GWD-Trainer Frank Carstens im MT-Interview: „Ich lerne mich gerade neu kennen“ Astrid Plaßhenrich,Marcus Riechmann Minden. Harte Monate liegen hinter den Handballern von GWD Minden. Neun Niederlagen in Folge schüttelten den Klub durch, Sport-Geschäftsführer Frank von Behren musste kurz nach dem ersten Saisonsieg am 10. November bei MT Melsungen gehen. Mittlerweile stehen 7:29 Punkte auf dem Konto, das Team hat sich gefestigt. Noch immer steht GWD auf dem letzten Platz der Handball-Bundesliga, doch das Schlusslicht hat aufgeholt und 16 Spieltage vor dem Saisonende den Kampf um den Klassenerhalt aufgenommen. Im MT-Interview spricht Trainer Frank Carstens über die Herausforderungen der ersten Saisonhälfte. Der 50-jährige Master-Coach, der das GWD-Team seit Februar 2015 führt, blickt auf den zweiten Saisonabschnitt, beleuchtet die besondere Situation in Minden und redet über die Zukunft, die unabhängig vom Klassenerhalt nicht rosig scheint für den Bundesliga-Standort. Neun Niederlagen in Folge, 0:18 Punkte – war das zurückliegende halbe Jahr das schlimmste Ihrer nun 15-jährigen Trainerkarriere? Sagen wir es mal so: Das erste halbe Jahr in Aurich 2006 kann da mithalten. Wir hatten damals das Ziel, in der 2. Liga Nord um den Aufstieg mitzuspielen, aber das ging ganz schlecht los. Wir hatten 5:19 Punkte, standen auf einem Abstiegsplatz. Für uns war das eine Katastrophe. Wir haben schlecht gespielt, und ich habe damals als Neuling auch was falsch gemacht. Nun zur aktuellen Situation: Ja, es war ein hartes halbes Jahr und wir haben viele Rückschläge einstecken müssen. 2021 war insgesamt ein knallhartes Jahr. Der Klassenerhalt mit dem Spitz-auf-Knopf-Spiel gegen Friesenheim, dann die Vorbereitung, die vielleicht falsche Erwartungen geweckt hat. Und dann der Start, der absolut ernüchternd war. Aber: Es gab auch richtig gute Momente. Da, wo andere Gruppen vielleicht schon abgedreht und innerlich gekündigt hätten, da hat diese Mannschaft immer weiter gemacht und immer daran geglaubt, dass wir durch Arbeit vorankommen. Gibt es einen beispielhaften Moment, an dem das deutlich wird? Im Prinzip bei jedem ersten Training nach einer Niederlage. Da merkt man, was gerade Phase ist. Ob wir zerbrechen oder ob wir noch auf Kurs sind. Es gab besondere Momente, wie die Niederlage beim TVB Stuttgart, die uns mehr als jede andere bis ins Mark getroffen hat. Vor dem Stuttgart-Spiel waren wir voll auf Kurs. Wenn ich wetten würde, hätte ich vor dem Spiel Geld auf uns gesetzt. Und dann haben wir verloren. Was waren die größten Herausforderungen dieser Saison? Es gab da einige. Es war anspruchsvoll, der Gruppe Mentalität zu vermitteln. Es war wichtig, die Unterschiede in der Gruppe zu überwinden zwischen Leuten, die schon 20 Jahre in der Bundesliga spielen und Leuten, die noch nie in der Bundesliga gespielt haben. Davon haben wir mehrere. Die sind wichtig für uns, die können auch vieles, aber die Liga war neu für sie. Die sind mit großen Ambitionen und großen eigenen Erwartungen in die Bundesliga gestartet. Wenn die eine Serie von 0:18 Punkten in den Köpfen und in den Herzen haben und vielleicht noch zwei Spiele auf der Bank sitzen, dann muss man ihnen mitgeben: Auch wenn gerade nicht viel für uns spricht, haben wir trotzdem eine Chance. Einerseits an dieser Mentalität und gleichzeitig an handballerischen Details zu arbeiten, war eine große Herausforderung. Aber die Gruppe hat mir diese Arbeit leicht gemacht. Es gab Rückschläge, es gab Zweifel. Aber es gab nie die grundlegende Frage: Macht das hier noch Sinn?Erweist sich in dieser unerfahrenen Mannschaft der besondere Wert von