Marian Michalczik im MT-Interview: „Ich habe auch mal einen Tritt bekommen“ Sebastian Külbel Minden. Marian Michalczik hat bei GWD Minden eine Bilderbuch-Karriere hinter sich. Gekommen 2014 als A-Jugendlicher, vollzog er schnell die Entwicklung vom Profi zum Leistungsträger und Nationalspieler. Nach fünf Jahren verlässt er den Mindener Profi-Kader nach der abgebrochenen Saison als Kapitän. Im MT-Interview spricht der 23-Jährige über den stillen Abschied, seine Zeit bei GWD und die neue Herausforderung bei den Füchsen Berlin. Wegen der Corona-Krise verabschieden Sie sich aus Minden fast durch die Hintertür. Schmerzt Sie das? Man kann den Abschied nicht so erleben, wie man ihn sich vorgestellt hat. Mit den Jungs auf dem Spielfeld, idealerweise mit tollen Erlebnissen in den letzten Spielen. Wir hatte noch viele Chancen auf Punkte, es hätte uns als Gruppe ganz gut getan, nach einer schwierigen Phase gestärkt aus der Saison zu gehen. Und das hätte mir auch alles einfacher gemacht. Jetzt ist man natürlich ein bisschen unzufrieden, wenn man nur einen Punkt vor dem Abstiegsplatz steht. Ich wollte mich einfach gut verabschieden und auch bei den Fans einen positiven Eindruck hinterlassen. Fehlt nicht auch die emotionale Seite? Ja klar, es geht ja darum, dass man sich gegenseitige Wertschätzung entgegen bringt. Das ist den Fans in Minden immer gut gelungen, und das bleibt jetzt aus. Das ist schade. Denn GWD war für mich ein langes und echt tolles Kapitel. Ich habe hier brutal viel gelernt, nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch menschlich. Das geht los mit der WG in den ersten Jahren, dann das tolle Verhältnis zu Hotti (Ex-Manager Horst Bredemeier, Anm. d. Red.), mit dem ich immer noch regelmäßig telefoniere. Und vor allem natürlich Frank Carstens, der mir einiges mit auf den Weg gegeben hat. Er war heiß auf die Arbeit mit den jungen Spielern und hat früh auf mich gebaut. Ich habe dieses Vertrauen zurückgezahlt, und so ist eine sehr positive Zusammenarbeit entstanden. Ist Frank Carstens die Person, die Sie bei GWD am meisten geprägt hat? Ich denke schon. Er hat einfach so viel erlebt und sehr viel zu erzählen. Und wenn du clever bist, saugst du das auf und versuchst, das für dich zu nutzen. So bin ich über die Jahre immer mehr zu einem aktiven Gesprächspartner für den Trainer geworden. Als i-Tüpfelchen bin ich dann letzten Sommer von der Mannschaft zum Kapitän gewählt worden. Das war für mich als recht junger Spieler eine krasse Wertschätzung. Und die Zusammenarbeit mit Frank hat das noch einmal gestärkt. Was ist das Wichtigste, was Sie in Minden gelernt haben? Eine Menge. Hotti hat schon damals zu mir gesagt: „Wir sind ein Ausbildungsverein und wollen dich ausbilden.“ Das haben sie auch hingekriegt. Egal ob auf dem Spielfeld oder auch athletisch, wo mir immer wieder meine Defizite aufgezeigt wurden. Mittlerweile kann ich da auf ein gutes Fundament zurückgreifen, das mich hoffentlich lange durch die Bundesliga-Karriere tragen wird. Ich bin mit 16 zu Hause ausgezogen, da ist am Anfang auch eine Menge schief gelaufen. Dann habe ich aber einen Tipp oder auch mal einen Tritt bekommen, der einen auf den richtigen Weg zurückgebracht hat. So hat man sich menschlich entwickelt. Und als ich vor vier Jahren Anna kennengelernt habe und sie zu mir gezogen ist, bin ich noch einmal extrem gereift. Wie sind Sie mit der Situation umgegangen, als der Sport in der Corona-Krise heruntergefahren wurde? Gute Frage. Ich bin das eigentlich eher locker angegangen und habe erst einmal die Trainingspläne weiter umgesetzt. Dann habe ich mir gedacht, wie ich die Zeit sinnvoll nutzen könnte und habe mir