GWD Minden bleibt ein fragiles Gebilde: Die Analyse nach dem ersten Saisondrittel Sebastian Külbel Minden. Das ganz große Comeback ist es noch nicht, aber die Trendwende hat GWD Minden geschafft. Nach erschreckenden Auftritten zum Saisonstart ist das neu formierte Team mittlerweile konkurrenzfähig, was sich auch bei der jüngsten Niederlage gegen Göppingen zeigte. Baustellen gibt es aber immer noch genug beim Tabellenletzten der Handball-Bundesliga. Eine Analyse. Die Abwehr Was Trainer Frank Carstens als „Basis für alles“ bezeichnet, wurde zum unerwarteten Problem. War die Deckung im Frühjahr noch der Garant für den Klassenerhalt, funktionierte das einstige Prunkstück in der neuen Saison zunächst gar nicht. Carstens monierte die Zweikampfschwäche, zudem war das Zusammenspiel zwischen Torwart und Block aus der Balance geraten. Beides hatte auch personelle Gründe: Abwehrchef Maximilian Janke musste nach einer Schulteroperation in den Rhythmus finden, Nebenmann Lucas Meister steckte im Formtief. Zudem wurden die Halbpositionen neu besetzt, wo Balldieb Christoffer Rambo schmerzlich vermisst wird. So kam es, dass die Mindener das Fundament ihres Spiels neu aufbauen musste. Zunächst ging es in Sachen Zweikampf bergauf, auch die Kooperation mit den Torhütern hat sich deutlich verbessert. Trotzdem kassiert GWD auch in den Wochen des zarten Aufschwung im Schnitt 30 Gegentore pro Spiel – zu viel, um stabil zu punkten. Der Angriff Nach dem Umbruch mit fast komplett neuem Rückraum fingen die Grün-Weißen bei Null an. Dass die Vorbereitung zur Neuausrichtung nicht reichte, zeigte sich in den ersten Spielen, als GWD fünfmal chancenlos war. Dennoch nutzte Coach Carstens die Zeit, und langsam kamen Ergebnisse: Niclas Pieczkowski, in Leipzig zuletzt eher ein Mann für Spezialaufgaben, wuchs in die Führungsrolle und trägt das Team. Rambo-Nachfolger Nikola Jukic deutet immer wieder seine Wurfstärke an, ist jedoch noch nicht konstant genug. Und Amine Darmoul ist mit seinen Eins-gegen-Eins-Fähigkeiten eine echte Waffe, die entweder selbst trifft oder Räume für die Mitspieler schafft. Die Problemposition ist derweil der linke Rückraum, wo weder Jan Grebenc noch Miro Schluroff bislang überzeugten. Letzterer hatte sich gerade im Training wieder für mehr Einsätze empfohlen, da setzte ihn vor dem Göppingen-Spiel eine Magen-Darm-Erkrankung matt. Auch der Angriff über den Kreis ist zurzeit eine große Baustelle, es mangelt sowohl an guten Anspielen als auch an einer stabilen Wurfquote. Richtig gut klappt dagegen die Einbindung der Außenpositionen, wo Mats Korte (links) und Max Staar (rechts) gegen Göppingen zu den besten Angreifern gehörten.Und dann ist da noch Tomas Urban, der als Rechtsaußen geholt wurde, inzwischen aber auch im Rückraum aushilft und als bester Torschütze im Team zum Führungsspieler geworden ist. Wenn den Mindenern dann aber 17 technische Fehler wie gegen Göppingen unterlaufen, nützen auch die guten Ansätze im Angriff nichts mehr. Der Plan Die klare Struktur im Spiel ist für den Tabellenletzten sehr viel wichtiger als für andere Teams. Während eingespielte Gegner sich auf bewährte Abläufe oder individuelle Klasse verlassen können, brauchen die Mindener klare Vorgaben, deren Umsetzung über den Spielausgang entscheiden. In Melsungen führte eine hohe Disziplin diesbezüglich zum ersten Saisonsieg, gegen Göppingen verließ GWD den Plan zu oft. „Wir haben nicht das gespielt, was besprochen war“, monierte Max Staar. Sein Trainer sehnt sich zudem nach verlässlichen Automatismen, wie er anhand des jüngsten Gegners erklärt: „Ein Spielmacher wie Tim Kneule muss nicht gucken, wie seine Nebenleute sich bewegen oder wo der Kreisläufer steht. Er weiß schon vorher, wo er den Ball hinschmeißen kann. Das fehlt uns, an diesen Selbstverständlichkeiten müssen wir arbeiten.“ Der Kopf Die Niederlage gegen Göppingen war vor allem deshalb ein Rückfall, weil Carstens ein zentrales Defizit schon überwunden glaubte: GWD fehlten in der ersten Halbzeit die Fokussierung und die Überzeugung, um nach dem ersten Saisonhöhepunkt in Melsungen nachzulegen. „Diese Spannung immer wieder neu aufzubauen, ist super schwierig und die große Leistung von allen Teams, die oben mitspielen“, meinte der Coach: „Das müssen wir einfach besser machen.“ Nicht nur für Torwart Malte Semisch war die erste Hälfte am Samstag daher verschenkte Zeit: „Für uns ist jede Minute in der Bundesliga wichtig, das können wir uns nicht leisten.“ Die Perspektive Den schwachen Saisonstart werden die Mindener lange mit sich herumschleppen. „0:18 Punkte sind eine Hypothek“, sagt Frank Carstens. Hinzu kommt, dass sein Team schon gegen drei der mutmaßlichen vier Keller-Konkurrenten angetreten ist – und alle Spiele verlor. GWD braucht also Überraschungspunkte, zum Beispiel am Donnerstag bei den schwächelnden Rhein-Neckar Löwen. Denn eines ist angesichts der immer noch alarmierenden Tabellenlage auch klar: Bei der Kaderplanung für die neue Saison hat Sport-Geschäftsführer Frank von Behren angesichts der ungewissen sportlichen Zukunft zurzeit wenige gute Argumente.

