Kleine Geheimnisse der Kampa-Halle: Zum Abschied ein Rundgang durch verborgene Räume Marcus Riechmann Minden (mt). Die beiden Kümmerling-Flaschen gaben Salvatore Genduso lange ein Rätsel auf. Regelmäßig nach den GWD-Heimspielen entdeckte der Hausmeister die leeren Schnaps-Pülleken abgestellt neben der Tür zur Umkleidekabine des Mindener Teams. „Erst standen die auf einem Feuerlöscher, später dann auf dem Türschild. Ich habe mich gefragt, wer die da immer abstellt. Die beiden haben sich immer amüsiert, irgendwann haben sie es mir dann erzählt", berichtet der gebürtige Sizilianer von seinen Anfängen in der Kreissporthalle Mitte der 90er Jahre. Die beiden – das sind Gerhard „Zahni" Müller und Artur Brandt. Zwei Männer, die so eng mit GWD Minden und der Kampa-Halle verbunden sind wie wenige andere. Tag für Tag waren sie in der Halle im Einsatz: Müller als Mannschaftsbetreuer und Mann für alle Fälle, Brandt als Masseur. 27 Jahre kümmerte sich der heute 82-jährige Brandt als Mann für geschmeidige Muskulatur um die Mindener Handballer, 2002 wechselte der gebürtige Gelsenkirchener für sieben Jahre zur Frauenhandball-Nationalmannschaft. Ähnlich lange wirkte der 80 Jahre alte „Zahni" bei GWD: Von Helmut Meisolle im Februar 1981 engagiert war der Ur-Dankerser bis zum Juni 2005 für nahezu alle Belange rund um die Mannschaft zuständig – bis hin zur Wäsche der Trikots. Das erledigte seine Gattin Marianne 30 Jahre lang, Näharbeiten für kleinere Schäden inklusive. Brandt und Müller sind zusammen einen langen Weg gegangen, seit 1995 gemeinsam mit Genduso, der damals an der Seite von Wolfgang Kornherr neuer Hausmeister der Kreissporthalle wurde. Die drei tragen ein Füllhorn an Anekdoten mit sich herum. Amüsante Episoden aus dem Alltag der Sportler könnten sie abendfüllend berichten: So wie die von Kreisläufer Dima Kusilew, der bei einem Umzug die Küche in der falschen Wohnung tapezierte. Und sie kennen zahllose Geschichten rund um die Spiel- und Trainingsstätte des Bundesligisten, die mit der Schließung der Kampa-Halle zu Geschichte werden. Auf einem letzten Rundgang erzählen die Männer von den besonderen Orten der Kampa-Halle. Geheime Plätze voller Erinnerungen. So wie die Geschichte der Kümmerlinge. „Für zwei Punkte tun wir alles." Unter diesem Motto stand das Schnaps-Ritual vor jedem Heimspiel. „Manchmal hat es ja geholfen", meint Müller, lacht und öffnet die Tür zu Raum B. Der Verschlag, direkt gegenüber der Kabine der GWD-Mannschaft gelegen, ist legendär. Nach dem Umbau der Halle im Jahr 1999 machten sich Müller und Brandt die Abstellkammer zu eigen. „Raum B habe ich erfunden", sagt Müller mit breitem Grinsen unter dem buschigen Schnauzbart. Ein kleiner Tisch mit drei Stühlen, ein Kühlschrank und eine Kaffeemaschine genügten als Ausstattung für die Nische unter der neuen Tribüne, in der auch die Wasservorräte für das Team und Trainingsutensilien lagerten. „Hier hat sich jeder schon mal den Kopf gestoßen", sagt Müller, der dort über Jahrzehnte ausgewählte Gäste zum Bier oder zum Kaffee begrüßte. Der frühere Teamarzt Karl-Friedrich „Charles" Sander schaute vorbei oder Gästetrainer wie Alfred Gislason. „Raum B – da wussten die Insider Bescheid. Auch Spieler kamen manchmal, aber das sahen die Trainer nicht gerne", berichtet Müller. Die Handballer beider Mannschaften trafen sich nach Abpfiff ein paar Meter weiter, geschützt von den Blicken der Zuschauer auf der Laufbahn, die direkt an die Umkleidekabinen angedockt ist. „Da tranken die Jungs Bier. Heute trinken sie Vita-Malz", erzählt Müller, der wie Brandt auch als Ruheständler auf festen Plätzen fast jedes GWD-Heimspiel in der Kampa-Halle besucht hat – bis zum Finale am vergangenen Sonntag gegen TSV Hannover-Burgdorf. Mitte der 2000er Jahre erschlossen die GWD-Profis für ein paar Spielzeiten einen neuen Rückzugsraum. Hinter einer unscheinbaren Seitentür, gelegen am halbgläsernen Durchgang zwischen Sportlereingang und Südfoyer, lagerten Getränkevorräte. Auf schmucklosen rund neun Quadratmetern Fläche machten es sich die Spieler auf den Kisten bequem, tranken im fensterlosen Kabuff Bier, rauchten und sprachen über Sport, kleine und große Probleme oder ganz alltäglichen Kram. „Bis zu 13 Spieler saßen da manchmal drin, mit den großen Sporttaschen natürlich, denn