Handball-Globetrotter Sead Hasanefendic spricht über die Heimat des neuen Mindener Torjägers Darmoul und erzählt, warum er einst nicht bei GWD blieb Marcus Riechmann Minden. Die Verpflichtung des Tunesiers Mohamed Amine Darmoul hat in den Sozialen Medien hohe Wellen geschlagen und dem Handball-Bundesligisten GWD Minden extreme Aufmerksamkeit beschert. Auf Facebook hat die Bekanntgabe des neuen Mindener Rückraumspielers allein am ersten Tag mehr als 90.000 Menschen erreicht. Ein enormer Wert, der die Zahl von rund 19.000 Abonnenten des GWD-Kanals weit übersteigt. Vor allem in der arabischen Welt war das Interesse der Nutzer am Wechsel des tunesischen Topspielers in die Bundesliga gewaltig. Vielfach wurde die Personalie geteilt und kommentiert. Für Sead Hasanefendic ist das keine Überraschung: „In Tunesien herrscht eine große Sportbegeisterung. Handball ist beliebt“, sagt der erfahrene Trainer, der bereits zweimal in seiner langen Karriere die tunesische Nationalmannschaft gecoacht hat. Von 2005 bis 2008 und in den Jahren 2013 bis 2015 war der Kroate im nordafrikanischen Land tätig. Zur Premiere führte er Tunesien zu großen Erfolgen: 2005 erreichte das Team Platz vier bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Das Team um Torschützenkönig und All-Star Wissem Hmam ließ damit die deutsche Auswahl um Frank von Behren, Carsten Lichtlein und Christian Zeitz als Neunte deutlich hinter sich. 2007 bei der WM in Deutschland kam Tunesien auf Rang elf. Zudem gewann Hasanefendic mit Tunesien 2006 die Afrika-Meisterschaft. Regelmäßig nimmt das Land an Weltmeisterschaften teil und immer wieder auch an Olympischen Spielen. Handball ist tief verankert in der tunesischen Sportszene, die nationale Liga verfügt über gehobenes Niveau. Über den Hauptstadtklub Esperance Sportive de Tunis, der die Liga dominiert, sagt Hasanefendic: „Die haben gute Qualität, vielleicht wie HSG Wetzlar oder SC Leipzig. Die hätten in der Bundesliga nichts mit dem Abstieg zu tun. Das ist alles top professionell da mit modernen Sportanlagen und allem, was man braucht.“ Den Heimatklub Darmouls, Étoile Sportive du Sahel, ordnet der 72-Jährige etwas darunter ein: „Die sind mit drei, vier anderen Klubs etwa so stark wie Coburg oder Essen. Der Rest der Liga bewegt sich auf Zweitliga-Stärke.“ Hasanefendic sieht großes Potenzial in Tunesien: „Es gibt da viele Talente.“ Er beschreibt den Handball im Mittelmeerstaat: „Die spielen schnell, explosiv und modern. Es geht mehr um individuelle Leistung und nicht so sehr um Kooperation.“ Die mannschaftliche Spieldisziplin sei weniger stark ausgeprägt, „aber da spielen viele gute Leute.“ Hasanefendic, der in Tunesien großes Ansehen genießt, hofft: „Wenn Darmoul in der Bundesliga seinen Weg macht, dann werden andere folgen. Dann geht die Tür auf.“ Diesen Weg zu ebnen sei ein persönliches Anliegen, macht der Trainer deutlich: „Deshalb habe ich GWD und Frank von Behren auch bei der Sache unterstützt.“ Diese „Sache“, die Verhandlungen mit der tunesischen Seite, beschreibt Hasanefendic als „nicht ganz einfach, vor allem, wenn die Spieler noch einen Vertrag besitzen.