GWD Minden bleibt ein fragiles Gebilde: Die Analyse nach dem ersten Saisondrittel

In der Abwehr hat GWD Minden zuletzt die größten Fortschritte gemacht. Gegen einen erfahrenen Regisseur wie Tim Kneule (links) und den eingespielten Göppinger Angriff gab es trotzdem eine knappe Niederlage. Foto: Angela Metge ©Angela Metge

Minden. Das ganz große Comeback ist es noch nicht, aber die Trendwende hat GWD Minden geschafft. Nach erschreckenden Auftritten zum Saisonstart ist das neu formierte Team mittlerweile konkurrenzfähig, was sich auch bei der jüngsten Niederlage gegen Göppingen zeigte. Baustellen gibt es aber immer noch genug beim Tabellenletzten der Handball-Bundesliga. Eine Analyse.

Die Abwehr

Was Trainer Frank Carstens als „Basis für alles“ bezeichnet, wurde zum unerwarteten Problem. War die Deckung im Frühjahr noch der Garant für den Klassenerhalt, funktionierte das einstige Prunkstück in der neuen Saison zunächst gar nicht. Carstens monierte die Zweikampfschwäche, zudem war das Zusammenspiel zwischen Torwart und Block aus der Balance geraten. Beides hatte auch personelle Gründe: Abwehrchef Maximilian Janke musste nach einer Schulteroperation in den Rhythmus finden, Nebenmann Lucas Meister steckte im Formtief. Zudem wurden die Halbpositionen neu besetzt, wo Balldieb Christoffer Rambo schmerzlich vermisst wird.

So kam es, dass die Mindener das Fundament ihres Spiels neu aufbauen musste. Zunächst ging es in Sachen Zweikampf bergauf, auch die Kooperation mit den Torhütern hat sich deutlich verbessert. Trotzdem kassiert GWD auch in den Wochen des zarten Aufschwung im Schnitt 30 Gegentore pro Spiel – zu viel, um stabil zu punkten.

