GWD-Trainer Frank Carstens blickt im Interview erleichert zurück und kritisch nach vorn: „Wir sind besser als Platz 16“ Marcus Riechmann,Sebastian Külbel Minden. Als Frank Carstens im Februar 2015 das Team von GWD Minden übernahm, scheiterte die Rettungsmission hauchdünn: Als eine von vier Mannschaften stieg GWD aus der Handball-Bundesliga ab. In diesem Jahr mit erneut vier Absteigern gelang der Klassenerhalt. Im MT-Interview spricht der 49-jährige Trainer über die Belastungen einer zehrenden Corona-Saison, über die besondere Qualität seines Teams und den bevorstehenden Urlaub. Vor allem spricht er Probleme an und legt dar, woran es bei GWD hapert. Er ist sich sicher: „Wir sind besser als Platz 16.“ Sie sind fast täglich mit dem Rad raus zum Training nach Stemmer gefahren. Jetzt ist Pause, danach geht es zurück in die Kampa-Halle und die Wege werden kürzer. Setzt der Trainer jetzt Speck an? Da muss ich mir tatsächlich eine neue Aufgabe suchen. Ich musste im letzten Jahr nicht darüber nachdenken, ob ich in der Woche zweimal, dreimal oder gar nicht laufen gehe. Einmal oder auch zweimal am Tag nach Stemmer zu fahren hat gereicht, um ausreichend Kalorien zu verbrennen. Noch härter war die Zeit, als wir in Häverstädt trainiert haben. Da musste ich immer den Berg hoch, das hat mich manchmal echt gefordert. Wenn ich im Sommer an der Halle angekommen bin, haben mich die Spieler manchmal gefragt, ob es draußen regnet. Sie werden Urlaub mit der Familie verbringen. Das kommt selten vor. Wissen Sie noch wie das geht? Dank der Corona-Pause im letzten Sommer hatte ich bereits die Gelegenheit, das auszuprobieren. Da waren wir in Schweden und da geht es auch in diesem Jahr hin. Da ist nicht viel los, das ist ein sehr ruhiger Campingplatz. Das heißt also, ich werde viele Bücher einpacken. Dazu ein bisschen Sport. Die meiste Zeit werde ich wohl im Ruderboot sitzen und meinen Sohn zum Fischen rausfahren. Was liest ein Handballtrainer im Urlaub? Fachliteratur? Auf keinen Fall. Ich lese gern was Leichtes. Krimis, Thriller oder Historien-Romane zum Beispiel. Hauptsache, die Geschichte ist gut und ich muss nicht zu viel nachdenken. Die Saison hatte es in sich. Bis zum vorletzten Spiel gegen Ludwigshafen lag neun Monate mächtig Druck drauf. Wie urlaubsreif sind Sie? Weihnachten war es schlimmer. Und wenn man mich vor zwei Wochen gefragt hätte, hätte ich gesagt: Jetzt ist es schlimmer. Aber seit sich alles gut gefügt hat, geht es jetzt jeden Tag besser. Nach dem Remis gegen Ludwigshafen wirkten alle Beteiligten leer und ausgelaugt. Wie hat die Mannschaft die Energie gefunden, im Anschluss noch bis in den frühen Morgen zu feiern? Die Spieler waren gar nicht so leer. Die waren megamäßig euphorisiert und total erleichtert. Wir waren nach dem Spiel auf einer Welle unterwegs, die uns alle genauso auf eine Insel hätte spülen können. Das war ein tolles Erlebnis mit den Jungs. Ich habe es noch nicht erlebt, dass wir so zusammen gefeiert haben. Das war ein wunderbarer Abend. Aber diese Party hatten sich die Jungs auch verdient. Sie haben gesagt: Das war eins der härtesten Jahre überhaupt. Was waren die größten Herausforderungen der Corona-Spielzeit? Schon der Nachklapp der abgebrochen Saison war schwer. Da noch irgendwie Training – was total wichtig war – zu ermöglichen, war schon ein Kampf. Schließlich gab es nicht nur Corona und geschlossenen Hallen sondern auch Kurzarbeit. Das setzte sich in der Saisonvorbereitung fort und auch in der Spielzeit war vieles anders. Inhaltlich muss man sich immer neu erfinden, aber dieses Mal auch organisatorisch. Ständig änderten sich mit veränderten Corona-Lagen und neuen Schutzverordnungen die Voraussetzungen. Es gab kranke Spieler, Quarantänen und auch Sorgen. Das war für alle anspruchsvoll. Und es gab einige Verletzungen. Ja, zum Beispiel im Spiel gegen Lemgo im Dezember, wo uns innerhalb von ein paar Minuten mit Lucas Meister und Miljan Pusica mal eben der komplette Innenblock ausgefallen ist. Da mussten