"Bestätigung ja, Genugtuung nein": Der Hiller André Fuhr über seine Meisterschaft mit Borussia Dortmund Christian Bendig Minden. Das Final-Four-Turnier um den Deutschen Pokal bietet für André Fuhr an diesem Wochenende die Gelegenheit, endlich einmal durchzuschnaufen. „Ich gucke aber nicht so genau hin“, spielt der Meistertrainer von Borussia Dortmund auf das frühe Ausscheiden seiner Handballerinnen an. Die Möglichkeiten auf den Gewinn des Doubles wären auch aufgrund der Fabel-Saison mit bislang 28 Siegen in 28 Partien vielversprechend gewesen. Herr Fuhr, haben sie den Titelgewinn eigentlich schon realisiert? Vielleicht kommt der Zeitpunkt tatsächlich erst nach dem letzten Saisonspiel, wenn wir in eigener Halle die Schale überreicht bekommen. Leider werden wegen Corona nicht 2.000 Zuschauer steil gehen. Dass wir Meister geworden sind, ist immer noch schwer zu fassen. Die Saison ist kein 100-Meter-Lauf, sondern ein Marathon. Ich hatte also eigentlich genügend Zeit, um mich auf den Titelgewinn einzustellen. Aber als in Halle/Neustadt bei unserem entscheidenden Sieg die Schlusssirene kam, war es irgendwie schon überraschend. Hatten Sie überhaupt schon Zeit, den Titelgewinn zu genießen? An Muttertag, also am Sonntag nach unserem Sieg in Halle, war ich zu Hause in Rothenuffeln. Das war ein Moment, in dem ich einmal ein bisschen runterfahren konnte. Wie gesagt, es ist alles noch sehr frisch. Vielleicht werde ich es im Urlaub genießen können. Zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs 2019/20 stand Ihr Team an erster Stelle, wurde aber nicht zum Meister erklärt. Fühlen Sie nun eine Genugtuung? Die fühle ich nicht. Vielmehr ist die Meisterschaft nun eine Bestätigung. Wir hätten es im vergangenen Jahr schon verdient gehabt. Aber die Entscheidung der Handball-Bundesliga, die ich bis heute nicht nachvollziehen kann, war so. Irgendwann muss man sich dann damit abfinden. Wie war die Herangehensweise an diese Saison? Während des ersten Lockdowns haben wir die scheidenden Spielerinnen in einem Video-Meeting verabschiedet. Bei diesem Abschluss habe ich offensiv die Deutsche Meisterschaft als Ziel ausgegeben. Für mich ist das sehr ungewöhnlich, da ich bei der Zielformulierung immer ein eher vorsichtiger Typ bin. Haben Sie diesen Lauf für möglich gehalten? Nicht vom ersten Tag an. Aber Ende 2020 entstand dieser Glaube, dass wir es sehr souverän schaffen können. Die Mannschaft hatte in den Schlüsselspielen beim Thüringer HC, in Metzingen und zu Hause gegen die HSG Blomberg-Lippe geliefert. Das war auch schon Ende Oktober beim Auswärtssieg bei der SG BBM Bietigheim, dem Meister von 2019, der Fall. Trotz der makellosen Bilanz war es keine einfache Spielzeit. Überhaupt nicht. Wir mussten zweimal in Quarantäne, wir sind in der zweiten Runde des DHB-Pokals ausgeschieden und haben danach bekanntgegeben, dass sich das Gesicht der Mannschaft für die kommende Spielzeit verändern wird. Daraus entstanden im November auch Konflikte, die wir lösen mussten. Außerdem verstarb unserer Sportlicher Leiter. Er war im Verein meine engste Bezugsperson und hat alles für die Handballabteilung gegeben. Auch wenn es dann immer heißt, man hat den Titel auch für ihn gewonnen, sage ich: Das kann den Verlust nicht kompensieren. Ich bin auch kein Freund von Aussagen wie: ,Er hat den Gewinn der Meisterschaft von woanders aus gesehen.’ Es gibt Größeres als Handball. Zusätzlich schied ihr Team am Grünen Tisch aus der Champions-League aus. Zunächst einmal: Wettbewerbsübergreifend haben wir mehr als 50 Spiele absolviert. In der Champions League haben wir in der Gruppenphase mehr Punkte gesammelt als die deutschen Vertreter in den zurückliegenden Jahren und haben uns für das Achtelfinale gegen Metz qualifiziert. Weil Metz zu jener Zeit ein Corona-Hochrisikogebiet war, durfte der Gegner nicht einreisen. Der europäische Verband hat bestimmt, dass beide Partien in Nancy stattfinden sollten. Dann gab es beim Gegner auch noch Corona-Fälle. Verein und Mannschaft haben entschieden, dass eine Reise dorthin zu gefährlich ist. Dass wir deswegen ausscheiden, obwohl wir für die Bedingungen nichts können, erschließt sich mir nicht. Wie verarbeitet man solche Rückschläge? Rund um das Pokal-Aus gab es längere Gespräche mit der Mannschaft. Vielleicht hat das Negativ-Erlebnis uns auch den entscheidenden Kick gegeben. Durch die EM-Pause beruhigte sich die Situation. Den Tod des sportlichen Leiters konnten wir lediglich per Video-Konferenz verarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns in Quarantäne. Es war eine schwere, sehr spezielle Situation. Wie groß war die Unterstützung seitens des Vereins in diesen schwierigen Phasen? Sehr groß. Beispielsweise hat der Verein für Auswärtsspiele in der Champions League ein Flugzeug gechartert. Wir flogen zu den Spielen, haben dort vielleicht noch gegessen und dann ging es sofort wieder zurück. Das sind enorme Kosten. Prinzipiell hängen wir weiter am Tropf der Fußballabteilung und haben in unserem Präsidenten Dr. Reinhard Rauball einen großen Fürsprecher. Steigert die Meisterschaft auch das eigene Renommee? Jedenfalls macht sie sich im Lebenslauf ganz gut (lacht). Bisher galt ich als Trainer als Förderer und Talententwickler. Hier konnte ich nun mit gestandenen Spielerinnen arbeiten und habe einen Titel gewonnen. Ich muss aber auch sagen, dass die Meisterschaft nicht meine persönliche Endstation Sehnsucht darstellt. Und ich habe auch nicht die Ambitionen, nach meinem Vertragsende 2022 auf Biegen und Brechen zu einem internationalen Spitzenklub nach Ungarn zu wechseln. Die erste Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte ist eingefahren. Wie lauten die neuen Ziele? Borussia Dortmund ist ein erwachender Riese im deutschen Frauenhandball. Wir wollen uns in der Bundesligaspitze etablieren, möglichst jedes Jahr international in der Champions League oder der European League spielen und unsere Strukturen nachhaltig verbessern. Da bin ich dann auch wieder als Entwickler gefragt. Ich baue gerne über einen längeren Zeitraum bei einem Verein etwas auf. Außerdem möchten wir die in Dortmund durchaus vorhandene Handballszene mehr für uns begeistern. Verfolgen Sie noch den Frauenhandball in der Region? Zu meinem Ex-Verein Blomberg-Lippe habe ich noch viel Kontakt. Außerdem schaue ich die Spiele von GWD Minden bei Sky. Und ich lese regelmäßig das MT. Auch, um mich über die Situation im Amateurhandball zu informieren. Was mich sehr gefreut hat, ist, dass sich nach der Meisterschaft etliche Spielerinnen der früheren HSG Stemmer/Friedewalde gemeldet haben. Dass ich dort gearbeitet habe, ist ja schon 20 Jahre her.