Der Angriff

Nach dem Umbruch mit fast komplett neuem Rückraum fingen die Grün-Weißen bei Null an. Dass die Vorbereitung zur Neuausrichtung nicht reichte, zeigte sich in den ersten Spielen, als GWD fünfmal chancenlos war. Dennoch nutzte Coach Carstens die Zeit, und langsam kamen Ergebnisse: Niclas Pieczkowski, in Leipzig zuletzt eher ein Mann für Spezialaufgaben, wuchs in die Führungsrolle und trägt das Team. Rambo-Nachfolger Nikola Jukic deutet immer wieder seine Wurfstärke an, ist jedoch noch nicht konstant genug. Und Amine Darmoul ist mit seinen Eins-gegen-Eins-Fähigkeiten eine echte Waffe, die entweder selbst trifft oder Räume für die Mitspieler schafft.

Die Problemposition ist derweil der linke Rückraum, wo weder Jan Grebenc noch Miro Schluroff bislang überzeugten. Letzterer hatte sich gerade im Training wieder für mehr Einsätze empfohlen, da setzte ihn vor dem Göppingen-Spiel eine Magen-Darm-Erkrankung matt. Auch der Angriff über den Kreis ist zurzeit eine große Baustelle, es mangelt sowohl an guten Anspielen als auch an einer stabilen Wurfquote. Richtig gut klappt dagegen die Einbindung der Außenpositionen, wo Mats Korte (links) und Max Staar (rechts) gegen Göppingen zu den besten Angreifern gehörten.

Und dann ist da noch Tomas Urban, der als Rechtsaußen geholt wurde, inzwischen aber auch im Rückraum aushilft und als bester Torschütze im Team zum Führungsspieler geworden ist. Wenn den Mindenern dann aber 17 technische Fehler wie gegen Göppingen unterlaufen, nützen auch die guten Ansätze im Angriff nichts mehr.

Der Plan

Die klare Struktur im Spiel ist für den Tabellenletzten sehr viel wichtiger als für andere Teams. Während eingespielte Gegner sich auf bewährte Abläufe oder individuelle Klasse verlassen können, brauchen die Mindener klare Vorgaben, deren Umsetzung über den Spielausgang entscheiden. In Melsungen führte eine hohe Disziplin diesbezüglich zum ersten Saisonsieg, gegen Göppingen verließ GWD den Plan zu oft. „Wir haben nicht das gespielt, was besprochen war“, monierte Max Staar. Sein Trainer sehnt sich zudem nach verlässlichen Automatismen, wie er anhand des jüngsten Gegners erklärt: „Ein Spielmacher wie Tim Kneule muss nicht gucken, wie seine Nebenleute sich bewegen oder wo der Kreisläufer steht. Er weiß schon vorher, wo er den Ball hinschmeißen kann. Das fehlt uns, an diesen Selbstverständlichkeiten müssen wir arbeiten.“

Der Kopf

Die Niederlage gegen Göppingen war vor allem deshalb ein Rückfall, weil Carstens ein zentrales Defizit schon überwunden glaubte: GWD fehlten in der ersten Halbzeit die Fokussierung und die Überzeugung, um nach dem ersten Saisonhöhepunkt in Melsungen nachzulegen. „Diese Spannung immer wieder neu aufzubauen, ist super schwierig und die große Leistung von allen Teams, die oben mitspielen“, meinte der Coach: „Das müssen wir einfach besser machen.“ Nicht nur für Torwart Malte Semisch war die erste Hälfte am Samstag daher verschenkte Zeit: „Für uns ist jede Minute in der Bundesliga wichtig, das können wir uns nicht leisten.“

Die Perspektive

Den schwachen Saisonstart werden die Mindener lange mit sich herumschleppen. „0:18 Punkte sind eine Hypothek“, sagt Frank Carstens. Hinzu kommt, dass sein Team schon gegen drei der mutmaßlichen vier Keller-Konkurrenten angetreten ist – und alle Spiele verlor. GWD braucht also Überraschungspunkte, zum Beispiel am Donnerstag bei den schwächelnden Rhein-Neckar Löwen. Denn eines ist angesichts der immer noch alarmierenden Tabellenlage auch klar: Bei der Kaderplanung für die neue Saison hat Sport-Geschäftsführer Frank von Behren angesichts der ungewissen sportlichen Zukunft zurzeit wenige gute Argumente.

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