dann Joshua Thiele und Doruk Pehlivan von der Praktikantenposition direkt an die vorderste Front. Das hat zum Glück super geklappt. Auch die Performance von Justus Richtzenhain und Simon Strakeljahn in der Phase war überragend. Da haben wir Punkte gesammelt, die hinten raus echt wichtig waren. Und dann verletzten sich Ende Dezember erst Thiele und dann Pehlivan bei der Nationalmannschaft. Beim Re-Start nach der WM mit dem Spiel gegen Balingen mussten wir dann völlig neu aufgestellt ran. Da hatten Pehlivan und Thiele gerade mal zweieinhalb Trainingseinheiten absolviert. Max Janke war gerade erst einen Tag da, nach einer rund einjährigen Auszeit. Wir hatten nach Pausen immer unsere Probleme, aber es gibt auch Erklärungen für Schwankungen. GWD ist 16. von 20 Klubs geworden. Das ist die schlechteste Platzierung seit dem Wiederaufstieg 2016. Zugleich aber ist das Team mit 28 Punkten und einem Quotienten von 0,74 Punkten pro Spiel ähnlich gut wie in den Jahren, als GWD mit einem Quotienten von 0,76 auf Platz 12 unter 18 Teams landete. Ist der Blick auf den Tabellenstand allein zu verengt und zu kritisch? Ich kann jeden verstehen, der damit nicht zufrieden ist. Ich bin mit Platz 16 auch nicht zufrieden. Jetzt jedenfalls ist Platz 16 Fakt. Fakt ist aber auch: Wir haben den besten Punktestand seit 2002. Der Quotient ist gut. Und das unter den besonderen Umständen einer Saison voller Unwägbarkeiten. Permanent sind in allen Mannschaften ungewöhnliche Dinge passiert. Das war ein hammerhartes Jahr. Trotzdem bin ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Womit ich sehr zufrieden bin ist, dass wir immer Ehrgeiz und Zielorientierung behalten haben und alle Probleme angenommen haben. Es galt ein bisschen Murphys Gesetz: Was schief gehen konnte, ging auch schief. Trotzdem haben wir mit einer der jüngsten Mannschaften, die GWD je hatte, die Klasse gehalten. Ich habe vor dieser Mannschaft großen Respekt, dass sie das hinbekommen hat. Was hat das Team ausgezeichnet? Was dies Mannschaft auszeichnet, wo sie die beste war, die ich je trainiert habe: Das ist dieser Ehrgeiz, mit dem diese Gruppe immer vorangegangen ist. Dieser Drang, sich jeden Tag zu entwickeln, der Fleiß voranzukommen, das habe ich so noch nie erlebt. Erneut steht ein großer personeller Wechsel bevor. Neun Spieler gehen. Erneut gibt es einen Neuaufbau. Ist die Arbeit bei GWD so wie die Arbeit auf einer nie endenden Baustelle? Wir müssen am Kader-Management arbeiten. Wir haben das Problem, dass wir es nicht schaffen, unsere Leistungsträger zu halten und dass wir im dritten Jahr nacheinander einen neuen Spielmacher einbauen müssen. Auch Juri Knorr war schon ein Wagnis. Nach nicht mal 20 Spielen an der Seite von Marian Michalczik musste er schon in den Wind gehen. Aliaksandr Padshyvalau konnte die Rolle leider über drei Jahre nicht bei uns ausfüllen. Und so ist Juri in diesem Jahr komplett ins kalte Wasser gesprungen. Er hat das gut gemacht. Aber was Führung angeht oder Eingespieltheit ist da natürlich nach dem Weggang von Marian ein Riesenloch gewesen. Das war schon mit dem Weggang von Dalibor Doder so, aber da hatte Marian vorher drei Jahre Anlauf gehabt. Man muss sich die Dinge über Jahre erarbeiten. Wenn man nach Lemgo oder zum Bergischen HC guckt, dann ist das dort so. Lemgo hält eben einen Carlsbogard. Und dann sind das bei uns handfeste Gründe dafür, dass wir in der Tabelle nicht besser stehen. Unser Personal ist gut genug, um weiter oben mitzuspielen. Wir sind besser als Platz 16. Aber wir sind einfach in der Grundsubstanz nicht weit genug, das zersplittert immer wieder. Ist das die Antwort an die Kritiker, die mit Platz 16 nicht zufrieden sind und die sagen: Wir müssten besser dastehen? Wir müssen ja besser stehen und das wollen wir auch. Aber dafür müssen wir es schaffen unsere Leistungsträger länger zu halten. Wenn wir sie immer wieder abgeben, wird das nie klappen. Wenn wir so weitermachen, wird es am Ende eine negative Entwicklung geben. Wir haben – mal spitz formuliert – den Klassenerhalt in die Hände von drei 20-Jährigen gelegt. Rückraum-Mitte und Rückraum-Links waren in den entscheidenden Spielen mit Spielern der Jahrgänge 1999 und 2000 besetzt. Ist das ein Auftrag an die sportliche Leitung? Das ist eine Aufgabe für an uns alle, für den gesamten Klub: Wir müssen es schaffen, unsere Leistungsträger zu binden. Der Unterschied von uns zu Lemgo ist der, dass es der TBV schafft, die Spieler zu halten, die den Klub nach vorne bringen. Wie schafft man das? Geht es da nur um Geld. Da geht es um vieles. Natürlich um Geld. Aber auch um Überzeugung. Und vielleicht auch um eine Vision, eine Idee. Wo wollen wir hin, wie wollen wir das erreichen? Wenn man sieht, was diesen Klub seit Jahren umtreibt, die Machtkämpfe im Hintergrund, Umzüge der Mannschaft alle paar Monate, das Hickhack um die Multihalle, die Brandschutznummer bei der Kampa-Halle, und wenn man sehen muss, dass Spieler immer wieder gehen, dann ist das kein gutes und stimmiges Bild. Das vermittelt nicht das Gefühl: Hier passiert was. Der Bergische HC hat in der Zeit einfach so ein Trainingszentrum gebaut. Damit verdienen die keinen Euro. Da geht es nur um Training, nur um Infrastruktur, nur um Klub-Identifikation. Das ist ein elementarer Mehrwert. Und hier hangelt man sich von Jahr zu Jahr und manchmal von Monat zu Monat. Ja, diesen Eindruck vermitteln wir gerade. Nun ist es aber auch die Philosophie von GWD, Spieler zu entwickeln und jungen Spielern eine Plattform für den nächsten Karriereschritt zu bieten. Dafür stehen ja auch Sie. Das ist am Ende eine Zwickmühle: Wenn man gute Arbeit leistet, sind die Talente irgendwann wieder weg. Wie lässt sich das lösen? Man kann die besten Talente vielleicht nicht auf Dauer halten, aber vielleicht ein, zwei Jahre länger als es jetzt der Fall ist. Man kann über jeden einzelnen reden. Aber in der Summe ist es zuviel. Wir haben zu viel Fluktuation. Damit verlieren wir auch permanent Werte wie Trainingsmoral, Arbeitsauffassung oder Identifikation mit dem Klub. Man kann über Rambo vielleicht vieles sagen. Aber klar ist mal: Wir haben sechseinhalb Jahre hier zusammengearbeitet und er hat sich immer zerrissen für den Klub. Er war immer da, wenn man ihn brauchte. Und das hat auch ein Doder getan, oder ein Michalczik. So etwas verliert man, wenn diese Leute gehen. Ein Wort zu den Aufsteigern HSV Hamburg und TuS N-Lübbecke: Wie werden die sich einsortieren in eine Liga, die dann nur noch zwei Absteiger haben wird? Für Aufsteiger ist die Situation immer anspruchsvoll. Aber es wird auch in der neuen Saison ein Feld von sechs, sieben Mannschaften geben, die da unten kämpfen müssen. Dazu gehören auch der HSV und der TuS. Mit dem Aufstieg des TuS N Lübbecke kehrt auch das Derby zurück. Spüren Sie bereits Vorfreude? Ja total. Ich freue mich sehr. Ich freue mich auch für Emir Kurtagic, der ein super Kollege ist und der tolle Arbeit leistet. Man hört aus Lübbecke nur noch sportliche Nachrichten und gute Ergebnisse. Das war schon mal anders. Das ist eine super Entwicklung, die dort vollzogen wurde. Der TuS hat den Aufstieg absolut verdient. GWD wird in die Kampa-Halle zurückkehren. Wie wichtig ist das? Zu dem Thema sage ich immer: Ich glaube das erst, wenn ich den Schlüssel in der Hand halte. Aber es scheint sich ja gut zu entwickeln. Es ist schön, wieder nach Minden zurückzukehren. Aber ich kann mich auch nur bedanken für die Zeit in Lübbecke und für die tolle Stimmung dort. Das hat uns sehr geholfen. Ich hoffe, dass wir das auch nach Minden transportieren können. GWD wird nicht nur wieder in Minden spielen, sondern auch in der Kampa-Halle trainieren. Das Team wird wieder eine Heimhalle haben. Das ist der größte Vorteil an der Sache. Die Trainingsmöglichkeiten, die wir in der Kampa-Halle haben, sind sicher nicht mehr die modernsten. Aber es gibt mit Laufbahn, Kraftraum und allem anderen vieles, was man braucht. Davon werden wir profitieren, wenn die Rückkehr irgendwann möglich ist.

