A-Jugend: GWD Minden und JSG Lit 1912 steigen aus der Saison aus und üben Kritik am DHB Marcus Riechmann,Christian Bendig Minden. Raus aus dem Lockdown, rein in neue Beschränkungen. Die Wellenbewegungen der Pandemie machen dem Sport weiter zu schaffen. Der Deutsche Handballbund (DHB) sucht in der schwierigen Lage noch immer nach Lösungen, um irgendwie eine Meisterschaft der A-Jugend auszurichten. Alsbald soll es losgehen, doch der Weg ist unklar. In dieser diffusen Situation haben die beiden heimischen Teams Klarheit geschaffen. Weder GWD Minden noch die JSG Lit 1912 werden den Spielbetrieb in dieser verkorksten Saison wieder aufnehmen. Die Klubs folgen damit in der Jugend dem Weg, den sie mit ihren Drittliga-Teams bereits beschritten haben. Sie klinken sich aus. „Wir haben dem DHB mitgeteilt, dass wir nicht an weiteren Runden teilnehmen werden“, benennt GWD-Nachwuchskoordinator Lars Halstenberg das Ergebnis einer umfassenden Entscheidungsfindung, in die man Spieler und Eltern einbezogen habe. Als belastend beschreibt Sebastian Bagats den Prozess. „Das hat mir schwer auf der Seele gelegen“, sagt der GWD-Trainer, der aber mit Blick auf die gesellschaftliche Gesamtsituation die Notwendigkeit einer Deutschen Meisterschaft grundsätzlich in Frage stellt: „Worüber reden wir hier überhaupt? Schüler müssen zuhause bleiben, Menschen sorgen sich um ihre Jobs und ihre Zukunft. Und wir wollen hier Handballspiele übers Knie brechen.“ Als Lehrer am Mindener Besselgymnasium, als Trainer bei GWD und an der Sportschule sowie als langjähriger Handballspieler sind ihm alle Aspekte der Problemlage bewusst. Er weiß um den sportlichen Wert einer Deutschen Meisterschaft, für die sich sein Team qualifiziert hatte. Nach zwei abgebrochenen und nahezu verlorenen Spielzeiten hätte der Wettkampf mit den besten nationalen Nachwuchsteams einen versöhnlichen Abschluss der Jugendzeit vor dem Übergang zu den Senioren bilden können. „Das ist ganz bitter für die Jungs, für einige ist damit die ganze A-Jugend-Zeit weg“, sagt Bagats und spricht von einer Gratwanderung. Doch aus zwei Gründen sei die nun getroffene Entscheidung notwendig gewesen. Der wichtigste ist das für etliche Spieler nun anstehende Abitur, dass man unter keinen Umständen gefährden wolle. Weder eine Verletzung noch eine Corona-Infektion oder eine Quarantäne soll den Schulabschluss torpedieren. Das Verletzungsrisiko ist denn auch der zweite Grund: Nach Monaten ohne Training benötigen die Spieler einen längeren Vorlauf, um verantwortungsvoll in den Wettkampf zurückkehren zu können. In einen Wettbewerb übrigens, in dem keine Chancengleichheit herrscht. Denn einige A-Jugend-Teams in den Leistungszentren wie Füchse Berlin, SC Magdeburg oder JSG Melsungen durften in ihren Bundesländern aufgrund anderer Bestimmungen oder besonderer Voraussetzungen wie einer eigenen Sporthalle nahezu durchgehend trainieren und sind im Vorteil. „Wir sind zwar auch wieder im Training, aber bis jetzt trainieren wir noch ohne Körperkontakt“, berichtet Bagats von unterschiedlichen Voraussetzungen, die dem DHB beim letzten Meinungsaustausch kaum bewusst gewesen waren. Das regelmäßige Testen sei ein eher kleines, wenngleich kostspieliges Thema: „Alle Spieler testen sich vor jedem Training. Jeder Test kostet fünf Euro. Da kommt bei drei Mannschaften und mehrmaligen Training pro Woche einiges zusammen“, berechnet Lars Halstenberg einen deutlich vierstelligen Betrag pro Monat. „Das tut uns für den 2002er Jahrgang besonders leid“, sagt der Vorsitzender Horst Bredemeier über die GWD-Entscheidung: „Im letzten Jahr waren sie beim Abbruch Zweiter, in dieser Saison waren sie ungeschlagen. Jetzt so auszusteigen ist ganz bitter.“ Doch Bagats berichtet aus den Gesprächen: „Die Spieler konnten unseren Argumenten folgen. Sie sind sehr reflektiert und wissen, dass Handball nicht alles ist.“ Es gehe um die langfristige Zukunft der Spieler, sportlich wie beruflich. „Gesundheit und Ausbildung gehen vor, da sollen sie jetzt meinetwegen auf mich sauer sein.“ Aus identischen Motiven ist man auch in Nordhemmern zum Entschluss gekommen, vorerst nicht in den Spielbetrieb zurückzukehren. „Natürlich wollen wir alle wieder spielen. Aber nicht unter diesen Voraussetzungen“, unterstreicht JSG-Lit-1912-Trainer Niels Pfannenschmidt, hält sich die Hintertür aber einen winzigen Spalt offen: „Sollte es noch eine Spielrunde geben und die Vorbereitungszeit ist angemessen, würden wir spielen. Aber es ist einfach nicht erlaubt. Deswegen sind alle Teams der Nord-Staffel raus.“ Pfannenschmidts Mannschaft wies nach fünf Bundesliga-Spieltagen nur einen Zähler Rückstand auf den Viertplatzierten THW Kiel auf. Die Chancen, sich erstmals in der Vereinsgeschichte für die DM-Endrunde zu qualifizieren, standen nicht schlecht. Schlussendlich überwiegen aktuell die Fürsorgepflicht für die Gesundheit der Spieler aber die sportlich vielleicht verlockenden Aussichten. Auch bei der JSG fühle man sich nicht konkurrenzfähig. „Wir durften ja nicht einmal auf dem Sportplatz trainieren“, berichtete Pfannenschmidt. Mit dem Problem der geschossenen Hallen hatten fast alle der zehn Teams der Bundesliga-Nordstaffel zu kämpfen, darunter auch der Nachwuchs der Spitzenklubs SG Flensburg-Handewitt und THW Kiel. Auf diese Tatsache machten die Vereinsvertreter der Nord-Staffel Bundesliga-Spielleiter Carsten Korte dann auch aufmerksam. Korte ist das Nord-Süd-Gefälle bei den Trainingsmöglichkeiten bewusst, doch er bekräftigt, dass wieder gespielt werden soll – in welcher Form auch immer. „Ich denke, dass sich auf dieser Leistungsebene alle Spieler auch ohne geregeltes Training fit gehalten haben“, hat Korte ein deutlich anderes Bild vom Leistungssport als die Trainer Bagats oder Pfannenschmidt. Die Intention, mit der der DHB vor einigen Wochen mit der Verkündung der Fortführung des Spielbetriebs in die Öffentlichkeit preschte, umschreibt der Paderborner Korte so: „Es ging auch darum, ein positives Signal zu setzen.“ Zudem habe Erik Wudtke, der neben seiner Funktion als Co-Trainer der Männer-Nationalmannschaft auch U19-Bundestrainer ist, die Meisterschaft gefordert.

