Sport-Rückblicke: Drama in Hagen und Party in Minden - Vor 25 Jahren kehrte GWD zurück ins Handball-Rampenlicht. Michael Lorenz,Marcus Riechmann Minden. Nach neun Jahren in der Dunkelheit der 2. Handball-Bundesliga strahlt am 22. Mai 1995 die Sonne über GWD und Minden: An jenem Tag, dem letzten Spieltag der Saison 1994/1995 in der 2. Liga Nord, gewinnt GWD Minden 32:24 gegen die zweite Mannschaft der SG Flensburg-Handewitt und schafft die ersehnte Rückkehr in das Oberhaus des deutschen Handballs. „Das Spiel war eigentlich eine recht klare Angelegenheit, das waren vorher ein paar anspruchsvollere Spiele dabei“, sagt der Aufstiegscoach Dietmar Molthahn. In der pickepacke vollen Kreissporthalle erfüllte er vor 25 Jahren die Mission Wiederaufstieg. „Das war schon eine gute Stimmung“, erinnert sich „Molli“, „vor der Halle war ein großes Zelt aufgebaut worden, dort wurde dann gefeiert. Wir haben noch in der Stadt weitergefeiert, bis alle Kneipen zu waren.“ Für Molthahn, damals bereits leitender Nachwuchstrainer bei GWD, war das Jahr 1995 eines der erfolgreichsten: „Aufstieg mit den Männern und dann sind wir mit der A-Jugend um Frank von Behren Deutscher Meister geworden. Das war schon speziell.“ Der Weg zum Triumph der Profis war weit und steinig, und er kostete einen geschätzten GWD-Trainer den Job. Hier die Chronologie einer außergewöhnlichen Saison. Am 14. August 1994 verspricht Milomir Mijatovic, der in sein drittes Jahr als Trainer von GWD Minden geht, den Fans beim traditionellen Sportmenü vor der Saison die Rückkehr in die Bundesliga. Die Latte liegt damit ziemlich hoch, und der Umstand, dass der Mühlenkreis-Rivale TuS Nettelstedt den Aufstieg in Liga eins soeben geschafft hatte, erhöht den Druck. Zudem gibt es mit den VfL Fredenbeck aus dem hohen Norden einen ernstzunehmenden Konkurrenten, der das Ziel Bundesliga-Aufstieg ebenfalls mit Nachdruck verfolgt. Angeführt vom schwedischen Kapitän Robert Hedin gewinnen die Mindener das erste Spiel in der heimischen Kreissporthalle gegen den LTV Wuppertal, haben beim 24:21 gegen das Team um seine Rückraum-Cracks Michail Wassiliew und Ulrich Hölzel aber mehr Mühe, als ihnen lieb ist. Am 21. September kommt es in Minden zum ersten Kräftemessen der beiden Titelaspiranten, und das hat es in sich: Beim Stand von 21:20 für GWD und Ballbesitz für den VfL Fredenbeck holt dessen Trainer Thomas Gloth Torwart Waldemar Strzelec vom Feld und bringt mit Lars Müller einen zusätzlichen Feldspieler. In der Hektik vergisst Gloth aber, den siebten Feldspieler mit einem Leibchen kenntlich zu machen, was damals noch Pflicht ist. Der Ballbesitz wechselt, und GWD-Shooter Hajo Wulff trifft 15 Sekunden vor dem Ende zum 22:20-Endstand. GWD übernimmt erstmals die Tabellenführung. Diese hält bis zum 15. Oktober: GWD kassiert mit 20:22 bei der HSG Tarp-Wanderup, die damals mit einer Art 1:5-Deckung auffällt, die erste Niederlage und fällt hinter Fredenbeck und Empor Rostock auf Rang drei zurück. Im Osten der Republik feiert Dankersen indes wegweisende Siege: Beim heimstarken Dessauer SV gewinnt GWD mit einem überragenden Spielmacher Walter Schubert (der war im September ebenso wie