MT-Serie, Schiedsrichter: Kein Unparteiischer? Das droht heimischen Klubs im Fußball und Handball Marcus Riechmann,Fabian Terwey Minden (mt). Geldstrafen und Punktabzüge: Das droht den Handballklubs, wenn sie nicht genügend Schiedsrichter abstellen. Kein Seltenheitsfall im Kreis Minden-Lübbecke. Und auch die heimischen Fußball-Vereine werden regelmäßig zur Kasse gebeten. Aber welche Regelungen gilt es überhaupt einzuhalten? Und welche konkreten Lösungen gibt es für das schwelende Problem? Die Situation im Handball „Unter unseren gut 20 Handball-Vereinen sind nur zwei, drei Klubs, die das Soll erfüllen“, sagt der Kreis-Schiedsrichterausschuss-Vorsitzende Michael Vogel. Wolfgang Budde, 2. Vorsitzender des Handball-Kreises, erklärt: „Wenn es so weitergeht, drohen in Zukunft fast allen Klubs Punktabzüge.“ So auch den Oberliga-Frauen des HSV Minden-Nord. Explizit aufmerksam machte darauf bei der Jahreshauptversammlung des TV Stemmer Ulrich Brinkmann, HSV-Beauftragter und Finanzvorstand. Aktuell erfüllt der Handballspielverbund aus TV Stemmer, TuS Freya Friedewalde und TuS Minderheide gerade so das Soll. 15 Unparteiische stellt der HSV, im Sommer scheiden jedoch drei aus. Die Folge wären im schlimmsten Fall acht Punkte Abzug. Brinkmann nahm seine Vereinskollegen daher in die Pflicht, sich für den Dienst an der Pfeife zu engagieren, und kündigte an: „Wenn es zu einem Punktabzug kommt, lege ich mein Amt nieder.“ Doch wie berechnet sich die Strafe eigentlich und warum wirkt sie sich beim HSV ausgerechnet auf die erste Frauenmannschaft aus? Regelungen und Strafen Fakt ist: Der Handballkreis fordert Zahlungen von den betreffenden Vereinen ein. „Pro fehlendem Schiedsrichter zahlen die Klubs 200 Euro“, erklärt Budde. Die Strafe darf die Sätze des Verbands theoretisch unter-, aber nicht überschreiten. Die Handballkreise sind dem Verband dabei verpflichtet, für jede auf Verbandsebene spielende Mannschaft zwei Schiedsrichter zu melden. Also von der Landesliga aufwärts. Diese und die folgenden Regelungen sind in der Schiedsrichterordnung des Verbands festgehalten. Gegen Kreise, die zwei oder mehr Saisons in Folge nicht mindestens 70 Prozent des Meldesolls erreichen, werden 200 Euro Ordnungsstrafe pro fehlendem Schiedsrichter verhängt. Für jede folgende Spielzeit erhöht sich der Betrag um 200 Euro. Erst nach einer straffreien Saison gilt wieder der Ausgangsbetrag. Um die Abdeckung des Spielbetriebs zu gewährleisten, haben die Handballvereine ebenfalls ein Meldesoll zu erfüllen. Grundsätzlich gilt zum Stichtag 30. Juni: Für die Bezirksliga Männer, 1. Kreisliga Männer und Bezirksliga Frauen sowie für alle überkreislichen Senioren und Jugendligen werden von den Vereinen pro Mannschaft zwei Schiedsrichter eingefordert. Für die restlichen Mannschaften bis hinunter zur C-Jugend ist pro Team mindestens ein Referee zu stellen. Um Punktabzügen zu entgehen, müssen Vereine 70 Prozent dieser Abstellpflicht erfüllen. Ab der dritten Saison, in der das Meldesoll unterschritten wird, ist der Kreis verpflichtet, Zähler abzuziehen. Erstmalig möglich ist das nach der im Juli 2018 neu beschlossenen Fassung der Schiedsrichterordnung in der Saison 2020/21. Diese Strafe ist der höchstklassigen Mannschaft unterhalb des Lizenzspielbetriebs abzuziehen – ein Punkt pro fehlendem