Ehemaliger GWD-Spieler Tim Wieling macht Mode für Handballer Astrid Plaßhenrich Bielefeld/Minden. Es sei ein unbeschreibliches Gefühl gewesen. Nach zweieinhalb Jahren hielt Tim Wieling endlich das T-Shirt in den Händen. Sein T-Shirt, das er zusammen mit seinen Kollegen entwickelt hatte. Es waren knapp 30 Monate, in denen eine erste Idee immer mehr Form annahm, in denen der 23-Jährige mit seinen Mitgründern eine Firma ins Handelsregister eintragen ließ, einen Stoff kreierte, den Schnitt perfektionierte und eine Marketing-Strategie ausarbeitete. Parallel dazu trieb der Rechtsaußen seine Handball-Karriere voran: Nachdem er von 2012 bis 2017 bei GWD Minden spielte, wechselte er für zwei Jahre zum TSV Dormagen und schloss sich im vergangenen Sommer dem Bundesligisten TVB Stuttgart an. Wieling ist noch regelmäßig in Minden. Die Eltern seiner Freundin Hannah Bolsius leben schließlich hier. Doch sein Lebensmittelpunkt ist inzwischen Stuttgart. Sein Fazit fällt nach dem ersten Jahr beim TVB zweigeteilt aus. „Sicherlich möchte ich mehr spielen“, sagt er, „aber ich habe auch gemerkt, dass ich auf dem Niveau mithalten kann.“ Sein Vertrag bei den Schwaben läuft noch bis 2021. Bereits am Mittwoch starteten die Stuttgarter mit einem Trainingslager im Zillertal in die Vorbereitung. Dann wird Wieling für sein Modelabel „Nahtstelle“ nicht mehr die Zeit haben, die er während der Corona-Pause hatte. „Ich habe unglaublich viel in den vergangenen Monaten telefoniert“, erzählt er. Es war die heiße Phase, in der das T-Shirt endlich auf den Markt kam. Den Rechtsaußen regte es immer auf, dass es für Handballer keine eigene Modemarke gibt, kein Label dass Lifestyle mit sportlicher Funktionalität verbindet. „Mit typischer Handball-Kleidung sahen wir in Restaurants immer so aus, als wenn wir auf den Sprung zum Training wären“, sagt Wieling. Genau das wollte er ändern. Allerdings kam es für ihn auch nicht infrage, Massenware aus Fernost zu bestellen, ein schickes Logo drauf zu drucken und dann in einem Online-Shop zu verkaufen. „Das hat für mich mit Mode wenig zutun, das ist Merchandising“, sagt Wieling. Stattdessen ging es zunächst darum, einen geeigneten Stoff zu entwickeln. Der muss schließlich hohen Ansprüchen genügen. „Da das T-Shirt auch im Training getragen werden kann und soll, muss es nicht nur angenehm auf der Haut liegen, sondern auch reißfest sein. Dazu darf man nicht zu sehr darin schwitzen“, erklärt der Student der Kölner Sporthochschule. Deswegen sei von Anfang an klar gewesen, dass eine Produktionsstätte gefunden werden muss, die Stoffe selbst herstellt und nicht nur einkauft. Das Team um den Handballprofi recherchierte viel, fragte Experten, ließ sich immer wieder Stoffe kommen und verglich Materialien von etablierten Marken. „Wir haben aber nicht das gefunden, was wir suchten. Den Stoff gab es einfach noch nicht“, sagt Wieling. Schließlich stieß das Start-Up auf ein geeignetes Unternehmen in der Türkei. „Das besondere an dem Stoff ist die Mischung von Modal, Elasthan und Baumwolle“, erklärt Wieling, „wir haben unserem Hersteller genau gesagt, in welchem Verhältnis die Komponenten gemischt werden sollen.“ Das sei ein absoluter Blindflug gewesen. „Aber“, meint Wieling, „das Risiko hat sich gelohnt. Wir sind sehr zufrieden.“ Die extrem dehnbare Chemiefaser Elastan sorgt dafür, dass das T-Shirt immer wieder in die ursprüngliche Passform zurückfällt. Modal unterstützt die Strapazierfähigkeit und fördert den Tragekomfort. Baumwolle ist pflegeleicht, widerstandsfähig sowie temperatur- und feuchtigkeitsregulierend. „Jedes Freizeit-T-Shirt besteht aus Baumwolle, es begünstigt auch den Lifestyle-Effekt“, erklärt der Rechtsaußen. In dem Unternehmen in der Türkei werde unter fairen Bedingungen produziert. Das sei dem Team Nahtstelle wichtig gewesen. Da es zudem den Stoff in der Zusammensetzung nicht gab, sind die T-Shirts im mittleren Preissegment angesiedelt. Entscheidend war auch der Schnitt. „Je besser sich ein Spieler in seiner Kleidung fühlt, desto selbstbewusster tritt er auf“, sagt der 23-Jährige. Um einen Designer zu finden, wandte sich das junge Unternehmen an den Fachbereich Mode und Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld. So fand das Start-Up Paul Kaminski. „Paul hat uns eine 20-seitige Bewerbung geschrieben, sehr professionell. Er war bereits in einer Festanstellung, aber er hatte Bock, bei dem Projekt von Anfang an dabei zu sein“, erzählt der Linkshänder. Das T-Shirt musste für Handballer gemacht sein – an den Schultern breiter, an der Hüfte schmaler. Wieling zog es immer wieder an, es wurde immer wieder geändert, bis es perfekt saß. Eine Version für Frauen gibt es ebenfalls. Bevor es allerdings in die Tiefe der Produktion ging, war bereits der Markenname gefunden: „Nahtstelle“. „Es sollte nicht zu plakativ, aber die Verbindung zum Handball trotzdem eindeutig sein“, erklärt der gebürtige Bielefelder. Es sei ein Geistesblitz gewesen, der erste Name, der auf dem Zettel stand. „Nahtstelle ist einer der zentralen Begriffe im Handball. Jeder Trainer verwendet ihn in jeder Auszeit. Und auch in der Mode spielt er eine Riesenrolle“, sagt Wieling. Seitdem ist der Markenname Programm. Wohin der Weg des Modelabels mit dem Kernteam Niklas Fulland (Vertrieb und Marketing), Sebastian Steinmeier (Strategie und Operations), Jonas Bentrup (Design und Operations) und Kai Westendorf (IT und Finanzen) führen wird, weiß Wieling noch nicht. Sie sind jetzt mit einem schwarzen T-Shirt für Damen und Herren in drei Varianten gestartet. „Wir wollen uns langsam entwickeln, Ideen haben wir aber noch genügend.“