Andreas Hertelt von Mijatovic noch suspendiert worden) am 29. Oktober 28:21 und am 12. November in Rostock 22:21. Den letzteren Sieg muss Minden allerdings teuer bezahlen: Schubert zieht sich eine schwere Knieverletzung zu und fällt für den Rest der Saison aus. GWD ist zur Saisonhalbzeit vorn. 32:2 Punkte haben die Ostwestfalen auf dem Konto, 30:4 Zähler das Team aus dem Kreis Stade. Es ist knapp. Am 28. Januar gewinnt Fredenbeck das Rückspiel gegen GWD 26:23. Überragender Fredenbecker ist der norwegische Spielmacher Roger Kjendalen, der zehn Tore erzielt, davon acht per Siebenmeter. Im Februar überschlagen sich die Ereignisse. Schauplatz zweier Dramen ist jeweils Hagen. Am 4. Februar gewinnt der VfL 19:18 beim VfL Eintracht. Doch es handelt sich um einen Pyrrhus-Sieg. Denn Kjendalen, Dreh- und Angelpunkt der Norddeutsche, erleidet einen Achillessehnenriss. Eine Woche später leistet sich GWD in Hagen einen deftigen 22:30-Ausrutscher, der Trainer Mijatovic den Job kostet. GWD-Jugendchef Molthahn übernimmt, assistiert wird er vom bis dahin freigestellten Linksaußen Hertelt. „Die Aufgabe war klar: Einfach kein Spiel mehr verlieren“, beschreibt Molthahn die Ausgangslage. Was er verändert hat? „Das ist so lange her, das ist schwer zu sagen. Die Mannschaft war von Milo top trainiert worden und hatte mit Robert Hedin einen echten Anführer. Gearbeitet haben wir nur an Kleinigkeiten“, sagt „Molli“ 25 Jahre später. Der GWD-Fahrplan geht jedenfalls auf. Im März schwächeln die Fredenbecker: Beim PSV Schwerin unterliegen sie 21:23, bei Flensburg II gibt es ein 20:20. GWD ist mit zwei Punkten Vorsprung wieder Spitzenreiter. Jetzt geht es in den Endspurt. Am 6. Mai 1995 verwandeln 380 mitgereiste Mindener Fans die Wilhelmshavener Nordfrost-Arena in eine GWD-Heimspielstätte. Minden gewinnt beim PSV 26:21, hat bei zwei noch ausstehenden Spielen zwei Punkte Vorsprung, zudem das wesentlich bessere Torverhältnis im Vergleich mit Fredenbeck. Am vorletzten Spieltag holen die Dankerser bei der HSG Nordhorn nach 24:27-Rückstand noch ein 28:28. Für den Aufstieg reicht der Punkt noch nicht, aber Molthahn erinnert sich: „Das war das Schlüsselspiel. Die alte Halle war völlig überfüllt, wir kamen nicht klar und nicht ansatzweise für Punkte in Frage.“ Doch der ebenso erfahrene wie moderne Coach schafft mit dem Team die Wende. Er setzt auf den siebten Feldspieler. Heute populär, damals revolutionär. „Im letzten Angriff hat man das schon mal gemacht, aber ich habe das zehn, 15 Minuten ausprobiert und Torwart Volker Hoffmann gegen einen zweiten Kreisläufer gewechselt. Damit hatte Nordhorn Probleme, wir haben aufgeholt und noch ein Unentschieden geschafft.“ Damit war die Bühne bereitet: Eine Woche später gewinnt Minden das eingangs erwähnte Spiel gegen Flensburg-Handewitt II. GWD war zurück in der Bundesliga. GWD-Torschützen der Saison 1994/95 1. Robert Hedin 201/60 2. Andreas Bock 149 3. Joachim Sproß 139/26 4. Ralf Böhme 98 5. Hajo Wulff 93/12 6. Marten Julius 83 7. Bodo Leckelt 76 8. Thomas Oehme 42 9. Frank von Behren 17/6 10. Kai Stolze 8 11. Norbert Gregorz 6 12. Walter Schubert 5 13. Stefan Dessin 1 13. Hendrik Schepper 1

