Individuelle Klasse schlägt gutes Kollektiv: GWD verliert gegen Kiel Astrid Plaßhenrich Lübbecke. Die Überraschung blieb aus: Trotz einer engagierten Leistung musste der Außenseiter dem Favoriten gratulieren. So verlor der Handball-Bundesligist GWD Minden gegen den THW Kiel mit 30:35 (13:17). Bis zum Ziel „Klassenerhalt" ist es bei noch drei ausstehenden Spielen ein steiniger Weg. Endlich war es wieder ein Handballfest. Endlich durften die GWD-Fans nach acht langen Monaten in die Lübbecker Kreissporthalle zurückkehren - und sorgten über die 60 Minuten für angemessene Bundesliga-Stimmung. Dazu konnten die Mindener in Bestbesetzung antreten. Doruk Pehlivan spielte trotz anhaltender Knieprobleme. Miro Schluroff meldete sich nach seiner Knöchelverletzung wieder fit, und auch Max Staar stand wieder im Kader. Die Zuschauerkulisse schien GWD zu beflügeln. Jeder in der Halle merkte, dass sich die Mindener gegen den deutschen Rekordmeister viel vorgenommen hatten. Doch es haperte zunächst an der Chancenverwertung. Zwar bereitete GWD seine Würfe viel besser vor als in den drei Spielen zuvor. Der Ball lief, die Anspiele gelangen. Aber vor dem Tor versagten in den Anfangsminuten die Nerven. Nachdem GWD-Spielmacher Juri Knorr zum 1:1 ausgeglichen hatte (2.), mussten die Mindener mehr als neun Minuten auf ihren zweiten Treffer warten. Erst dann gelang es Lucas Meister Kiels Weltklasse-Keeper Niclas Landin zum 2:5 zu überwinden. Doch dann ging alles schnell. Jetzt brauchte Christoffer Rambo mit seinen zwei Toren nur 30 Sekunden, um den Anschluss zum 4:5 herzustellen (12.). Die Kieler waren an diesem Samstagabend verwundbar. Doch Kapital konnten die Mindener daraus nicht schlagen - auch wenn die Abwehr gegen den amtierenden Champions-League-Sieger erneut stabil stand. Individuelle Klasse schlug das Kollektiv. Drei Beispiele: Kiels Kreisläufer Patrick Wiencek überlistete mit einem coolen Heber den 2,08 Meter langen GWD-Torwart Malte Semisch zum 12:9 (22.); Domagoj Duvnjak tankte sich mit all seiner Power durch das Mindener Abwehrbollwerk zum 13:10 (23.). Und Landin machte das, was er immer macht: Mit seiner stoischen Gelassenheit vereitelte der 32-jährige Keeper immer wieder beste Chancen. Trotzdem ließ sich GWD aufgrund eines beherzten Auftritts nicht abschütteln. Vor allem Knorr zeigte sich im Vergleich zur 21:24-Niederlage in Leipzig stark verbessert, lenkte klug das Spiel. Dazu traf Rambo regelmäßig und auch Gulliksen war von Minute zu Minute sicherer im Abschluss geworden. Knorr war es auch, der 22 Sekunden vor der Pause zum 13:16 traf. Aus GWD-Sicht ärgerlich, dass Steffen Weinhold zwei Sekunden vor der Sirene den Vier-Tore-Abstand wieder herstellen konnte. GWD kämpfte, kratzte, biss. Aber es spricht für die Kieler Qualität, dass sie sich trotz der Mindener Gegenwehr nicht aus der Ruhe bringen ließen. Der THW verteidigte konsequent seine Führung. GWD schaffte es im zweiten Durchgang maximal auf drei Treffer heranzukommen. Als Lucas Meister zum 26:29 getroffen hatte (50.), war der Arbeitstag von Christian Zeitz bereits beendet. Der 40-Jährige sah die Rote Karte, nachdem er Miha Zarabec mit der Hand im Gesicht getroffen hatte (43.). Die Kieler verteidigten ihren Vorsprung jetzt souverän, ließen sich den Sieg nicht mehr nehmen und gewannen letztlich verdient - „auch wenn es für den Kopf wirklich schwer war", wie Miha Zarabec gestand. Der Rückraumspieler hatte mit dem Rekordmeister unter der Woche beim 33:34 gegen den SC Magdeburg zwei wichtige Punkte liegen gelassen und damit die Tabellenführung der Handball-Bundesliga an die SG Flensburg-Handewitt abgegeben. „Es war genau das schwere Spiel, das wir erwartet haben. Wir mussten richtig vorsichtig sein, um hier zu gewinnen", betont er. Für den THW sei das Ziel für die letzten Spiele der Saison, „alles zu gewinnen und dann schauen, ob es vielleicht doch noch für die Meisterschaft reicht". Die Enttäuschung, dass es trotz eines engagierten Kampfes nicht für etwas Zählbares gereicht hat, war GWD-Kreisläufer Lucas Meister nach der Partie nur so ins Gesicht geschrieben: „Wenn ich hier jetzt auf die Anzeigetafel schaue, sind 35 Gegentore nun mal einfach zu viel. Wir sind halt keine Mannschaft, die in einem Spiel 40 Tore wirft", sagt der Schweizer. Trotz der Niederlage sei er aber alles andere als unzufrieden mit der Leistung seines Teams. „Abgesehen von meiner Wenigkeit hatten wir endlich mal wieder eine vernünftige Effizienz im Angriff." Auch die Zweikämpfe seien mit einer guten Aggressivität geführt worden. „Aber wenn wir dann mal zu weit weg waren, nutzt eine Mannschaft wie Kiel das halt. Dann gehen die halt auf einfache Durchbruch-Tore." GWD muss die Punkte im Kampf um den Klassenerhalt nun in den drei verbleibenden Spielen gegen Göppingen, Ludwigshafen und Wetzlar sammeln. „Wir müssen es jetzt einfach mehr wollen als die anderen", fordert Lucas Meister. Vor der Partie gab es eine Schweigeminute für Jürgen Riechmann und Jürgen Pook. Riechmann gehörte 1989 zu den Gründern des Unterstützervereins GWD Pool 100, er war Gründungsmitglied des 1992 ins Leben gerufenen Präsidiums und seit 1997 Gesellschafter der ersten Stunde. Pook gewann mit GWD Minden 1971 die Deutsche Meisterschaft und holte mit dem TSV Grün-Weiß Dankersen ein Jahr zuvor den Europapokal im Feldhandball nach Ostwestfalen. Der Funktionär und ehemalige GWD-Spieler verstarben Anfang Juni.