“ Das bestätigt Frank von Behren, der rund ein halbes Jahr in zähen Gesprächen damit beschäftigt war, Darmoul nach Minden zu holen. Mit Spielerberatern, Managern, Vereinsbossen, Verbandsfunktionären und staatlichen Stellen hatte der GWD-Sportgeschäftsführer zu tun, um die Wechselmodalitäten von Ablösesumme (über die Stillschweigen bewahrt wird) über Freistellungen für den tunesischen Handball bis hin zum Visum zu klären. „Das war kompliziert“, sagt von Behren: „Man darf einfach nicht aufgeben.“ Das positive Ergebnis mache ihn stolz, sagt der 44-Jährige: „An Darmoul waren eine Menge anderer Vereine in Europa dran. Aber er hat sich für uns entscheiden.“ „Frank hatte Ausdauer und eine gute Taktik. Er hatte eine klare Linie, das war wichtig“, lobt Hasanefendic den GWD-Manager, den er einst selbst trainiert hat: „Ich habe ihn damals nach Gummersbach geholt“, erinnert sich der Trainerfuchs an seine erst Station beim Altmeister, den er von 2002 bis 2004 trainierte. Zweimal noch war er in Gummersbach tätig, dort ist er sesshaft geworden. Ins Bergische Land kehrt er immer wieder zurück von seinen zahlreichen Trainerstationen. In rund 20 Klubs und Verbänden war er in seiner Karriere tätig. Auch in Minden und Lübbecke hat er als „Retter“ Spuren hinterlassen. Im Frühjahr 2013 sicherte er in der Nachfolge von Ulf Schefvert mit GWD die Klasse, selbiges gelang ihm im Frühjahr 2015 mit dem TuS N-Lübbecke. In beiden Fällen blieb Hasanefendic nicht, obwohl eine weitere Zusammenarbeit in den Klubs durchaus erwünscht war. „Ich wollte damals Spieler holen, nicht viele, aber ich wusste genau welche. Für GWD wollte ich damals Julius Kühn aus Essen haben. Doch die Wünsche konnten die Vereine nicht erfüllen. Darum bin ich nicht geblieben. Aber das war alles in Ordnung.“ Zuletzt trainierte Hasanefendic den Zweitligisten ThSV Eisenach, gab sein Engagement dort aber in der Corona-Pandemie im vergangenen Sommer auf. Aktuell ist er ohne konkrete Arbeitsstelle, doch beschäftigungslos ist er nicht. „Ich helfe hier und da, berate ein bisschen. Es gibt immer wieder Angebote, aber ich gucke genau hin“, sagt der alte Fahrensmann, der am 1. August seinen 73.Geburtstag feiern wird. Vom Handball kann er nicht lassen: „Ich werde wieder als Trainer arbeiten“, kündigt er aus dem Urlaub in der kroatischen Heimat an. Wohin ihn der Handball führen wird, lässt er noch offen. Einen Weg hingegen nennt er bereits: „Ich werde mal nach Minden kommen. Ich will sehen, wie es Darmoul geht und wie es so läuft.“ ZUM THEMA: Der zweite Tunesier in der Bundesliga Der neue GWD-Torjäger Mohamed Amine Darmoul kommt aus Sousse, einer Stadt am Mittelmeer mit einer rund 3.000-jährigen Geschichte. Die gut 220.000 Einwohner zählende Hafenstadt ist GWD-Sportgeschäftsführer Frank von Behren nicht unbekannt: Sousse war bei der WM 2005 in Tunesien Gruppenspielort des deutschen Teams. Darmoul ist erst der zweite Tunesier in der Handball-Bundesliga. Von 2013 bis 2014 spielte einst der sprunggewaltige Wael Jallouz beim deutschen Rekordmeister THW Kiel. Der Rückraumspieler verließ die Liga aber bereits nach einem Jahr und schloss sich dem spanischen Spitzenklub FC Barcelona an.

