Sportliches Erdbeben bei GWD Minden: Der Fall von Behren Marcus Riechmann Minden. Es war ein sportliches Erdbeben. Die Beurlaubung von Sportgeschäftsführer Frank von Behren bei GWD Minden hat gestern sowohl das Umfeld des heimischen Handball-Bundesligisten als auch die Handballszene im Mindener Land durchgeschüttelt. Kontrovers mit einem Spektrum zwischen Unverständnis und Zustimmung wurde die Freistellung in den Sozialen Medien bundesweit diskutiert. Doch so unterschiedlich die Meinungen: Allen Kommentatoren war die Überraschung über die Entscheidung der GWD-Gesellschafter gemein. Der Verlust Tatsächlich überraschte der Schritt, sich vom Sportchef zu trennen, auch von Behren selbst. Schließlich hatte sich die Mannschaft nach dem desaströsen Start in die Saison gerade stabilisiert, die ersten Punkte gesammelt und sich auf Erstliga-Niveau emporgearbeitet. Es geht also sportlich sanft aufwärts. Und so war die Entscheidung der Gesellschafter weniger eine Reaktion auf die sportliche Situation, als vielmehr die Situation Anlass für das Gremium, sich aus dem Dornröschenschlaf zu erheben und sich intensiv mit dem Gesamtbild von GWD und den Ursachen für den Niedergang der vergangenen Jahre zu beschäftigen. Das Ergebnis der Sondersitzung war schließlich eindeutig: Einstimmig entschied sich die Runde der Förderer und Sponsoren zur Beurlaubung des 45-jährigen Hillers, der 1995 mit der Mindener A-Jugend die Deutsche Meisterschaft gewann und 1996 in der GWD- Bundesliga-Mannschaft debütierte.Mit dieser Entscheidung nehmen die Gesellschafter einen Verlust in Kauf: Mit ihm verliert GWD einen Sohn und ein Aushängeschild des Mindener Handballs. Der frühere Kapitän der Nationalmannschaft ist einer der bekanntesten deutschen Handballstars und er war ein Aushängeschild und Imageträger für GWD mit bundesweiter Ausstrahlungswirkung. Ihm öffnete sich im Januar 2017 mit dem Einstieg ins GWD-Management ein goldener Weg: Als Mann mit Stallgeruch und Handballverstand für Jahrzehnte als Sportchef des Traditionsvereins zu wirken. Ein Weg, der nun jäh beendet worden ist. Der Hintergrund In der Freistellung von Frank von Behren realisierte sich das Gefahrenpotenzial, das seiner Bestellung im Herbst 2016 innewohnte. Die Zerrissenheit der Gesellschafter bei der Nachfolgeregelung für den nahezu zwei Jahrzehnte alle Strömungen einenden GWD-Chef Horst Bredemeier mündete schließlich in der Verpflichtung zweier Kandidaten: Dem Sportlichen Leiter und späteren Sportgeschäftsführer Frank von Behren wurde in Markus Kalusche ein Finanzgeschäftsführer zur Seite gestellt. „Das war von Anfang an ein fauler Kompromiss“, äußerte gestern ein Gesellschafter. Aufzulösen vermochte das Gremium den Kompromiss aber nie. Mit für Geschäftsführer unüblichen Jahresverträgen hangelte man sich über die Zeit und dokumentiere zugleich die ungelöste Situation. Die zuletzt geschlossenen Zwei-Jahres-Verträge mit den Geschäftsführern sollen auch dazu gedient haben, die schmerzliche Erkenntnis der Handlungsunfähigkeit mal für ein Jahr auszusetzen und die dringend Zeit für den Einigungsprozess in der Runde der Gesellschafter zu verlängern. Die Kritik an von Behren Das Tischtuch zwischen von Behren und einigen Gesellschaftern erhielt früh einen tiefen und bis heute wirkenden Schnitt: Von Behrens Entscheidung zur Trennung vom langjährigen Spielmacher Dalibor Doder hatte vor allen in ihrer Art und Weise etliche Sponsoren nachhaltig verärgert. Einen ähnlichen Effekt hatte der Wechsel von Marian Michalczik zu den Füchsen Berlin. An den Verpflichtungen gab es wenig zu mäkeln, abgesehen von im Spielermarkt überall mal vorkommenden Fehleinkäufen wie dem vielversprechenden Weißrussen