Männern wie Christian Zeitz oder Carsten Lichtlein, auch wenn sie wenig spielen? Ja. Sie geben den anderen Halt und sie vermitteln, dass Weitermachen die einzige Alternative ist, die wir haben. Selbst wenn man noch so viel falsch macht und ständig Rückschläge hinnimmt, gibt es keine Alternative dazu, weiter zu trainieren. Das verkörpern sie jeden Tag. Und zwar egal, ob sie auf dem Feld große Rolle übernehmen. Die geben jeden Tag im Training Gas und bringen sich voll ein. Mir ist klar, dass das von außen nicht jedem sichtbar ist, vor allem bei Christian wirkt es nicht immer so. Aber gerade er ist einer, der vorbildlich mitzieht. Christian gibt alles, um sich und die Mannschaft zu verbessern. Es war nicht nur sportlich turbulent. Mitte November hat sich GWD vom Sport-Geschäftsführer Frank von Behren getrennt. Wie hat sich das auf die Mannschaft ausgewirkt? Natürlich waren die Spieler überrascht. Damit rechnet man ja nicht. Das ist ja nicht der übliche Weg. Selbst wenn man eine Ahnung hat – und Spieler bekommen in einem Klub doch so einiges mit-, kommt es dann doch überraschend. Dann stellt sich sofort die Frage: Wer macht es jetzt? Wer übernimmt die Aufgaben? Die Frage habe ich mir auch gestellt. Am Berg die Pferde zu wechseln, ist keine einfache Sache. Aber insgesamt hat die Mannschaft das gut weggesteckt. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert? Ich schlafe weniger. Ich sitze mehr am Telefon. Und ich merke, dass das nicht meine Lieblingsbeschäftigung wird. Wer sind die neuen Ansprechpartner für die Spieler? Für Vertragsdetails ist Geschäftsführer Markus Kalusche zuständig. Er ist der letzte Verhandlungspartner, er unterschreibt die Verträge ja auch. Wenn es um die sportliche Perspektive an sich geht, bin ich der Ansprechpartner. Dann haben die Spieler ja einen kurzen Weg. Ja, aber ich muss schon den Anzug wechseln. Es gibt eine Diskrepanz zwischen den Aufgaben des Trainers, der den Spieler immer stärken will, und dem Verhandlungspartner, der auch auf den Preis schauen muss. Die Rollen passen nur bedingt zusammen. Da ist einiges neu, ich lerne mich gerade neu kennen. Für Gespräche wechsele ich auch den Raum. In der Halle reden wir über Taktik, über Handball. Aber nicht über Vertragsfragen. Das muss klar getrennt werden. Welche Spieler haben den größten Sprung nach vorn gemacht? Die positivste Überraschung ist ganz klar Tomas Urban. Wenn du als Backup für Rechtsaußen geholt wirst, aber auf einmal die Nummer eins im rechten Rückraum bist und nebenbei das Siebenmeterthema weitgehend löst, dann hast du einen großen Schritt gemacht. Tomas leistet einiges mehr, als wir erwartet hatten. Auch Max Staar hat eine riesen Entwicklung genommen. Die Aufstellung mit Max und Tomas ist ja nur möglich, weil Max als Halbverteidiger nochmal weiter gekommen ist. Er war vorher schon zweikampfstark, aber er hat gelernt im Verbund zu verteidigen. Das ist viel mehr.Max Staar hat auch Qualitäten als Offensivverteidiger entwickelt, der als Störenfried den gegnerischen Angriff unter Druck setzt. Ja, das muss er auch. Aber nicht so, wie früher Rambo. Bei den Steals sind wir deutlich abgerutscht. Da fehlen uns Rambo und auch Juri Knorr. Aber die Position, die Max Staar in der Abwehr bekleidet, ist die Position, die die meisten Fehler im gegnerischen Spiel provoziert. Das ist so, aber übrigens auch, wenn Christian Zeitz da spielt. Das ist nicht so auffällig, aber auch er sorgt für Fehler des Gegners. Einen Spieler, den ich noch erwähnen muss, ist Malte Semisch. Er hatte zu Saisonbeginn ein paar körperliche Probleme und eine kleine Krise. Aber er hat einen großen