Handball-Globetrotter Sead Hasanefendic spricht über die Heimat des neuen Mindener Torjägers Darmoul und erzählt, warum er einst nicht bei GWD blieb

Der Retter bei der Arbeit: 18 Punkte genügten GWD im Frühjahr 2013 zum Klassenerhalt. Sieben davon holte Sead Hasanefendic bei seinem elf Spiele währenden Trainer-Engagement. Hier coacht er das Team bei der 21:33-Niederlage beim HSV Hamburg und weist Evars Klesniks (von links), Oliver Tesch und Anders Oechsler den Weg. Ganz links auf der Bank betrachtet Co-Trainer Aaron Ziercke das Geschehen. Foto: imago-images © imago sportfotodienst

Minden. Die Verpflichtung des Tunesiers Mohamed Amine Darmoul hat in den Sozialen Medien hohe Wellen geschlagen und dem Handball-Bundesligisten GWD Minden extreme Aufmerksamkeit beschert. Auf Facebook hat die Bekanntgabe des neuen Mindener Rückraumspielers allein am ersten Tag mehr als 90.000 Menschen erreicht. Ein enormer Wert, der die Zahl von rund 19.000 Abonnenten des GWD-Kanals weit übersteigt.

Vor allem in der arabischen Welt war das Interesse der Nutzer am Wechsel des tunesischen Topspielers in die Bundesliga gewaltig. Vielfach wurde die Personalie geteilt und kommentiert. Für Sead Hasanefendic ist das keine Überraschung: „In Tunesien herrscht eine große Sportbegeisterung. Handball ist beliebt“, sagt der erfahrene Trainer, der bereits zweimal in seiner langen Karriere die tunesische Nationalmannschaft gecoacht hat.

Grüße aus Kroatien: Sead Hasenefendic entspannt im Heimaturlaub. Foto: privat - © Sead Hasanefendic
Grüße aus Kroatien: Sead Hasenefendic entspannt im Heimaturlaub. Foto: privat - © Sead Hasanefendic

Von 2005 bis 2008 und in den Jahren 2013 bis 2015 war der Kroate im nordafrikanischen Land tätig. Zur Premiere führte er Tunesien zu großen Erfolgen: 2005 erreichte das Team Platz vier bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Das Team um Torschützenkönig und All-Star Wissem Hmam ließ damit die deutsche Auswahl um Frank von Behren, Carsten Lichtlein und Christian Zeitz als Neunte deutlich hinter sich. 2007 bei der WM in Deutschland kam Tunesien auf Rang elf. Zudem gewann Hasanefendic mit Tunesien 2006 die Afrika-Meisterschaft. Regelmäßig nimmt das Land an Weltmeisterschaften teil und immer wieder auch an Olympischen Spielen.

Handball ist tief verankert in der tunesischen Sportszene, die nationale Liga verfügt über gehobenes Niveau. Über den Hauptstadtklub Esperance Sportive de Tunis, der die Liga dominiert, sagt Hasanefendic: „Die haben gute Qualität, vielleicht wie HSG Wetzlar oder SC Leipzig. Die hätten in der Bundesliga nichts mit dem Abstieg zu tun. Das ist alles top professionell da mit modernen Sportanlagen und allem, was man braucht.“ Den Heimatklub Darmouls, Étoile Sportive du Sahel, ordnet der 72-Jährige etwas darunter ein: „Die sind mit drei, vier anderen Klubs etwa so stark wie Coburg oder Essen. Der Rest der Liga bewegt sich auf Zweitliga-Stärke.“

Hasanefendic sieht großes Potenzial in Tunesien: „Es gibt da viele Talente.“ Er beschreibt den Handball im Mittelmeerstaat: „Die spielen schnell, explosiv und modern. Es geht mehr um individuelle Leistung und nicht so sehr um Kooperation.“ Die mannschaftliche Spieldisziplin sei weniger stark ausgeprägt, „aber da spielen viele gute Leute.“ Hasanefendic, der in Tunesien großes Ansehen genießt, hofft: „Wenn Darmoul in der Bundesliga seinen Weg macht, dann werden andere folgen. Dann geht die Tür auf.“

Diesen Weg zu ebnen sei ein persönliches Anliegen, macht der Trainer deutlich: „Deshalb habe ich GWD und Frank von Behren auch bei der Sache unterstützt.“ Diese „Sache“, die Verhandlungen mit der tunesischen Seite, beschreibt Hasanefendic als „nicht ganz einfach, vor allem, wenn die Spieler noch einen Vertrag besitzen.“

