Ein Punkt als Zuckerstück: GWD-Trainer Frank Carstens hat eine klare Haltung zum 26:26 in Balingen Marcus Riechmann Balingen. Punkt gewonnen oder Punkt verloren? Die Antwort auf die Standardfrage nach einem Unentschieden fiel Frank Carstens leicht. „Für uns ist das Ergebnis ein Vorteil. Wir holen einen Auswärtspunkt bei einem direkten Konkurrenten“, sagte der Coach des Handball-Bundesligisten GWD Minden am späten Samstagabend, nachdem sich sein Team im Kellerderby bei HBW Balingen-Weilstetten ein 26:26 (14:14) erkämpft hatte. GWD behauptete damit in der Tabelle den Zwei-Punkte-Vorsprung vor Balingen und baute das Polster auf die Eulen Ludwigshafen, die auf dem ersten Abstiegsplatz liegen, auf nun drei Zähler aus Eine letzte entschlossene Angriffsaktion bescherte den Mindenern ein halbes Erfolgserlebnis und versüßte neben einer Kiste Tannenzäpfle-Bier die nächtliche Rückfahrt. Vladan Lipovina hatte Balingen zehn Sekunden vor dem Abpfiff mit einem Gewaltwurf mit 26:25 in Führung geworfen. Nach 59 Minuten zähen Ringens ließen die Gäste die Wirkung des Treffers an sich abprallen. Sie stürmten zur Mittellinie, der schnelle Anwurf brachte den Ball zu Marian Michalczik, und der Teamkapitän bewies Führungsqualität. Er passte den Ball zu Kreisläufer Magnus Gullerud, der Norweger vollendete den Angriff mit dem Ausgleichstreffer. Der Jubel darüber fiel bescheiden aus. Zum einen fehlten den GWD-Profis nach einem zehrenden Kampf die Kraft, zum anderen mussten sie ihre Gefühle erst sortieren. Und so standen sie ein wenig ratlos auf dem Spielfeld herum. Neben ihnen die Gastgeber in den blauen Trikots, deren Emotionen deutlicher in den Gesichtern zu lesen war: „Du führst zehn Sekunden vor Schluss mit einem Tor und gewinnst doch nicht. Das ist schon extrem bitter“, fasste Jona Schoch, am Samstag bester HBW-Torschütze, die Enttäuschung nach dem nächsten sieglosen Spiel in Worte. Von Carstens fiel mit dem Abpfiff großer Druck ab. Druck der zuvor auch auf den Schultern aller Spieler schwer gelastet hatte. „Es galt: Verlieren verboten“, nannte GWD-Spielmacher Juri Knorr später das Motto des Abends, und genauso hatten die Protagonisten zuvor das Spiel bestritten. Frei von jeder Leichtigkeit und arm an Kreativität ackerten sich die Handballer beider Seiten durch das Kellerduell. Für Minden endete mit dem Punktgewinn nicht nur eine lange Durststrecke in fremder Halle. Die weiß gewandeten Männer holten sich den ersten Auswärtspunkt seit dem 26:25-Sieg bei der HSG Nordhorn-Lingen am 20. Oktober. Vor allem schlossen sie die psychisch wie physisch herausfordernden englischen Woche mit einem guten Gefühl. Nach drei Spielen in acht Tagen und den Niederlagen in Leipzig und gegen Kiel empfand Coach Carstens den Punktgewinn in Balingen wie ein die Bitterkeit linderndes Zuckerstück. „Wenn wir das auch noch verloren hätten, hätte ich die Welt nicht mehr verstanden“, sagte der Coach und lobte sein Team: „Nach dieser Woche noch so eine Energieleistung rauszuhauen, macht mich echt stolz.“ Seine Mannschaft holte sich in Baden-Württemberg den Punkt auf die gleiche Art zurück, wie sie ihn beim 30:30 im Hinspiel im November verlorenen verloren hatte. Damals ließ Jannik Hausmann die Balinger jubeln, Samstag entriss Gullerud den Gastgebern nach sechs Niederlagen in Folge den greifbar nahen ersten Sieg des Jahres. Während die Gefühlslage nach dem Spielende indifferent war, gab es an einer Bewertung keinen Zweifel: „Dieses Spiel hatte dieses Ergebnis verdient“, sagte Carstens, was alle Beteiligten über die Punkteteilung dachten. Und auch in dieser Einschätzung waren sich alle einig: „Das war ein unheimlich intensives Spiel“, meinte HBW-Coach Jens Bürkle. Nicht in der Härte der Auseinandersetzung wurde die Intensität deutlich, aber in der Anspannung der Spieler, die 60 Minuten Tor um Tor und um jeden Meter miteinander rangen. Die Partie entsprach in ihrem biederen Spielniveau dem Tabellenstand der beiden Kontrahenten. Bei Mannschaften taten sich schwer, spielerischer Glanz war Mangelware vor 2.350 Zuschauern in der ausverkauften Sparkassen-Arena. Die Abwehrreihen sowie das Bemühen, nur keine Fehler zu machen, bestimmten das Duell. Trotzdem gab es Fehler in Hülle und Fülle auf beiden Seiten. „Wir schmeißen viele Bälle ohne Druck einfach weg“, beschrieb der Balinger Schoch die nervlichen Folgen des Abstiegskampfes vor allem für das Offensivspiel. Deutlich besser gelang beiden Teams die Deckungsarbeit. Das kam beiden Torhütern entgegen Sowohl Mindens Malte Semisch wie auch HBW-Keeper Mike Jensen leisteten solide Arbeit zwischen den Pfosten und wehrten nebenbei auch ein paar erstklassige Chancen ab. GWD lief den Gästen meist hinterher, ließ sich aber nie abschütteln. Auch nicht zu Beginn der zweiten Halbzeit, als drei Zeitstrafen in Folge den Gästen zu schaffen machten. Erstmalig nach dem 3:2 ging Minden in der 50. Minute wieder in Führung: Lucas Meister erzielte nach schönem Zuspiel von Juri Knorr das 22:21 (50.). Im Gegenzug egalisierte Balingens Oddur Gretarsson mit dem ersten Siebenmeter des Tages zum 22:22. Carstens nahm eine Auszeit. „Wir bleiben cool und nehmen die Punkte mit nach Hause“, schwor er seine Männer ein. Es wurde immerhin einer. In den Schlussminuten zauberte Balingen einen Joker aus dem Ärmel. Der in der zweiten Halbzeit völlig abgetauchte Linkshänder Lipovina warf Balingen zum 25:24 (59.) und 26:25 (60.) in Führung. Doch Minden gelang unter der Führung von Michalczik jeweils der Ausgleich. Erst traf der Mittelmann im Spiel mit dem siebten Feldspieler entschlossen zum 25:25, dann sah er nach einer schnell ausgeführten Mitte Gullerud, der den 26:26-Endstand herstellte. Blanke Freude löste das zwar nicht aus, aber Juri Knorr stellte fest: „Wenigstens nehmen wir etwas mit.“ Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 159 oder unter Marcus.Riechmann@MT.de