Schritt gemacht und ist wieder in der Form, die wir brauchen. Letztlich haben viele Spieler eine Entwicklung vollzogen, sonst würde GWD nicht mittlerweile auch Spiele gewinnen. Das ist aber eher eine Frage der Kooperation. Die Dinge laufen besser zusammen. Zu Saisonbeginn haben wir viele Durchbrüche kassiert, wir haben verteidigt wie Inseln. Es war unklar und vor allem schwer vorhersehbar, zu welcher Seite man jeweils helfen muss. Das wurde dann anders. Gegen Göppingen beispielsweise haben wir total viele Durchbruchsituationen pro-aktiv dichtgemacht. Das ist Abwehr. Der TuS N-Lübbecke macht nichts anderes. Davon leben die und so haben die ihre zehn Punkte geholt. Wir haben dafür eine Ewigkeit gebraucht.Auffälligster Spieler des ersten Saisonteils könnte auch Max Janke sein, der neben seinen Abwehraufgaben immer mehr Spielanteile als Mittelmann erhält. Jetzt fällt er mit einem Mittelhandbruch für einige Wochen aus. Wie wollen Sie das lösen? Das weiß ich noch nicht. Ich denke seit Tagen darüber nach, aber da liegt keine Lösung auf dem Tisch. Vor allem in der Abwehr schmerzt uns der Ausfall von Max Janke. Mait Patrail wäre eine Lösung gewesen. Er kann das, was Max spielt, ganz gut abdecken. Auch offensiv. Aber die Möglichkeit ist erstmal weg. Die Wechselfrist läuft bis zum 15. Februar. Bis dahin kann viel passieren. Die EM läuft, bei manchen Vereinen können sich Dinge ergeben. Aber aktuell ist nicht viel in Sicht. Unterstützung erhalten Sie neuerdings von A-Jugend-Trainer Sebastian Bagats, der zweimal pro Woche Aufgaben beim Training übernimmt. Er wird aber im Frühjahr eine Elternzeit einlegen. Welche Lösung wird hier langfristig angestrebt? Wir wollen einen hauptamtlichen Co-Trainer verpflichten. Wir wollen mehr Manpower in die Halle bringen. Ich habe ein Team von Assistenztrainern an meiner Seite. Philipp Roessler, Jörg Schiebel, Carsten Lichtlein oder Norbert Potthoff, alle übernehmen spezielle Aufgaben. Aber bei allen gilt: Sie haben einen Hauptjob und der geht vor. Es ist einfach wichtig, dass wir in der Halle mehr Hauptamtlichkeit schaffen. Das betrifft auch die Betreuerfunktion. Da wäre es erstmal klasse, wenn wir Benedikt Selle und Tobias Glombek mindestens weiter halten könnten. Die teilen sich das, und trotzdem ist es so nebenbei zu viel.Das Team ist seit Sommer zurück in der Kampa-Halle, hat dort den Spiel- und Trainingsort zurückerhalten. Doch es ist eine Rückkehr auf Zeit. In gut einem Jahr, März 2023, steht die große Renovierung und GWD der nächste Auszug bevor. Wie blicken Sie der Situation des steten Umbruchs entgegen? Mit Sorgen. Mit Bauchschmerzen. Die gesamte Entwicklung rund um die Kampa-Halle war für diejenigen, die sich damit beschäftigen, absehbar. Und trotzdem ist man da so reingeschlittert. Wenn ich daran denke, wie viel Zeit wir benötigt haben, um den letzten Wechsel zu verdauen, um uns neu aufzustellen, damit wir halbwegs trainingsfähig waren. Allein das Thema Kraftraum: Wie oft sind wir da umgezogen. Halle, Kraftraum, Laufbahn, Trainingsmaterial – das sind Leistungsvoraussetzungen, die geschaffen werden müssen. Wir mussten in einer Ausweichhalle mal ein paar Tage warten, ehe wir trainieren konnten, weil da der Boden so glatt war. Als wir einige Zeit später erneut dahin ausweichen mussten, war es wieder so. Das kann eigentlich nicht sein. Ist das ein Kampf gegen Windmühlen? Es ist auf jeden Fall eine Situation, die mir Sorgen bereitet. Es war schon so, dass wir als Mannschaft nach dem x-ten Hallenwechsel das Gefühl hatten: Will man uns hier überhaupt? Irgendwann ist es zu viel, irgendwann ist es nicht mehr lustig, wenn