Schiedsrichter. Das wäre beim HSV Minden-Nord aktuell die Frauenmannschaft. Weil der Verein das Schiedsrichtersoll in der laufenden Saison noch erfüllt, wird es in der kommenden Spielzeit demnach (noch) keine Punktstrafe geben. Maximal abgezogen werden dürfen einer Mannschaft pro Saison acht Zähler. Berücksichtigt werden muss bei all diesen Regelungen, dass ein Schiedsrichter erst als vollwertig in die Rechnung eingeht, wenn er 14 oder mehr Partien pro Spieljahr leitet. Jung-Referees werden bereits ab zehn Einsätzen angerechnet. Unparteiische, die sieben bis 13 Spiele leiten, gelten nur als halber Schiedsrichter, Referees ab vier Einsätzen schlagen nur mit 0,25 zu Buche. Mögliche Lösungen „Ob wir die Strafen wegen der Corona-Pause überhaupt aussprechen können, ist aber fraglich“, erklärt Budde. Um das Problem des Schiedsrichtermangels grundsätzlich zu beheben, hat der Kreis um den 1. Vorsitzenden Reinhold Kölling ein Projekt ins Leben gerufen: „Wir arbeiten mit der Werbeagentur 'K13 Marketing' zusammen. Inhaber ist mit Holger Kleffmann ein ehemaliger Schiedsrichter. Wir möchten die Vereine so bei der Gewinnung von Schiedsrichtern unterstützen.“ Geplant ist, den Klubs ab Mitte April Plakate und Flyer zur Verfügung zu stellen, um den Dienst an der Pfeife zu bewerben. „Wir sehen uns in der Verpflichtung, den Klubs unter die Arme zu greifen“, sagt Vogel. Der HSV Minden-Nord ist ebenfalls aktiv geworden. Olaf Grintz, Trainer der Frauen und Lehrwart im Verband, initiierte im HSV das Schiedsrichter-Jugendprojekt „EDIS“. Das Modell kommt aus Bielefeld. Die Abkürzung steht für die Zielgruppe, die sich aus E- und D-Junioren sowie Minis zusammensetzt. 17 solcher Nachwuchskräfte machten im Juni 2019 erste Schritte als Schiedsrichter. In der laufenden Saison leiteten die Gespanne Kinderhandballspiele des Vereins. Die Lage im Fußball Im Fußballkreis Minden haben Klubs wie die TSG Neuenknick Probleme, das Soll zu erfüllen. „Seit unser langjähriger Schiedsrichter Karl-Heinz Büsching vor etwa fünf Jahren altersbedingt aufgehört hat, haben wir es leider nicht geschafft, einen neuen Unparteiischen zu stellen“, erklärt der TSG-Vorsitzende Daniel Harnisch. Ein junger Nachfolger habe zwar die Prüfung bestanden, konnte nach studienbedingtem Umzug aber kaum Spiele pfeifen. In diesem Quartal erfüllen laut Thomas Schickentanz nur 13 der rund 40 Vereine ihr Soll. Der Kreisvorsitzende berichtet: „94 Schiedsrichter haben wir. Das Soll liegt bei 124. Wenn wir nicht die vielen Älteren hätten, die verrückt genug sind, 30 Spiele pro Saison zu leiten, könnten wir den Spielbetrieb nicht aufrecht erhalten.“ Ordnungsverstöße Die Folge für Klubs ohne Unparteiischen wie Neuenknick sind Geldstrafen. Die Anzahl der zu stellenden Referees im Fußball richtet sich dabei wie im Handball nach der Ligazugehörigkeit. Je drei Unparteiische haben Landesligisten zu stellen. Denn ab dieser Spielklasse leiten Gespanne die Partien. Bei den Frauen ist für Westfalen-, Landes-, Bezirks- und Kreisligisten die Abstellung eines Referees nötig – ebenso wie für Männermannschaften in der Bezirks-, Kreisliga A, B, C und D sowie in der A- und B-Junioren-Bezirks- und Kreisliga. Stichtag ist der 1. August. „Zunächst befreit von der Abstellpflicht sind neu gemeldete Klubs wie aktuell Makedonikos