keiner sollte etwas merken", erzählt Genduso und sagt schmunzelnd: „Die Trainer haben sich oft gewundert, warum die Spieler so schnell weg waren. Aber die waren ja gar nicht weg." Fast nebenan des Spielerverstecks liegt ein Besprechungszimmer, in dem nach den Heimspielen die Pressekonferenzen abgehalten wurden. Auf einer Pinnwand ist neben der Tür eine vergilbte Hinweistafel mit zwei grob durch den Kork gedübelten Spax-Schrauben befestigt. „Presse Raum" kündet das fleckige Schild, an dem Reste abgekratzter Kaugummis kleben. „Hier ist es immer warm", berichtet Genduso. Dabei sind die Heizkörper an den Wänden schon lange nicht mehr in Betrieb – das im Keller unter dem Raum untergebrachte Blockheizkraftwerk sorgt rund durch das Jahr für muckelige Temperaturen. Weit entfernt, auf der anderen Stirnseite der Halle, liegt „Tigers Schatzkammer". Über stählerne Treppen geht es hoch zum Regieraum II, der mit dem Fenster unmittelbar neben der Anzeigentafel für TV-Übertragungen genutzt wurde. Direkt daneben hat sich Günter „Tiger" Gieseking in einem nie genutzten Sozialraum für die Reinigungskräfte eingerichtet. Dort lagert der Teammanager allerlei Ersatzbestände des Ausrüsters Hummel, Bälle und Trainingsmaterial. Vor jedem Heimspiel bereitet Gieseking dort den Tagesablauf vor. Auch Trainer zogen sich gern in die „Schatzkammer" zurück, um ungestört Kraft zu tanken vor dem Gang auf die Platte. Tür um Tür schließen die Männer beim Rundgang. „Es blutet einem das Herz", meint Müller. Auch Brandt empfindet Wehmut: „Wenn man sich umsieht, kann man nicht glauben, dass alles vorbei ist." Beim Gang über das Spielfeld bleiben die Männer stehen, schauen die Tribünen empor, blicken auf die in Tonnen von Beton befestigten Stuhlreihen hoch bis zu den 1999 eingerichteten und nie angenommenen Vip-Logen. „Mein Gott, was waren wir stolz damals", erinnert sich Brandt daran, wie die alte Kreissporthalle nach dem gewaltigen Umbau als Kampa-Halle in neuem Glanz und wie für die Ewigkeit gemacht erstrahlte. Heute ist die Arena in die Jahre gekommen, sie hat Patina angesetzt. „Technik, Lüftung und so sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. Aber die Substanz der Halle ist gut", sagt Genduso. Wie gut – davon wird er sich noch eine Weile überzeugen können. Während seine Kollegen Detlef Danneberg und Nico Zanardo zu neuen Jobs ins Kreishaus wechseln, bleibt der 57-Jährige seiner Halle verbunden. Er wird als Hausmeister in den benachbarten Berufskollegs arbeiten und regelmäßig durch die verwaisten Flure der Kampa-Halle wandeln. „Einer muss ja gucken, ob alles in Ordnung ist", sagt Genduso. Zumindest so lange, bis die Bagger anrücken. Kleine Geschichte einer großen Liebe Die Kampa-Halle kann viele Geschichten erzählen. Und viele Menschen verbinden Geschichten mit ihr. Zwei sind Annika und Aaron Ziercke. Die ehemaligen Handball-Nationalspieler lernten sich in der Kampa-Halle kennen und lieben. Eine nicht unwesentliche Rolle in dieser Liebesgeschichte spielt Jörg-Uwe Lütt. Der Torwart wechselte vor der Spielzeit 1997/98 vom VfL Hameln zu GWD Minden. „Wir hatten viel miteinander unternommen, deswegen war ich bei seinem ersten GWD-Heimspiel zu Besuch", erzählt Aaron Ziercke, der erst ein Jahr darauf von Hameln zu GWD kam und als Spieler und Trainer bis 2014 blieb. Der Ex-Profi erinnert sich noch genau an jenen schicksalhaften 20. September 1997. „Da haben wir uns das erste Mal im Foyer an der alten Tribüne gesehen und haben miteinander geflachst." Es hatte gefunkt. Vier Wochen später folgte das erste richtige „Date". „Im November sind wir dann zusammen gekommen", berichtet Aaron Ziercke am Rand des letzten Handballspiels in der Kampa-Halle. Dieses Mal steht er mit Annika im Foyer der 1999 angebauten der Nordtribüne jener Halle, die ab dem 1. Januar Geschichte sein wird. Wehmütig wandert der Blick des Hünen durch die Szenerie, doch die Augen beginnen schlagartig zu funkeln: „18 Jahre sind wir jetzt schon verheiratet." Annika Ziercke, die von 1996 bis 2003 für Eintracht Minden durch die Bundesliga wirbelte, wird die Kampa-Halle als „unser beider sportliches Wohnzimmer" in Erinnerung bleiben. „Jeder Besuch ist wie ein nach Hause kommen. Man kennt ja eigentlich jeden hier", sagt die ehemalige „Handballerin des Jahres". (cb)