Individuelle Klasse schlägt gutes Kollektiv: GWD verliert gegen Kiel

Mindens Spielmacher Juri Knorr überwindet Kiels Weltklasse-Torhüter Niklas Landin. © Noah Wedel

Lübbecke. Die Überraschung blieb aus: Trotz einer engagierten Leistung musste der Außenseiter dem Favoriten gratulieren. So verlor der Handball-Bundesligist GWD Minden gegen den THW Kiel mit 30:35 (13:17). Bis zum Ziel „Klassenerhalt" ist es bei noch drei ausstehenden Spielen ein steiniger Weg.

Endlich war es wieder ein Handballfest. Endlich durften die GWD-Fans nach acht langen Monaten in die Lübbecker Kreissporthalle zurückkehren - und sorgten über die 60 Minuten für angemessene Bundesliga-Stimmung. Dazu konnten die Mindener in Bestbesetzung antreten. Doruk Pehlivan spielte trotz anhaltender Knieprobleme. Miro Schluroff meldete sich nach seiner Knöchelverletzung wieder fit, und auch Max Staar stand wieder im Kader.

Die Zuschauerkulisse schien GWD zu beflügeln. Jeder in der Halle merkte, dass sich die Mindener gegen den deutschen Rekordmeister viel vorgenommen hatten. Doch es haperte zunächst an der Chancenverwertung. Zwar bereitete GWD seine Würfe viel besser vor als in den drei Spielen zuvor. Der Ball lief, die Anspiele gelangen. Aber vor dem Tor versagten in den Anfangsminuten die Nerven. Nachdem GWD-Spielmacher Juri Knorr zum 1:1 ausgeglichen hatte (2.), mussten die Mindener mehr als neun Minuten auf ihren zweiten Treffer warten. Erst dann gelang es Lucas Meister Kiels Weltklasse-Keeper Niclas Landin zum 2:5 zu überwinden.