A-Jugend: GWD Minden und JSG Lit 1912 steigen aus der Saison aus und üben Kritik am DHB

Gegen die SG Flensburg/Handewitt, A-Jugend-Meister der Jahre 2019 und 2020, gewann GWD Minden das Heimspiel im Herbst 34:28. Nach sechs Siegen war für Florian Kranzmann und sein Team die Saison beendet. Für den Linksaußen ging es immerhin bei den Erstliga-Profis weiter. Foto: Christian Bendig © Christian Bendig

Minden. Raus aus dem Lockdown, rein in neue Beschränkungen. Die Wellenbewegungen der Pandemie machen dem Sport weiter zu schaffen. Der Deutsche Handballbund (DHB) sucht in der schwierigen Lage noch immer nach Lösungen, um irgendwie eine Meisterschaft der A-Jugend auszurichten. Alsbald soll es losgehen, doch der Weg ist unklar.

In dieser diffusen Situation haben die beiden heimischen Teams Klarheit geschaffen. Weder GWD Minden noch die JSG Lit 1912 werden den Spielbetrieb in dieser verkorksten Saison wieder aufnehmen. Die Klubs folgen damit in der Jugend dem Weg, den sie mit ihren Drittliga-Teams bereits beschritten haben. Sie klinken sich aus.

„Wir haben dem DHB mitgeteilt, dass wir nicht an weiteren Runden teilnehmen werden“, benennt GWD-Nachwuchskoordinator Lars Halstenberg das Ergebnis einer umfassenden Entscheidungsfindung, in die man Spieler und Eltern einbezogen habe. Als belastend beschreibt Sebastian Bagats den Prozess. „Das hat mir schwer auf der Seele gelegen“, sagt der GWD-Trainer, der aber mit Blick auf die gesellschaftliche Gesamtsituation die Notwendigkeit einer Deutschen Meisterschaft grundsätzlich in Frage stellt: „Worüber reden wir hier überhaupt? Schüler müssen zuhause bleiben, Menschen sorgen sich um ihre Jobs und ihre Zukunft. Und wir wollen hier Handballspiele übers Knie brechen.“

Als Lehrer am Mindener Besselgymnasium, als Trainer bei GWD und an der Sportschule sowie als langjähriger Handballspieler sind ihm alle Aspekte der Problemlage bewusst. Er weiß um den sportlichen Wert einer Deutschen Meisterschaft, für die sich sein Team qualifiziert hatte. Nach zwei abgebrochenen und nahezu verlorenen Spielzeiten hätte der Wettkampf mit den besten nationalen Nachwuchsteams einen versöhnlichen Abschluss der Jugendzeit vor dem Übergang zu den Senioren bilden können.