Sport-Rückblicke: Drama in Hagen und Party in Minden - Vor 25 Jahren kehrte GWD zurück ins Handball-Rampenlicht.

Die Sonne auf dem Bauch, Freude in den Gesichtern: In der Kreissporthalle, damals noch ohne Nordtribüne, feiern die GWD-Handballer den Aufstieg in die Bundesliga. Das Bild zeigt (von links) Henrik Schepper, Andreas Hertelt, Dietmar Molthahn, Frank von Behren, Norbert Gregorz, Masseur Artur Brandt, Marten Julius, Bodo Leckelt und Betreuer Gerhard „Zahni“ Müller. ? © Foto: MT-Archiv

Minden. Nach neun Jahren in der Dunkelheit der 2. Handball-Bundesliga strahlt am 22. Mai 1995 die Sonne über GWD und Minden: An jenem Tag, dem letzten Spieltag der Saison 1994/1995 in der 2. Liga Nord, gewinnt GWD Minden 32:24 gegen die zweite Mannschaft der SG Flensburg-Handewitt und schafft die ersehnte Rückkehr in das Oberhaus des deutschen Handballs.

„Das Spiel war eigentlich eine recht klare Angelegenheit, das waren vorher ein paar anspruchsvollere Spiele dabei“, sagt der Aufstiegscoach Dietmar Molthahn. In der pickepacke vollen Kreissporthalle erfüllte er vor 25 Jahren die Mission Wiederaufstieg. „Das war schon eine gute Stimmung“, erinnert sich „Molli“, „vor der Halle war ein großes Zelt aufgebaut worden, dort wurde dann gefeiert. Wir haben noch in der Stadt weitergefeiert, bis alle Kneipen zu waren.“

Für Molthahn, damals bereits leitender Nachwuchstrainer bei GWD, war das Jahr 1995 eines der erfolgreichsten: „Aufstieg mit den Männern und dann sind wir mit der A-Jugend um Frank von Behren Deutscher Meister geworden. Das war schon speziell.“

Der Weg zum Triumph der Profis war weit und steinig, und er kostete einen geschätzten GWD-Trainer den Job. Hier die Chronologie einer außergewöhnlichen Saison.

Am 14. August 1994 verspricht Milomir Mijatovic, der in sein drittes Jahr als Trainer von GWD Minden geht, den Fans beim traditionellen Sportmenü vor der Saison die Rückkehr in die Bundesliga. Die Latte liegt damit ziemlich hoch, und der Umstand, dass der Mühlenkreis-Rivale TuS Nettelstedt den Aufstieg in Liga eins soeben geschafft hatte, erhöht den Druck. Zudem gibt es mit den VfL Fredenbeck aus dem hohen Norden einen ernstzunehmenden Konkurrenten, der das Ziel Bundesliga-Aufstieg ebenfalls mit Nachdruck verfolgt.

Angeführt vom schwedischen Kapitän Robert Hedin gewinnen die Mindener das erste Spiel in der heimischen Kreissporthalle gegen den LTV Wuppertal, haben beim 24:21 gegen das Team um seine Rückraum-Cracks Michail Wassiliew und Ulrich Hölzel aber mehr Mühe, als ihnen lieb ist.

Am 21. September kommt es in Minden zum ersten Kräftemessen der beiden Titelaspiranten, und das hat es in sich: Beim Stand von 21:20 für GWD und Ballbesitz für den VfL Fredenbeck holt dessen Trainer Thomas Gloth Torwart Waldemar Strzelec vom Feld und bringt mit Lars Müller einen zusätzlichen Feldspieler. In der Hektik vergisst Gloth aber, den siebten Feldspieler mit einem Leibchen kenntlich zu machen, was damals noch Pflicht ist. Der Ballbesitz wechselt, und GWD-Shooter Hajo Wulff trifft 15 Sekunden vor dem Ende zum 22:20-Endstand. GWD übernimmt erstmals die Tabellenführung.

Diese hält bis zum 15. Oktober: GWD kassiert mit 20:22 bei der HSG Tarp-Wanderup, die damals mit einer Art 1:5-Deckung auffällt, die erste Niederlage und fällt hinter Fredenbeck und Empor Rostock auf Rang drei zurück.