"Bestätigung ja, Genugtuung nein": Der Hiller André Fuhr über seine Meisterschaft mit Borussia Dortmund

Meister in der Fremde vor leeren Rängen: Die Freude über den Titelgewinn war bei den Borussia-Handballerinnen und André Fuhr (hintere Reihe, Zweiter von links) trotzdem riesengroß. Foto: imago © imago images/Eibner

Minden. Das Final-Four-Turnier um den Deutschen Pokal bietet für André Fuhr an diesem Wochenende die Gelegenheit, endlich einmal durchzuschnaufen. „Ich gucke aber nicht so genau hin“, spielt der Meistertrainer von Borussia Dortmund auf das frühe Ausscheiden seiner Handballerinnen an. Die Möglichkeiten auf den Gewinn des Doubles wären auch aufgrund der Fabel-Saison mit bislang 28 Siegen in 28 Partien vielversprechend gewesen.

Herr Fuhr, haben sie den Titelgewinn eigentlich schon realisiert?

Vielleicht kommt der Zeitpunkt tatsächlich erst nach dem letzten Saisonspiel, wenn wir in eigener Halle die Schale überreicht bekommen. Leider werden wegen Corona nicht 2.000 Zuschauer steil gehen. Dass wir Meister geworden sind, ist immer noch schwer zu fassen. Die Saison ist kein 100-Meter-Lauf, sondern ein Marathon. Ich hatte also eigentlich genügend Zeit, um mich auf den Titelgewinn einzustellen. Aber als in Halle/Neustadt bei unserem entscheidenden Sieg die Schlusssirene kam, war es irgendwie schon überraschend.

Hatten Sie überhaupt schon Zeit, den Titelgewinn zu genießen?

An Muttertag, also am Sonntag nach unserem Sieg in Halle, war ich zu Hause in Rothenuffeln. Das war ein Moment, in dem ich einmal ein bisschen runterfahren konnte. Wie gesagt, es ist alles noch sehr frisch. Vielleicht werde ich es im Urlaub genießen können.

Zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs 2019/20 stand Ihr Team an erster Stelle, wurde aber nicht zum Meister erklärt. Fühlen Sie nun eine Genugtuung?

Die fühle ich nicht. Vielmehr ist die Meisterschaft nun eine Bestätigung. Wir hätten es im vergangenen Jahr schon verdient gehabt. Aber die Entscheidung der Handball-Bundesliga, die ich bis heute nicht nachvollziehen kann, war so. Irgendwann muss man sich dann damit abfinden.

Wie war die Herangehensweise an diese Saison?

Während des ersten Lockdowns haben wir die scheidenden Spielerinnen in einem Video-Meeting verabschiedet. Bei diesem Abschluss habe ich offensiv die Deutsche Meisterschaft als Ziel ausgegeben. Für mich ist das sehr ungewöhnlich, da ich bei der Zielformulierung immer ein eher vorsichtiger Typ bin.

Haben Sie diesen Lauf für möglich gehalten?

Nicht vom ersten Tag an. Aber Ende 2020 entstand dieser Glaube, dass wir es sehr souverän schaffen können. Die Mannschaft hatte in den Schlüsselspielen beim Thüringer HC, in Metzingen und zu Hause gegen die HSG Blomberg-Lippe geliefert. Das war auch schon Ende Oktober beim Auswärtssieg bei der SG BBM Bietigheim, dem Meister von 2019, der Fall.

Trotz der makellosen Bilanz war es keine einfache Spielzeit.

Überhaupt nicht. Wir mussten zweimal in Quarantäne, wir sind in der zweiten Runde des DHB-Pokals ausgeschieden und haben danach bekanntgegeben, dass sich das Gesicht der Mannschaft für die kommende Spielzeit verändern wird. Daraus entstanden im November auch Konflikte, die wir lösen mussten. Außerdem verstarb unserer Sportlicher Leiter. Er war im Verein meine engste Bezugsperson und hat alles für die Handballabteilung gegeben. Auch wenn es dann immer heißt, man hat den Titel auch für ihn gewonnen, sage ich: Das kann den Verlust nicht kompensieren. Ich bin auch kein Freund von Aussagen wie: ,Er hat den Gewinn der Meisterschaft von woanders aus gesehen.’ Es gibt Größeres als Handball.

