Rambos neuer Nachbar: GWD-Neuling Carsten Lichtlein spricht über Corona, Familie und die neue Heimat Marcus Riechmann Würzburg/Minden. Der Lebensmittelpunkt des Handball-Profis liegt in der Sporthalle. Training, Spiele, Teamkollegen und meist einen Ball in der Hand. Für Familie bleibt wenig Zeit. Carsten Lichtlein kennt diesen Rhythmus. Seit 20 Jahren spielt der Torwart in der Bundesliga. 636 Einsätze – keiner hat mehr Erstliga-Spiele auf dem Konto als der Welt- und Europameister. Und dann kam Corona. Pause. Schnitt. Alles auf Null. „Seit Mitte März ruht alles“, sagt der Rekord-Keeper. Auch beim HC Erlangen wurde Kurzarbeit angeordnet und der Betrieb eingestellt. Für Lichtlein bedeutete das: Auf eigene Faust fit halten. „Ich bin sportlich auf Stand“, sagt der 39-Jährige. Doch in der Sporthalle war er seit Monaten nicht. Sein Tagesablauf hat sich verändert. Sonst lebte er hunderte Kilometer entfernt und war kaum einen Tag in der Woche daheim, jetzt jeden. Corona-Zeit war für ihn Familienzeit – mit der herausfordernden Nähe der Corona-Bedingungen. Rund vier Monate verbrachte er bei Frau und Kindern in Würzburg, so lange wie nie zuvor. Für seinen beiden Söhne, elf und sechs Jahre alt, eine neue Erfahrung. Und für den Papa auch. „Home-Schooling war angesagt“, erzählt Lichtlein. Und manches mehr. „Das war eine besondere Zeit“, hat Lichtlein die Nähe genossen – und auch die Wiedereröffnung des Kindergartens. Nebenbei stand das tägliche Fitnessprogramm an und wenn Zeit war auch ein bisschen Golf. Nun endet diese Phase. Mit den medizinischen Tests bei seinem neuen Arbeitgeber GWD Minden beginnt Montag für Lichtlein wieder der Alltag – und zugleich mit der 20. Erstliga-Saison ein neuer Lebensabschnitt. Vom HC Erlangen wechselt der Routinier nach Ostwestfalen und startet in seine fünfte Bundesliga-Station. Der 2,02 Meter große Keeper ist vereinstreu. Fünf Jahre beim TV Großwallstadt, acht beim TBV Lemgo und dann stand er sechs Spielzeiten beim VfL Gummersbach zwischen den Pfosten. Lediglich beim HC Erlangen blieb er nur eine einzige Saison. Man konnte sich im Herbst nicht über Vertragsfragen einigen. Dann kam die Anfrage aus Minden. „Frank von Behren hat sich früh um mich bemüht. Wir kennen uns schon lange, wir haben ja auch zusammen in der Nationalmannschaft gespielt. Im November hat sich der Kontakt intensiviert“, erzählt Lichtlein. Das Resultat: Die Vereinbarung mit den Franken wurde aufgelöst, Lichtlein unterschrieb bei GWD einen Zwei-Jahres-Vertrag. Eine Nebenwirkung: Als er mit dem HCE am 15. Dezember in der Kampa-Halle spielte, durfte er beim für Minden äußerst schmerzhaften 29:26-Sieg der Erlanger bis auf ein paar Siebenmeter-Einsätze auf der Ersatzbank schmoren. Das hat ihn geärgert. Aber das ist Schnee von gestern. Auch, wenn er in seiner Karriere bereits alles erreicht hat – für ein Leben als Handball-Rentner fühlt sich der Rekordspieler noch nicht bereit. „Die Begeisterung für den Handball ist immer noch da“, erzählt der Würzburger und freut sich auf die kommenden zwei Jahre in Minden. Auf die Herausforderungen, auf das Team und auf die Fans. „Ich mag und ich brauche die Emotionen aus dem Publikum, das motiviert mich. Und ich hoffe, dass wir bei den Mindener Fans Begeisterung wecken können“, erzählt der 220-malige Nationalspieler. Es gefällt ihm, dass er nun noch einmal etwas Neues erleben wird: „Ostwestfalen kenne ich ja gut aus meiner Zeit in Lemgo. Nach Minden fährt man von Lemgo aus zwar nicht, aber ich bin damals schon am Kaiser-Denkmal gewesen.“ Dorthin wird ihn der Weg bald häufiger führen. Unterhalb des zu Ehren von Kaiser Wilhelm I. an der Porta Westfalica errichteten und im Jahr 1896 eingeweihten Monuments wird Lichtlein künftig leben. Neben GWD-Norweger Christoffer Rambo und dessen Familie zieht er in die ehemals von Magnus Gullerud bewohnte Doppelhaushälfte ein. Auf der anderen Seite lebt GWD-Linksaußen Joscha Ritterbach. „Das wird sicher unterhaltsam, ich bin eingezingelt“, sagt Lichtlein über das Wohnprojekt mit Familie Rambo und dem 26-jährigen Junggesellen als Nachbarn. Die Gegend gefällt ihm: „Das ist eine richtig schöne Ecke, direkt am Wald“, blickt Lichtlein langen Spaziergängen im Wiehengebirge entgegen. Der Nachfolger von Espen Christensen (wechselt zu Kristianstad nach Schweden) freut sich auf den Trainingsstart mit GWD, auf die neuen Teamkameraden und auf die Bundesliga. Als Partner von Malte Semisch wird er das Mindener Tor hüten und eine Rolle als Mentor für die junge Spieler übernehmen – vor allem für die beiden Torwarttalente Leon Grabenstein und Lucas Grabitz. Die neue Saison bietet ihm nicht nur die Gelegenheit, das Rekordspielerkonto weiter aufzustocken, sondern auch die Aussicht auf ein familiäres Duell: Sein Neffe Nils spielt bei den Füchsen Berlin in der A-Jugend und zählt zum erweiterten Kader des Bundesligateams. „Ja, ich habe schon darüber nachgedacht, dass sich das ergeben könnte“, sagt Carsten Lichtlein über die Möglichkeit, dass ihm der Neffe die Bälle aufs Tor zimmert. „Gegen Familie zu spielen ist eher nicht so mein Ding“, meint der Onkel, doch ihm gefällt ein anderer Aspekt: „Da ist auf jeden Fall eine Gelegenheit, sich mal wieder zu sehen. Und das kommt ja auch nicht so oft vor.“ So viel Zeit für Familie wie in der Corona-Pause hat ein Profi-Handballer ja normalerweise nicht.