man vor verschlossenen Türen steht. Das kann keine Normalität werden. Wir erleben bei GWD gerade eine Lage, in der sich Dinge verändern. Von der Personalplanung über die Hallensituation bis zu den neuen Strukturen auf der Gesellschafterebene. Ich verfolge das sehr aufmerksam und bin sehr gespannt, welche Idee bei GWD künftig verfolgt wird. Ist das eine zentrale Frage, wenn der Trainer Frank Carstens seine eigene Zukunft plant? Ja, die Grundausrichtung ist der wichtigste Punkt. Vielleicht war die zurückliegende Phase auch gut und hat wie ein Brennglas die Probleme aufgezeigt. Aber wir müssen jetzt Lösungen finden. GWD besitzt viel Potenzial, aber das müssen wir auch nutzen. Sie haben einen Vertrag bis Sommer 2023. Gilt der auch für die 2. Liga? Mein Vertrag gilt nur für die 1. Liga. In den zweiten Saisonteil startet GWD mit zwei Spielen in Magdeburg. Wenn Sie sich einen Sieg aussuchen könnten, welchen würden Sie nehmen: Pokal oder Liga? Das Schöne im Sport ist: Man kann sich nichts wünschen. Es geht nur um Arbeit. Aber gut: Wenn man rational draufschaut, nimmt man den Sieg im Punktspiel. Zwei Punkte sind zwei Punkte. Und wir brauchen jeden. Der Sportler, der die besonderen Momente erleben will, nimmt das Pokalspiel. Hamburg – ich bekomme schon Gänsehaut, wenn ich nur an das Final Four denke. Wir werden beide Spiele volle Pulle angehen. Wir gehen zweimal „All in“. Ich bin sehr gespannt, welche Tricks Benno Wiegert (SCM-Trainer) einsetzen muss, um sein Team nach der EM auf die Schiene zu setzen, auf der wir ganz sicher unterwegs sein werden.Seit Februar 2015 sind Sie Trainer bei GWD. Im Sommer ist das Team damals abgestiegen. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass Sie nicht der erste Trainer sein werden, der mit GWD zweimal absteigt? Zuversichtlich macht mich die Moral des Teams, zuversichtlich macht mich die Lernkurve der Jungs, und zuversichtlich macht mich die wirtschaftliche Möglichkeit, dass wir uns noch verstärken können. Wir haben eine super Mentalität im Team, super Ehrgeiz und ein ganz starkes Miteinander.Gehen wir zurück zum Anfang: Sind Sie mit Aurich damals abgestiegen?Nein, wir haben am Ende der Saison das beste Ergebnis erreicht, dass es in Aurich je gab. Wir sind Vierter geworden. Am Ende war das nach dem Fehlstart nicht so schlecht. Die Situation bei GWD Minden Mit dem 29:25-Sieg bei der MT Melsungen läutete GWD Minden am 10. November die Trendwende ein. Zwar folgten vier weitere Niederlagen, doch die Leistungskurve ging nach oben. Im Dezember sammelte das Team 5:3 Punkte ein und feierte mit dem 25:21 gegen den Bergischen HC auch den ersten Heimsieg. Zudem zog Minden Mitte Dezember mit einem 31:28-Erfolg in der Kampa-Halle gegen Frisch Auf Göppingen ins Viertelfinale des DHB-Pokals ein. Dort trifft Minden nach der Europameisterschaftspause am Sonntag, 6. Februar, auf den SC Magdeburg. Der Tabellenführer ist zugleich auch Gastgeber beim Neustart der Liga am 9. Februar. Es schließen sich zwei Heimspiele gegen die in der Hinrunde besiegten Teams von SC Leipzig und MT Melsungen an. Die Reise zur SG Flensburg-Handewitt beschließt den Februar.Mit 7:29 Punkten belegt GWD nach 18 von 34 Spieltagen den 18. und letzten Platz der Handball-Bundesliga. Zwei Punkte liegt Minden hinter HBW Balingen-Weilstetten und TVB Stuttgart (9:27) zurück. Auf Platz 15 liegt der Mühlenkreis-Nachbar und Aufsteiger TuS N-Lübbecke mit 10:24 Punkten. Der Bergische HC (Platz 14) hat einen Punktestand von 13:23. Zwei Teams muss Minden bis zum Saisonfinale Mitte Juni bei der HSG Wetzlar hinter sich lassen, um den Abstieg in die 2. Liga abzuwenden.