die Weisheitszähne ziehen lassen, denn die mussten schon länger raus. Danach hatte ich Schmerzen und habe ich zwei Wochen gar nichts gemacht. Am Anfang der Zwangspause hatte ich auch noch mit meiner Wade zu tun, deshalb musste ich ja auch den Lehrgang mit der Nationalmannschaft absagen. Das konnte ich in dieser Zeit gut auskurieren, das war ja der Vorteil der Corona-Phase für viele Handballprofis mit Verletzungsproblemen. Haben Sie nach dem Saisonabbruch überhaupt noch an GWD oder eher an Berlin gedacht? Mehr an Berlin. Die Vorfreude ist einfach mega-groß, sich in eine neue Gruppe zu integrieren und neue Ziele zu verfolgen. Aber ich habe mich auch in den letzten Wochen gefreut, die Mindener Jungs noch einmal wiederzusehen und zumindest in die Nähe unseres normalen Arbeitsalltags zurück zu finden. Haben Sie in der Zwangspause überhaupt an Handball gedacht? Ich hatte nicht die totale Sehnsucht, das hätte ich mir früher nie vorstellen können. In meiner Kinder- und Jugendzeit war ich so besessen vom Handball, da hätte ich das nicht durchgestanden. Aberjetzt ist es mir eigentlich ziemlich leicht gefallen und ich habe den Abstand sogar genossen. Wenn es jetzt wieder los geht, wird man aber schnell Blut lecken. In Berlin wartet eine neue Rolle: Bei GWD waren Sie Kapitän und Führungsspieler, beiden Füchsen müssen Sie sich neu beweisen. Das ist ja, was ich wollte: Bei einem Top-Klub spielen und mich dort einer neuen Herausforderung stellen. In Minden war ich auch nicht sofort das, was ich am Ende war. Das war ein Prozess über einige Saisons, in denen ich Leistung bringen und immer wieder bestätigen und verbessern musste. Und das möchte ich auch in Berlin machen. Wir haben da eine gute Truppe mit heißen, motivierten Leuten. Das merkt man in den Gesprächen mit Manager Stefan Kretzschmar oder dem neuen Trainer Jaron Siewert, die wollen da etwas Geiles auf die Platte bringen. Darauf freue ich mich extrem, auch wenn es merkwürdig sein wird, wenn ich als einer der Jüngsten im Team wieder Bälle schleppen muss. Aber auch wenn man die Bälle schleppt, kann man trotzdem gut spielen. Ich werde das annehmen und mich nicht verstecken. Worauf freuen Sie sich ansonsten in Berlin? Wir sind ja eigentlich gar nicht so die Großstadtmenschen und kommen eher vom Land. Aber die ersten Eindrücke von Berlin machen schon Spaß. Es gibt es einfach so viele Möglichkeiten, wie man dort seine Freizeit gestalten kann. Darauf freuen wir uns extrem. Und natürlich auf unser kleines Häuschen. Der Promi-Faktor,den ein Handballprofi in Minden hat, fällt allerdings in der Hauptstadt total weg. Darüber bin ich sogar ein bisschen froh. In Minden ist jeder Dritte GWD-Anhänger und weiß, wer ich bin. Da halten mich die Leute schon mal für ein Selfie im Park an oder machen große Augen, wenn ich Essen beim Griechen hole. Das war jetzt nicht belastend oder störend, aber in Berlin läuft das Leben für Handballprofis sehr viel bedeckter. Wenn Ihre Karriere weiter so verläuft, wie Sie sich das vorstellen, wofür wird am Ende GWD stehen? Für einen sehrwichtigen Teil, es waren die ersten Schritte in meiner Profi-Karriere. Hier habe ich es geschafft, mich in der Bundesliga zu etablieren und für hochkarätige Klubs in Frage zu kommen, als GWD-Spieler bin ich auch in die Nationalmannschaft gekommen. Diese Zeit nimmt schon einen großen Teil ein. Man darf auch die menschliche Seite nicht vergessen. Ich bin hier als Jugendlicher angekommen und extrem gereift. Jetzt hoffe ich, dass es so positiv weitergeht – auch wenn die nächsten Schritte immer schwieriger werden. Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 171 oder Sebastian.Kuelbel@MT.de