Aliaksandr Padshyvalau (das bedingte damals die Trennung von Sören Südmeier) oder dem Routinier Christian Zeitz, die beide die Erwartungen nicht erfüllten. Missbilligung erfuhren aber die Kaderpflege und die große Fluktuation im Team, die regelmäßig für einen umfangreichen Neuaufbau und für ständigen Neuanfang sorgte. Eine tabellarisch ablesbare sportliche Entwicklung fand nicht statt. Kritik machte sich auch an der Zusammenarbeit der beiden Geschäftsführer fest. Statt partnerschaftlich Schulter an Schulter für GWD nach vorne zu marschieren und damit den Freiraum aktiv zu gestalten, beäugten sich die beiden Männer gegenseitig argwöhnisch. Vielleicht ein Beleg mangelnder Zuneigung oder des jeweils eigenen Karriereinteresses. Vielleicht aber auch Ausfluss des immer über ihnen schwebenden Bewusstseins ihrer Existenz als Geschäftsführer auf Abruf. Jedenfalls versäumten es die beiden, sich in nahezu fünf gemeinsamen Jahren unentbehrlich zu machen. Daneben gab es weitere Kritik, von der aber aus der Versammlung nichts nach außen drang. In der Summe offenbar genug, um das Fass nun zum Überlaufen zu bringen und trotz aller weitreichenden Folgen für GWD die Trennung zu vollziehen. Die Folgeprobleme Man darf davon ausgehen, dass die Gesellschafter sich die Entscheidung am Montag nicht leicht gemacht haben. Denn sie bringen GWD in eine schwierige Lage. Ein neuer Sportchef ist nicht in Sicht. Ohne sportliche Leitung aber wird die Personalplanung schwierig. Sowohl die Suche nach aktuellen Verstärkungen, als auch die Konzeption des Kaders für die kommende Saison – sei es in der 1. oder in der 2. Liga – ist kaum zu leisten. Vor allem die langfristige Planung liegt auf Eis.Denn der akribisch arbeitende Trainer Frank Carstens, der die Gesellschafter am Montag mit seiner Analyse überzeugte, ist mit der Arbeit am Projekt Klassenerhalt ausreichend beschäftigt. Dass sich die Gesellschafter trotzdem für die vorzeitige Trennung vom Sportchef und seinem Gespür für interessante Spieler entschieden und zugleich den finanziellen Spielraum für Nachverpflichtungen eröffneten, lässt erahnen, wie groß der Vertrauensverlust ins Tun des Geschäftsführers war. Und wie vielfältig offenbar die Kritik an seinem Wirken. Als das von manchen Fans vermutete „Bauernopfer“ in der Krise ist von Behren deshalb sicher nicht zu betrachten. Für ein simples Ablenkungsmanöver ist der Preis viel zu hoch. Die Sprachlosigkeit Einigkeit war immer die Stärke der Gesellschafter gewesen. Diese Geschlossenheit ist wieder von Nöten und wurde am Montag erstmals seit Langem wieder sichtbar. Die Gesellschafter müssen sich Strukturen geben, die Handlungsfähigkeit und -schnelligkeit ermöglichen. Geplant ist offenbar, die bisherige Aufstellung als GmbH und Co. KG zu verändern. Es fehlt zudem an einem Sprachrohr. Der 69-jährige Horst Bredemeier will und kann vier Jahre nach seinem Rücktritt die Rolle an der Spitze der Gesellschafter nicht mehr übernehmen. Doch ein Nachfolger für den begnadeten Kommunikator wurde bisher nicht gefunden. Es gibt niemanden, der die Gesellschafter nach außen vertritt und die Handlungsfähigkeit sichtbar dokumentiert. Das wurde am Tag der Beurlaubung von Behrens deutlich: Über die Pressemitteilung des Vereins hinaus gab es keine öffentlichen Äußerungen. Und nun? Corona-Einschläge hier, Zuschauer- und Akzeptanzkrise dort. Obendrauf als dicker Ballast das schier endlose Kampa-Hallen-Drama mit Auszug, Heimkehr und bald erneutem Auszug sowie die perspektivlos scheinende Endlosdebatte um den möglichen Bau einer Multifunktionshalle. Man kann nur hoffen, dass die Personalie des Sportchefs dem schlingernden GWD-Schiff nicht noch zusätzlich Schlagseite beschert.