Das bestätigt Frank von Behren, der rund ein halbes Jahr in zähen Gesprächen damit beschäftigt war, Darmoul nach Minden zu holen. Mit Spielerberatern, Managern, Vereinsbossen, Verbandsfunktionären und staatlichen Stellen hatte der GWD-Sportgeschäftsführer zu tun, um die Wechselmodalitäten von Ablösesumme (über die Stillschweigen bewahrt wird) über Freistellungen für den tunesischen Handball bis hin zum Visum zu klären. „Das war kompliziert“, sagt von Behren: „Man darf einfach nicht aufgeben.“ Das positive Ergebnis mache ihn stolz, sagt der 44-Jährige: „An Darmoul waren eine Menge anderer Vereine in Europa dran. Aber er hat sich für uns entscheiden.“

„Frank hatte Ausdauer und eine gute Taktik. Er hatte eine klare Linie, das war wichtig“, lobt Hasanefendic den GWD-Manager, den er einst selbst trainiert hat: „Ich habe ihn damals nach Gummersbach geholt“, erinnert sich der Trainerfuchs an seine erst Station beim Altmeister, den er von 2002 bis 2004 trainierte. Zweimal noch war er in Gummersbach tätig, dort ist er sesshaft geworden. Ins Bergische Land kehrt er immer wieder zurück von seinen zahlreichen Trainerstationen. In rund 20 Klubs und Verbänden war er in seiner Karriere tätig. Auch in Minden und Lübbecke hat er als „Retter“ Spuren hinterlassen. Im Frühjahr 2013 sicherte er in der Nachfolge von Ulf Schefvert mit GWD die Klasse, selbiges gelang ihm im Frühjahr 2015 mit dem TuS N-Lübbecke. In beiden Fällen blieb Hasanefendic nicht, obwohl eine weitere Zusammenarbeit in den Klubs durchaus erwünscht war. „Ich wollte damals Spieler holen, nicht viele, aber ich wusste genau welche. Für GWD wollte ich damals Julius Kühn aus Essen haben. Doch die Wünsche konnten die Vereine nicht erfüllen. Darum bin ich nicht geblieben. Aber das war alles in Ordnung.“

Zuletzt trainierte Hasanefendic den Zweitligisten ThSV Eisenach, gab sein Engagement dort aber in der Corona-Pandemie im vergangenen Sommer auf. Aktuell ist er ohne konkrete Arbeitsstelle, doch beschäftigungslos ist er nicht. „Ich helfe hier und da, berate ein bisschen. Es gibt immer wieder Angebote, aber ich gucke genau hin“, sagt der alte Fahrensmann, der am 1. August seinen 73.Geburtstag feiern wird. Vom Handball kann er nicht lassen: „Ich werde wieder als Trainer arbeiten“, kündigt er aus dem Urlaub in der kroatischen Heimat an. Wohin ihn der Handball führen wird, lässt er noch offen. Einen Weg hingegen nennt er bereits: „Ich werde mal nach Minden kommen. Ich will sehen, wie es Darmoul geht und wie es so läuft.“

ZUM THEMA: Der zweite Tunesier in der Bundesliga

Der neue GWD-Torjäger Mohamed Amine Darmoul kommt aus Sousse, einer Stadt am Mittelmeer mit einer rund 3.000-jährigen Geschichte. Die gut 220.000 Einwohner zählende Hafenstadt ist GWD-Sportgeschäftsführer Frank von Behren nicht unbekannt: Sousse war bei der WM 2005 in Tunesien Gruppenspielort des deutschen Teams.

Darmoul ist erst der zweite Tunesier in der Handball-Bundesliga. Von 2013 bis 2014 spielte einst der sprunggewaltige Wael Jallouz beim deutschen Rekordmeister THW Kiel. Der Rückraumspieler verließ die Liga aber bereits nach einem Jahr und schloss sich dem spanischen Spitzenklub FC Barcelona an.

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