Marian Michalczik im MT-Interview: „Ich habe auch mal einen Tritt bekommen“

Dynamisch, zielstrebig, erfolgreich: Marian Michalczik wurde bei GWD Minden erst zum Profi und dann zum Anführer einer jungen Mannschaft. Nach fünf Jahren im Bundesliga-Kader wechselt er jetzt zu den Füchsen Berlin. Foto: Strohdiek/Eibner-Pressefoto © imago images/Eibner

Minden. Marian Michalczik hat bei GWD Minden eine Bilderbuch-Karriere hinter sich. Gekommen 2014 als A-Jugendlicher, vollzog er schnell die Entwicklung vom Profi zum Leistungsträger und Nationalspieler. Nach fünf Jahren verlässt er den Mindener Profi-Kader nach der abgebrochenen Saison als Kapitän. Im MT-Interview spricht der 23-Jährige über den stillen Abschied, seine Zeit bei GWD und die neue Herausforderung bei den Füchsen Berlin.

Wegen der Corona-Krise verabschieden Sie sich aus Minden fast durch die Hintertür. Schmerzt Sie das?

Man kann den Abschied nicht so erleben, wie man ihn sich vorgestellt hat. Mit den Jungs auf dem Spielfeld, idealerweise mit tollen Erlebnissen in den letzten Spielen. Wir hatte noch viele Chancen auf Punkte, es hätte uns als Gruppe ganz gut getan, nach einer schwierigen Phase gestärkt aus der Saison zu gehen. Und das hätte mir auch alles einfacher gemacht. Jetzt ist man natürlich ein bisschen unzufrieden, wenn man nur einen Punkt vor dem Abstiegsplatz steht. Ich wollte mich einfach gut verabschieden und auch bei den Fans einen positiven Eindruck hinterlassen.

Kleine Familie: Marian Michalczik mit seiner Freundin Anna-Lena Huwe und Hund Cleo. MT- - © Foto: Külbel
Kleine Familie: Marian Michalczik mit seiner Freundin Anna-Lena Huwe und Hund Cleo. MT- - © Foto: Külbel

Fehlt nicht auch die emotionale Seite?

Ja klar, es geht ja darum, dass man sich gegenseitige Wertschätzung entgegen bringt. Das ist den Fans in Minden immer gut gelungen, und das bleibt jetzt aus. Das ist schade. Denn GWD war für mich ein langes und echt tolles Kapitel. Ich habe hier brutal viel gelernt, nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch menschlich. Das geht los mit der WG in den ersten Jahren, dann das tolle Verhältnis zu Hotti (Ex-Manager Horst Bredemeier, Anm. d. Red.), mit dem ich immer noch regelmäßig telefoniere. Und vor allem natürlich Frank Carstens, der mir einiges mit auf den Weg gegeben hat. Er war heiß auf die Arbeit mit den jungen Spielern und hat früh auf mich gebaut. Ich habe dieses Vertrauen zurückgezahlt, und so ist eine sehr positive Zusammenarbeit entstanden.

Ist Frank Carstens die Person, die Sie bei GWD am meisten geprägt hat?

Ich denke schon. Er hat einfach so viel erlebt und sehr viel zu erzählen. Und wenn du clever bist, saugst du das auf und versuchst, das für dich zu nutzen. So bin ich über die Jahre immer mehr zu einem aktiven Gesprächspartner für den Trainer geworden. Als i-Tüpfelchen bin ich dann letzten Sommer von der Mannschaft zum Kapitän gewählt worden. Das war für mich als recht junger Spieler eine krasse Wertschätzung. Und die Zusammenarbeit mit Frank hat das noch einmal gestärkt.

Was ist das Wichtigste, was Sie in Minden gelernt haben?

Eine Menge. Hotti hat schon damals zu mir gesagt: „Wir sind ein Ausbildungsverein und wollen dich ausbilden.“ Das haben sie auch hingekriegt. Egal ob auf dem Spielfeld oder auch athletisch, wo mir immer wieder meine Defizite aufgezeigt wurden. Mittlerweile kann ich da auf ein gutes Fundament zurückgreifen, das mich hoffentlich lange durch die Bundesliga-Karriere tragen wird. Ich bin mit 16 zu Hause ausgezogen, da ist am Anfang auch eine Menge schief gelaufen. Dann habe ich aber einen Tipp oder auch mal einen Tritt bekommen, der einen auf den richtigen Weg zurückgebracht hat. So hat man sich menschlich entwickelt. Und als ich vor vier Jahren Anna kennengelernt habe und sie zu mir gezogen ist, bin ich noch einmal extrem gereift.

Wie sind Sie mit der Situation umgegangen, als der Sport in der Corona-Krise heruntergefahren wurde?

