MT-Interview mit GWD-Trainer Frank Carstens: „Unsere Situationist ernst“ Sebastian Külbel,Michael Lorenz Minden. Ein Umbruch im Sommer, ein Tief im Herbst und eine ernste Lage im Winter: GWD Minden ist nach der ersten Saisonhälfte in der Handball-Bundesliga auf Tabellenplatz 15 nicht frei von Abstiegssorgen. „Damit sind wir nicht zufrieden“, betont Trainer Frank Carstens. Im MT-Interview spricht er über die Defizite seiner Mannschaft, seine Sicht auf die schwierige Situation und einen Augenöffner im Dezember. Herr Carstens, schon vor dem letzten Spiel des Jahres gegen Hannover haben sie gesagt, dass vier Punkte in der Bilanz fehlen. Was fehlt ihrer Mannschaft noch? Die Fähigkeit, die Spiele gegen die direkten Konkurrenten zu gewinnen. Wir waren eine Zeit lang auf einem sehr gefährlichen Weg: Gegen Top-Mannschaften haben wir gute Leistungen gebracht, aber in den entscheidenden Spielen gegen direkte Konkurrenten haben wir nicht den Punch, die Qualität gehabt, zu gewinnen. Diese Punkte fehlen uns. Wo lagen in diesen Spielen die größten Defizite? Das waren ganz unterschiedliche Dinge. Zu Hause gegen Leipzig war es ganz klar der Abschluss, das gilt ein wenig auch für das Spiel in Stuttgart, wo wir zudem keine Torwartleistung hatten. Was sich aber durchzieht, ist die fehlende Stabilität und die fehlende Bereitschaft, in diesen Spielen All In zu gehen. Und das war am Ende in den Heimspielen gegen den Bergischen HC und Hannover viel besser, als wir eine ganz andere Präsenz hatten – von Beginn an. Ist es auch eine mentale Frage, wenn sich fast jede Woche eine andere Baustelle auftut? Natürlich. Das ist ein Bereich, an dem wir ansetzen können. Aber es gibt auch einen roten Faden, der sich durch das Handballerische zieht, und das ist die Abwehr. Wir haben zwar viele gestohlene Bälle, das ist gut. Aber das darf nicht unser einziger Ballgewinn sein. Wir müssen mehr die Torhüter unterstützen, damit sie überhaupt die Chance haben, einen Ball zu halten. Symbolhaft ist das Spiel gegen Erlangen, in dem wir von 29 Toren 23 nach Durchbrüchen kassieren. Da ist jeder Torwart irgendwann chancenlos. Das haben wir falsch gemacht, und das wurde im zunehmenden Verlauf der Saison immer schlechter. Das habe ich zu spät erkannt, und somit ist es auch meine Verantwortung. Wie kann man da gegensteuern? Das Erlangen-Spiel war für uns ein Augenöffner, das haben wir sehr kritisch ausgewertet. Und sechs Tage später sind wir von der Ausrichtung ganz anders ins Spiel gegangen, haben wesentlich defensiver und kompakter gestanden, um nicht mehr so viele Durchbrüche zuzulassen. Wir haben auch mit dieser risikoreichen Art der Abwehr unsere Chancen gehabt, aber wir haben keine Punkte gemacht. Und wir haben erkannt, dass wir den Torhütern zu wenig Hilfe geben. Im Dezember geriet GWD plötzlich wieder in Abstiegsgefahr ist. Ist das besorgniserregend? Ja klar! Das habe ich ja auch nach der Niederlage gegen Erlangen ganz klar gesagt. Ich rede nicht über den Klassenerhalt, wenn mir das keine Sorgen macht. Denn diese Situation verändert alles, Abstiegskampf wird nicht nach normalen Maßstäben gemessen. Und deswegen ist es wichtig, wie wir da reagiert haben mit den drei Punkten vor der WM-Pause gegen den BHC und Hannover. Das macht mir Hoffnung, dass wir verstanden haben, was jetzt zu tun ist. Bis zu seiner Verletzung war Juri Knorr mit entscheidenden Aktionen ein wichtiger Mann. Sind Sie froh, dass er jetzt wieder zurück ist? Juri war ein Gamechanger für uns, und zwar ziemlich schnell. Er hat zwar auch Spiele, in denen er seine Qualität noch nicht so gut zeigen konnte. Aber er hat uns in der Tat ganz wichtige Aspekte von der Bank gebracht: Eine unheimliche Energie, eine unheimliche Überzeugung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das haben wir nicht immer gehabt. Hat sich die Leistung von den Bankspielern