.

Als Zielmarke für die Zulassung von Zuschauern waren beim Sportgipfel zwei Varianten im Gespräch: Ein Drittel oder 20 Prozent der jeweiligen Hallen-Kapazität. Das würde für die Kreissporthalle einen Wert zwischen 600 und 1.000 Zuschauern bedeuten. „Wir hoffen auf die Drittel-Lösung", sagt Kalusche. Dann wäre die Arbeit nicht vergebens gewesen. Und Fans wie Klubs hätten eine Perspektive.

Kommentar zum Sportgipfel: Eiertanz

Marcus Riechmann

Man muss nicht viele Worte verlieren: Die pauschale Zuschauer-Differenzierung zwischen Kultur in Paragraf 8 (mehr als 300) und Sport in Paragraf 9 (bis zu 300) in der aktuell geltenden Corona-Schutzverordnung war Unsinn. Es kann ja für den Virus-Schutz keinen Unterschied machen, ob in der Lübbecker Kreissporthalle Handballer oder Musiker zu sehen sind. Sportfans tragen kein höheres Infektionsrisiko in sich als Theaterliebhaber. Kein Wunder, dass sich der Sport zu Wort meldete.

GWD Minden und TuS N-Lübbecke haben ein auf die lokale Situation in der Kreissporthalle Lübbecke zugeschnittenes Konzept erarbeitet, das die Zustimmung der lokalen Aufsichtsbehörden findet. Und doch nicht genehmigt werden kann, weil das Gesetz es nicht zulässt.

Es ist nur richtig, dass die Landesregierung nun den Sportvertretern endlich zugehört hat und nachbessern will. Es ist zu hoffen, dass die neue Verordnung die Entscheidungskompetenz dorthin verlagert, wo sie gut aufgehoben ist: zu den Behörden vor Ort. Nur hier kann sinnvoll über Konzepte und Kapazitäten entschieden werden.

Den Eiertanz der vergangenen Wochen hätte die Landesregierung sich und vor allem den Klubs ersparen können: Frühzeitig nachdenken statt nun nacharbeiten. Nie verkehrt. Immerhin holen Laschet und Co. den Ball nach dem Eigentor nun wieder aus dem Netz und bringen ihn ins Spiel. Nun müssen sie die richtigen Pässe spielen. Es wird sich Dienstag zeigen, ob Laschets Team erstligatauglich ist oder auf dem Niveau einer Hobby-Truppe kickt.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Handball