GWD-Trainer Frank Carstens blickt im Interview erleichert zurück und kritisch nach vorn: „Wir sind besser als Platz 16“

GWD-Coach Frank Carstens (von links), im Gespräch mit den MT-Redakteuren Marcus Riechmann und Sebastian Külbel. Foto: Astrid Plaßhenrich © Astrid Plaßhenrich

Minden. Als Frank Carstens im Februar 2015 das Team von GWD Minden übernahm, scheiterte die Rettungsmission hauchdünn: Als eine von vier Mannschaften stieg GWD aus der Handball-Bundesliga ab. In diesem Jahr mit erneut vier Absteigern gelang der Klassenerhalt. Im MT-Interview spricht der 49-jährige Trainer über die Belastungen einer zehrenden Corona-Saison, über die besondere Qualität seines Teams und den bevorstehenden Urlaub. Vor allem spricht er Probleme an und legt dar, woran es bei GWD hapert. Er ist sich sicher: „Wir sind besser als Platz 16.“

Sie sind fast täglich mit dem Rad raus zum Training nach Stemmer gefahren. Jetzt ist Pause, danach geht es zurück in die Kampa-Halle und die Wege werden kürzer. Setzt der Trainer jetzt Speck an?

Da muss ich mir tatsächlich eine neue Aufgabe suchen. Ich musste im letzten Jahr nicht darüber nachdenken, ob ich in der Woche zweimal, dreimal oder gar nicht laufen gehe. Einmal oder auch zweimal am Tag nach Stemmer zu fahren hat gereicht, um ausreichend Kalorien zu verbrennen. Noch härter war die Zeit, als wir in Häverstädt trainiert haben. Da musste ich immer den Berg hoch, das hat mich manchmal echt gefordert. Wenn ich im Sommer an der Halle angekommen bin, haben mich die Spieler manchmal gefragt, ob es draußen regnet.

Trainer Frank Carstens „spielt“ meist an der Seitenlinie mit. Meist als Lenker und Antreiber mit kritischem Blick, aber manchmal, wie hier beim Sieg in Nordhorn auch schon mal in Jubelpose. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Trainer Frank Carstens „spielt“ meist an der Seitenlinie mit. Meist als Lenker und Antreiber mit kritischem Blick, aber manchmal, wie hier beim Sieg in Nordhorn auch schon mal in Jubelpose. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel

Sie werden Urlaub mit der Familie verbringen. Das kommt selten vor. Wissen Sie noch wie das geht?