Rambos neuer Nachbar: GWD-Neuling Carsten Lichtlein spricht über Corona, Familie und die neue Heimat

Ein Meister seines Fachs: Seit 20 Jahren mischt Carsten Lichtlein in der Bundesliga mit und zeigt spektakuläre Paraden, so wie hier gegen den Ludwigshafener Schützen Maximilian Haider. Foto: Michael Bermel/Eibner © EIBNER/Michael Bermel

Würzburg/Minden. Der Lebensmittelpunkt des Handball-Profis liegt in der Sporthalle. Training, Spiele, Teamkollegen und meist einen Ball in der Hand. Für Familie bleibt wenig Zeit. Carsten Lichtlein kennt diesen Rhythmus. Seit 20 Jahren spielt der Torwart in der Bundesliga. 636 Einsätze – keiner hat mehr Erstliga-Spiele auf dem Konto als der Welt- und Europameister. Und dann kam Corona. Pause. Schnitt. Alles auf Null. „Seit Mitte März ruht alles“, sagt der Rekord-Keeper.

Auch beim HC Erlangen wurde Kurzarbeit angeordnet und der Betrieb eingestellt. Für Lichtlein bedeutete das: Auf eigene Faust fit halten. „Ich bin sportlich auf Stand“, sagt der 39-Jährige. Doch in der Sporthalle war er seit Monaten nicht. Sein Tagesablauf hat sich verändert. Sonst lebte er hunderte Kilometer entfernt und war kaum einen Tag in der Woche daheim, jetzt jeden. Corona-Zeit war für ihn Familienzeit – mit der herausfordernden Nähe der Corona-Bedingungen.

Selfie aus Würzburg, natürliche im Sport-Shirt. Carsten Lichtlein freut sich auf den Start in Minden und sein 20. Bundesliga-Jahr. - © Foto: pr
Selfie aus Würzburg, natürliche im Sport-Shirt. Carsten Lichtlein freut sich auf den Start in Minden und sein 20. Bundesliga-Jahr. - © Foto: pr

Rund vier Monate verbrachte er bei Frau und Kindern in Würzburg, so lange wie nie zuvor. Für seinen beiden Söhne, elf und sechs Jahre alt, eine neue Erfahrung. Und für den Papa auch. „Home-Schooling war angesagt“, erzählt Lichtlein. Und manches mehr. „Das war eine besondere Zeit“, hat Lichtlein die Nähe genossen – und auch die Wiedereröffnung des Kindergartens. Nebenbei stand das tägliche Fitnessprogramm an und wenn Zeit war auch ein bisschen Golf.