GWD-Trainer Frank Carstens im MT-Interview: „Ich lerne mich gerade neu kennen“

Nachdenklich betrachtet Frank Carstens das Geschehen. Der 50-jährige Trainer ist zuversichtlich, dass er mit GWD Minden in den verbleibenden 16 Spielen den Klassenerhalt schaffen wird. Foto: © Jan Strohdiek/Eibner

Minden. Harte Monate liegen hinter den Handballern von GWD Minden. Neun Niederlagen in Folge schüttelten den Klub durch, Sport-Geschäftsführer Frank von Behren musste kurz nach dem ersten Saisonsieg am 10. November bei MT Melsungen gehen. Mittlerweile stehen 7:29 Punkte auf dem Konto, das Team hat sich gefestigt. Noch immer steht GWD auf dem letzten Platz der Handball-Bundesliga, doch das Schlusslicht hat aufgeholt und 16 Spieltage vor dem Saisonende den Kampf um den Klassenerhalt aufgenommen. Im MT-Interview spricht Trainer Frank Carstens über die Herausforderungen der ersten Saisonhälfte. Der 50-jährige Master-Coach, der das GWD-Team seit Februar 2015 führt, blickt auf den zweiten Saisonabschnitt, beleuchtet die besondere Situation in Minden und redet über die Zukunft, die unabhängig vom Klassenerhalt nicht rosig scheint für den Bundesliga-Standort.

Neun Niederlagen in Folge, 0:18 Punkte – war das zurückliegende halbe Jahr das schlimmste Ihrer nun 15-jährigen Trainerkarriere?

Sagen wir es mal so: Das erste halbe Jahr in Aurich 2006 kann da mithalten. Wir hatten damals das Ziel, in der 2. Liga Nord um den Aufstieg mitzuspielen, aber das ging ganz schlecht los. Wir hatten 5:19 Punkte, standen auf einem Abstiegsplatz. Für uns war das eine Katastrophe. Wir haben schlecht gespielt, und ich habe damals als Neuling auch was falsch gemacht. Nun zur aktuellen Situation: Ja, es war ein hartes halbes Jahr und wir haben viele Rückschläge einstecken müssen. 2021 war insgesamt ein knallhartes Jahr. Der Klassenerhalt mit dem Spitz-auf-Knopf-Spiel gegen Friesenheim, dann die Vorbereitung, die vielleicht falsche Erwartungen geweckt hat. Und dann der Start, der absolut ernüchternd war. Aber: Es gab auch richtig gute Momente. Da, wo andere Gruppen vielleicht schon abgedreht und innerlich gekündigt hätten, da hat diese Mannschaft immer weiter gemacht und immer daran geglaubt, dass wir durch Arbeit vorankommen.

Ein besonderer Moment: Nach dem 26:25-Auswärtssieg in Leipzig kurz vor Weihnachten springt Trainer Frank Carstens seinem Spielmacher Amine Darmoul in die Arme. Foto: - © imago images/Beautiful Sports
Ein besonderer Moment: Nach dem 26:25-Auswärtssieg in Leipzig kurz vor Weihnachten springt Trainer Frank Carstens seinem Spielmacher Amine Darmoul in die Arme. Foto: - © imago images/Beautiful Sports

Gibt es einen beispielhaften Moment, an dem das deutlich wird?

Im Prinzip bei jedem ersten Training nach einer Niederlage. Da merkt man, was gerade Phase ist. Ob wir zerbrechen oder ob wir noch auf Kurs sind. Es gab besondere Momente, wie die Niederlage beim TVB Stuttgart, die uns mehr als jede andere bis ins Mark getroffen hat. Vor dem Stuttgart-Spiel waren wir voll auf Kurs. Wenn ich wetten würde, hätte ich vor dem Spiel Geld auf uns gesetzt. Und dann haben wir verloren.

Was waren die größten Herausforderungen dieser Saison?

Es gab da einige. Es war anspruchsvoll, der Gruppe Mentalität zu vermitteln. Es war wichtig, die Unterschiede in der Gruppe zu überwinden zwischen Leuten, die schon 20 Jahre in der Bundesliga spielen und Leuten, die noch nie in der Bundesliga gespielt haben. Davon haben wir mehrere. Die sind wichtig für uns, die können auch vieles, aber die Liga war neu für sie. Die sind mit großen Ambitionen und großen eigenen Erwartungen in die Bundesliga gestartet. Wenn die eine Serie von 0:18 Punkten in den Köpfen und in den Herzen haben und vielleicht noch zwei Spiele auf der Bank sitzen, dann muss man ihnen mitgeben: Auch wenn gerade nicht viel für uns spricht, haben wir trotzdem eine Chance. Einerseits an dieser Mentalität und gleichzeitig an handballerischen Details zu arbeiten, war eine große Herausforderung. Aber die Gruppe hat mir diese Arbeit leicht gemacht. Es gab Rückschläge, es gab Zweifel. Aber es gab nie die grundlegende Frage: Macht das hier noch Sinn?