Ehemaliger GWD-Spieler Tim Wieling macht Mode für Handballer

Minimalistisch, schlicht, schwarz mit weiß abgesetzten dünnen Streifen: Tim Wieling trägt das T-Shirt seines Modelabels „Nahtstelle“ sowohl im Training als auch in der Freizeit. Dafür muss der eigens entwickelte Stoff vielen Ansprüchen genügen. © Foto: Felix Bröker/Filmdudes

Bielefeld/Minden. Es sei ein unbeschreibliches Gefühl gewesen. Nach zweieinhalb Jahren hielt Tim Wieling endlich das T-Shirt in den Händen. Sein T-Shirt, das er zusammen mit seinen Kollegen entwickelt hatte. Es waren knapp 30 Monate, in denen eine erste Idee immer mehr Form annahm, in denen der 23-Jährige mit seinen Mitgründern eine Firma ins Handelsregister eintragen ließ, einen Stoff kreierte, den Schnitt perfektionierte und eine Marketing-Strategie ausarbeitete. Parallel dazu trieb der Rechtsaußen seine Handball-Karriere voran: Nachdem er von 2012 bis 2017 bei GWD Minden spielte, wechselte er für zwei Jahre zum TSV Dormagen und schloss sich im vergangenen Sommer dem Bundesligisten TVB Stuttgart an.

Wieling ist noch regelmäßig in Minden. Die Eltern seiner Freundin Hannah Bolsius leben schließlich hier. Doch sein Lebensmittelpunkt ist inzwischen Stuttgart. Sein Fazit fällt nach dem ersten Jahr beim TVB zweigeteilt aus. „Sicherlich möchte ich mehr spielen“, sagt er, „aber ich habe auch gemerkt, dass ich auf dem Niveau mithalten kann.“ Sein Vertrag bei den Schwaben läuft noch bis 2021. Bereits am Mittwoch starteten die Stuttgarter mit einem Trainingslager im Zillertal in die Vorbereitung. Dann wird Wieling für sein Modelabel „Nahtstelle“ nicht mehr die Zeit haben, die er während der Corona-Pause hatte. „Ich habe unglaublich viel in den vergangenen Monaten telefoniert“, erzählt er. Es war die heiße Phase, in der das T-Shirt endlich auf den Markt kam.

