„Es ist eine schwierige Zeit“ - Bei GWD Minden verarbeitet man die Ergebniskrise und die Blaue Karte Marcus Riechmann Minden.Corona-Testung, Stretching, ein wenig Muskeltraining. Der Tag nach dem 27:27-Kellerkrimi gegen die HSG Nordhorn-Lingen hielt für die Bundesliga-Handballer von GWD Minden beruhigende Routine bereit. „Die Stimmung war okay, aber alle hatten einen etwas erhöhten Gesprächsbedarf“, berichtete Frank von Behren. Der Sportgeschäftsführer von GWD war jedoch außerhalb jeglicher Routine beschäftigt: Er musste sich mit der Blauen Karte gegen Christian Zeitz befassen. Mit Wolfgang Jamelle, Schiedsrichterwart des Deutschen Handballbundes, und Andreas Wäschenbach, Spielleiter beim Ligaverband HBL, tauschte sich von Behren aus und formulierte gemeinsam mit Zeitz eine Stellungnahme. „Montag erwarten wir eine Entscheidung“, berichtete von Behren, der über die unmittelbar folgende Ein-Spiel-Sperre hinaus allenfalls noch eine Geldbuße erwartet. Darüber hinaus wird Zeitz eine Strafe in die Mannschaftskasse zahlen müssen. Zeitz selbst habe sich entschuldigt. „Er weiß, dass das so einfach nicht passieren darf“, sagte von Behren über den Aussetzer des Routiniers nach einer Zeitstrafe und erläuterte den Vorfall, der sich Sekunden vor dem Halbzeitpfiff zugetragen hatte: Die Zeitstrafe habe Zeitz nicht erhalten, weil er bei einem Freiwurf nicht ausreichend Abstand eingehalten hatte, sondern weil er den Gegenspieler gestoßen habe. „Ich habe mir das mehrmals im Video angesehen. Da war nichts, was eine Zeitstrafe rechtfertigen würde“, meinte von Behren, der insoweit Zeitz’ Verärgerung verstehen konnte. Weniger Verständnis hatte von Behren für die verbale Eskalation seines ehemaligen Nationalmannschaftskollegen, der nach mehr als 400 Bundesligaspielen ein Novum erlebte: Mit der Blauen Karte wurde er des Feldes verwiesen. Damit wird er am kommenden Donnerstag fehlen, wenn seinem Team beim HSC Coburg der nächste Abstiegsthriller bevorsteht. Die junge GWD-Mannschaft durfte sich am Donnerstag in Lübbecke ein Bild davon machen, wie der Kampf um den Klassenerhalt schmeckt. Und sie musste feststellen: Es ist kein Zuckerschlecken. Mit Optimismus waren die Mindener in die Begegnung gegen die HSG Nordhorn-Lingen gegangen und hatten knapp 20 Minuten ihren Fokus gewahrt. Angeführt vom prächtig aufspielenden Lenker und Vollstrecker Christoffer Rambo zog GWD feinen Offensivhandball auf, spielte Chancen heraus, betrieb zielsicheres Tempospiel und erzielte Tore bis zur 10:7-Führung. Doch bereits hier war deutlich geworden, welche Taktik die Gäste bei ihrem ersten Bundesligaspiel seit knapp zwei Monaten verfolgten: Sie suchten präzise die Schwachstellen in der GWD-Abwehr, entfachten Druck nach jeden Ballgewinn. Sie machten Alarm, zogen GWD Stück für Stück auf ihre Spielwiese und zwangen die Gastgeber aus der Wohlfühlzone in einen rassigen Abnutzungskampf hinein. Immer wieder suchten sie den Weg über den wuchtigen Halbrechten Philipp Vorlicek, dem weder Juri Knorr noch später Joshua Thiele im Zweikampf wirklich gewachsen waren. Sie brachten den massigen Kreisläufer Dominik Kalafut in Position neben körperlich schwächere GWD-Abwehrspieler. Und defensiv konnten sie sich immer besser gehen Rambo positionieren, da Juri Knorr und Doruk Pehlivan als Angriffspartner des Norwegers zu wenig Gefahr ausstrahlten. Erste Folge: Aus dem 7:10 machten die Gäste mit fünf Toren in Folge ein 12:10 (Vorlicek/24. Minute) und hatten GWD aus dem Tritt gebracht. „Nordhorn hat uns in der ersten Halbzeit mit den bekannten Mitteln ausgespielt. Wir waren vorbereitet, aber kriegen es nicht verteidigt. Das ärgert mich“, kritisierte Trainer Frank Carstens seine Mannschaft. Das feine Spiel war vorbei. Aber auch, wenn nun längst nicht mehr alles rund lief und vor allem die jungen Mindener Spieler immer mal wieder Lehrgeld bezahlen mussten: Die Männer in Grün nahmen den Kampf an, hielten gestützt auf den verlässlichen Carsten Lichtlein im Tor defensiv in der zweiten Halbzeit dagegen. Nach dem 20:20 ging GWD sogar wieder in Führung. Rambo fing zweimal nacheinander den Ball ab und schickte jeweils Kevin Gulliksen auf die Reise. Im ersten Versuch scheiterte der Rechtsaußen noch am bärenstarken HSG-Torwart Björn Buhrmester, im zweiten führte er die norwegische Koproduktion in der 43. Minute zum gewünschten Ende und zum 21:20. Dem ließ Justus Richtzenhain nach Anspiel von Rambo das 22:20 folgen. Mit einem Mini-Vorteil ging GWD in die Schlussphase. Als Gulliksen mit seinem achten Tor das 27:26 erzielt und GWD mit großer Hingabe den folgenden Gäste-Angriff abgewehrt hatte, lag der Matchball in der Luft. Doch GWD brachte in den letzten zwei Angriffen der rund 80-sekündigen Restspielzeit nichts vernünftiges mehr zustande und durfte am Ende noch froh sein, das Spiel nicht noch verloren zu haben. Auch wenn rund um das im Jahr 2021 noch sieglose Team die Nervosität wächst, mahnt von Behren zur Ruhe: „Es ist eine schwierige Zeit. Wir dürfen uns aber nicht verrückt machen lassen. Es ist eine Floskel, aber wir müssen einfach weiter arbeiten.“ Auch der Trainer strahlt Zweckoptimismus aus: „Wir haben einen Punkt mehr als vorher“, sagt Frank Carstens trocken und begründet seine Zuversicht: „Ich sehe jeden Tag im Training maximales Engagement.“ Das soll sich alsbald auch in Siegen auszahlen.