Minden“, erklärt Udo Quast, Vorsitzender des Kreis-Schiedsrichterausschusses. Bei Nichterfüllung des Solls verhängt der Fußballkreis vierteljährlich zu zahlende Ordnungsgelder. Deren Höhe richtet sich nach der Ligazugehörigkeit der ersten Herrenmannschaft. So geht es aus der Schiedsrichterordnung des Westdeutschen Fußballverbands hervor. Für jeden fehlenden Schiedsrichter pro Spieljahr zahlen Vereine der Landes- und Bezirksligen 300 Euro, der Kreisligen A, B, C und D 250 Euro. Ein Verein, der das Soll nicht zu mindestens 60 Prozent erfüllt, muss ein um 50 Prozent erhöhtes Ordnungsgeld abdrücken. Zur Erfüllung des Solls zählen auch Beobachter. Ein vollwertiger Schiedsrichter muss innerhalb einer Saison mindestens 15 Spiele leiten. Vereine, die mehr Unparteiische stellen als gefordert, erhalten für jeden überzähligen Schiedsrichter pro Spieljahr einen Bonus in Höhe von 100 Euro. Die TSG Neuenknick muss sich vorerst mit den Strafen befassen. „Wir zahlen für eine gemeldete Mannschaft am Spielbetrieb in der Kreisliga B derzeit 93,75 Euro pro Quartal“, erklärt Daniel Harnisch: „Aufs Jahr umgerechnet sind das sechs bis acht volle Mitgliedsbeiträge. Dieses Geld würde man natürlich lieber in andere Projekte oder in die Infrastruktur investieren. Im Allgemeinen bin ich kein Freund davon, pauschalierte Strafen in Rechnung zu stellen, kann aber den Kreis verstehen, dem auch die Hände gebunden sind.“ Schickentanz verrät, ohne den Vereinsnamen zu nennen: „Ein Klubverantwortlicher aus dem Kreis hat mir vorgerechnet, dass er lieber das Ordnungsgeld zahlt, als sich um die Ausstattung und Unterhaltung eines Schiedsrichters zu kümmern. Da käme er günstiger bei weg. Das ist, hoffe ich, eine Einzelmeinung.“ Die Geldstrafen gehen wie im Handball in die Kreiskasse ein, von der die Organisation des Spielbetriebs finanziert wird. Die Ordnungsgelder werden allerdings aufgrund des ruhenden Spielbetriebs in der Corona-Krise nicht erhoben, teilte Schickentanz am vorigen Samstag mit. Problembewältigung Dem Kreisvorsitzenden, selbst seit 1986 als Schiedsrichter im Einsatz, tue es in der Seele weh, dass man des Problems nicht dauerhaft Herr werde: „Ich habe gebeten, gebettelt und geschimpft, um Schiedsrichter zu gewinnen. Letztlich hat es nichts gebracht.“ Eine neue Maßnahme sieht Schickentanz in Punktstrafen: „Das wäre gerade für Auf- und Abstiegskandidaten eine Abschreckung. In Niedersachsen gibt es das schon. Aber die Interessen der Kreise in Westfalen sind unterschiedlich. Nicht allen mangelt es an Schiedsrichtern.“ Auch um sich mit solchen Kreisen auszutauschen war vor der Corona-Pandemie eine große Runde geplant. Ausdrücklich mehr Unterstützung wünscht sich Schickentanz vom Verbands-Schiedsrichterausschuss: „Ich finde es wichtig, nicht nur die Ansetzungen im Auge zu behalten, sondern Innovationen – zum Beispiel Workshops mit den Kreisen. Stattdessen herrscht dort eher ein gesteigertes Interesse an Schiedsrichter-Klasse statt -Masse.“ Neuenknick-Boss Harnisch meint: „Eine Schiedsrichter-Stelle mit zwei Personen zu besetzen, wäre gut. Dann könnte man den aktiven Fußball besser mit dem Pfeifen verbinden. Es wird aber wohl noch länger dauern, um Interesse in der nötigen Menge zu generieren.“ MT-Serie Schiedsrichter „Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