auch insgesamt verbessert? Ich finde dass das durchaus gestiegen ist. Besonders in der Schlussphase haben wir viele gute Leistungen, zum Beispiel von Savvas Savvas, gesehen. Juri war ein gutes Beispiel, Christoph Reißky macht seine Sache sehr gut. Auch Lucas Meister gehört in diese Reihe, mit seiner Leistung bin ich sehr zufrieden. Wo steht die Mannschaft insgesamt in ihrer Entwicklung? Das ist schwer einzuschätzen. Erstmal ist es so, dass die Tabelle nicht lügt. Wir sind als Fünfzehnter die viertschlechteste der 18 besten Mannschaften in Deutschland. Damit sind wir nicht zufrieden, die Lage ist ernst. Auf der anderen Seite haben wir ein relativ gutes Torverhältnis, unsere höchste Niederlage war am ersten Spieltag mit sechs Toren in Hannover. Was hat Umbruch im Sommer für das Team bedeutet? Man darf nicht vergessen, dass wir mit Dalibor Doder und Luka Zvizej sehr viel Erfahrung verloren haben, uns sportlich und als Gruppe neu finden mussten. Es hat eine Zeit gedauert, bis wir Automatismen und funktionierende Antworten auf bestimmte Fragen entwickelt hatten. Auf der Basis unseres Grundspiels gab es dann immer wieder einzelne Spieler, die hervor gestochen sind. Allerdings hatten wir auch immer wieder wechselnde Ausfälle. Wir starten zum Beispiel in die Saison ohne Espen Christensen, Aliaksandr Padshyvalau und Magnus Gullerud: Torwart, Rückraum Mitte, Kreisläufer – das ist die zentrale Achse des Handballs. So mussten die neuen Spieler von Anfang an ran, und das war nicht ganz einfach. Dann kamen die Verletzungen von Marian Michalczik, Juri Knorr, Miljan Pusica, auch Christoffer Rambo war in den letzten Woche nicht fit. Es ist nicht optimal gelaufen. Deswegen ist es schwer zu beurteilen, wo wir wirklich stehen. Was funktioniert denn gut? Die Konstanz ist das Tempospiel, da können wir zwar an Effizienz zulegen, bekommen aber immer viele Aktionen. Wir haben unsere Kreis-Abwehr verbessert und fangen viel mehr Bälle ab. Und wir sind im Rückzug besser geworden – und das, obwohl wir eines der schlechtesten Teams sind, was die technischen Fehler angeht. Das ist eine Sache, die mich ärgert. Wie kann man das verbessern? Die Standardantwort darauf ist es, das Risiko minimieren und mehr Verantwortung für den Ball zu zeigen. Wenn wir das tun, sind wir maximal konkurrenzfähig und können mithalten. Denn ansonsten funktioniert unser Angriff, wir kriegen immer unsere Möglichkeiten. Was steht in der Vorbereitung im Fokus? Abwehr, Kompaktheit, Aggressivität am Mann. Selbst wenn wir die Durchbrüche verhindern, bekommen wir zu viele Würfe aus acht Metern, die wir im Angriff nicht bekommen würden. Es geht um die letzte Intervention am Mann, wir müssen in den Eins-gegen-Eins-Situationen besser werden und den Wurfarm attackieren. Mit der Schließung der Kampa-Halle hat die Mannschaft auch ihr Trainingszentrum verloren. Kann sich das negativ auswirken? Das darf sich nicht auswirken. Eine Ausrede in dieser Form können wir uns nicht leisten. Wir sind Fünfzehnter, von so etwas dürfen wir uns nicht ablenken lassen. Unsere Situation ist zu ernst, um über dieses Thema irgendwelche Befindlichkeiten auszuleben. Wie sehen Sie den Umzug nach Lübbecke? Das ist für die Zuschauer sicher ein größeres Problem als für uns. Wenn wir da ein, zwei Spiele gemacht haben, werden wir auch das in irgendeiner Form als „Heimhalle“ begreifen. So ist die Situation, und wir müssen das annehmen. Das ist wie mit unserem Tabellenplatz: Es kann uns peinlich sein, da unten zu stehen, weil wie uns schon einen Schritt weiter wähnten. Oder man geht es an und versucht schnell, das zu ändern. Wir müssen jetzt so rauskommen aus der Pause, wie wir reingekommen sind. Diese Eigenschaften braucht man, nur so kann man im Kampf um den Klassenerhalt bestehen. Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 171 oder Sebastian.Kuelbel@MT.de