„Es ist eine schwierige Zeit“ - Bei GWD Minden verarbeitet man die Ergebniskrise und die Blaue Karte

Kurz vor Schluss streckt sich GWD-Kreisläufer Justus Richtzenhain nach einem Abpraller. Doch der Ball ist unerreichbar, dafür sorgt der feste Griff von Nordhorns Abwehrmann Dominik Kalafut (Mitte), der Richtzenhain von den Schiedsrichtern ungeahndet an dessen linker Schulter am Trikot zurückzieht. Foto: Noah Wedel © Noah Wedel

Minden.Corona-Testung, Stretching, ein wenig Muskeltraining. Der Tag nach dem 27:27-Kellerkrimi gegen die HSG Nordhorn-Lingen hielt für die Bundesliga-Handballer von GWD Minden beruhigende Routine bereit. „Die Stimmung war okay, aber alle hatten einen etwas erhöhten Gesprächsbedarf“, berichtete Frank von Behren. Der Sportgeschäftsführer von GWD war jedoch außerhalb jeglicher Routine beschäftigt: Er musste sich mit der Blauen Karte gegen Christian Zeitz befassen.

Mit Wolfgang Jamelle, Schiedsrichterwart des Deutschen Handballbundes, und Andreas Wäschenbach, Spielleiter beim Ligaverband HBL, tauschte sich von Behren aus und formulierte gemeinsam mit Zeitz eine Stellungnahme. „Montag erwarten wir eine Entscheidung“, berichtete von Behren, der über die unmittelbar folgende Ein-Spiel-Sperre hinaus allenfalls noch eine Geldbuße erwartet. Darüber hinaus wird Zeitz eine Strafe in die Mannschaftskasse zahlen müssen.

Zeitz selbst habe sich entschuldigt. „Er weiß, dass das so einfach nicht passieren darf“, sagte von Behren über den Aussetzer des Routiniers nach einer Zeitstrafe und erläuterte den Vorfall, der sich Sekunden vor dem Halbzeitpfiff zugetragen hatte: Die Zeitstrafe habe Zeitz nicht erhalten, weil er bei einem Freiwurf nicht ausreichend Abstand eingehalten hatte, sondern weil er den Gegenspieler gestoßen habe. „Ich habe mir das mehrmals im Video angesehen. Da war nichts, was eine Zeitstrafe rechtfertigen würde“, meinte von Behren, der insoweit Zeitz’ Verärgerung verstehen konnte. Weniger Verständnis hatte von Behren für die verbale Eskalation seines ehemaligen Nationalmannschaftskollegen, der nach mehr als 400 Bundesligaspielen ein Novum erlebte: Mit der Blauen Karte wurde er des Feldes verwiesen. Damit wird er am kommenden Donnerstag fehlen, wenn seinem Team beim HSC Coburg der nächste Abstiegsthriller bevorsteht.