Kleine Geheimnisse der Kampa-Halle: Zum Abschied ein Rundgang durch verborgene Räume

„Hier hat sich jeder schon mal den Kopf gestoßen.“ Artur Brand (links) und Gerhard Müller besuchen „Raum B“. MT-Fotos: Fabian Terwey

Minden (mt). Die beiden Kümmerling-Flaschen gaben Salvatore Genduso lange ein Rätsel auf. Regelmäßig nach den GWD-Heimspielen entdeckte der Hausmeister die leeren Schnaps-Pülleken abgestellt neben der Tür zur Umkleidekabine des Mindener Teams. „Erst standen die auf einem Feuerlöscher, später dann auf dem Türschild. Ich habe mich gefragt, wer die da immer abstellt. Die beiden haben sich immer amüsiert, irgendwann haben sie es mir dann erzählt", berichtet der gebürtige Sizilianer von seinen Anfängen in der Kreissporthalle Mitte der 90er Jahre.

Die beiden – das sind Gerhard „Zahni" Müller und Artur Brandt. Zwei Männer, die so eng mit GWD Minden und der Kampa-Halle verbunden sind wie wenige andere. Tag für Tag waren sie in der Halle im Einsatz: Müller als Mannschaftsbetreuer und Mann für alle Fälle, Brandt als Masseur. 27 Jahre kümmerte sich der heute 82-jährige Brandt als Mann für geschmeidige Muskulatur um die Mindener Handballer, 2002 wechselte der gebürtige Gelsenkirchener für sieben Jahre zur Frauenhandball-Nationalmannschaft. Ähnlich lange wirkte der 80 Jahre alte „Zahni" bei GWD: Von Helmut Meisolle im Februar 1981 engagiert war der Ur-Dankerser bis zum Juni 2005 für nahezu alle Belange rund um die Mannschaft zuständig – bis hin zur Wäsche der Trikots. Das erledigte seine Gattin Marianne 30 Jahre lang, Näharbeiten für kleinere Schäden inklusive. Brandt und Müller sind zusammen einen langen Weg gegangen, seit 1995 gemeinsam mit Genduso, der damals an der Seite von Wolfgang Kornherr neuer Hausmeister der Kreissporthalle wurde.

Die Halle hat Patina angesetzt. So wie das Schild zum "Presse Raum".
Die Halle hat Patina angesetzt. So wie das Schild zum "Presse Raum".

Die drei tragen ein Füllhorn an Anekdoten mit sich herum. Amüsante Episoden aus dem Alltag der Sportler könnten sie abendfüllend berichten: So wie die von Kreisläufer Dima Kusilew, der bei einem Umzug die Küche in der falschen Wohnung tapezierte. Und sie kennen zahllose Geschichten rund um die Spiel- und Trainingsstätte des Bundesligisten, die mit der Schließung der Kampa-Halle zu Geschichte werden.

Zweckmäßig: In „Tigers Schatzkammer“ bewahrte Günter Gieseking Hummel-Ausrüstung auf.
Zweckmäßig: In „Tigers Schatzkammer“ bewahrte Günter Gieseking Hummel-Ausrüstung auf.

