Ein anderes Profil - Doruk Pehlivan ist der erste türkische Handballer bei GWD Minden Michael Lorenz Minden. Auf dem Videoportal Youtube kursiert ein Kurzfilm, den ihn als „Turkish Hercules“ bezeichnet, und so ganz abwegig ist der Vergleich nicht: Doruk Pehlivan, der neue linke Rückraumspieler des Handball-Bundesligisten GWD Minden, ist 2,01 Meter groß und durchtrainiert. Handball in der Türkei, das ist für viele Beobachter der Szene ein Buch mit sieben Siegeln. Und tatsächlich ist Doruk Pehlivan, der in der vorletzten Woche seinen 22. Geburtstag feierte, der erste Türke, der in einer der größeren europäischen Handball-Ligen auftauchte. Vor einem Jahr war das, als er beim polnischen Spitzenklub Vive Kielce anheuerte. Anders als den meisten türkischen Kindern wurde der Handballsport Pehlivan förmlich in die Wiege gelegt: Mutter Zeynur und Vater Zeki Pehlivan waren beide Kapitän der Nationalmannschaft und Topscorer in der 1. Liga des Landes, wie er im MT-Gespräch berichtet. Basketball war, zumal bei seinen körperlichen Voraussetzungen, ebenfalls eine Option, und er betrieb diesen Sport parallel zum Handball, bis er 16 Jahre alt war. „Mein Ziel war aber immer, Handballprofi zu werden“, berichtet er, „zumal Handball der Sport war, in dem sich meine Familie am Besten auskannte und mich dementsprechend unterstützen konnte. Meine Mutter war beim Verein Maliye Piango in Ankara auch meine erste Trainerin.“ Handballprofis in der Türkei sind rar gesät, die besten Spieler des Landes sind in der Regel Halbprofis. „ Ich wusste immer: Der Handball in der ersten türkischen Liga ist nicht genug für mich. Daher wollte ich immer ins Ausland, und dort meinen Sport zum Beruf machen“, sagt Pehlivan. Bei einer Militär-Weltmeisterschaft in Spanien nutzte er die Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen: „Da war ich bester Torschütze, auch die U20-Europameisterschaft in Montenegro lief gut für mich. Ich wechselte dann aus der türkischen Liga zum Wiener Verein Fivers Margareten. Der Schritt nach Österreich war ein guter für mich.“ In Wien überzeugte der Rückraumspieler, der rund 110 Kilogramm auf die Waage bringt. Die Margareten spielten zwar in der Champions-League, waren dort aber ein eher kleines Licht. Vor der Saison 2019/20 klopfte Vive Kielce an und löste ihn aus dem laufenden Vertrag heraus. Kielce stieg übrigens 1975 unter dem bemerkenswerten Namen „MKS Korona“ erstmals in die höchste polnische Spielklasse auf. Mittlerweile ist Vive ein absoluter Topklub, der seit 2014 von Talant Dujshebaev trainiert wird, dem einstigen Welthandballer, der von 1998 bis 2001 bei GWD Minden spielte. Im Jahr 2016 gewann Kielce die Champions League. In Kielce unterzeichnete der Rechtshänder Pehlivan einen Vier-Jahres-Vertrag und fühlte sich durchaus wohl. Eine Regeländerung in der polnischen Liga wurde ihm allerdings zum Verhängnis, wie er schildert: „Die neue Regel besagt, dass unter den sieben Spielern, die auf dem Feld stehen, immer mindestens zwei Polen sein müssen. Von den vier linken Rückraumspielern in Kielce kommen zwei aus Polen, und das hat die Chance auf meine Einsatzzeiten deutlich geschmälert“, sagt der 22-Jährige, der seit seiner Zeit in Österreich gut Deutsch spricht: „Ich hätte wenn überhaupt nur noch in der Champions League spielen können, denn dort gilt diese Regel natürlich nicht.“ Das Angebot von GWD Minden kam da gerade recht: „GWD wollte mich, und ich hatte das Gefühl, dass das die beste Option für mich ist. Die Bundesliga ist die beste Handball-Liga der Welt, hier sind die meisten der besten Spieler versammelt. Ich hoffe, dass ich hier viel lernen und GWD Minden viel geben kann. Die neuen Mitspieler unterstützen mich super.“ Doruk Pehlivan kam vor einer Woche nach Minden. Derzeit wohnt er im Hotel Lindgart nahe der Innenstadt und sucht nach einer Wohnung. Er vergleicht die bisherigen Stationen seines handballerischen Wirkens: „Meine Heimat ist die türkische Hauptstadt Ankara. Das ist eine Riesenstadt mit knapp sechs Millionen Einwohnern, und im Ballungsraum leben noch einmal so viele Leute. Dann kam ich nach Wien, ebenfalls eine Großstadt, mit allerdings nur rund zwei Millionen Einwohnern. Dann kam ich nach Kielce, dort wohnen knapp 200 000 Menschen.“ Seine neue Heimat Minden hat rund 82 000 Einwohner. „Die Städte sind immer kleiner geworden. Aber ich hoffe natürlich, dass es handballerisch immer weiter bergauf geht für mich. Es ist jedenfalls sehr schön hier, ich fühle mich auf Anhieb wohl. Noch besser wäre es natürlich mit einer eigenen Wohnung.“ Das Leben des Doruk Pehlivan dreht sich nicht ausschließlich um Handball. In Ankara studierte er zwei Jahre lang Innenarchitektur, derzeit ruht das Studium allerdings. „Ich interessiere mich sehr für Kunst, daher habe ich mich für diesen Studiengang entschieden. Bei uns zuhause war Kunst und Musik immer ein Thema, daher spiele ich auch Gitarre.“ In Minden tritt Pehlivan die Nachfolge des Mannschaftsführers und deutschen Nationalspielers Marian Michalczik an, und dessen Fußabdrücke sind durchaus groß. GWD-Trainer Frank Carstens vergleicht die beiden: „Doruk ist ein ganz anderer Spieler als Marian, er erfüllt ein ganz anderes Profil. Er ist eher ein klassischer Halblinker, ein Werfer also. Marian ist ja ein spielender Werfer, wenn man so will. Doruk hat einen guten Wurf, er ist eher ein Abschluss-Spieler, der in Wurfposition gebracht werden muss“, betont der Coach: „Zudem ist er ein guter Verteidiger und mit einer ziemlichen körperlichen Wucht ausgestattet, die ihm im Gegenstoß zugute kommt. Und er verfügt auch über eine gute Feldüberquerung.“ Der 22-Jährige hat einiges vor in seiner neuen Heimat, in der er auf Leihbasis zunächst zwei Jahre bleiben soll. Carstens: „Doruk ist sehr ehrgeizig und wissbegierig, so hat er sich zumindest bislang präsentiert.“ Eines aber fehlt dem ersten türkischen Spieler im GWD-Trikot bislang: Der Führerschein. „Den werde ich aber hier machen“, sagt er lachend.