Die junge GWD-Mannschaft durfte sich am Donnerstag in Lübbecke ein Bild davon machen, wie der Kampf um den Klassenerhalt schmeckt. Und sie musste feststellen: Es ist kein Zuckerschlecken. Mit Optimismus waren die Mindener in die Begegnung gegen die HSG Nordhorn-Lingen gegangen und hatten knapp 20 Minuten ihren Fokus gewahrt. Angeführt vom prächtig aufspielenden Lenker und Vollstrecker Christoffer Rambo zog GWD feinen Offensivhandball auf, spielte Chancen heraus, betrieb zielsicheres Tempospiel und erzielte Tore bis zur 10:7-Führung. Doch bereits hier war deutlich geworden, welche Taktik die Gäste bei ihrem ersten Bundesligaspiel seit knapp zwei Monaten verfolgten: Sie suchten präzise die Schwachstellen in der GWD-Abwehr, entfachten Druck nach jeden Ballgewinn. Sie machten Alarm, zogen GWD Stück für Stück auf ihre Spielwiese und zwangen die Gastgeber aus der Wohlfühlzone in einen rassigen Abnutzungskampf hinein.

Immer wieder suchten sie den Weg über den wuchtigen Halbrechten Philipp Vorlicek, dem weder Juri Knorr noch später Joshua Thiele im Zweikampf wirklich gewachsen waren. Sie brachten den massigen Kreisläufer Dominik Kalafut in Position neben körperlich schwächere GWD-Abwehrspieler. Und defensiv konnten sie sich immer besser gehen Rambo positionieren, da Juri Knorr und Doruk Pehlivan als Angriffspartner des Norwegers zu wenig Gefahr ausstrahlten. Erste Folge: Aus dem 7:10 machten die Gäste mit fünf Toren in Folge ein 12:10 (Vorlicek/24. Minute) und hatten GWD aus dem Tritt gebracht. „Nordhorn hat uns in der ersten Halbzeit mit den bekannten Mitteln ausgespielt. Wir waren vorbereitet, aber kriegen es nicht verteidigt. Das ärgert mich“, kritisierte Trainer Frank Carstens seine Mannschaft.

Das feine Spiel war vorbei. Aber auch, wenn nun längst nicht mehr alles rund lief und vor allem die jungen Mindener Spieler immer mal wieder Lehrgeld bezahlen mussten: Die Männer in Grün nahmen den Kampf an, hielten gestützt auf den verlässlichen Carsten Lichtlein im Tor defensiv in der zweiten Halbzeit dagegen. Nach dem 20:20 ging GWD sogar wieder in Führung. Rambo fing zweimal nacheinander den Ball ab und schickte jeweils Kevin Gulliksen auf die Reise. Im ersten Versuch scheiterte der Rechtsaußen noch am bärenstarken HSG-Torwart Björn Buhrmester, im zweiten führte er die norwegische Koproduktion in der 43. Minute zum gewünschten Ende und zum 21:20. Dem ließ Justus Richtzenhain nach Anspiel von Rambo das 22:20 folgen. Mit einem Mini-Vorteil ging GWD in die Schlussphase. Als Gulliksen mit seinem achten Tor das 27:26 erzielt und GWD mit großer Hingabe den folgenden Gäste-Angriff abgewehrt hatte, lag der Matchball in der Luft. Doch GWD brachte in den letzten zwei Angriffen der rund 80-sekündigen Restspielzeit nichts vernünftiges mehr zustande und durfte am Ende noch froh sein, das Spiel nicht noch verloren zu haben.

Auch wenn rund um das im Jahr 2021 noch sieglose Team die Nervosität wächst, mahnt von Behren zur Ruhe: „Es ist eine schwierige Zeit. Wir dürfen uns aber nicht verrückt machen lassen. Es ist eine Floskel, aber wir müssen einfach weiter arbeiten.“ Auch der Trainer strahlt Zweckoptimismus aus: „Wir haben einen Punkt mehr als vorher“, sagt Frank Carstens trocken und begründet seine Zuversicht: „Ich sehe jeden Tag im Training maximales Engagement.“ Das soll sich alsbald auch in Siegen auszahlen.

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