Auf einem letzten Rundgang erzählen die Männer von den besonderen Orten der Kampa-Halle. Geheime Plätze voller Erinnerungen. So wie die Geschichte der Kümmerlinge. „Für zwei Punkte tun wir alles." Unter diesem Motto stand das Schnaps-Ritual vor jedem Heimspiel. „Manchmal hat es ja geholfen", meint Müller, lacht und öffnet die Tür zu Raum B.

Für zwei Punkte tun wir alles: Leere Schnapsflaschen künden von einem besonderen Ritual.
Für zwei Punkte tun wir alles: Leere Schnapsflaschen künden von einem besonderen Ritual.

Der Verschlag, direkt gegenüber der Kabine der GWD-Mannschaft gelegen, ist legendär. Nach dem Umbau der Halle im Jahr 1999 machten sich Müller und Brandt die Abstellkammer zu eigen. „Raum B habe ich erfunden", sagt Müller mit breitem Grinsen unter dem buschigen Schnauzbart. Ein kleiner Tisch mit drei Stühlen, ein Kühlschrank und eine Kaffeemaschine genügten als Ausstattung für die Nische unter der neuen Tribüne, in der auch die Wasservorräte für das Team und Trainingsutensilien lagerten. „Hier hat sich jeder schon mal den Kopf gestoßen", sagt Müller, der dort über Jahrzehnte ausgewählte Gäste zum Bier oder zum Kaffee begrüßte. Der frühere Teamarzt Karl-Friedrich „Charles" Sander schaute vorbei oder Gästetrainer wie Alfred Gislason. „Raum B – da wussten die Insider Bescheid. Auch Spieler kamen manchmal, aber das sahen die Trainer nicht gerne", berichtet Müller.

Letzter Besuch im „Wohnzimmer“: Aaron und Annika Ziercke nahmen am Sonntag Abschied. - © Foto: Bendig
Letzter Besuch im „Wohnzimmer“: Aaron und Annika Ziercke nahmen am Sonntag Abschied. - © Foto: Bendig

Die Handballer beider Mannschaften trafen sich nach Abpfiff ein paar Meter weiter, geschützt von den Blicken der Zuschauer auf der Laufbahn, die direkt an die Umkleidekabinen angedockt ist. „Da tranken die Jungs Bier. Heute trinken sie Vita-Malz", erzählt Müller, der wie Brandt auch als Ruheständler auf festen Plätzen fast jedes GWD-Heimspiel in der Kampa-Halle besucht hat – bis zum Finale am vergangenen Sonntag gegen TSV Hannover-Burgdorf.

Schmuck- und fensterlos: Diese Abstellkammer war zeitweise ein Versteck für die Spieler.
Schmuck- und fensterlos: Diese Abstellkammer war zeitweise ein Versteck für die Spieler.

Mitte der 2000er Jahre erschlossen die GWD-Profis für ein paar Spielzeiten einen neuen Rückzugsraum. Hinter einer unscheinbaren Seitentür, gelegen am halbgläsernen Durchgang zwischen Sportlereingang und Südfoyer, lagerten Getränkevorräte. Auf schmucklosen rund neun Quadratmetern Fläche machten es sich die Spieler auf den Kisten bequem, tranken im fensterlosen Kabuff Bier, rauchten und sprachen über Sport, kleine und große Probleme oder ganz alltäglichen Kram. „Bis zu 13 Spieler saßen da manchmal drin, mit den großen Sporttaschen natürlich, denn keiner sollte etwas merken", erzählt Genduso und sagt schmunzelnd: „Die Trainer haben sich oft gewundert, warum die Spieler so schnell weg waren. Aber die waren ja gar nicht weg."

Im Behandlungsraum neben der Kabine lagerten die Spieler zuletzt Sportzeug und Getränke im Kühlschrank.
Im Behandlungsraum neben der Kabine lagerten die Spieler zuletzt Sportzeug und Getränke im Kühlschrank.

Fast nebenan des Spielerverstecks liegt ein Besprechungszimmer, in dem nach den Heimspielen die Pressekonferenzen abgehalten wurden. Auf einer Pinnwand ist neben der Tür eine vergilbte Hinweistafel mit zwei grob durch den Kork gedübelten Spax-Schrauben befestigt. „Presse Raum" kündet das fleckige Schild, an dem Reste abgekratzter Kaugummis kleben. „Hier ist es immer warm", berichtet Genduso. Dabei sind die Heizkörper an den Wänden schon lange nicht mehr in Betrieb – das im Keller unter dem Raum untergebrachte Blockheizkraftwerk sorgt rund durch das Jahr für muckelige Temperaturen.