Ein anderes Profil - Doruk Pehlivan ist der erste türkische Handballer bei GWD Minden

Der neue GWD-Spieler Doruk Pehlivan vor der Mindener Schachtschleuse, einem Wahrzeichen seiner neuen Heimatstadt. © Foto: Michael Lorenz

Minden. Auf dem Videoportal Youtube kursiert ein Kurzfilm, den ihn als „Turkish Hercules“ bezeichnet, und so ganz abwegig ist der Vergleich nicht: Doruk Pehlivan, der neue linke Rückraumspieler des Handball-Bundesligisten GWD Minden, ist 2,01 Meter groß und durchtrainiert.

Handball in der Türkei, das ist für viele Beobachter der Szene ein Buch mit sieben Siegeln. Und tatsächlich ist Doruk Pehlivan, der in der vorletzten Woche seinen 22. Geburtstag feierte, der erste Türke, der in einer der größeren europäischen Handball-Ligen auftauchte. Vor einem Jahr war das, als er beim polnischen Spitzenklub Vive Kielce anheuerte.

Anders als den meisten türkischen Kindern wurde der Handballsport Pehlivan förmlich in die Wiege gelegt: Mutter Zeynur und Vater Zeki Pehlivan waren beide Kapitän der Nationalmannschaft und Topscorer in der 1. Liga des Landes, wie er im MT-Gespräch berichtet. Basketball war, zumal bei seinen körperlichen Voraussetzungen, ebenfalls eine Option, und er betrieb diesen Sport parallel zum Handball, bis er 16 Jahre alt war. „Mein Ziel war aber immer, Handballprofi zu werden“, berichtet er, „zumal Handball der Sport war, in dem sich meine Familie am Besten auskannte und mich dementsprechend unterstützen konnte. Meine Mutter war beim Verein Maliye Piango in Ankara auch meine erste Trainerin.“

Handballprofis in der Türkei sind rar gesät, die besten Spieler des Landes sind in der Regel Halbprofis. „ Ich wusste immer: Der Handball in der ersten türkischen Liga ist nicht genug für mich. Daher wollte ich immer ins Ausland, und dort meinen Sport zum Beruf machen“, sagt Pehlivan. Bei einer Militär-Weltmeisterschaft in Spanien nutzte er die Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen: „Da war ich bester Torschütze, auch die U20-Europameisterschaft in Montenegro lief gut für mich. Ich wechselte dann aus der türkischen Liga zum Wiener Verein Fivers Margareten. Der Schritt nach Österreich war ein guter für mich.“