MT-Serie, Schiedsrichter: Kein Unparteiischer? Das droht heimischen Klubs im Fußball und Handball

Gelbe und Rote Karten sind Strafen für Fußballer. Handballern droht zusätzlich die Blaue Karte. Aber was sind die Sanktionen für Vereine, die nicht genügend Schiedsrichter abstellen? Foto: dpa/Jens Wolf © Jens Wolf

Minden (mt). Geldstrafen und Punktabzüge: Das droht den Handballklubs, wenn sie nicht genügend Schiedsrichter abstellen. Kein Seltenheitsfall im Kreis Minden-Lübbecke. Und auch die heimischen Fußball-Vereine werden regelmäßig zur Kasse gebeten. Aber welche Regelungen gilt es überhaupt einzuhalten? Und welche konkreten Lösungen gibt es für das schwelende Problem?

Die Situation im Handball

„Unter unseren gut 20 Handball-Vereinen sind nur zwei, drei Klubs, die das Soll erfüllen“, sagt der Kreis-Schiedsrichterausschuss-Vorsitzende Michael Vogel. Wolfgang Budde, 2. Vorsitzender des Handball-Kreises, erklärt: „Wenn es so weitergeht, drohen in Zukunft fast allen Klubs Punktabzüge.“ So auch den Oberliga-Frauen des HSV Minden-Nord. Explizit aufmerksam machte darauf bei der Jahreshauptversammlung des TV Stemmer Ulrich Brinkmann, HSV-Beauftragter und Finanzvorstand. Aktuell erfüllt der Handballspielverbund aus TV Stemmer, TuS Freya Friedewalde und TuS Minderheide gerade so das Soll. 15 Unparteiische stellt der HSV, im Sommer scheiden jedoch drei aus. Die Folge wären im schlimmsten Fall acht Punkte Abzug. Brinkmann nahm seine Vereinskollegen daher in die Pflicht, sich für den Dienst an der Pfeife zu engagieren, und kündigte an: „Wenn es zu einem Punktabzug kommt, lege ich mein Amt nieder.“ Doch wie berechnet sich die Strafe eigentlich und warum wirkt sie sich beim HSV ausgerechnet auf die erste Frauenmannschaft aus?

Regelungen und Strafen

Fußball: Bundesliga, FC Augsburg - Hamburger SV, 18. Spieltag am 13.01.2018 in WWK-Arena, Augsburg (Bayern). Schiedsrichter Manuel Gräfe zeigt Douglas Santos von Hamburg die Gelbe Karte. (Wichtiger Hinweis: Aufgrund der Akkreditierungsbestimmungen der DFL ist die Publikation und Weiterverwertung im Internet und in Online-Medien während des Spiels auf insgesamt fünfzehn Bilder pro Spiel begrenzt.) Foto: Stefan Puchner/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ - © Stefan Puchner
Fußball: Bundesliga, FC Augsburg - Hamburger SV, 18. Spieltag am 13.01.2018 in WWK-Arena, Augsburg (Bayern). Schiedsrichter Manuel Gräfe zeigt Douglas Santos von Hamburg die Gelbe Karte. (Wichtiger Hinweis: Aufgrund der Akkreditierungsbestimmungen der DFL ist die Publikation und Weiterverwertung im Internet und in Online-Medien während des Spiels auf insgesamt fünfzehn Bilder pro Spiel begrenzt.) Foto: Stefan Puchner/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ - © Stefan Puchner

Fakt ist: Der Handballkreis fordert Zahlungen von den betreffenden Vereinen ein. „Pro fehlendem Schiedsrichter zahlen die Klubs 200 Euro“, erklärt Budde. Die Strafe darf die Sätze des Verbands theoretisch unter-, aber nicht überschreiten. Die Handballkreise sind dem Verband dabei verpflichtet, für jede auf Verbandsebene spielende Mannschaft zwei Schiedsrichter zu melden. Also von der Landesliga aufwärts. Diese und die folgenden Regelungen sind in der Schiedsrichterordnung des Verbands festgehalten. Gegen Kreise, die zwei oder mehr Saisons in Folge nicht mindestens 70 Prozent des Meldesolls erreichen, werden 200 Euro Ordnungsstrafe pro fehlendem Schiedsrichter verhängt. Für jede folgende Spielzeit erhöht sich der Betrag um 200 Euro. Erst nach einer straffreien Saison gilt wieder der Ausgangsbetrag. Um die Abdeckung des Spielbetriebs zu gewährleisten, haben die Handballvereine ebenfalls ein Meldesoll zu erfüllen. Grundsätzlich gilt zum Stichtag 30. Juni: Für die Bezirksliga Männer, 1. Kreisliga Männer und Bezirksliga Frauen sowie für alle überkreislichen Senioren und Jugendligen werden von den Vereinen pro Mannschaft zwei Schiedsrichter eingefordert. Für die restlichen Mannschaften bis hinunter zur C-Jugend ist pro Team mindestens ein Referee zu stellen.