Sportliches Erdbeben bei GWD Minden: Der Fall von Behren

Seit Januar 2017 war Frank von Behren für die sportliche Geschicke bei GWD Minden zuständig. Jetzt ist von Behren mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben enthoben. © Noah Wedel

Minden. Es war ein sportliches Erdbeben. Die Beurlaubung von Sportgeschäftsführer Frank von Behren bei GWD Minden hat gestern sowohl das Umfeld des heimischen Handball-Bundesligisten als auch die Handballszene im Mindener Land durchgeschüttelt. Kontrovers mit einem Spektrum zwischen Unverständnis und Zustimmung wurde die Freistellung in den Sozialen Medien bundesweit diskutiert. Doch so unterschiedlich die Meinungen: Allen Kommentatoren war die Überraschung über die Entscheidung der GWD-Gesellschafter gemein.

Der Verlust

Tatsächlich überraschte der Schritt, sich vom Sportchef zu trennen, auch von Behren selbst. Schließlich hatte sich die Mannschaft nach dem desaströsen Start in die Saison gerade stabilisiert, die ersten Punkte gesammelt und sich auf Erstliga-Niveau emporgearbeitet. Es geht also sportlich sanft aufwärts. Und so war die Entscheidung der Gesellschafter weniger eine Reaktion auf die sportliche Situation, als vielmehr die Situation Anlass für das Gremium, sich aus dem Dornröschenschlaf zu erheben und sich intensiv mit dem Gesamtbild von GWD und den Ursachen für den Niedergang der vergangenen Jahre zu beschäftigen.

Das Ergebnis der Sondersitzung war schließlich eindeutig: Einstimmig entschied sich die Runde der Förderer und Sponsoren zur Beurlaubung des 45-jährigen Hillers, der 1995 mit der Mindener A-Jugend die Deutsche Meisterschaft gewann und 1996 in der GWD- Bundesliga-Mannschaft debütierte.

Mit dieser Entscheidung nehmen die Gesellschafter einen Verlust in Kauf: Mit ihm verliert GWD einen Sohn und ein Aushängeschild des Mindener Handballs. Der frühere Kapitän der Nationalmannschaft ist einer der bekanntesten deutschen Handballstars und er war ein Aushängeschild und Imageträger für GWD mit bundesweiter Ausstrahlungswirkung. Ihm öffnete sich im Januar 2017 mit dem Einstieg ins GWD-Management ein goldener Weg: Als Mann mit Stallgeruch und Handballverstand für Jahrzehnte als Sportchef des Traditionsvereins zu wirken. Ein Weg, der nun jäh beendet worden ist.

Der Hintergrund

In der Freistellung von Frank von Behren realisierte sich das Gefahrenpotenzial, das seiner Bestellung im Herbst 2016 innewohnte. Die Zerrissenheit der Gesellschafter bei der Nachfolgeregelung für den nahezu zwei Jahrzehnte alle Strömungen einenden GWD-Chef Horst Bredemeier mündete schließlich in der Verpflichtung zweier Kandidaten: Dem Sportlichen Leiter und späteren Sportgeschäftsführer Frank von Behren wurde in Markus Kalusche ein Finanzgeschäftsführer zur Seite gestellt. „Das war von Anfang an ein fauler Kompromiss“, äußerte gestern ein Gesellschafter. Aufzulösen vermochte das Gremium den Kompromiss aber nie.

Mit für Geschäftsführer unüblichen Jahresverträgen hangelte man sich über die Zeit und dokumentiere zugleich die ungelöste Situation. Die zuletzt geschlossenen Zwei-Jahres-Verträge mit den Geschäftsführern sollen auch dazu gedient haben, die schmerzliche Erkenntnis der Handlungsunfähigkeit mal für ein Jahr auszusetzen und die dringend Zeit für den Einigungsprozess in der Runde der Gesellschafter zu verlängern.

Die Kritik an von Behren

Das Tischtuch zwischen von Behren und einigen Gesellschaftern erhielt früh einen tiefen und bis heute wirkenden Schnitt: Von Behrens Entscheidung zur Trennung vom langjährigen Spielmacher Dalibor Doder hatte vor allen in ihrer Art und Weise etliche Sponsoren nachhaltig verärgert. Einen ähnlichen Effekt hatte der Wechsel von Marian Michalczik zu den Füchsen Berlin. An den Verpflichtungen gab es wenig zu mäkeln, abgesehen von im Spielermarkt überall mal vorkommenden Fehleinkäufen wie dem vielversprechenden Weißrussen Aliaksandr Padshyvalau (das bedingte damals die Trennung von Sören Südmeier) oder dem Routinier Christian Zeitz, die beide die Erwartungen nicht erfüllten. Missbilligung erfuhren aber die Kaderpflege und die große Fluktuation im Team, die regelmäßig für einen umfangreichen Neuaufbau und für ständigen Neuanfang sorgte. Eine tabellarisch ablesbare sportliche Entwicklung fand nicht statt.