Den Rechtsaußen regte es immer auf, dass es für Handballer keine eigene Modemarke gibt, kein Label dass Lifestyle mit sportlicher Funktionalität verbindet. „Mit typischer Handball-Kleidung sahen wir in Restaurants immer so aus, als wenn wir auf den Sprung zum Training wären“, sagt Wieling. Genau das wollte er ändern. Allerdings kam es für ihn auch nicht infrage, Massenware aus Fernost zu bestellen, ein schickes Logo drauf zu drucken und dann in einem Online-Shop zu verkaufen. „Das hat für mich mit Mode wenig zutun, das ist Merchandising“, sagt Wieling.

Stattdessen ging es zunächst darum, einen geeigneten Stoff zu entwickeln. Der muss schließlich hohen Ansprüchen genügen. „Da das T-Shirt auch im Training getragen werden kann und soll, muss es nicht nur angenehm auf der Haut liegen, sondern auch reißfest sein. Dazu darf man nicht zu sehr darin schwitzen“, erklärt der Student der Kölner Sporthochschule. Deswegen sei von Anfang an klar gewesen, dass eine Produktionsstätte gefunden werden muss, die Stoffe selbst herstellt und nicht nur einkauft. Das Team um den Handballprofi recherchierte viel, fragte Experten, ließ sich immer wieder Stoffe kommen und verglich Materialien von etablierten Marken. „Wir haben aber nicht das gefunden, was wir suchten. Den Stoff gab es einfach noch nicht“, sagt Wieling. Schließlich stieß das Start-Up auf ein geeignetes Unternehmen in der Türkei. „Das besondere an dem Stoff ist die Mischung von Modal, Elasthan und Baumwolle“, erklärt Wieling, „wir haben unserem Hersteller genau gesagt, in welchem Verhältnis die Komponenten gemischt werden sollen.“ Das sei ein absoluter Blindflug gewesen. „Aber“, meint Wieling, „das Risiko hat sich gelohnt. Wir sind sehr zufrieden.“ Die extrem dehnbare Chemiefaser Elastan sorgt dafür, dass das T-Shirt immer wieder in die ursprüngliche Passform zurückfällt. Modal unterstützt die Strapazierfähigkeit und fördert den Tragekomfort. Baumwolle ist pflegeleicht, widerstandsfähig sowie temperatur- und feuchtigkeitsregulierend. „Jedes Freizeit-T-Shirt besteht aus Baumwolle, es begünstigt auch den Lifestyle-Effekt“, erklärt der Rechtsaußen. In dem Unternehmen in der Türkei werde unter fairen Bedingungen produziert. Das sei dem Team Nahtstelle wichtig gewesen. Da es zudem den Stoff in der Zusammensetzung nicht gab, sind die T-Shirts im mittleren Preissegment angesiedelt.

Entscheidend war auch der Schnitt. „Je besser sich ein Spieler in seiner Kleidung fühlt, desto selbstbewusster tritt er auf“, sagt der 23-Jährige. Um einen Designer zu finden, wandte sich das junge Unternehmen an den Fachbereich Mode und Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld. So fand das Start-Up Paul Kaminski. „Paul hat uns eine 20-seitige Bewerbung geschrieben, sehr professionell. Er war bereits in einer Festanstellung, aber er hatte Bock, bei dem Projekt von Anfang an dabei zu sein“, erzählt der Linkshänder. Das T-Shirt musste für Handballer gemacht sein – an den Schultern breiter, an der Hüfte schmaler. Wieling zog es immer wieder an, es wurde immer wieder geändert, bis es perfekt saß. Eine Version für Frauen gibt es ebenfalls.

Bevor es allerdings in die Tiefe der Produktion ging, war bereits der Markenname gefunden: „Nahtstelle“. „Es sollte nicht zu plakativ, aber die Verbindung zum Handball trotzdem eindeutig sein“, erklärt der gebürtige Bielefelder. Es sei ein Geistesblitz gewesen, der erste Name, der auf dem Zettel stand. „Nahtstelle ist einer der zentralen Begriffe im Handball. Jeder Trainer verwendet ihn in jeder Auszeit. Und auch in der Mode spielt er eine Riesenrolle“, sagt Wieling. Seitdem ist der Markenname Programm.

Wohin der Weg des Modelabels mit dem Kernteam Niklas Fulland (Vertrieb und Marketing), Sebastian Steinmeier (Strategie und Operations), Jonas Bentrup (Design und Operations) und Kai Westendorf (IT und Finanzen) führen wird, weiß Wieling noch nicht. Sie sind jetzt mit einem schwarzen T-Shirt für Damen und Herren in drei Varianten gestartet. „Wir wollen uns langsam entwickeln, Ideen haben wir aber noch genügend.“

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