„Frank Carstens war eine Option“: Füchse-Manager Bob Hanning spricht beim Minden-Besuch über Interesse am GWD-Coach und lobt Marian Michalczik Christian Bendig Minden. Der Geschäftsführer der Füchse Berlin ist Macher des Bundesliga-Handballs in der Hauptstadt, als Vize-Präsident Leistungssport beim DHB gestaltet er den Weg der Nationalmannschaft: Bob Hanning ist eine zentrale und schillernde Gestalt des deutschen Handballsports. Er polarisiert – auch, um zu gestalten. Neben dem Auftritt auf der großen Bühne hat er den Kontakt zu Basis erhalten: Nachwuchsarbeit ist seit jeher ein zentrales Thema für den 52-Jährigen. Als Trainer der Berliner A-Jugend kümmert er sich um die Ausbildung der Talente selbst. Mit den Jungfüchsen, der Berliner U23-Auswahl, ist der gebürtige Essener in NRW auf Testspieltournee und trifft auf zwei Zweitligisten. Das Quartier haben die Füchse im Mindener Hotel Exqiusit aufgeschlagen. Eine gute Gelegenheit für ein MT-Gespräch, in dem Hanning sein Interesse an GWD-Trainer Frank Carstens erläutert und seine Begeisterung für den Ex-Mindener Marian Michalczik begründet. Herr Hanning, warum sind Sie in Minden? Wir absolvieren mit den Jungfüchsen ein Testspiel gegen den TuS N-Lübbecke. Danach geht es nach Dormagen, wo wir auch gegen einen Zweitligisten spielen. Die Jungs sollen von gestandene Männern ihre momentanen Grenzen aufgezeigt bekommen. Wir haben einen außergewöhnlich guten Jahrgang. Aber um es zu den Profis zu schaffen, müssen sie in den kommenden Jahren hart arbeiten. Aber wir glauben an jeden unserer Spieler. Die Nachwuchsförderung liegt Ihnen am Herzen. Ganz genau. Aber auch unseren Sponsoren. Der Vorstandsvorsitzende unseres Hauptsponsors hat sich mehr Spiele des Nachwuchs angeschaut als der Profis. Aktuell sind wir bei der Ausbildung der beste Verein Deutschlands. Das sieht man auch daran, wie viele selbst ausgebildete Spieler in unserem Profikader stehen. Dazu zählen die beiden Nationalspieler Paul Drux und Fabian Wiede oder auch Frederik Simak und Tim Matthes. GWD Minden geht einen ähnlichen Weg wie die Füchse. Das ist richtig. Und mit Frank Carstens hat GWD einen Top-Trainer. Als wir einen Nachfolger für Velimir Petkovic suchten, haben wir uns auch mit Carstens beschäftigt. Wir wissen, wie er junge Spieler entwickelt. Er wäre für unser Konzept eine echte Option gewesen. In Jaron Siewert haben wir jetzt aber einer Trainer gefunden, der ebenfalls stark auf Nachwuchsspieler setzt und bei uns alle Jahrgänge durchlaufen hat. Alle Profi-Klubs haben finanzielle Sorgen. Wir groß waren diese bei den Füchsen Berlin? Zusammengerechnet fehlten uns 2,7 Millionen Euro in unserem Etat. Der beträgt in etwa sieben Millionen Euro. Kurz vor der Corona-Krise haben wir Dainis Kristopans, Milos Vujovic, Lasse Andersson, Marian Michalczik und nicht zuletzt Stephan Kretzschmar als Sportvorstand verpflichtet. Da waren schon einige hunderttausend Euro verplant. Gerettet haben uns unsere Partner. Die haben gesagt, unser Rückzug darf dem Nachwuchs nicht den Weg in den Profihandball verbauen. Die Situation war trotzdem sehr angespannt. Welche Wege hinaus haben Sie sich überlegt? Wir sind Mitarbeitern und Sponsoren gegenüber offen und transparent