Kritik machte sich auch an der Zusammenarbeit der beiden Geschäftsführer fest. Statt partnerschaftlich Schulter an Schulter für GWD nach vorne zu marschieren und damit den Freiraum aktiv zu gestalten, beäugten sich die beiden Männer gegenseitig argwöhnisch. Vielleicht ein Beleg mangelnder Zuneigung oder des jeweils eigenen Karriereinteresses. Vielleicht aber auch Ausfluss des immer über ihnen schwebenden Bewusstseins ihrer Existenz als Geschäftsführer auf Abruf. Jedenfalls versäumten es die beiden, sich in nahezu fünf gemeinsamen Jahren unentbehrlich zu machen. Daneben gab es weitere Kritik, von der aber aus der Versammlung nichts nach außen drang. In der Summe offenbar genug, um das Fass nun zum Überlaufen zu bringen und trotz aller weitreichenden Folgen für GWD die Trennung zu vollziehen.

Die Folgeprobleme

Man darf davon ausgehen, dass die Gesellschafter sich die Entscheidung am Montag nicht leicht gemacht haben. Denn sie bringen GWD in eine schwierige Lage. Ein neuer Sportchef ist nicht in Sicht. Ohne sportliche Leitung aber wird die Personalplanung schwierig. Sowohl die Suche nach aktuellen Verstärkungen, als auch die Konzeption des Kaders für die kommende Saison – sei es in der 1. oder in der 2. Liga – ist kaum zu leisten. Vor allem die langfristige Planung liegt auf Eis.

Denn der akribisch arbeitende Trainer Frank Carstens, der die Gesellschafter am Montag mit seiner Analyse überzeugte, ist mit der Arbeit am Projekt Klassenerhalt ausreichend beschäftigt. Dass sich die Gesellschafter trotzdem für die vorzeitige Trennung vom Sportchef und seinem Gespür für interessante Spieler entschieden und zugleich den finanziellen Spielraum für Nachverpflichtungen eröffneten, lässt erahnen, wie groß der Vertrauensverlust ins Tun des Geschäftsführers war. Und wie vielfältig offenbar die Kritik an seinem Wirken. Als das von manchen Fans vermutete „Bauernopfer“ in der Krise ist von Behren deshalb sicher nicht zu betrachten. Für ein simples Ablenkungsmanöver ist der Preis viel zu hoch.

Die Sprachlosigkeit

Einigkeit war immer die Stärke der Gesellschafter gewesen. Diese Geschlossenheit ist wieder von Nöten und wurde am Montag erstmals seit Langem wieder sichtbar. Die Gesellschafter müssen sich Strukturen geben, die Handlungsfähigkeit und -schnelligkeit ermöglichen. Geplant ist offenbar, die bisherige Aufstellung als GmbH und Co. KG zu verändern. Es fehlt zudem an einem Sprachrohr. Der 69-jährige Horst Bredemeier will und kann vier Jahre nach seinem Rücktritt die Rolle an der Spitze der Gesellschafter nicht mehr übernehmen. Doch ein Nachfolger für den begnadeten Kommunikator wurde bisher nicht gefunden. Es gibt niemanden, der die Gesellschafter nach außen vertritt und die Handlungsfähigkeit sichtbar dokumentiert. Das wurde am Tag der Beurlaubung von Behrens deutlich: Über die Pressemitteilung des Vereins hinaus gab es keine öffentlichen Äußerungen.

Und nun?

Corona-Einschläge hier, Zuschauer- und Akzeptanzkrise dort. Obendrauf als dicker Ballast das schier endlose Kampa-Hallen-Drama mit Auszug, Heimkehr und bald erneutem Auszug sowie die perspektivlos scheinende Endlosdebatte um den möglichen Bau einer Multifunktionshalle. Man kann nur hoffen, dass die Personalie des Sportchefs dem schlingernden GWD-Schiff nicht noch zusätzlich Schlagseite beschert.

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