Wolfgang Budde vom Handballkreis. - © Foto: pr
Wolfgang Budde vom Handballkreis. - © Foto: pr

Um Punktabzügen zu entgehen, müssen Vereine 70 Prozent dieser Abstellpflicht erfüllen. Ab der dritten Saison, in der das Meldesoll unterschritten wird, ist der Kreis verpflichtet, Zähler abzuziehen. Erstmalig möglich ist das nach der im Juli 2018 neu beschlossenen Fassung der Schiedsrichterordnung in der Saison 2020/21. Diese Strafe ist der höchstklassigen Mannschaft unterhalb des Lizenzspielbetriebs abzuziehen – ein Punkt pro fehlendem Schiedsrichter. Das wäre beim HSV Minden-Nord aktuell die Frauenmannschaft. Weil der Verein das Schiedsrichtersoll in der laufenden Saison noch erfüllt, wird es in der kommenden Spielzeit demnach (noch) keine Punktstrafe geben. Maximal abgezogen werden dürfen einer Mannschaft pro Saison acht Zähler.

Fußballkreis-Chef Thomas Schickentanz. MT- - © Foto: kül
Fußballkreis-Chef Thomas Schickentanz. MT- - © Foto: kül

Berücksichtigt werden muss bei all diesen Regelungen, dass ein Schiedsrichter erst als vollwertig in die Rechnung eingeht, wenn er 14 oder mehr Partien pro Spieljahr leitet. Jung-Referees werden bereits ab zehn Einsätzen angerechnet. Unparteiische, die sieben bis 13 Spiele leiten, gelten nur als halber Schiedsrichter, Referees ab vier Einsätzen schlagen nur mit 0,25 zu Buche.

Mögliche Lösungen

„Ob wir die Strafen wegen der Corona-Pause überhaupt aussprechen können, ist aber fraglich“, erklärt Budde. Um das Problem des Schiedsrichtermangels grundsätzlich zu beheben, hat der Kreis um den 1. Vorsitzenden Reinhold Kölling ein Projekt ins Leben gerufen: „Wir arbeiten mit der Werbeagentur 'K13 Marketing' zusammen. Inhaber ist mit Holger Kleffmann ein ehemaliger Schiedsrichter. Wir möchten die Vereine so bei der Gewinnung von Schiedsrichtern unterstützen.“ Geplant ist, den Klubs ab Mitte April Plakate und Flyer zur Verfügung zu stellen, um den Dienst an der Pfeife zu bewerben. „Wir sehen uns in der Verpflichtung, den Klubs unter die Arme zu greifen“, sagt Vogel.

Der HSV Minden-Nord ist ebenfalls aktiv geworden. Olaf Grintz, Trainer der Frauen und Lehrwart im Verband, initiierte im HSV das Schiedsrichter-Jugendprojekt „EDIS“. Das Modell kommt aus Bielefeld. Die Abkürzung steht für die Zielgruppe, die sich aus E- und D-Junioren sowie Minis zusammensetzt. 17 solcher Nachwuchskräfte machten im Juni 2019 erste Schritte als Schiedsrichter. In der laufenden Saison leiteten die Gespanne Kinderhandballspiele des Vereins.

Die Lage im Fußball

Im Fußballkreis Minden haben Klubs wie die TSG Neuenknick Probleme, das Soll zu erfüllen. „Seit unser langjähriger Schiedsrichter Karl-Heinz Büsching vor etwa fünf Jahren altersbedingt aufgehört hat, haben wir es leider nicht geschafft, einen neuen Unparteiischen zu stellen“, erklärt der TSG-Vorsitzende Daniel Harnisch. Ein junger Nachfolger habe zwar die Prüfung bestanden, konnte nach studienbedingtem Umzug aber kaum Spiele pfeifen. In diesem Quartal erfüllen laut Thomas Schickentanz nur 13 der rund 40 Vereine ihr Soll. Der Kreisvorsitzende berichtet: „94 Schiedsrichter haben wir. Das Soll liegt bei 124. Wenn wir nicht die vielen Älteren hätten, die verrückt genug sind, 30 Spiele pro Saison zu leiten, könnten wir den Spielbetrieb nicht aufrecht erhalten.“

Ordnungsverstöße

Die Folge für Klubs ohne Unparteiischen wie Neuenknick sind Geldstrafen. Die Anzahl der zu stellenden Referees im Fußball richtet sich dabei wie im Handball nach der Ligazugehörigkeit. Je drei Unparteiische haben Landesligisten zu stellen. Denn ab dieser Spielklasse leiten Gespanne die Partien. Bei den Frauen ist für Westfalen-, Landes-, Bezirks- und Kreisligisten die Abstellung eines Referees nötig – ebenso wie für Männermannschaften in der Bezirks-, Kreisliga A, B, C und D sowie in der A- und B-Junioren-Bezirks- und Kreisliga. Stichtag ist der 1. August. „Zunächst befreit von der Abstellpflicht sind neu gemeldete Klubs wie aktuell Makedonikos Minden“, erklärt Udo Quast, Vorsitzender des Kreis-Schiedsrichterausschusses.