MT-Interview mit GWD-Trainer Frank Carstens: „Unsere Situationist ernst“

„Das habe ich zu spät erkannt“: GWD Mindens Trainer zeigt sich bei seiner Bilanz der ersten Saisonhälfte auch selbstkritisch bezüglich der Abwehrarbeit. Foto: Noah Wedel © Noah Wedel

Minden. Ein Umbruch im Sommer, ein Tief im Herbst und eine ernste Lage im Winter: GWD Minden ist nach der ersten Saisonhälfte in der Handball-Bundesliga auf Tabellenplatz 15 nicht frei von Abstiegssorgen. „Damit sind wir nicht zufrieden“, betont Trainer Frank Carstens. Im MT-Interview spricht er über die Defizite seiner Mannschaft, seine Sicht auf die schwierige Situation und einen Augenöffner im Dezember.

Herr Carstens, schon vor dem letzten Spiel des Jahres gegen Hannover haben sie gesagt, dass vier Punkte in der Bilanz fehlen. Was fehlt ihrer Mannschaft noch?

Die Fähigkeit, die Spiele gegen die direkten Konkurrenten zu gewinnen. Wir waren eine Zeit lang auf einem sehr gefährlichen Weg: Gegen Top-Mannschaften haben wir gute Leistungen gebracht, aber in den entscheidenden Spielen gegen direkte Konkurrenten haben wir nicht den Punch, die Qualität gehabt, zu gewinnen. Diese Punkte fehlen uns.

Wo lagen in diesen Spielen die größten Defizite?

Das waren ganz unterschiedliche Dinge. Zu Hause gegen Leipzig war es ganz klar der Abschluss, das gilt ein wenig auch für das Spiel in Stuttgart, wo wir zudem keine Torwartleistung hatten. Was sich aber durchzieht, ist die fehlende Stabilität und die fehlende Bereitschaft, in diesen Spielen All In zu gehen. Und das war am Ende in den Heimspielen gegen den Bergischen HC und Hannover viel besser, als wir eine ganz andere Präsenz hatten – von Beginn an.

Ist es auch eine mentale Frage, wenn sich fast jede Woche eine andere Baustelle auftut?

Natürlich. Das ist ein Bereich, an dem wir ansetzen können. Aber es gibt auch einen roten Faden, der sich durch das Handballerische zieht, und das ist die Abwehr. Wir haben zwar viele gestohlene Bälle, das ist gut. Aber das darf nicht unser einziger Ballgewinn sein. Wir müssen mehr die Torhüter unterstützen, damit sie überhaupt die Chance haben, einen Ball zu halten. Symbolhaft ist das Spiel gegen Erlangen, in dem wir von 29 Toren 23 nach Durchbrüchen kassieren. Da ist jeder Torwart irgendwann chancenlos. Das haben wir falsch gemacht, und das wurde im zunehmenden Verlauf der Saison immer schlechter. Das habe ich zu spät erkannt, und somit ist es auch meine Verantwortung.

Wie kann man da gegensteuern?

Das Erlangen-Spiel war für uns ein Augenöffner, das haben wir sehr kritisch ausgewertet. Und sechs Tage später sind wir von der Ausrichtung ganz anders ins Spiel gegangen, haben wesentlich defensiver und kompakter gestanden, um nicht mehr so viele Durchbrüche zuzulassen. Wir haben auch mit dieser risikoreichen Art der Abwehr unsere Chancen gehabt, aber wir haben keine Punkte gemacht. Und wir haben erkannt, dass wir den Torhütern zu wenig Hilfe geben.

Im Dezember geriet GWD plötzlich wieder in Abstiegsgefahr ist. Ist das besorgniserregend?

Ja klar! Das habe ich ja auch nach der Niederlage gegen Erlangen ganz klar gesagt. Ich rede nicht über den Klassenerhalt, wenn mir das keine Sorgen macht. Denn diese Situation verändert alles, Abstiegskampf wird nicht nach normalen Maßstäben gemessen. Und deswegen ist es wichtig, wie wir da reagiert haben mit den drei Punkten vor der WM-Pause gegen den BHC und Hannover. Das macht mir Hoffnung, dass wir verstanden haben, was jetzt zu tun ist.

Bis zu seiner Verletzung war Juri Knorr mit entscheidenden Aktionen ein wichtiger Mann. Sind Sie froh, dass er jetzt wieder zurück ist?

Juri war ein Gamechanger für uns, und zwar ziemlich schnell. Er hat zwar auch Spiele, in denen er seine Qualität noch nicht so gut zeigen konnte. Aber er hat uns in der Tat ganz wichtige Aspekte von der Bank gebracht: Eine unheimliche Energie, eine unheimliche Überzeugung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das haben wir nicht immer gehabt.