Doch dann ging alles schnell. Jetzt brauchte Christoffer Rambo mit seinen zwei Toren nur 30 Sekunden, um den Anschluss zum 4:5 herzustellen (12.). Die Kieler waren an diesem Samstagabend verwundbar. Doch Kapital konnten die Mindener daraus nicht schlagen - auch wenn die Abwehr gegen den amtierenden Champions-League-Sieger erneut stabil stand. Individuelle Klasse schlug das Kollektiv. Drei Beispiele: Kiels Kreisläufer Patrick Wiencek überlistete mit einem coolen Heber den 2,08 Meter langen GWD-Torwart Malte Semisch zum 12:9 (22.); Domagoj Duvnjak tankte sich mit all seiner Power durch das Mindener Abwehrbollwerk zum 13:10 (23.). Und Landin machte das, was er immer macht: Mit seiner stoischen Gelassenheit vereitelte der 32-jährige Keeper immer wieder beste Chancen.

Trotzdem ließ sich GWD aufgrund eines beherzten Auftritts nicht abschütteln. Vor allem Knorr zeigte sich im Vergleich zur 21:24-Niederlage in Leipzig stark verbessert, lenkte klug das Spiel. Dazu traf Rambo regelmäßig und auch Gulliksen war von Minute zu Minute sicherer im Abschluss geworden. Knorr war es auch, der 22 Sekunden vor der Pause zum 13:16 traf. Aus GWD-Sicht ärgerlich, dass Steffen Weinhold zwei Sekunden vor der Sirene den Vier-Tore-Abstand wieder herstellen konnte.

GWD kämpfte, kratzte, biss. Aber es spricht für die Kieler Qualität, dass sie sich trotz der Mindener Gegenwehr nicht aus der Ruhe bringen ließen. Der THW verteidigte konsequent seine Führung. GWD schaffte es im zweiten Durchgang maximal auf drei Treffer heranzukommen. Als Lucas Meister zum 26:29 getroffen hatte (50.), war der Arbeitstag von Christian Zeitz bereits beendet. Der 40-Jährige sah die Rote Karte, nachdem er Miha Zarabec mit der Hand im Gesicht getroffen hatte (43.).

Die Kieler verteidigten ihren Vorsprung jetzt souverän, ließen sich den Sieg nicht mehr nehmen und gewannen letztlich verdient - „auch wenn es für den Kopf wirklich schwer war", wie Miha Zarabec gestand. Der Rückraumspieler hatte mit dem Rekordmeister unter der Woche beim 33:34 gegen den SC Magdeburg zwei wichtige Punkte liegen gelassen und damit die Tabellenführung der Handball-Bundesliga an die SG Flensburg-Handewitt abgegeben. „Es war genau das schwere Spiel, das wir erwartet haben. Wir mussten richtig vorsichtig sein, um hier zu gewinnen", betont er. Für den THW sei das Ziel für die letzten Spiele der Saison, „alles zu gewinnen und dann schauen, ob es vielleicht doch noch für die Meisterschaft reicht".

Die Enttäuschung, dass es trotz eines engagierten Kampfes nicht für etwas Zählbares gereicht hat, war GWD-Kreisläufer Lucas Meister nach der Partie nur so ins Gesicht geschrieben: „Wenn ich hier jetzt auf die Anzeigetafel schaue, sind 35 Gegentore nun mal einfach zu viel. Wir sind halt keine Mannschaft, die in einem Spiel 40 Tore wirft", sagt der Schweizer. Trotz der Niederlage sei er aber alles andere als unzufrieden mit der Leistung seines Teams. „Abgesehen von meiner Wenigkeit hatten wir endlich mal wieder eine vernünftige Effizienz im Angriff." Auch die Zweikämpfe seien mit einer guten Aggressivität geführt worden. „Aber wenn wir dann mal zu weit weg waren, nutzt eine Mannschaft wie Kiel das halt. Dann gehen die halt auf einfache Durchbruch-Tore."

GWD muss die Punkte im Kampf um den Klassenerhalt nun in den drei verbleibenden Spielen gegen Göppingen, Ludwigshafen und Wetzlar sammeln. „Wir müssen es jetzt einfach mehr wollen als die anderen", fordert Lucas Meister.

Vor der Partie gab es eine Schweigeminute für Jürgen Riechmann und Jürgen Pook. Riechmann gehörte 1989 zu den Gründern des Unterstützervereins GWD Pool 100, er war Gründungsmitglied des 1992 ins Leben gerufenen Präsidiums und seit 1997 Gesellschafter der ersten Stunde. Pook gewann mit GWD Minden 1971 die Deutsche Meisterschaft und holte mit dem TSV Grün-Weiß Dankersen ein Jahr zuvor den Europapokal im Feldhandball nach Ostwestfalen. Der Funktionär und ehemalige GWD-Spieler verstarben Anfang Juni.

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