Zusätzlich schied ihr Team am Grünen Tisch aus der Champions-League aus.

Zunächst einmal: Wettbewerbsübergreifend haben wir mehr als 50 Spiele absolviert. In der Champions League haben wir in der Gruppenphase mehr Punkte gesammelt als die deutschen Vertreter in den zurückliegenden Jahren und haben uns für das Achtelfinale gegen Metz qualifiziert. Weil Metz zu jener Zeit ein Corona-Hochrisikogebiet war, durfte der Gegner nicht einreisen. Der europäische Verband hat bestimmt, dass beide Partien in Nancy stattfinden sollten. Dann gab es beim Gegner auch noch Corona-Fälle. Verein und Mannschaft haben entschieden, dass eine Reise dorthin zu gefährlich ist. Dass wir deswegen ausscheiden, obwohl wir für die Bedingungen nichts können, erschließt sich mir nicht.

Wie verarbeitet man solche Rückschläge?

Rund um das Pokal-Aus gab es längere Gespräche mit der Mannschaft. Vielleicht hat das Negativ-Erlebnis uns auch den entscheidenden Kick gegeben. Durch die EM-Pause beruhigte sich die Situation. Den Tod des sportlichen Leiters konnten wir lediglich per Video-Konferenz verarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns in Quarantäne. Es war eine schwere, sehr spezielle Situation.

Wie groß war die Unterstützung seitens des Vereins in diesen schwierigen Phasen?

Sehr groß. Beispielsweise hat der Verein für Auswärtsspiele in der Champions League ein Flugzeug gechartert. Wir flogen zu den Spielen, haben dort vielleicht noch gegessen und dann ging es sofort wieder zurück. Das sind enorme Kosten. Prinzipiell hängen wir weiter am Tropf der Fußballabteilung und haben in unserem Präsidenten Dr. Reinhard Rauball einen großen Fürsprecher.

Steigert die Meisterschaft auch das eigene Renommee?

Jedenfalls macht sie sich im Lebenslauf ganz gut (lacht). Bisher galt ich als Trainer als Förderer und Talententwickler. Hier konnte ich nun mit gestandenen Spielerinnen arbeiten und habe einen Titel gewonnen. Ich muss aber auch sagen, dass die Meisterschaft nicht meine persönliche Endstation Sehnsucht darstellt. Und ich habe auch nicht die Ambitionen, nach meinem Vertragsende 2022 auf Biegen und Brechen zu einem internationalen Spitzenklub nach Ungarn zu wechseln.

Die erste Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte ist eingefahren. Wie lauten die neuen Ziele?

Borussia Dortmund ist ein erwachender Riese im deutschen Frauenhandball. Wir wollen uns in der Bundesligaspitze etablieren, möglichst jedes Jahr international in der Champions League oder der European League spielen und unsere Strukturen nachhaltig verbessern. Da bin ich dann auch wieder als Entwickler gefragt. Ich baue gerne über einen längeren Zeitraum bei einem Verein etwas auf. Außerdem möchten wir die in Dortmund durchaus vorhandene Handballszene mehr für uns begeistern.

Verfolgen Sie noch den Frauenhandball in der Region?

Zu meinem Ex-Verein Blomberg-Lippe habe ich noch viel Kontakt. Außerdem schaue ich die Spiele von GWD Minden bei Sky. Und ich lese regelmäßig das MT. Auch, um mich über die Situation im Amateurhandball zu informieren. Was mich sehr gefreut hat, ist, dass sich nach der Meisterschaft etliche Spielerinnen der früheren HSG Stemmer/Friedewalde gemeldet haben. Dass ich dort gearbeitet habe, ist ja schon 20 Jahre her.

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