Hat sich die Leistung von den Bankspielern auch insgesamt verbessert?

Ich finde dass das durchaus gestiegen ist. Besonders in der Schlussphase haben wir viele gute Leistungen, zum Beispiel von Savvas Savvas, gesehen. Juri war ein gutes Beispiel, Christoph Reißky macht seine Sache sehr gut. Auch Lucas Meister gehört in diese Reihe, mit seiner Leistung bin ich sehr zufrieden.

Wo steht die Mannschaft insgesamt in ihrer Entwicklung?

Das ist schwer einzuschätzen. Erstmal ist es so, dass die Tabelle nicht lügt. Wir sind als Fünfzehnter die viertschlechteste der 18 besten Mannschaften in Deutschland. Damit sind wir nicht zufrieden, die Lage ist ernst. Auf der anderen Seite haben wir ein relativ gutes Torverhältnis, unsere höchste Niederlage war am ersten Spieltag mit sechs Toren in Hannover.

Was hat Umbruch im Sommer für das Team bedeutet?

Man darf nicht vergessen, dass wir mit Dalibor Doder und Luka Zvizej sehr viel Erfahrung verloren haben, uns sportlich und als Gruppe neu finden mussten. Es hat eine Zeit gedauert, bis wir Automatismen und funktionierende Antworten auf bestimmte Fragen entwickelt hatten. Auf der Basis unseres Grundspiels gab es dann immer wieder einzelne Spieler, die hervor gestochen sind. Allerdings hatten wir auch immer wieder wechselnde Ausfälle. Wir starten zum Beispiel in die Saison ohne Espen Christensen, Aliaksandr Padshyvalau und Magnus Gullerud: Torwart, Rückraum Mitte, Kreisläufer – das ist die zentrale Achse des Handballs. So mussten die neuen Spieler von Anfang an ran, und das war nicht ganz einfach. Dann kamen die Verletzungen von Marian Michalczik, Juri Knorr, Miljan Pusica, auch Christoffer Rambo war in den letzten Woche nicht fit. Es ist nicht optimal gelaufen. Deswegen ist es schwer zu beurteilen, wo wir wirklich stehen.

Was funktioniert denn gut?

Die Konstanz ist das Tempospiel, da können wir zwar an Effizienz zulegen, bekommen aber immer viele Aktionen. Wir haben unsere Kreis-Abwehr verbessert und fangen viel mehr Bälle ab. Und wir sind im Rückzug besser geworden – und das, obwohl wir eines der schlechtesten Teams sind, was die technischen Fehler angeht. Das ist eine Sache, die mich ärgert.

Wie kann man das verbessern?

Die Standardantwort darauf ist es, das Risiko minimieren und mehr Verantwortung für den Ball zu zeigen. Wenn wir das tun, sind wir maximal konkurrenzfähig und können mithalten. Denn ansonsten funktioniert unser Angriff, wir kriegen immer unsere Möglichkeiten.

Was steht in der Vorbereitung im Fokus?

Abwehr, Kompaktheit, Aggressivität am Mann. Selbst wenn wir die Durchbrüche verhindern, bekommen wir zu viele Würfe aus acht Metern, die wir im Angriff nicht bekommen würden. Es geht um die letzte Intervention am Mann, wir müssen in den Eins-gegen-Eins-Situationen besser werden und den Wurfarm attackieren.

Mit der Schließung der Kampa-Halle hat die Mannschaft auch ihr Trainingszentrum verloren. Kann sich das negativ auswirken?

Das darf sich nicht auswirken. Eine Ausrede in dieser Form können wir uns nicht leisten. Wir sind Fünfzehnter, von so etwas dürfen wir uns nicht ablenken lassen. Unsere Situation ist zu ernst, um über dieses Thema irgendwelche Befindlichkeiten auszuleben.

Wie sehen Sie den Umzug nach Lübbecke?

Das ist für die Zuschauer sicher ein größeres Problem als für uns. Wenn wir da ein, zwei Spiele gemacht haben, werden wir auch das in irgendeiner Form als „Heimhalle“ begreifen. So ist die Situation, und wir müssen das annehmen. Das ist wie mit unserem Tabellenplatz: Es kann uns peinlich sein, da unten zu stehen, weil wie uns schon einen Schritt weiter wähnten. Oder man geht es an und versucht schnell, das zu ändern. Wir müssen jetzt so rauskommen aus der Pause, wie wir reingekommen sind. Diese Eigenschaften braucht man, nur so kann man im Kampf um den Klassenerhalt bestehen.

Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 171 oder Sebastian.Kuelbel@MT.de

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