Ein Punkt als Zuckerstück: GWD-Trainer Frank Carstens hat eine klare Haltung zum 26:26 in Balingen

Gute Zuspiele, wichtige Tore: Mindens Teamkapitän Marian Michalczik, der hier gegen die Balinger Abwehr seinen Kreisläufer sucht, stellte seine Führungsqualität unter Beweis. Foto: Sebastian Baur/Eibner © Eibner-Pressefoto

Balingen. Punkt gewonnen oder Punkt verloren? Die Antwort auf die Standardfrage nach einem Unentschieden fiel Frank Carstens leicht. „Für uns ist das Ergebnis ein Vorteil. Wir holen einen Auswärtspunkt bei einem direkten Konkurrenten“, sagte der Coach des Handball-Bundesligisten GWD Minden am späten Samstagabend, nachdem sich sein Team im Kellerderby bei HBW Balingen-Weilstetten ein 26:26 (14:14) erkämpft hatte. GWD behauptete damit in der Tabelle den Zwei-Punkte-Vorsprung vor Balingen und baute das Polster auf die Eulen Ludwigshafen, die auf dem ersten Abstiegsplatz liegen, auf nun drei Zähler aus

Eine letzte entschlossene Angriffsaktion bescherte den Mindenern ein halbes Erfolgserlebnis und versüßte neben einer Kiste Tannenzäpfle-Bier die nächtliche Rückfahrt. Vladan Lipovina hatte Balingen zehn Sekunden vor dem Abpfiff mit einem Gewaltwurf mit 26:25 in Führung geworfen. Nach 59 Minuten zähen Ringens ließen die Gäste die Wirkung des Treffers an sich abprallen. Sie stürmten zur Mittellinie, der schnelle Anwurf brachte den Ball zu Marian Michalczik, und der Teamkapitän bewies Führungsqualität. Er passte den Ball zu Kreisläufer Magnus Gullerud, der Norweger vollendete den Angriff mit dem Ausgleichstreffer.

Angespannt verfolgen GWD-Trainer Frank Carstens sowie die Spieler Joscha Ritterbach (li.) und Kevin Gulliksen (re.) die Partie. Foto: Bauer/Eibner - © Eibner-Pressefoto
Angespannt verfolgen GWD-Trainer Frank Carstens sowie die Spieler Joscha Ritterbach (li.) und Kevin Gulliksen (re.) die Partie. Foto: Bauer/Eibner - © Eibner-Pressefoto

Der Jubel darüber fiel bescheiden aus. Zum einen fehlten den GWD-Profis nach einem zehrenden Kampf die Kraft, zum anderen mussten sie ihre Gefühle erst sortieren. Und so standen sie ein wenig ratlos auf dem Spielfeld herum. Neben ihnen die Gastgeber in den blauen Trikots, deren Emotionen deutlicher in den Gesichtern zu lesen war: „Du führst zehn Sekunden vor Schluss mit einem Tor und gewinnst doch nicht. Das ist schon extrem bitter“, fasste Jona Schoch, am Samstag bester HBW-Torschütze, die Enttäuschung nach dem nächsten sieglosen Spiel in Worte.