Dank der Corona-Pause im letzten Sommer hatte ich bereits die Gelegenheit, das auszuprobieren. Da waren wir in Schweden und da geht es auch in diesem Jahr hin. Da ist nicht viel los, das ist ein sehr ruhiger Campingplatz. Das heißt also, ich werde viele Bücher einpacken. Dazu ein bisschen Sport. Die meiste Zeit werde ich wohl im Ruderboot sitzen und meinen Sohn zum Fischen rausfahren.

Was liest ein Handballtrainer im Urlaub? Fachliteratur?

Auf keinen Fall. Ich lese gern was Leichtes. Krimis, Thriller oder Historien-Romane zum Beispiel. Hauptsache, die Geschichte ist gut und ich muss nicht zu viel nachdenken.

Die Saison hatte es in sich. Bis zum vorletzten Spiel gegen Ludwigshafen lag neun Monate mächtig Druck drauf. Wie urlaubsreif sind Sie?

Weihnachten war es schlimmer. Und wenn man mich vor zwei Wochen gefragt hätte, hätte ich gesagt: Jetzt ist es schlimmer. Aber seit sich alles gut gefügt hat, geht es jetzt jeden Tag besser.

Nach dem Remis gegen Ludwigshafen wirkten alle Beteiligten leer und ausgelaugt. Wie hat die Mannschaft die Energie gefunden, im Anschluss noch bis in den frühen Morgen zu feiern?

Die Spieler waren gar nicht so leer. Die waren megamäßig euphorisiert und total erleichtert. Wir waren nach dem Spiel auf einer Welle unterwegs, die uns alle genauso auf eine Insel hätte spülen können. Das war ein tolles Erlebnis mit den Jungs. Ich habe es noch nicht erlebt, dass wir so zusammen gefeiert haben. Das war ein wunderbarer Abend. Aber diese Party hatten sich die Jungs auch verdient.

Sie haben gesagt: Das war eins der härtesten Jahre überhaupt. Was waren die größten Herausforderungen der Corona-Spielzeit?

Schon der Nachklapp der abgebrochen Saison war schwer. Da noch irgendwie Training – was total wichtig war – zu ermöglichen, war schon ein Kampf. Schließlich gab es nicht nur Corona und geschlossenen Hallen sondern auch Kurzarbeit. Das setzte sich in der Saisonvorbereitung fort und auch in der Spielzeit war vieles anders. Inhaltlich muss man sich immer neu erfinden, aber dieses Mal auch organisatorisch. Ständig änderten sich mit veränderten Corona-Lagen und neuen Schutzverordnungen die Voraussetzungen. Es gab kranke Spieler, Quarantänen und auch Sorgen. Das war für alle anspruchsvoll.

Und es gab einige Verletzungen.

Ja, zum Beispiel im Spiel gegen Lemgo im Dezember, wo uns innerhalb von ein paar Minuten mit Lucas Meister und Miljan Pusica mal eben der komplette Innenblock ausgefallen ist. Da mussten dann Joshua Thiele und Doruk Pehlivan von der Praktikantenposition direkt an die vorderste Front. Das hat zum Glück super geklappt. Auch die Performance von Justus Richtzenhain und Simon Strakeljahn in der Phase war überragend. Da haben wir Punkte gesammelt, die hinten raus echt wichtig waren. Und dann verletzten sich Ende Dezember erst Thiele und dann Pehlivan bei der Nationalmannschaft. Beim Re-Start nach der WM mit dem Spiel gegen Balingen mussten wir dann völlig neu aufgestellt ran. Da hatten Pehlivan und Thiele gerade mal zweieinhalb Trainingseinheiten absolviert. Max Janke war gerade erst einen Tag da, nach einer rund einjährigen Auszeit. Wir hatten nach Pausen immer unsere Probleme, aber es gibt auch Erklärungen für Schwankungen.

GWD ist 16. von 20 Klubs geworden. Das ist die schlechteste Platzierung seit dem Wiederaufstieg 2016. Zugleich aber ist das Team mit 28 Punkten und einem Quotienten von 0,74 Punkten pro Spiel ähnlich gut wie in den Jahren, als GWD mit einem Quotienten von 0,76 auf Platz 12 unter 18 Teams landete. Ist der Blick auf den Tabellenstand allein zu verengt und zu kritisch?