mit der Situation umgegangen. Wie in den vergangenen 16 Jahren. War eine Insolvenz ein mögliches Szenario? Als Kaufmann wäre es unseriös gewesen, sich mit diesem Thema nicht zu beschäftigen. Ohne zu wissen, wer stellt Regressforderungen, weil ich nicht geliefert habe, wer zieht Leistungen in die kommende Saison und welcher Sponsor kann nicht zahlen. Die Krise trifft vor allem die Unternehmen. Und einige Unternehmen hatten eine Ausstiegsklausel und einige Unternehmen, deren Verträge ausgelaufen sind, haben nicht verlängert. Natürlich bespreche ich da mit einem Insolvenzverwalter die Vor- und Nachteile einer Insolvenz. Warum soll ich nicht ehrlich und transparent damit umgehen? Gab es noch weitere Optionen? Die zweite Option war, dass wir keine Bundesliga-Lizenz beantragen. Und dann machen wir den Weg nach oben eben mit dem besten Nachwuchs in Deutschland nochmal. Und mein ganzes Büro hat gesagt: Bob, wenn du das willst, ziehen wir die Geschichte mit dir nochmal durch. In der Planungsphase erschien das als die bessere Lösung als die Insolvenz, weil sie ehrlicher gewesen wäre. Man wäre niemanden – anders als bei einer Insolvenz – etwas schuldig geblieben. Und die dritte Alternative? Wir setzen uns Zeitschienen und sagen, wir schaffen das (lacht). Dann haben wir das alles Schritt für Schritt abgearbeitet. Im Falle einer Insolvenz hätten Ihre Spieler zu anderen Vereinen wechseln können. Unter den Bundesligisten gab es ein Agreement, nicht an die Spieler anderer Vereine heranzugehen. Aber wäre es soweit gekommen, dass ein Verein insolvent geht, hätte sich sicher ein Verein nicht daran gehalten. Ich sage immer, in der Krise zeigt sich die Ehrlichkeit. Viele Vereine sind in finanzielle Schieflage geraten. Sie hatten eine Idee, wie man die Spielzeit doch noch über die Bühne hätte bringen können. Die Idee war, dass man an zwei Standorten, nämlich in Potsdam und in Magdeburg die Saison zu Ende spielt. Mit allen Mannschaften. Das wäre Handball total gewesen und hätte uns auch neue Vermarktungschancen eröffnet. Und auch die letzte Rate der Fernsehgelder gesichert. Ich hatte schon Hotelkapazitäten in Potsdam gebucht. Jede Mannschaft hätte dort einen eigenen Flügel bekommen. Die Basketball-Bundesliga hat ein ähnliches Projekt umgesetzt. Wir groß war Ihre Verärgerung, dass der Handball nicht zugestimmt hat? Es ist eben eine Demokratie und jeder Verein hatte sicher seine Beweggründe, die ich verstehe. Mit Marian Michalczik und Nachwuchsmann Maxim Orlov sind in der jüngsten Vergangenheit zwei GWD-Spieler nach Berlin gewechselt. Wie ist Ihr Eindruck beiden? Von Marian bin ich total begeistert. Unser Sportvorstand Stefan Kretzschmar wollte ihn unbedingt haben. Mich hat er in unseren Gesprächen überzeugt. Und die Klarheit und Professionalität zeigt er nun auch. Bei Maxim ist es so, dass er sich daran gewöhnen musste, dass er nicht mehr der Star der Mannschaft ist. Die Eingewöhnung lief mit Höhen und Tiefen und ist jetzt abgeschlossen. Wir sind glücklich, dass wir ihn haben. Und wer weiß, vielleicht führt ihn sein Weg nach den Füchsen noch einmal nach Minden, um dann vielleicht zu einem größeren Klub zu gehen. Ich habe ihm gesagt, man soll sich alle Optionen offen halten.