Erweist sich in dieser unerfahrenen Mannschaft der besondere Wert von Männern wie Christian Zeitz oder Carsten Lichtlein, auch wenn sie wenig spielen?

Ja. Sie geben den anderen Halt und sie vermitteln, dass Weitermachen die einzige Alternative ist, die wir haben. Selbst wenn man noch so viel falsch macht und ständig Rückschläge hinnimmt, gibt es keine Alternative dazu, weiter zu trainieren. Das verkörpern sie jeden Tag. Und zwar egal, ob sie auf dem Feld große Rolle übernehmen. Die geben jeden Tag im Training Gas und bringen sich voll ein. Mir ist klar, dass das von außen nicht jedem sichtbar ist, vor allem bei Christian wirkt es nicht immer so. Aber gerade er ist einer, der vorbildlich mitzieht. Christian gibt alles, um sich und die Mannschaft zu verbessern.

Es war nicht nur sportlich turbulent. Mitte November hat sich GWD vom Sport-Geschäftsführer Frank von Behren getrennt. Wie hat sich das auf die Mannschaft ausgewirkt?

Natürlich waren die Spieler überrascht. Damit rechnet man ja nicht. Das ist ja nicht der übliche Weg. Selbst wenn man eine Ahnung hat – und Spieler bekommen in einem Klub doch so einiges mit-, kommt es dann doch überraschend. Dann stellt sich sofort die Frage: Wer macht es jetzt? Wer übernimmt die Aufgaben? Die Frage habe ich mir auch gestellt. Am Berg die Pferde zu wechseln, ist keine einfache Sache. Aber insgesamt hat die Mannschaft das gut weggesteckt.

Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Ich schlafe weniger. Ich sitze mehr am Telefon. Und ich merke, dass das nicht meine Lieblingsbeschäftigung wird.

Wer sind die neuen Ansprechpartner für die Spieler?

Für Vertragsdetails ist Geschäftsführer Markus Kalusche zuständig. Er ist der letzte Verhandlungspartner, er unterschreibt die Verträge ja auch. Wenn es um die sportliche Perspektive an sich geht, bin ich der Ansprechpartner.

Dann haben die Spieler ja einen kurzen Weg.

Ja, aber ich muss schon den Anzug wechseln. Es gibt eine Diskrepanz zwischen den Aufgaben des Trainers, der den Spieler immer stärken will, und dem Verhandlungspartner, der auch auf den Preis schauen muss. Die Rollen passen nur bedingt zusammen. Da ist einiges neu, ich lerne mich gerade neu kennen. Für Gespräche wechsele ich auch den Raum. In der Halle reden wir über Taktik, über Handball. Aber nicht über Vertragsfragen. Das muss klar getrennt werden.

Welche Spieler haben den größten Sprung nach vorn gemacht?

Die positivste Überraschung ist ganz klar Tomas Urban. Wenn du als Backup für Rechtsaußen geholt wirst, aber auf einmal die Nummer eins im rechten Rückraum bist und nebenbei das Siebenmeterthema weitgehend löst, dann hast du einen großen Schritt gemacht. Tomas leistet einiges mehr, als wir erwartet hatten. Auch Max Staar hat eine riesen Entwicklung genommen. Die Aufstellung mit Max und Tomas ist ja nur möglich, weil Max als Halbverteidiger nochmal weiter gekommen ist. Er war vorher schon zweikampfstark, aber er hat gelernt im Verbund zu verteidigen. Das ist viel mehr.

Max Staar hat auch Qualitäten als Offensivverteidiger entwickelt, der als Störenfried den gegnerischen Angriff unter Druck setzt.

Ja, das muss er auch. Aber nicht so, wie früher Rambo. Bei den Steals sind wir deutlich abgerutscht. Da fehlen uns Rambo und auch Juri Knorr.

Aber die Position, die Max Staar in der Abwehr bekleidet, ist die Position, die die meisten Fehler im gegnerischen Spiel provoziert.

Das ist so, aber übrigens auch, wenn Christian Zeitz da spielt. Das ist nicht so auffällig, aber auch er sorgt für Fehler des Gegners. Einen Spieler, den ich noch erwähnen muss, ist Malte Semisch. Er hatte zu Saisonbeginn ein paar körperliche Probleme und eine kleine Krise. Aber er hat einen großen Schritt gemacht und ist wieder in der Form, die wir brauchen.