Von Carstens fiel mit dem Abpfiff großer Druck ab. Druck der zuvor auch auf den Schultern aller Spieler schwer gelastet hatte. „Es galt: Verlieren verboten“, nannte GWD-Spielmacher Juri Knorr später das Motto des Abends, und genauso hatten die Protagonisten zuvor das Spiel bestritten. Frei von jeder Leichtigkeit und arm an Kreativität ackerten sich die Handballer beider Seiten durch das Kellerduell.

Für Minden endete mit dem Punktgewinn nicht nur eine lange Durststrecke in fremder Halle. Die weiß gewandeten Männer holten sich den ersten Auswärtspunkt seit dem 26:25-Sieg bei der HSG Nordhorn-Lingen am 20. Oktober. Vor allem schlossen sie die psychisch wie physisch herausfordernden englischen Woche mit einem guten Gefühl. Nach drei Spielen in acht Tagen und den Niederlagen in Leipzig und gegen Kiel empfand Coach Carstens den Punktgewinn in Balingen wie ein die Bitterkeit linderndes Zuckerstück. „Wenn wir das auch noch verloren hätten, hätte ich die Welt nicht mehr verstanden“, sagte der Coach und lobte sein Team: „Nach dieser Woche noch so eine Energieleistung rauszuhauen, macht mich echt stolz.“

Seine Mannschaft holte sich in Baden-Württemberg den Punkt auf die gleiche Art zurück, wie sie ihn beim 30:30 im Hinspiel im November verlorenen verloren hatte. Damals ließ Jannik Hausmann die Balinger jubeln, Samstag entriss Gullerud den Gastgebern nach sechs Niederlagen in Folge den greifbar nahen ersten Sieg des Jahres.

Während die Gefühlslage nach dem Spielende indifferent war, gab es an einer Bewertung keinen Zweifel: „Dieses Spiel hatte dieses Ergebnis verdient“, sagte Carstens, was alle Beteiligten über die Punkteteilung dachten. Und auch in dieser Einschätzung waren sich alle einig: „Das war ein unheimlich intensives Spiel“, meinte HBW-Coach Jens Bürkle. Nicht in der Härte der Auseinandersetzung wurde die Intensität deutlich, aber in der Anspannung der Spieler, die 60 Minuten Tor um Tor und um jeden Meter miteinander rangen.

Die Partie entsprach in ihrem biederen Spielniveau dem Tabellenstand der beiden Kontrahenten. Bei Mannschaften taten sich schwer, spielerischer Glanz war Mangelware vor 2.350 Zuschauern in der ausverkauften Sparkassen-Arena. Die Abwehrreihen sowie das Bemühen, nur keine Fehler zu machen, bestimmten das Duell. Trotzdem gab es Fehler in Hülle und Fülle auf beiden Seiten. „Wir schmeißen viele Bälle ohne Druck einfach weg“, beschrieb der Balinger Schoch die nervlichen Folgen des Abstiegskampfes vor allem für das Offensivspiel. Deutlich besser gelang beiden Teams die Deckungsarbeit. Das kam beiden Torhütern entgegen Sowohl Mindens Malte Semisch wie auch HBW-Keeper Mike Jensen leisteten solide Arbeit zwischen den Pfosten und wehrten nebenbei auch ein paar erstklassige Chancen ab.

GWD lief den Gästen meist hinterher, ließ sich aber nie abschütteln. Auch nicht zu Beginn der zweiten Halbzeit, als drei Zeitstrafen in Folge den Gästen zu schaffen machten. Erstmalig nach dem 3:2 ging Minden in der 50. Minute wieder in Führung: Lucas Meister erzielte nach schönem Zuspiel von Juri Knorr das 22:21 (50.). Im Gegenzug egalisierte Balingens Oddur Gretarsson mit dem ersten Siebenmeter des Tages zum 22:22. Carstens nahm eine Auszeit. „Wir bleiben cool und nehmen die Punkte mit nach Hause“, schwor er seine Männer ein. Es wurde immerhin einer.

In den Schlussminuten zauberte Balingen einen Joker aus dem Ärmel. Der in der zweiten Halbzeit völlig abgetauchte Linkshänder Lipovina warf Balingen zum 25:24 (59.) und 26:25 (60.) in Führung. Doch Minden gelang unter der Führung von Michalczik jeweils der Ausgleich. Erst traf der Mittelmann im Spiel mit dem siebten Feldspieler entschlossen zum 25:25, dann sah er nach einer schnell ausgeführten Mitte Gullerud, der den 26:26-Endstand herstellte. Blanke Freude löste das zwar nicht aus, aber Juri Knorr stellte fest: „Wenigstens nehmen wir etwas mit.“

Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 159 oder unter Marcus.Riechmann@MT.de

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