Geschichten ohne Ende: Artur Brandt, „Zahni“ Müller und Salvatore Genduso (von links) sitzen in der im Sommer grün gestrichenen GWD-Kabine.
Geschichten ohne Ende: Artur Brandt, „Zahni“ Müller und Salvatore Genduso (von links) sitzen in der im Sommer grün gestrichenen GWD-Kabine.

Weit entfernt, auf der anderen Stirnseite der Halle, liegt „Tigers Schatzkammer". Über stählerne Treppen geht es hoch zum Regieraum II, der mit dem Fenster unmittelbar neben der Anzeigentafel für TV-Übertragungen genutzt wurde. Direkt daneben hat sich Günter „Tiger" Gieseking in einem nie genutzten Sozialraum für die Reinigungskräfte eingerichtet. Dort lagert der Teammanager allerlei Ersatzbestände des Ausrüsters Hummel, Bälle und Trainingsmaterial. Vor jedem Heimspiel bereitet Gieseking dort den Tagesablauf vor. Auch Trainer zogen sich gern in die „Schatzkammer" zurück, um ungestört Kraft zu tanken vor dem Gang auf die Platte.

Tür um Tür schließen die Männer beim Rundgang. „Es blutet einem das Herz", meint Müller. Auch Brandt empfindet Wehmut: „Wenn man sich umsieht, kann man nicht glauben, dass alles vorbei ist." Beim Gang über das Spielfeld bleiben die Männer stehen, schauen die Tribünen empor, blicken auf die in Tonnen von Beton befestigten Stuhlreihen hoch bis zu den 1999 eingerichteten und nie angenommenen Vip-Logen. „Mein Gott, was waren wir stolz damals", erinnert sich Brandt daran, wie die alte Kreissporthalle nach dem gewaltigen Umbau als Kampa-Halle in neuem Glanz und wie für die Ewigkeit gemacht erstrahlte. Heute ist die Arena in die Jahre gekommen, sie hat Patina angesetzt. „Technik, Lüftung und so sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. Aber die Substanz der Halle ist gut", sagt Genduso.

Wie gut – davon wird er sich noch eine Weile überzeugen können. Während seine Kollegen Detlef Danneberg und Nico Zanardo zu neuen Jobs ins Kreishaus wechseln, bleibt der 57-Jährige seiner Halle verbunden. Er wird als Hausmeister in den benachbarten Berufskollegs arbeiten und regelmäßig durch die verwaisten Flure der Kampa-Halle wandeln. „Einer muss ja gucken, ob alles in Ordnung ist", sagt Genduso. Zumindest so lange, bis die Bagger anrücken.

Kleine Geschichte einer großen Liebe

Die Kampa-Halle kann viele Geschichten erzählen. Und viele Menschen verbinden Geschichten mit ihr. Zwei sind Annika und Aaron Ziercke. Die ehemaligen Handball-Nationalspieler lernten sich in der Kampa-Halle kennen und lieben.

Eine nicht unwesentliche Rolle in dieser Liebesgeschichte spielt Jörg-Uwe Lütt. Der Torwart wechselte vor der Spielzeit 1997/98 vom VfL Hameln zu GWD Minden. „Wir hatten viel miteinander unternommen, deswegen war ich bei seinem ersten GWD-Heimspiel zu Besuch", erzählt Aaron Ziercke, der erst ein Jahr darauf von Hameln zu GWD kam und als Spieler und Trainer bis 2014 blieb.

Der Ex-Profi erinnert sich noch genau an jenen schicksalhaften 20. September 1997. „Da haben wir uns das erste Mal im Foyer an der alten Tribüne gesehen und haben miteinander geflachst." Es hatte gefunkt. Vier Wochen später folgte das erste richtige „Date". „Im November sind wir dann zusammen gekommen", berichtet Aaron Ziercke am Rand des letzten Handballspiels in der Kampa-Halle. Dieses Mal steht er mit Annika im Foyer der 1999 angebauten der Nordtribüne jener Halle, die ab dem 1. Januar Geschichte sein wird.

Wehmütig wandert der Blick des Hünen durch die Szenerie, doch die Augen beginnen schlagartig zu funkeln: „18 Jahre sind wir jetzt schon verheiratet." Annika Ziercke, die von 1996 bis 2003 für Eintracht Minden durch die Bundesliga wirbelte, wird die Kampa-Halle als „unser beider sportliches Wohnzimmer" in Erinnerung bleiben. „Jeder Besuch ist wie ein nach Hause kommen. Man kennt ja eigentlich jeden hier", sagt die ehemalige „Handballerin des Jahres". (cb)

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