Letztlich haben viele Spieler eine Entwicklung vollzogen, sonst würde GWD nicht mittlerweile auch Spiele gewinnen.

Das ist aber eher eine Frage der Kooperation. Die Dinge laufen besser zusammen. Zu Saisonbeginn haben wir viele Durchbrüche kassiert, wir haben verteidigt wie Inseln. Es war unklar und vor allem schwer vorhersehbar, zu welcher Seite man jeweils helfen muss. Das wurde dann anders. Gegen Göppingen beispielsweise haben wir total viele Durchbruchsituationen pro-aktiv dichtgemacht. Das ist Abwehr. Der TuS N-Lübbecke macht nichts anderes. Davon leben die und so haben die ihre zehn Punkte geholt. Wir haben dafür eine Ewigkeit gebraucht.

Auffälligster Spieler des ersten Saisonteils könnte auch Max Janke sein, der neben seinen Abwehraufgaben immer mehr Spielanteile als Mittelmann erhält. Jetzt fällt er mit einem Mittelhandbruch für einige Wochen aus. Wie wollen Sie das lösen?

Das weiß ich noch nicht. Ich denke seit Tagen darüber nach, aber da liegt keine Lösung auf dem Tisch. Vor allem in der Abwehr schmerzt uns der Ausfall von Max Janke. Mait Patrail wäre eine Lösung gewesen. Er kann das, was Max spielt, ganz gut abdecken. Auch offensiv. Aber die Möglichkeit ist erstmal weg. Die Wechselfrist läuft bis zum 15. Februar. Bis dahin kann viel passieren. Die EM läuft, bei manchen Vereinen können sich Dinge ergeben. Aber aktuell ist nicht viel in Sicht.

Unterstützung erhalten Sie neuerdings von A-Jugend-Trainer Sebastian Bagats, der zweimal pro Woche Aufgaben beim Training übernimmt. Er wird aber im Frühjahr eine Elternzeit einlegen. Welche Lösung wird hier langfristig angestrebt?

Wir wollen einen hauptamtlichen Co-Trainer verpflichten. Wir wollen mehr Manpower in die Halle bringen. Ich habe ein Team von Assistenztrainern an meiner Seite. Philipp Roessler, Jörg Schiebel, Carsten Lichtlein oder Norbert Potthoff, alle übernehmen spezielle Aufgaben. Aber bei allen gilt: Sie haben einen Hauptjob und der geht vor. Es ist einfach wichtig, dass wir in der Halle mehr Hauptamtlichkeit schaffen. Das betrifft auch die Betreuerfunktion. Da wäre es erstmal klasse, wenn wir Benedikt Selle und Tobias Glombek mindestens weiter halten könnten. Die teilen sich das, und trotzdem ist es so nebenbei zu viel.

Das Team ist seit Sommer zurück in der Kampa-Halle, hat dort den Spiel- und Trainingsort zurückerhalten. Doch es ist eine Rückkehr auf Zeit. In gut einem Jahr, März 2023, steht die große Renovierung und GWD der nächste Auszug bevor. Wie blicken Sie der Situation des steten Umbruchs entgegen?

Mit Sorgen. Mit Bauchschmerzen. Die gesamte Entwicklung rund um die Kampa-Halle war für diejenigen, die sich damit beschäftigen, absehbar. Und trotzdem ist man da so reingeschlittert. Wenn ich daran denke, wie viel Zeit wir benötigt haben, um den letzten Wechsel zu verdauen, um uns neu aufzustellen, damit wir halbwegs trainingsfähig waren. Allein das Thema Kraftraum: Wie oft sind wir da umgezogen. Halle, Kraftraum, Laufbahn, Trainingsmaterial – das sind Leistungsvoraussetzungen, die geschaffen werden müssen. Wir mussten in einer Ausweichhalle mal ein paar Tage warten, ehe wir trainieren konnten, weil da der Boden so glatt war. Als wir einige Zeit später erneut dahin ausweichen mussten, war es wieder so. Das kann eigentlich nicht sein.

Ist das ein Kampf gegen Windmühlen?