Ich kann jeden verstehen, der damit nicht zufrieden ist. Ich bin mit Platz 16 auch nicht zufrieden. Jetzt jedenfalls ist Platz 16 Fakt. Fakt ist aber auch: Wir haben den besten Punktestand seit 2002. Der Quotient ist gut. Und das unter den besonderen Umständen einer Saison voller Unwägbarkeiten. Permanent sind in allen Mannschaften ungewöhnliche Dinge passiert. Das war ein hammerhartes Jahr. Trotzdem bin ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Womit ich sehr zufrieden bin ist, dass wir immer Ehrgeiz und Zielorientierung behalten haben und alle Probleme angenommen haben. Es galt ein bisschen Murphys Gesetz: Was schief gehen konnte, ging auch schief. Trotzdem haben wir mit einer der jüngsten Mannschaften, die GWD je hatte, die Klasse gehalten. Ich habe vor dieser Mannschaft großen Respekt, dass sie das hinbekommen hat.

Was hat das Team ausgezeichnet?

Was dies Mannschaft auszeichnet, wo sie die beste war, die ich je trainiert habe: Das ist dieser Ehrgeiz, mit dem diese Gruppe immer vorangegangen ist. Dieser Drang, sich jeden Tag zu entwickeln, der Fleiß voranzukommen, das habe ich so noch nie erlebt.

Erneut steht ein großer personeller Wechsel bevor. Neun Spieler gehen. Erneut gibt es einen Neuaufbau. Ist die Arbeit bei GWD so wie die Arbeit auf einer nie endenden Baustelle?

Wir müssen am Kader-Management arbeiten. Wir haben das Problem, dass wir es nicht schaffen, unsere Leistungsträger zu halten und dass wir im dritten Jahr nacheinander einen neuen Spielmacher einbauen müssen. Auch Juri Knorr war schon ein Wagnis. Nach nicht mal 20 Spielen an der Seite von Marian Michalczik musste er schon in den Wind gehen. Aliaksandr Padshyvalau konnte die Rolle leider über drei Jahre nicht bei uns ausfüllen. Und so ist Juri in diesem Jahr komplett ins kalte Wasser gesprungen. Er hat das gut gemacht. Aber was Führung angeht oder Eingespieltheit ist da natürlich nach dem Weggang von Marian ein Riesenloch gewesen. Das war schon mit dem Weggang von Dalibor Doder so, aber da hatte Marian vorher drei Jahre Anlauf gehabt. Man muss sich die Dinge über Jahre erarbeiten. Wenn man nach Lemgo oder zum Bergischen HC guckt, dann ist das dort so. Lemgo hält eben einen Carlsbogard. Und dann sind das bei uns handfeste Gründe dafür, dass wir in der Tabelle nicht besser stehen. Unser Personal ist gut genug, um weiter oben mitzuspielen. Wir sind besser als Platz 16. Aber wir sind einfach in der Grundsubstanz nicht weit genug, das zersplittert immer wieder.

Ist das die Antwort an die Kritiker, die mit Platz 16 nicht zufrieden sind und die sagen: Wir müssten besser dastehen?

Wir müssen ja besser stehen und das wollen wir auch. Aber dafür müssen wir es schaffen unsere Leistungsträger länger zu halten. Wenn wir sie immer wieder abgeben, wird das nie klappen. Wenn wir so weitermachen, wird es am Ende eine negative Entwicklung geben. Wir haben – mal spitz formuliert – den Klassenerhalt in die Hände von drei 20-Jährigen gelegt. Rückraum-Mitte und Rückraum-Links waren in den entscheidenden Spielen mit Spielern der Jahrgänge 1999 und 2000 besetzt.

Ist das ein Auftrag an die sportliche Leitung?

Das ist eine Aufgabe für an uns alle, für den gesamten Klub: Wir müssen es schaffen, unsere Leistungsträger zu binden. Der Unterschied von uns zu Lemgo ist der, dass es der TBV schafft, die Spieler zu halten, die den Klub nach vorne bringen.

Wie schafft man das? Geht es da nur um Geld.