Bei Nichterfüllung des Solls verhängt der Fußballkreis vierteljährlich zu zahlende Ordnungsgelder. Deren Höhe richtet sich nach der Ligazugehörigkeit der ersten Herrenmannschaft. So geht es aus der Schiedsrichterordnung des Westdeutschen Fußballverbands hervor. Für jeden fehlenden Schiedsrichter pro Spieljahr zahlen Vereine der Landes- und Bezirksligen 300 Euro, der Kreisligen A, B, C und D 250 Euro. Ein Verein, der das Soll nicht zu mindestens 60 Prozent erfüllt, muss ein um 50 Prozent erhöhtes Ordnungsgeld abdrücken. Zur Erfüllung des Solls zählen auch Beobachter. Ein vollwertiger Schiedsrichter muss innerhalb einer Saison mindestens 15 Spiele leiten. Vereine, die mehr Unparteiische stellen als gefordert, erhalten für jeden überzähligen Schiedsrichter pro Spieljahr einen Bonus in Höhe von 100 Euro.

Die TSG Neuenknick muss sich vorerst mit den Strafen befassen. „Wir zahlen für eine gemeldete Mannschaft am Spielbetrieb in der Kreisliga B derzeit 93,75 Euro pro Quartal“, erklärt Daniel Harnisch: „Aufs Jahr umgerechnet sind das sechs bis acht volle Mitgliedsbeiträge. Dieses Geld würde man natürlich lieber in andere Projekte oder in die Infrastruktur investieren. Im Allgemeinen bin ich kein Freund davon, pauschalierte Strafen in Rechnung zu stellen, kann aber den Kreis verstehen, dem auch die Hände gebunden sind.“

Schickentanz verrät, ohne den Vereinsnamen zu nennen: „Ein Klubverantwortlicher aus dem Kreis hat mir vorgerechnet, dass er lieber das Ordnungsgeld zahlt, als sich um die Ausstattung und Unterhaltung eines Schiedsrichters zu kümmern. Da käme er günstiger bei weg. Das ist, hoffe ich, eine Einzelmeinung.“ Die Geldstrafen gehen wie im Handball in die Kreiskasse ein, von der die Organisation des Spielbetriebs finanziert wird. Die Ordnungsgelder werden allerdings aufgrund des ruhenden Spielbetriebs in der Corona-Krise nicht erhoben, teilte Schickentanz am vorigen Samstag mit.

Problembewältigung

Dem Kreisvorsitzenden, selbst seit 1986 als Schiedsrichter im Einsatz, tue es in der Seele weh, dass man des Problems nicht dauerhaft Herr werde: „Ich habe gebeten, gebettelt und geschimpft, um Schiedsrichter zu gewinnen. Letztlich hat es nichts gebracht.“ Eine neue Maßnahme sieht Schickentanz in Punktstrafen: „Das wäre gerade für Auf- und Abstiegskandidaten eine Abschreckung. In Niedersachsen gibt es das schon. Aber die Interessen der Kreise in Westfalen sind unterschiedlich. Nicht allen mangelt es an Schiedsrichtern.“ Auch um sich mit solchen Kreisen auszutauschen war vor der Corona-Pandemie eine große Runde geplant.

Ausdrücklich mehr Unterstützung wünscht sich Schickentanz vom Verbands-Schiedsrichterausschuss: „Ich finde es wichtig, nicht nur die Ansetzungen im Auge zu behalten, sondern Innovationen – zum Beispiel Workshops mit den Kreisen. Stattdessen herrscht dort eher ein gesteigertes Interesse an Schiedsrichter-Klasse statt -Masse.“ Neuenknick-Boss Harnisch meint: „Eine Schiedsrichter-Stelle mit zwei Personen zu besetzen, wäre gut. Dann könnte man den aktiven Fußball besser mit dem Pfeifen verbinden. Es wird aber wohl noch länger dauern, um Interesse in der nötigen Menge zu generieren.“

MT-Serie Schiedsrichter

„Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

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