„Das ist ganz bitter für die Jungs, für einige ist damit die ganze A-Jugend-Zeit weg“, sagt Bagats und spricht von einer Gratwanderung. Doch aus zwei Gründen sei die nun getroffene Entscheidung notwendig gewesen. Der wichtigste ist das für etliche Spieler nun anstehende Abitur, dass man unter keinen Umständen gefährden wolle. Weder eine Verletzung noch eine Corona-Infektion oder eine Quarantäne soll den Schulabschluss torpedieren.

Das Verletzungsrisiko ist denn auch der zweite Grund: Nach Monaten ohne Training benötigen die Spieler einen längeren Vorlauf, um verantwortungsvoll in den Wettkampf zurückkehren zu können. In einen Wettbewerb übrigens, in dem keine Chancengleichheit herrscht. Denn einige A-Jugend-Teams in den Leistungszentren wie Füchse Berlin, SC Magdeburg oder JSG Melsungen durften in ihren Bundesländern aufgrund anderer Bestimmungen oder besonderer Voraussetzungen wie einer eigenen Sporthalle nahezu durchgehend trainieren und sind im Vorteil.

„Wir sind zwar auch wieder im Training, aber bis jetzt trainieren wir noch ohne Körperkontakt“, berichtet Bagats von unterschiedlichen Voraussetzungen, die dem DHB beim letzten Meinungsaustausch kaum bewusst gewesen waren. Das regelmäßige Testen sei ein eher kleines, wenngleich kostspieliges Thema: „Alle Spieler testen sich vor jedem Training. Jeder Test kostet fünf Euro. Da kommt bei drei Mannschaften und mehrmaligen Training pro Woche einiges zusammen“, berechnet Lars Halstenberg einen deutlich vierstelligen Betrag pro Monat.

„Das tut uns für den 2002er Jahrgang besonders leid“, sagt der Vorsitzender Horst Bredemeier über die GWD-Entscheidung: „Im letzten Jahr waren sie beim Abbruch Zweiter, in dieser Saison waren sie ungeschlagen. Jetzt so auszusteigen ist ganz bitter.“ Doch Bagats berichtet aus den Gesprächen: „Die Spieler konnten unseren Argumenten folgen. Sie sind sehr reflektiert und wissen, dass Handball nicht alles ist.“ Es gehe um die langfristige Zukunft der Spieler, sportlich wie beruflich. „Gesundheit und Ausbildung gehen vor, da sollen sie jetzt meinetwegen auf mich sauer sein.“

Aus identischen Motiven ist man auch in Nordhemmern zum Entschluss gekommen, vorerst nicht in den Spielbetrieb zurückzukehren. „Natürlich wollen wir alle wieder spielen. Aber nicht unter diesen Voraussetzungen“, unterstreicht JSG-Lit-1912-Trainer Niels Pfannenschmidt, hält sich die Hintertür aber einen winzigen Spalt offen: „Sollte es noch eine Spielrunde geben und die Vorbereitungszeit ist angemessen, würden wir spielen. Aber es ist einfach nicht erlaubt. Deswegen sind alle Teams der Nord-Staffel raus.“

Pfannenschmidts Mannschaft wies nach fünf Bundesliga-Spieltagen nur einen Zähler Rückstand auf den Viertplatzierten THW Kiel auf. Die Chancen, sich erstmals in der Vereinsgeschichte für die DM-Endrunde zu qualifizieren, standen nicht schlecht. Schlussendlich überwiegen aktuell die Fürsorgepflicht für die Gesundheit der Spieler aber die sportlich vielleicht verlockenden Aussichten.

Auch bei der JSG fühle man sich nicht konkurrenzfähig. „Wir durften ja nicht einmal auf dem Sportplatz trainieren“, berichtete Pfannenschmidt. Mit dem Problem der geschossenen Hallen hatten fast alle der zehn Teams der Bundesliga-Nordstaffel zu kämpfen, darunter auch der Nachwuchs der Spitzenklubs SG Flensburg-Handewitt und THW Kiel. Auf diese Tatsache machten die Vereinsvertreter der Nord-Staffel Bundesliga-Spielleiter Carsten Korte dann auch aufmerksam.

Korte ist das Nord-Süd-Gefälle bei den Trainingsmöglichkeiten bewusst, doch er bekräftigt, dass wieder gespielt werden soll – in welcher Form auch immer. „Ich denke, dass sich auf dieser Leistungsebene alle Spieler auch ohne geregeltes Training fit gehalten haben“, hat Korte ein deutlich anderes Bild vom Leistungssport als die Trainer Bagats oder Pfannenschmidt.

Die Intention, mit der der DHB vor einigen Wochen mit der Verkündung der Fortführung des Spielbetriebs in die Öffentlichkeit preschte, umschreibt der Paderborner Korte so: „Es ging auch darum, ein positives Signal zu setzen.“ Zudem habe Erik Wudtke, der neben seiner Funktion als Co-Trainer der Männer-Nationalmannschaft auch U19-Bundestrainer ist, die Meisterschaft gefordert.

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