„Frank Carstens war eine Option“: Füchse-Manager Bob Hanning spricht beim Minden-Besuch über Interesse am GWD-Coach und lobt Marian Michalczik

Frische Farben auf dem Marktplatz: Beim Besuch in Minden spricht Bob Hanning über die Lage der Bundesliga. © Foto: Christian Bendig

Minden. Der Geschäftsführer der Füchse Berlin ist Macher des Bundesliga-Handballs in der Hauptstadt, als Vize-Präsident Leistungssport beim DHB gestaltet er den Weg der Nationalmannschaft: Bob Hanning ist eine zentrale und schillernde Gestalt des deutschen Handballsports. Er polarisiert – auch, um zu gestalten. Neben dem Auftritt auf der großen Bühne hat er den Kontakt zu Basis erhalten: Nachwuchsarbeit ist seit jeher ein zentrales Thema für den 52-Jährigen. Als Trainer der Berliner A-Jugend kümmert er sich um die Ausbildung der Talente selbst. Mit den Jungfüchsen, der Berliner U23-Auswahl, ist der gebürtige Essener in NRW auf Testspieltournee und trifft auf zwei Zweitligisten. Das Quartier haben die Füchse im Mindener Hotel Exqiusit aufgeschlagen. Eine gute Gelegenheit für ein MT-Gespräch, in dem Hanning sein Interesse an GWD-Trainer Frank Carstens erläutert und seine Begeisterung für den Ex-Mindener Marian Michalczik begründet.

Herr Hanning, warum sind Sie in Minden?

Wir absolvieren mit den Jungfüchsen ein Testspiel gegen den TuS N-Lübbecke. Danach geht es nach Dormagen, wo wir auch gegen einen Zweitligisten spielen. Die Jungs sollen von gestandene Männern ihre momentanen Grenzen aufgezeigt bekommen. Wir haben einen außergewöhnlich guten Jahrgang. Aber um es zu den Profis zu schaffen, müssen sie in den kommenden Jahren hart arbeiten. Aber wir glauben an jeden unserer Spieler.

Die Nachwuchsförderung liegt Ihnen am Herzen.

Ganz genau. Aber auch unseren Sponsoren. Der Vorstandsvorsitzende unseres Hauptsponsors hat sich mehr Spiele des Nachwuchs angeschaut als der Profis. Aktuell sind wir bei der Ausbildung der beste Verein Deutschlands. Das sieht man auch daran, wie viele selbst ausgebildete Spieler in unserem Profikader stehen. Dazu zählen die beiden Nationalspieler Paul Drux und Fabian Wiede oder auch Frederik Simak und Tim Matthes.

GWD Minden geht einen ähnlichen Weg wie die Füchse.

Das ist richtig. Und mit Frank Carstens hat GWD einen Top-Trainer. Als wir einen Nachfolger für Velimir Petkovic suchten, haben wir uns auch mit Carstens beschäftigt. Wir wissen, wie er junge Spieler entwickelt. Er wäre für unser Konzept eine echte Option gewesen. In Jaron Siewert haben wir jetzt aber einer Trainer gefunden, der ebenfalls stark auf Nachwuchsspieler setzt und bei uns alle Jahrgänge durchlaufen hat.

Alle Profi-Klubs haben finanzielle Sorgen. Wir groß waren diese bei den Füchsen Berlin?

Zusammengerechnet fehlten uns 2,7 Millionen Euro in unserem Etat. Der beträgt in etwa sieben Millionen Euro. Kurz vor der Corona-Krise haben wir Dainis Kristopans, Milos Vujovic, Lasse Andersson, Marian Michalczik und nicht zuletzt Stephan Kretzschmar als Sportvorstand verpflichtet. Da waren schon einige hunderttausend Euro verplant. Gerettet haben uns unsere Partner. Die haben gesagt, unser Rückzug darf dem Nachwuchs nicht den Weg in den Profihandball verbauen.

Die Situation war trotzdem sehr angespannt. Welche Wege hinaus haben Sie sich überlegt?