Da geht es um vieles. Natürlich um Geld. Aber auch um Überzeugung. Und vielleicht auch um eine Vision, eine Idee. Wo wollen wir hin, wie wollen wir das erreichen? Wenn man sieht, was diesen Klub seit Jahren umtreibt, die Machtkämpfe im Hintergrund, Umzüge der Mannschaft alle paar Monate, das Hickhack um die Multihalle, die Brandschutznummer bei der Kampa-Halle, und wenn man sehen muss, dass Spieler immer wieder gehen, dann ist das kein gutes und stimmiges Bild. Das vermittelt nicht das Gefühl: Hier passiert was. Der Bergische HC hat in der Zeit einfach so ein Trainingszentrum gebaut. Damit verdienen die keinen Euro. Da geht es nur um Training, nur um Infrastruktur, nur um Klub-Identifikation. Das ist ein elementarer Mehrwert.

Und hier hangelt man sich von Jahr zu Jahr und manchmal von Monat zu Monat.

Ja, diesen Eindruck vermitteln wir gerade.

Nun ist es aber auch die Philosophie von GWD, Spieler zu entwickeln und jungen Spielern eine Plattform für den nächsten Karriereschritt zu bieten. Dafür stehen ja auch Sie. Das ist am Ende eine Zwickmühle: Wenn man gute Arbeit leistet, sind die Talente irgendwann wieder weg. Wie lässt sich das lösen?

Man kann die besten Talente vielleicht nicht auf Dauer halten, aber vielleicht ein, zwei Jahre länger als es jetzt der Fall ist. Man kann über jeden einzelnen reden. Aber in der Summe ist es zuviel. Wir haben zu viel Fluktuation. Damit verlieren wir auch permanent Werte wie Trainingsmoral, Arbeitsauffassung oder Identifikation mit dem Klub. Man kann über Rambo vielleicht vieles sagen. Aber klar ist mal: Wir haben sechseinhalb Jahre hier zusammengearbeitet und er hat sich immer zerrissen für den Klub. Er war immer da, wenn man ihn brauchte. Und das hat auch ein Doder getan, oder ein Michalczik. So etwas verliert man, wenn diese Leute gehen.

Ein Wort zu den Aufsteigern HSV Hamburg und TuS N-Lübbecke: Wie werden die sich einsortieren in eine Liga, die dann nur noch zwei Absteiger haben wird?

Für Aufsteiger ist die Situation immer anspruchsvoll. Aber es wird auch in der neuen Saison ein Feld von sechs, sieben Mannschaften geben, die da unten kämpfen müssen. Dazu gehören auch der HSV und der TuS.

Mit dem Aufstieg des TuS N Lübbecke kehrt auch das Derby zurück. Spüren Sie bereits Vorfreude?

Ja total. Ich freue mich sehr. Ich freue mich auch für Emir Kurtagic, der ein super Kollege ist und der tolle Arbeit leistet. Man hört aus Lübbecke nur noch sportliche Nachrichten und gute Ergebnisse. Das war schon mal anders. Das ist eine super Entwicklung, die dort vollzogen wurde. Der TuS hat den Aufstieg absolut verdient.

GWD wird in die Kampa-Halle zurückkehren. Wie wichtig ist das?

Zu dem Thema sage ich immer: Ich glaube das erst, wenn ich den Schlüssel in der Hand halte. Aber es scheint sich ja gut zu entwickeln. Es ist schön, wieder nach Minden zurückzukehren. Aber ich kann mich auch nur bedanken für die Zeit in Lübbecke und für die tolle Stimmung dort. Das hat uns sehr geholfen. Ich hoffe, dass wir das auch nach Minden transportieren können.

GWD wird nicht nur wieder in Minden spielen, sondern auch in der Kampa-Halle trainieren. Das Team wird wieder eine Heimhalle haben.

Das ist der größte Vorteil an der Sache. Die Trainingsmöglichkeiten, die wir in der Kampa-Halle haben, sind sicher nicht mehr die modernsten. Aber es gibt mit Laufbahn, Kraftraum und allem anderen vieles, was man braucht. Davon werden wir profitieren, wenn die Rückkehr irgendwann möglich ist.

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