Die letzten Wikinger: Christoffer Rambo und Kevin Gulliksen verabschieden sich von GWD Minden Marcus Riechmann Minden. Seine einzigartigen Fähigkeiten, sein handballerisches Genie und seinen ganzen Wert für GWD Minden dokumentierte Christoffer Rambo am vergangenen Sonntag gemeinsam mit seinem norwegischen Teamkollegen Kevin Gulliksen. Aus dem 12:14-Rückstand gegen FA Göppingen machten sie als Duo Infernale mit drei (Gulliksen) und zwei Toren (Rambo) eine 17:16-Führung. Der Rückraumspieler traf selbst oder bediente den Flügelflitzer mal nach einem „Steal“ – längst eine Spezialität des besten Balldiebs der Liga – zum Konter und mal mit dem zum Markenzeichen erwachsenen rückhändig gespielten Bodenpass. „Das war die Initialzündung“, lobte Trainer Frank Carstens die Aktionen der beiden Freunde, die sie mit den Teamkollegen zum 24:23-Heimsieg veredelten. Ganz nebenbei erzielte Rambo mit dem 17:16 auch seinen 1.116 Treffer für GWD, was ihn zum Hallenhandball-Rekordschützen des Traditionsvereins gemacht hat. Eine Marke die bleiben wird. Er aber nicht. Rambo will, Rambo muss heim. Seine Frau Michelle und seine in Minden geborenen Söhne Noah, Eliah und Luca warten in Sandefjord. Mit dem Klassenerhalt will er sich von GWD verabschieden. Vor seinen Fans. „Es ist so schön, dass wieder Leute in der Halle sind. Ohne Fans ist es gar kein richtiger Handball“, sagt der sorgende Familienvater, der seine Emotionalität bisweilen als Heißsporn auf dem Spielfeld auslebt. Morgen absolvieren Rambo und Gulliksen gegen die Eulen Ludwigshafen ihr letztes Heimspiel für Minden, am Sonntag nehmen sie mit der Partie bei der HSG Wetzlar endgültig Abschied: Rambo, der im November 2013 aus Dünkirchen zu GWD kam, kehrt nach knapp acht Jahren in seine norwegische Heimat nach Sandefjord zurück; Flügelflitzer Gulliksen bleibt der Liga erhalten und wechselt zu Frisch Auf Göppingen. Mit ihnen endet die Zeit der Wikinger bei GWD. Nach Jahrzehnten, in den eine stabile kleine Kolonie von schwedischen Handballern gemeinsam mit Isländern, Norwegern und auch mal einem Dänen skandinavische Lebensart und in einigen Fällen mit Männern wie Axel Axelsson, Robert Hedin oder Dalibor Doder auch Star-Appeal nach Minden brachte, läuft diese Ära aus. Die vergangenen Monate haben der knapp zwei Meter große Schlaks Rambo und der mit 1,80 Meter kleinste GWD-Profi Gulliksen eine Wohngemeinschaft unterhalten. Als Rambos Familie bereits im Januar nach Norwegen zog, packte auch der Papa seine Taschen und tauschte die Doppelhaushälfte an der Portastraße mit einem Zimmer in Gulliksens Junggesellenbude in der Innenstadt. „Es war gut wieder in der Stadt zu sein. Ich liebe die Gänge im Glacis und den Kaffee bei Kofi“, erzählt Rambo, der nach einigen Wochen Gulliksen mit den üblichen Abläufen des Zusammenlebens vertraut gemacht hatte: „Am Anfang dachte er noch, ich würde kochen und so.“ Gulliksen, der so gerne chillt, Sport aus aller Welt schaut und mit den Kumpels online unterwegs ist, sagt hingegen über Rambo: „Er ist mehr Deutscher als Norweger,.Er kann überhaupt nicht still sitzen, er muss immer etwas tun.“ Die Wohnung haben die beiden mittlerweile aufgegeben. Seit Montag leben sie im Hotel Lindgart auf gepackten Koffern. Nach dem Saisonfinale am Sonntag verbringen sie dort eine letzte Nacht. Dann geht es heim. Endlich. „Es wird Zeit, ich bin am Limit“, sagt Rambo und beschreibt die ihn tief rührende Auswirkung der Corona-Zeit: „Ich habe Sehnsucht nach meiner Familie. Ich habe die Kinder seit Januar nicht gesehen.