Sport-Rückblicke: Ehepaar Leisegang erlebte 50 Jahre gemeinsame GWD-Leidenschaft Michael Lorenz Minden. Der heute abstiegsbedrohte Handball-Bundesligist GWD Minden war vor 50 Jahren eine große Nummer in Deutschland. Da nämlich schaffte der Verein, der damals noch Grün-Weiß Dankersen hieß, das einmalige und unwiederholbare Kunststück, dreimal innerhalb von zwölf Monaten Deutscher Meister zu werden – zweimal auf dem Feld und einmal in der Halle. Erika Leisegang und ihr Mann Helmut gehörten damals als Fans zum festen Inventar. Eigentlich hatte sich das Ehepaar aus Todtenhausen dem Fußball verschrieben. Das Herz der Leisegangs schlug für RW Maaslingen. „Einmal, das war in den Sechziger Jahren, haben wir ein befreundetes Ehepaar mit nach Maaslingen genommen. Nach dem Spiel sagten die beiden, dass wir jetzt aber auch mal mit zum Handball kommen müssten“, schildert die Rentnerin, die im Jahr 1933 das Licht der Welt erblickte. „Mein Mann und ich konnten Handball damals gerade so buchstabieren, wir hatten aber noch nie Berührungspunkte mit dieser Sportart gehabt.“ Also machten sich die Leisegangs auf den Weg zum Weserstadion, in dem Grün-Weiß Dankersen seine Feldhandball-Heimspiele austrug. Die beiden Todtenhauser wunderte sich, dass dort so viele Autos standen. „Wir dachten, dass da irgendeine Sonderveranstaltung oder eine große Privatfeier sei“, blickt Erika Leisegang lachend zurück: „Mit großer Überraschung stellten wir dann fest, dass die Leute alle beim Handball waren. Das Weserstadion schien aus allen Nähten zu platzen.“ Es wurde eine Liebe fürs Leben für die Leisegangs, die fortan nicht nur jedes Heim- sondern auch wenn möglich jedes Auswärtsspiel von GWD besuchten. Und das mehr als ein halbes Jahrhundert lang. „Einmal war es so, dass wir wegen eines Trauerfalls nicht mitfahren konnten“, erinnert sich Erika Leisegang, „da haben der Busfahrer und die anderen Mitfahrer gesagt, dass wir noch nicht losfahren können, weil Leisegangs noch nicht da sind. Die wussten nicht, dass wir jenes Mal nicht mitkonnten.“ Zunächst erlebten sie Herbert Lübking, Friedrich Spannuth oder Helmut Meisolle hautnah mit. „Der Empfang und der Einzug vor dem Rathaus nach der deutschen Hallenmeisterschaft vor dem Rathaus im Jahr 1971 war einfach unglaublich.“ In den glorreichen 70er-Jahren machten sie alle Auswärtsfahrten mit, auch die im Europapokal. Erika Leisegang schildert: „Die Europapokal-Auswärtsspiele waren fast immer Busfahrten. Außer denen in Budapest und Moskau. Da sind wir mit der Mannschaft zusammen geflogen.“ Nach den Heimspielen von Grün-Weiß Dankersen, das seit 1984 GWD Minden heißt, ging es regelmäßig mit Freunden in den Leisegangschen Partykeller. Die Wände sind mit GWD-Postern, Wimpeln und Fotos, die die Leisegangs zusammen mit GWD-Spielern zeigen, geradezu tapeziert. Die Liebe der Leisegangs zu GWD ging über die erste Mannschaft hinaus, sie besuchten auch die Heimspiele der Zweitvertretung. „GWD ist bei uns zu einer Sucht geworden. Und wenn man einmal mit diesem Virus infiziert ist, kann einem auch ein Abstieg nichts anhaben, obwohl wir uns über jeden geärgert haben“, sagt der Edelfan. Erika Leisegang erlebte Generationen von GWD-Spielern und kannte fast alle persönlich, schließlich gingen sie und ihr Mann nach den Spielen, auch auswärts, stets auf das Spielfeld, um mit den Spielern zu schnacken. Auch zwei Welthandballern kam sie so näher: Der Fans immer sehr zugetane Talant Dujshabaev und Stephane Stoecklin. Dem Franzosen Stoecklin und seiner Frau Isabelle half sie mit ihren exzellenten Französisch-Kentnissen, das Leben in Minden zu erleichtern. An eine Fahrt aus jüngerer Vergangenheit erinnert sich Erika Leisegang ganz besonders: An das letzte Saisonspiel der Saison 2007/2008, als GWD, das eigentlich bereits als abgestiegen galt, mit einem Sieg bei Vizemeister SG Flensburg-Handewitt den Klassenerhalt doch noch schaffte. Die Sensation sollte als „Wunder von Flensburg“ in die Annalen eingehen. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie Torwart Malik Besirevic den letzten Ball mit dem Fuß gehalten hat“, erinnert sich die Todtenhauserin: „Wir hatten nur gedacht: Diejenigen, die nicht mitgefahren sind, haben selbst schuld, dass sie das nicht miterlebt haben. Die Party hinterher in Berenbusch auf dem Kelderhof war unglaublich.“ Eines trübt die Gedanken von Erika Leisegang, und zwar ganz erheblich: „Dass an der Kampa-Halle etwas gemacht werden musste, war seit Jahren klar. Man hätte sie doch Stück für Stück reparieren können und gar nicht lange schließen müssen. Warum hat sich keiner um die Halle gekümmert? Das hat nicht nur uns maßlos geärgert.“ Sie war dem Abriss geweiht, was mittlerweile aber revidiert wurde. Den Umzug nach Lübbecke machten die Leisegangs nicht mehr mit. Fast genau ein Jahr nach dem vermeintlich letzten Spiel in der Kampa-Halle am 29. Dezember 2019 hörte das Herz des bereits über 90-jährigen Helmut Leisegang für immer auf zu schlagen. Seiner Frau bleibt die schöne Erinnerung an ein halbes Jahrhundert gemeinsam gelebte GWD-Leidenschaft.