Gute Frage. Ich bin das eigentlich eher locker angegangen und habe erst einmal die Trainingspläne weiter umgesetzt. Dann habe ich mir gedacht, wie ich die Zeit sinnvoll nutzen könnte und habe mir die Weisheitszähne ziehen lassen, denn die mussten schon länger raus. Danach hatte ich Schmerzen und habe ich zwei Wochen gar nichts gemacht. Am Anfang der Zwangspause hatte ich auch noch mit meiner Wade zu tun, deshalb musste ich ja auch den Lehrgang mit der Nationalmannschaft absagen. Das konnte ich in dieser Zeit gut auskurieren, das war ja der Vorteil der Corona-Phase für viele Handballprofis mit Verletzungsproblemen.

Haben Sie nach dem Saisonabbruch überhaupt noch an GWD oder eher an Berlin gedacht?

Mehr an Berlin. Die Vorfreude ist einfach mega-groß, sich in eine neue Gruppe zu integrieren und neue Ziele zu verfolgen. Aber ich habe mich auch in den letzten Wochen gefreut, die Mindener Jungs noch einmal wiederzusehen und zumindest in die Nähe unseres normalen Arbeitsalltags zurück zu finden.

Haben Sie in der Zwangspause überhaupt an Handball gedacht?

Ich hatte nicht die totale Sehnsucht, das hätte ich mir früher nie vorstellen können. In meiner Kinder- und Jugendzeit war ich so besessen vom Handball, da hätte ich das nicht durchgestanden. Aberjetzt ist es mir eigentlich ziemlich leicht gefallen und ich habe den Abstand sogar genossen. Wenn es jetzt wieder los geht, wird man aber schnell Blut lecken.

In Berlin wartet eine neue Rolle: Bei GWD waren Sie Kapitän und Führungsspieler, beiden Füchsen müssen Sie sich neu beweisen.

Das ist ja, was ich wollte: Bei einem Top-Klub spielen und mich dort einer neuen Herausforderung stellen. In Minden war ich auch nicht sofort das, was ich am Ende war. Das war ein Prozess über einige Saisons, in denen ich Leistung bringen und immer wieder bestätigen und verbessern musste. Und das möchte ich auch in Berlin machen. Wir haben da eine gute Truppe mit heißen, motivierten Leuten. Das merkt man in den Gesprächen mit Manager Stefan Kretzschmar oder dem neuen Trainer Jaron Siewert, die wollen da etwas Geiles auf die Platte bringen. Darauf freue ich mich extrem, auch wenn es merkwürdig sein wird, wenn ich als einer der Jüngsten im Team wieder Bälle schleppen muss. Aber auch wenn man die Bälle schleppt, kann man trotzdem gut spielen. Ich werde das annehmen und mich nicht verstecken.

Worauf freuen Sie sich ansonsten in Berlin?

Wir sind ja eigentlich gar nicht so die Großstadtmenschen und kommen eher vom Land. Aber die ersten Eindrücke von Berlin machen schon Spaß. Es gibt es einfach so viele Möglichkeiten, wie man dort seine Freizeit gestalten kann. Darauf freuen wir uns extrem. Und natürlich auf unser kleines Häuschen.

Der Promi-Faktor,den ein Handballprofi in Minden hat, fällt allerdings in der Hauptstadt total weg.

Darüber bin ich sogar ein bisschen froh. In Minden ist jeder Dritte GWD-Anhänger und weiß, wer ich bin. Da halten mich die Leute schon mal für ein Selfie im Park an oder machen große Augen, wenn ich Essen beim Griechen hole. Das war jetzt nicht belastend oder störend, aber in Berlin läuft das Leben für Handballprofis sehr viel bedeckter.

Wenn Ihre Karriere weiter so verläuft, wie Sie sich das vorstellen, wofür wird am Ende GWD stehen?

Für einen sehrwichtigen Teil, es waren die ersten Schritte in meiner Profi-Karriere. Hier habe ich es geschafft, mich in der Bundesliga zu etablieren und für hochkarätige Klubs in Frage zu kommen, als GWD-Spieler bin ich auch in die Nationalmannschaft gekommen. Diese Zeit nimmt schon einen großen Teil ein. Man darf auch die menschliche Seite nicht vergessen. Ich bin hier als Jugendlicher angekommen und extrem gereift. Jetzt hoffe ich, dass es so positiv weitergeht – auch wenn die nächsten Schritte immer schwieriger werden.

Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 171 oder Sebastian.Kuelbel@MT.de

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