“ Nach Jahren auf der Walz in Spanien, Frankreich und vor allem Ostwestfalen will er in Sandefjord in seinem Heimatverein Runar etwas bewegen: „Ich spiele im Moment meinen besten Handball und habe noch gute Jahre in mir. Ich will zuhause etwas aufbauen.“ Für Gulliksen, der wegen der Pandemie und den Quarantäne-Pflichten seit einem Jahr nicht mehr in Norwegen war, steht eine Woche Heimat-Urlaub an, dann geht es mit der Nationalmannschaft in die Olympia-Vorbereitung nach Japan. „Ich brauche nicht wegfahren, zu Hause sein ist wie Urlaub“, sagt der 25-Jährige. Auch Rambo hat keine Urlaubspläne geschmiedet. Sein einziger Wunsch für den Sommer: „Ein Wochenende allein mit Michelle verbringen, egal wo.“ Damit endet der gemeinsam Weg von Trainer Frank Carstens und seinem Musterschützling. Rund sechseinhalb Jahre coachte und förderte „FC“ den mitunter eigensinnigen und in seinem Tordrang kaum zu bremsenden Rambo und formte ihn zu seinem wichtigsten Spieler. „Er hat sich jedes Jahr entwickelt“, sagt Carstens über den Norweger: „Als ich zu GWD kam, saß John auf der Tribüne, und es gab Leute die mit gesagt haben: Der kann laufen und werfen. Sonst nichts. Und heute ist er Dreh- und Angelpunkt unseres Spiels.“ Aus der Wurfkuh von einst ist ein Mann mit vielen Qualitäten geworden: Regelmäßig führt Rambo die GWD-Torjägerliste an, ist Liga-Spitze bei Assists und Steals – und einer, der ohne Rücksicht auf die eigene Quote Verantwortung nimmt: Rambo ist der Mann für den letzten Wurf, wenn im Angriff nichts mehr geht. Und manchmal, da ist er ganz Straßenhandballer geblieben – nimmt er auch die Würfe, die den Trainer die Hände über den Kopf zusammenschlagen lassen. „Wir haben viel erlebt, das war eine tolle Zeit“, sagt Carstens über den Norweger: „Der war als einziger schon da, als ich damals zu GWD kam.“ Carstens hat ihm damals auch den Spitznamen verpasst. John – frei nach Sylvester Stallones martialischer Kinofigur John Rambo. „Christoph (Steinert) und Christoffer war ihm zu kompliziert“, erläutert der Norweger, der noch nie einen Rambo-Film gesehen hat. „Das ist nicht so meins“, meint er und schiebt nach: „Ich hoffe, der Spitzname bleibt hier.“ Rambo spielte mit etlichen Partnern im rechten Rückraum zusammen: Von Moritz Schäpsmeier und Christoph Steinert reicht der Bogen über Andreas Cederholm und Christoph Reißky bis hin zum Routinier Christian Zeitz. Sein Nachfolger kommt wie einst er selbst aus Frankreich: Von Chartres Metropoles wechselt der Kroate Nikola Jukic. Bei Gulliksen, über den der Trainer sagt: „Er kann mit seiner Geschwindigkeit Spiele verändern“, verhalten sich die Dinge einfacher. Max Staar als sein einziger Partner in drei Jahren bei GWD wird auch sein Erbe auf Rechtsaußen. Obwohl er im Wechsel mit Staar nur etwa jedes zweites Spiel aufläuft, hat Gulliksen in dieser Saison als drittbester GWD-Schütze hinter Rambo und Juri Knorr 130 Tore erzielt. 345 sind es in drei GWD-Jahren insgesamt. Von einer Mitgliedschaft im elitären Tausender-Klub ist er noch weit entfernt. Doch das kann noch werden, meint er grinsend: „Ich kann ja wieder zurückkommen.“