Sport-Rückblicke: Ehepaar Leisegang erlebte 50 Jahre gemeinsame GWD-Leidenschaft

„GWD ist zu einer Sucht geworden“: Erika Leisegang vor einer Fotowand in ihrem Partykeller. Foto: Michael Lorenz © mlorenz

Minden. Der heute abstiegsbedrohte Handball-Bundesligist GWD Minden war vor 50 Jahren eine große Nummer in Deutschland. Da nämlich schaffte der Verein, der damals noch Grün-Weiß Dankersen hieß, das einmalige und unwiederholbare Kunststück, dreimal innerhalb von zwölf Monaten Deutscher Meister zu werden – zweimal auf dem Feld und einmal in der Halle. Erika Leisegang und ihr Mann Helmut gehörten damals als Fans zum festen Inventar.

Eigentlich hatte sich das Ehepaar aus Todtenhausen dem Fußball verschrieben. Das Herz der Leisegangs schlug für RW Maaslingen. „Einmal, das war in den Sechziger Jahren, haben wir ein befreundetes Ehepaar mit nach Maaslingen genommen. Nach dem Spiel sagten die beiden, dass wir jetzt aber auch mal mit zum Handball kommen müssten“, schildert die Rentnerin, die im Jahr 1933 das Licht der Welt erblickte. „Mein Mann und ich konnten Handball damals gerade so buchstabieren, wir hatten aber noch nie Berührungspunkte mit dieser Sportart gehabt.“

Also machten sich die Leisegangs auf den Weg zum Weserstadion, in dem Grün-Weiß Dankersen seine Feldhandball-Heimspiele austrug. Die beiden Todtenhauser wunderte sich, dass dort so viele Autos standen. „Wir dachten, dass da irgendeine Sonderveranstaltung oder eine große Privatfeier sei“, blickt Erika Leisegang lachend zurück: „Mit großer Überraschung stellten wir dann fest, dass die Leute alle beim Handball waren. Das Weserstadion schien aus allen Nähten zu platzen.“