In Wien überzeugte der Rückraumspieler, der rund 110 Kilogramm auf die Waage bringt. Die Margareten spielten zwar in der Champions-League, waren dort aber ein eher kleines Licht. Vor der Saison 2019/20 klopfte Vive Kielce an und löste ihn aus dem laufenden Vertrag heraus. Kielce stieg übrigens 1975 unter dem bemerkenswerten Namen „MKS Korona“ erstmals in die höchste polnische Spielklasse auf. Mittlerweile ist Vive ein absoluter Topklub, der seit 2014 von Talant Dujshebaev trainiert wird, dem einstigen Welthandballer, der von 1998 bis 2001 bei GWD Minden spielte. Im Jahr 2016 gewann Kielce die Champions League.

In Kielce unterzeichnete der Rechtshänder Pehlivan einen Vier-Jahres-Vertrag und fühlte sich durchaus wohl. Eine Regeländerung in der polnischen Liga wurde ihm allerdings zum Verhängnis, wie er schildert: „Die neue Regel besagt, dass unter den sieben Spielern, die auf dem Feld stehen, immer mindestens zwei Polen sein müssen. Von den vier linken Rückraumspielern in Kielce kommen zwei aus Polen, und das hat die Chance auf meine Einsatzzeiten deutlich geschmälert“, sagt der 22-Jährige, der seit seiner Zeit in Österreich gut Deutsch spricht: „Ich hätte wenn überhaupt nur noch in der Champions League spielen können, denn dort gilt diese Regel natürlich nicht.“

Das Angebot von GWD Minden kam da gerade recht: „GWD wollte mich, und ich hatte das Gefühl, dass das die beste Option für mich ist. Die Bundesliga ist die beste Handball-Liga der Welt, hier sind die meisten der besten Spieler versammelt. Ich hoffe, dass ich hier viel lernen und GWD Minden viel geben kann. Die neuen Mitspieler unterstützen mich super.“

Doruk Pehlivan kam vor einer Woche nach Minden. Derzeit wohnt er im Hotel Lindgart nahe der Innenstadt und sucht nach einer Wohnung. Er vergleicht die bisherigen Stationen seines handballerischen Wirkens: „Meine Heimat ist die türkische Hauptstadt Ankara. Das ist eine Riesenstadt mit knapp sechs Millionen Einwohnern, und im Ballungsraum leben noch einmal so viele Leute. Dann kam ich nach Wien, ebenfalls eine Großstadt, mit allerdings nur rund zwei Millionen Einwohnern. Dann kam ich nach Kielce, dort wohnen knapp 200 000 Menschen.“

Seine neue Heimat Minden hat rund 82 000 Einwohner. „Die Städte sind immer kleiner geworden. Aber ich hoffe natürlich, dass es handballerisch immer weiter bergauf geht für mich. Es ist jedenfalls sehr schön hier, ich fühle mich auf Anhieb wohl. Noch besser wäre es natürlich mit einer eigenen Wohnung.“

Das Leben des Doruk Pehlivan dreht sich nicht ausschließlich um Handball. In Ankara studierte er zwei Jahre lang Innenarchitektur, derzeit ruht das Studium allerdings. „Ich interessiere mich sehr für Kunst, daher habe ich mich für diesen Studiengang entschieden. Bei uns zuhause war Kunst und Musik immer ein Thema, daher spiele ich auch Gitarre.“

In Minden tritt Pehlivan die Nachfolge des Mannschaftsführers und deutschen Nationalspielers Marian Michalczik an, und dessen Fußabdrücke sind durchaus groß. GWD-Trainer Frank Carstens vergleicht die beiden: „Doruk ist ein ganz anderer Spieler als Marian, er erfüllt ein ganz anderes Profil. Er ist eher ein klassischer Halblinker, ein Werfer also. Marian ist ja ein spielender Werfer, wenn man so will. Doruk hat einen guten Wurf, er ist eher ein Abschluss-Spieler, der in Wurfposition gebracht werden muss“, betont der Coach: „Zudem ist er ein guter Verteidiger und mit einer ziemlichen körperlichen Wucht ausgestattet, die ihm im Gegenstoß zugute kommt. Und er verfügt auch über eine gute Feldüberquerung.“

Der 22-Jährige hat einiges vor in seiner neuen Heimat, in der er auf Leihbasis zunächst zwei Jahre bleiben soll. Carstens: „Doruk ist sehr ehrgeizig und wissbegierig, so hat er sich zumindest bislang präsentiert.“ Eines aber fehlt dem ersten türkischen Spieler im GWD-Trikot bislang: Der Führerschein. „Den werde ich aber hier machen“, sagt er lachend.

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