Es ist auf jeden Fall eine Situation, die mir Sorgen bereitet. Es war schon so, dass wir als Mannschaft nach dem x-ten Hallenwechsel das Gefühl hatten: Will man uns hier überhaupt? Irgendwann ist es zu viel, irgendwann ist es nicht mehr lustig, wenn man vor verschlossenen Türen steht. Das kann keine Normalität werden. Wir erleben bei GWD gerade eine Lage, in der sich Dinge verändern. Von der Personalplanung über die Hallensituation bis zu den neuen Strukturen auf der Gesellschafterebene. Ich verfolge das sehr aufmerksam und bin sehr gespannt, welche Idee bei GWD künftig verfolgt wird.

Ist das eine zentrale Frage, wenn der Trainer Frank Carstens seine eigene Zukunft plant?

Ja, die Grundausrichtung ist der wichtigste Punkt. Vielleicht war die zurückliegende Phase auch gut und hat wie ein Brennglas die Probleme aufgezeigt. Aber wir müssen jetzt Lösungen finden. GWD besitzt viel Potenzial, aber das müssen wir auch nutzen.

Sie haben einen Vertrag bis Sommer 2023. Gilt der auch für die 2. Liga?

Mein Vertrag gilt nur für die 1. Liga.

In den zweiten Saisonteil startet GWD mit zwei Spielen in Magdeburg. Wenn Sie sich einen Sieg aussuchen könnten, welchen würden Sie nehmen: Pokal oder Liga?

Das Schöne im Sport ist: Man kann sich nichts wünschen. Es geht nur um Arbeit. Aber gut: Wenn man rational draufschaut, nimmt man den Sieg im Punktspiel. Zwei Punkte sind zwei Punkte. Und wir brauchen jeden. Der Sportler, der die besonderen Momente erleben will, nimmt das Pokalspiel. Hamburg – ich bekomme schon Gänsehaut, wenn ich nur an das Final Four denke. Wir werden beide Spiele volle Pulle angehen. Wir gehen zweimal „All in“. Ich bin sehr gespannt, welche Tricks Benno Wiegert (SCM-Trainer) einsetzen muss, um sein Team nach der EM auf die Schiene zu setzen, auf der wir ganz sicher unterwegs sein werden.

Seit Februar 2015 sind Sie Trainer bei GWD. Im Sommer ist das Team damals abgestiegen. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass Sie nicht der erste Trainer sein werden, der mit GWD zweimal absteigt?

Zuversichtlich macht mich die Moral des Teams, zuversichtlich macht mich die Lernkurve der Jungs, und zuversichtlich macht mich die wirtschaftliche Möglichkeit, dass wir uns noch verstärken können. Wir haben eine super Mentalität im Team, super Ehrgeiz und ein ganz starkes Miteinander.

Gehen wir zurück zum Anfang: Sind Sie mit Aurich damals abgestiegen?

Nein, wir haben am Ende der Saison das beste Ergebnis erreicht, dass es in Aurich je gab. Wir sind Vierter geworden. Am Ende war das nach dem Fehlstart nicht so schlecht.

Die Situation bei GWD Minden

Mit dem 29:25-Sieg bei der MT Melsungen läutete GWD Minden am 10. November die Trendwende ein. Zwar folgten vier weitere Niederlagen, doch die Leistungskurve ging nach oben. Im Dezember sammelte das Team 5:3 Punkte ein und feierte mit dem 25:21 gegen den Bergischen HC auch den ersten Heimsieg. Zudem zog Minden Mitte Dezember mit einem 31:28-Erfolg in der Kampa-Halle gegen Frisch Auf Göppingen ins Viertelfinale des DHB-Pokals ein. Dort trifft Minden nach der Europameisterschaftspause am Sonntag, 6. Februar, auf den SC Magdeburg. Der Tabellenführer ist zugleich auch Gastgeber beim Neustart der Liga am 9. Februar. Es schließen sich zwei Heimspiele gegen die in der Hinrunde besiegten Teams von SC Leipzig und MT Melsungen an. Die Reise zur SG Flensburg-Handewitt beschließt den Februar.Mit 7:29 Punkten belegt GWD nach 18 von 34 Spieltagen den 18. und letzten Platz der Handball-Bundesliga. Zwei Punkte liegt Minden hinter HBW Balingen-Weilstetten und TVB Stuttgart (9:27) zurück. Auf Platz 15 liegt der Mühlenkreis-Nachbar und Aufsteiger TuS N-Lübbecke mit 10:24 Punkten. Der Bergische HC (Platz 14) hat einen Punktestand von 13:23. Zwei Teams muss Minden bis zum Saisonfinale Mitte Juni bei der HSG Wetzlar hinter sich lassen, um den Abstieg in die 2. Liga abzuwenden.

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