Wir sind Mitarbeitern und Sponsoren gegenüber offen und transparent mit der Situation umgegangen. Wie in den vergangenen 16 Jahren.

War eine Insolvenz ein mögliches Szenario?

Als Kaufmann wäre es unseriös gewesen, sich mit diesem Thema nicht zu beschäftigen. Ohne zu wissen, wer stellt Regressforderungen, weil ich nicht geliefert habe, wer zieht Leistungen in die kommende Saison und welcher Sponsor kann nicht zahlen. Die Krise trifft vor allem die Unternehmen. Und einige Unternehmen hatten eine Ausstiegsklausel und einige Unternehmen, deren Verträge ausgelaufen sind, haben nicht verlängert. Natürlich bespreche ich da mit einem Insolvenzverwalter die Vor- und Nachteile einer Insolvenz. Warum soll ich nicht ehrlich und transparent damit umgehen?

Gab es noch weitere Optionen?

Die zweite Option war, dass wir keine Bundesliga-Lizenz beantragen. Und dann machen wir den Weg nach oben eben mit dem besten Nachwuchs in Deutschland nochmal. Und mein ganzes Büro hat gesagt: Bob, wenn du das willst, ziehen wir die Geschichte mit dir nochmal durch. In der Planungsphase erschien das als die bessere Lösung als die Insolvenz, weil sie ehrlicher gewesen wäre. Man wäre niemanden – anders als bei einer Insolvenz – etwas schuldig geblieben.

Und die dritte Alternative?

Wir setzen uns Zeitschienen und sagen, wir schaffen das (lacht). Dann haben wir das alles Schritt für Schritt abgearbeitet.

Im Falle einer Insolvenz hätten Ihre Spieler zu anderen Vereinen wechseln können.

Unter den Bundesligisten gab es ein Agreement, nicht an die Spieler anderer Vereine heranzugehen. Aber wäre es soweit gekommen, dass ein Verein insolvent geht, hätte sich sicher ein Verein nicht daran gehalten. Ich sage immer, in der Krise zeigt sich die Ehrlichkeit.

Viele Vereine sind in finanzielle Schieflage geraten. Sie hatten eine Idee, wie man die Spielzeit doch noch über die Bühne hätte bringen können.

Die Idee war, dass man an zwei Standorten, nämlich in Potsdam und in Magdeburg die Saison zu Ende spielt. Mit allen Mannschaften. Das wäre Handball total gewesen und hätte uns auch neue Vermarktungschancen eröffnet. Und auch die letzte Rate der Fernsehgelder gesichert. Ich hatte schon Hotelkapazitäten in Potsdam gebucht. Jede Mannschaft hätte dort einen eigenen Flügel bekommen.

Die Basketball-Bundesliga hat ein ähnliches Projekt umgesetzt. Wir groß war Ihre Verärgerung, dass der Handball nicht zugestimmt hat?

Es ist eben eine Demokratie und jeder Verein hatte sicher seine Beweggründe, die ich verstehe.

Mit Marian Michalczik und Nachwuchsmann Maxim Orlov sind in der jüngsten Vergangenheit zwei GWD-Spieler nach Berlin gewechselt. Wie ist Ihr Eindruck beiden?

Von Marian bin ich total begeistert. Unser Sportvorstand Stefan Kretzschmar wollte ihn unbedingt haben. Mich hat er in unseren Gesprächen überzeugt. Und die Klarheit und Professionalität zeigt er nun auch. Bei Maxim ist es so, dass er sich daran gewöhnen musste, dass er nicht mehr der Star der Mannschaft ist. Die Eingewöhnung lief mit Höhen und Tiefen und ist jetzt abgeschlossen. Wir sind glücklich, dass wir ihn haben. Und wer weiß, vielleicht führt ihn sein Weg nach den Füchsen noch einmal nach Minden, um dann vielleicht zu einem größeren Klub zu gehen. Ich habe ihm gesagt, man soll sich alle Optionen offen halten.

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