Im Osten der Republik feiert Dankersen indes wegweisende Siege: Beim heimstarken Dessauer SV gewinnt GWD mit einem überragenden Spielmacher Walter Schubert (der war im September ebenso wie Andreas Hertelt von Mijatovic noch suspendiert worden) am 29. Oktober 28:21 und am 12. November in Rostock 22:21. Den letzteren Sieg muss Minden allerdings teuer bezahlen: Schubert zieht sich eine schwere Knieverletzung zu und fällt für den Rest der Saison aus.

GWD ist zur Saisonhalbzeit vorn. 32:2 Punkte haben die Ostwestfalen auf dem Konto, 30:4 Zähler das Team aus dem Kreis Stade. Es ist knapp. Am 28. Januar gewinnt Fredenbeck das Rückspiel gegen GWD 26:23. Überragender Fredenbecker ist der norwegische Spielmacher Roger Kjendalen, der zehn Tore erzielt, davon acht per Siebenmeter.

Im Februar überschlagen sich die Ereignisse. Schauplatz zweier Dramen ist jeweils Hagen. Am 4. Februar gewinnt der VfL 19:18 beim VfL Eintracht. Doch es handelt sich um einen Pyrrhus-Sieg. Denn Kjendalen, Dreh- und Angelpunkt der Norddeutsche, erleidet einen Achillessehnenriss.

Eine Woche später leistet sich GWD in Hagen einen deftigen 22:30-Ausrutscher, der Trainer Mijatovic den Job kostet. GWD-Jugendchef Molthahn übernimmt, assistiert wird er vom bis dahin freigestellten Linksaußen Hertelt. „Die Aufgabe war klar: Einfach kein Spiel mehr verlieren“, beschreibt Molthahn die Ausgangslage. Was er verändert hat? „Das ist so lange her, das ist schwer zu sagen. Die Mannschaft war von Milo top trainiert worden und hatte mit Robert Hedin einen echten Anführer. Gearbeitet haben wir nur an Kleinigkeiten“, sagt „Molli“ 25 Jahre später.

Der GWD-Fahrplan geht jedenfalls auf. Im März schwächeln die Fredenbecker: Beim PSV Schwerin unterliegen sie 21:23, bei Flensburg II gibt es ein 20:20. GWD ist mit zwei Punkten Vorsprung wieder Spitzenreiter.

Jetzt geht es in den Endspurt. Am 6. Mai 1995 verwandeln 380 mitgereiste Mindener Fans die Wilhelmshavener Nordfrost-Arena in eine GWD-Heimspielstätte. Minden gewinnt beim PSV 26:21, hat bei zwei noch ausstehenden Spielen zwei Punkte Vorsprung, zudem das wesentlich bessere Torverhältnis im Vergleich mit Fredenbeck. Am vorletzten Spieltag holen die Dankerser bei der HSG Nordhorn nach 24:27-Rückstand noch ein 28:28. Für den Aufstieg reicht der Punkt noch nicht, aber Molthahn erinnert sich: „Das war das Schlüsselspiel. Die alte Halle war völlig überfüllt, wir kamen nicht klar und nicht ansatzweise für Punkte in Frage.“ Doch der ebenso erfahrene wie moderne Coach schafft mit dem Team die Wende. Er setzt auf den siebten Feldspieler. Heute populär, damals revolutionär. „Im letzten Angriff hat man das schon mal gemacht, aber ich habe das zehn, 15 Minuten ausprobiert und Torwart Volker Hoffmann gegen einen zweiten Kreisläufer gewechselt. Damit hatte Nordhorn Probleme, wir haben aufgeholt und noch ein Unentschieden geschafft.“

Damit war die Bühne bereitet: Eine Woche später gewinnt Minden das eingangs erwähnte Spiel gegen Flensburg-Handewitt II. GWD war zurück in der Bundesliga.

GWD-Torschützen der Saison 1994/95

1. Robert Hedin 201/60

2. Andreas Bock 149

3. Joachim Sproß 139/26

4. Ralf Böhme 98

5. Hajo Wulff 93/12

6. Marten Julius 83

7. Bodo Leckelt 76

8. Thomas Oehme 42

9. Frank von Behren 17/6

10. Kai Stolze 8

11. Norbert Gregorz 6

12. Walter Schubert 5

13. Stefan Dessin 1

13. Hendrik Schepper 1

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