Es wurde eine Liebe fürs Leben für die Leisegangs, die fortan nicht nur jedes Heim- sondern auch wenn möglich jedes Auswärtsspiel von GWD besuchten. Und das mehr als ein halbes Jahrhundert lang. „Einmal war es so, dass wir wegen eines Trauerfalls nicht mitfahren konnten“, erinnert sich Erika Leisegang, „da haben der Busfahrer und die anderen Mitfahrer gesagt, dass wir noch nicht losfahren können, weil Leisegangs noch nicht da sind. Die wussten nicht, dass wir jenes Mal nicht mitkonnten.“

Zunächst erlebten sie Herbert Lübking, Friedrich Spannuth oder Helmut Meisolle hautnah mit. „Der Empfang und der Einzug vor dem Rathaus nach der deutschen Hallenmeisterschaft vor dem Rathaus im Jahr 1971 war einfach unglaublich.“ In den glorreichen 70er-Jahren machten sie alle Auswärtsfahrten mit, auch die im Europapokal. Erika Leisegang schildert: „Die Europapokal-Auswärtsspiele waren fast immer Busfahrten. Außer denen in Budapest und Moskau. Da sind wir mit der Mannschaft zusammen geflogen.“

Nach den Heimspielen von Grün-Weiß Dankersen, das seit 1984 GWD Minden heißt, ging es regelmäßig mit Freunden in den Leisegangschen Partykeller. Die Wände sind mit GWD-Postern, Wimpeln und Fotos, die die Leisegangs zusammen mit GWD-Spielern zeigen, geradezu tapeziert. Die Liebe der Leisegangs zu GWD ging über die erste Mannschaft hinaus, sie besuchten auch die Heimspiele der Zweitvertretung. „GWD ist bei uns zu einer Sucht geworden. Und wenn man einmal mit diesem Virus infiziert ist, kann einem auch ein Abstieg nichts anhaben, obwohl wir uns über jeden geärgert haben“, sagt der Edelfan.

Erika Leisegang erlebte Generationen von GWD-Spielern und kannte fast alle persönlich, schließlich gingen sie und ihr Mann nach den Spielen, auch auswärts, stets auf das Spielfeld, um mit den Spielern zu schnacken. Auch zwei Welthandballern kam sie so näher: Der Fans immer sehr zugetane Talant Dujshabaev und Stephane Stoecklin. Dem Franzosen Stoecklin und seiner Frau Isabelle half sie mit ihren exzellenten Französisch-Kentnissen, das Leben in Minden zu erleichtern.

An eine Fahrt aus jüngerer Vergangenheit erinnert sich Erika Leisegang ganz besonders: An das letzte Saisonspiel der Saison 2007/2008, als GWD, das eigentlich bereits als abgestiegen galt, mit einem Sieg bei Vizemeister SG Flensburg-Handewitt den Klassenerhalt doch noch schaffte. Die Sensation sollte als „Wunder von Flensburg“ in die Annalen eingehen. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie Torwart Malik Besirevic den letzten Ball mit dem Fuß gehalten hat“, erinnert sich die Todtenhauserin: „Wir hatten nur gedacht: Diejenigen, die nicht mitgefahren sind, haben selbst schuld, dass sie das nicht miterlebt haben. Die Party hinterher in Berenbusch auf dem Kelderhof war unglaublich.“

Eines trübt die Gedanken von Erika Leisegang, und zwar ganz erheblich: „Dass an der Kampa-Halle etwas gemacht werden musste, war seit Jahren klar. Man hätte sie doch Stück für Stück reparieren können und gar nicht lange schließen müssen. Warum hat sich keiner um die Halle gekümmert? Das hat nicht nur uns maßlos geärgert.“

Sie war dem Abriss geweiht, was mittlerweile aber revidiert wurde. Den Umzug nach Lübbecke machten die Leisegangs nicht mehr mit. Fast genau ein Jahr nach dem vermeintlich letzten Spiel in der Kampa-Halle am 29. Dezember 2019 hörte das Herz des bereits über 90-jährigen Helmut Leisegang für immer auf zu schlagen. Seiner Frau bleibt die schöne Erinnerung an ein halbes Jahrhundert gemeinsam gelebte GWD-Leidenschaft.

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