Nun endet diese Phase. Mit den medizinischen Tests bei seinem neuen Arbeitgeber GWD Minden beginnt Montag für Lichtlein wieder der Alltag – und zugleich mit der 20. Erstliga-Saison ein neuer Lebensabschnitt. Vom HC Erlangen wechselt der Routinier nach Ostwestfalen und startet in seine fünfte Bundesliga-Station. Der 2,02 Meter große Keeper ist vereinstreu. Fünf Jahre beim TV Großwallstadt, acht beim TBV Lemgo und dann stand er sechs Spielzeiten beim VfL Gummersbach zwischen den Pfosten. Lediglich beim HC Erlangen blieb er nur eine einzige Saison.

Man konnte sich im Herbst nicht über Vertragsfragen einigen. Dann kam die Anfrage aus Minden. „Frank von Behren hat sich früh um mich bemüht. Wir kennen uns schon lange, wir haben ja auch zusammen in der Nationalmannschaft gespielt. Im November hat sich der Kontakt intensiviert“, erzählt Lichtlein. Das Resultat: Die Vereinbarung mit den Franken wurde aufgelöst, Lichtlein unterschrieb bei GWD einen Zwei-Jahres-Vertrag. Eine Nebenwirkung: Als er mit dem HCE am 15. Dezember in der Kampa-Halle spielte, durfte er beim für Minden äußerst schmerzhaften 29:26-Sieg der Erlanger bis auf ein paar Siebenmeter-Einsätze auf der Ersatzbank schmoren. Das hat ihn geärgert. Aber das ist Schnee von gestern.

Auch, wenn er in seiner Karriere bereits alles erreicht hat – für ein Leben als Handball-Rentner fühlt sich der Rekordspieler noch nicht bereit. „Die Begeisterung für den Handball ist immer noch da“, erzählt der Würzburger und freut sich auf die kommenden zwei Jahre in Minden. Auf die Herausforderungen, auf das Team und auf die Fans. „Ich mag und ich brauche die Emotionen aus dem Publikum, das motiviert mich. Und ich hoffe, dass wir bei den Mindener Fans Begeisterung wecken können“, erzählt der 220-malige Nationalspieler. Es gefällt ihm, dass er nun noch einmal etwas Neues erleben wird: „Ostwestfalen kenne ich ja gut aus meiner Zeit in Lemgo. Nach Minden fährt man von Lemgo aus zwar nicht, aber ich bin damals schon am Kaiser-Denkmal gewesen.“ Dorthin wird ihn der Weg bald häufiger führen. Unterhalb des zu Ehren von Kaiser Wilhelm I. an der Porta Westfalica errichteten und im Jahr 1896 eingeweihten Monuments wird Lichtlein künftig leben. Neben GWD-Norweger Christoffer Rambo und dessen Familie zieht er in die ehemals von Magnus Gullerud bewohnte Doppelhaushälfte ein. Auf der anderen Seite lebt GWD-Linksaußen Joscha Ritterbach. „Das wird sicher unterhaltsam, ich bin eingezingelt“, sagt Lichtlein über das Wohnprojekt mit Familie Rambo und dem 26-jährigen Junggesellen als Nachbarn. Die Gegend gefällt ihm: „Das ist eine richtig schöne Ecke, direkt am Wald“, blickt Lichtlein langen Spaziergängen im Wiehengebirge entgegen.

Der Nachfolger von Espen Christensen (wechselt zu Kristianstad nach Schweden) freut sich auf den Trainingsstart mit GWD, auf die neuen Teamkameraden und auf die Bundesliga. Als Partner von Malte Semisch wird er das Mindener Tor hüten und eine Rolle als Mentor für die junge Spieler übernehmen – vor allem für die beiden Torwarttalente Leon Grabenstein und Lucas Grabitz.

Die neue Saison bietet ihm nicht nur die Gelegenheit, das Rekordspielerkonto weiter aufzustocken, sondern auch die Aussicht auf ein familiäres Duell: Sein Neffe Nils spielt bei den Füchsen Berlin in der A-Jugend und zählt zum erweiterten Kader des Bundesligateams. „Ja, ich habe schon darüber nachgedacht, dass sich das ergeben könnte“, sagt Carsten Lichtlein über die Möglichkeit, dass ihm der Neffe die Bälle aufs Tor zimmert. „Gegen Familie zu spielen ist eher nicht so mein Ding“, meint der Onkel, doch ihm gefällt ein anderer Aspekt: „Da ist auf jeden Fall eine Gelegenheit, sich mal wieder zu sehen. Und das kommt ja auch nicht so oft vor.“ So viel Zeit für Familie wie in der Corona-Pause hat ein Profi-Handballer ja normalerweise nicht.

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