Die letzten Wikinger: Christoffer Rambo und Kevin Gulliksen verabschieden sich von GWD Minden

Ein paar Tage genießen sie noch den Mindener Sommer. Am Montag brechen die Kevin Gulliksen (links) und Christoffer Rambo auf nach Norwegen, vorzugsweise mit dem Klassenerhalt im Gepäck. Für Gulliksen ist es eine Stippvisite vor seinem Wechsel nach Göppingen, für Rambo die Rückkehr in die Heimat. Foto: Marcus Riechmann © Marcus Riechmann

Minden. Seine einzigartigen Fähigkeiten, sein handballerisches Genie und seinen ganzen Wert für GWD Minden dokumentierte Christoffer Rambo am vergangenen Sonntag gemeinsam mit seinem norwegischen Teamkollegen Kevin Gulliksen. Aus dem 12:14-Rückstand gegen FA Göppingen machten sie als Duo Infernale mit drei (Gulliksen) und zwei Toren (Rambo) eine 17:16-Führung. Der Rückraumspieler traf selbst oder bediente den Flügelflitzer mal nach einem „Steal“ – längst eine Spezialität des besten Balldiebs der Liga – zum Konter und mal mit dem zum Markenzeichen erwachsenen rückhändig gespielten Bodenpass. „Das war die Initialzündung“, lobte Trainer Frank Carstens die Aktionen der beiden Freunde, die sie mit den Teamkollegen zum 24:23-Heimsieg veredelten.

Ganz nebenbei erzielte Rambo mit dem 17:16 auch seinen 1.116 Treffer für GWD, was ihn zum Hallenhandball-Rekordschützen des Traditionsvereins gemacht hat. Eine Marke die bleiben wird. Er aber nicht. Rambo will, Rambo muss heim. Seine Frau Michelle und seine in Minden geborenen Söhne Noah, Eliah und Luca warten in Sandefjord. Mit dem Klassenerhalt will er sich von GWD verabschieden. Vor seinen Fans. „Es ist so schön, dass wieder Leute in der Halle sind. Ohne Fans ist es gar kein richtiger Handball“, sagt der sorgende Familienvater, der seine Emotionalität bisweilen als Heißsporn auf dem Spielfeld auslebt.

Morgen absolvieren Rambo und Gulliksen gegen die Eulen Ludwigshafen ihr letztes Heimspiel für Minden, am Sonntag nehmen sie mit der Partie bei der HSG Wetzlar endgültig Abschied: Rambo, der im November 2013 aus Dünkirchen zu GWD kam, kehrt nach knapp acht Jahren in seine norwegische Heimat nach Sandefjord zurück; Flügelflitzer Gulliksen bleibt der Liga erhalten und wechselt zu Frisch Auf Göppingen.

Mit ihnen endet die Zeit der Wikinger bei GWD. Nach Jahrzehnten, in den eine stabile kleine Kolonie von schwedischen Handballern gemeinsam mit Isländern, Norwegern und auch mal einem Dänen skandinavische Lebensart und in einigen Fällen mit Männern wie Axel Axelsson, Robert Hedin oder Dalibor Doder auch Star-Appeal nach Minden brachte, läuft diese Ära aus.

Die vergangenen Monate haben der knapp zwei Meter große Schlaks Rambo und der mit 1,80 Meter kleinste GWD-Profi Gulliksen eine Wohngemeinschaft unterhalten. Als Rambos Familie bereits im Januar nach Norwegen zog, packte auch der Papa seine Taschen und tauschte die Doppelhaushälfte an der Portastraße mit einem Zimmer in Gulliksens Junggesellenbude in der Innenstadt.

„Es war gut wieder in der Stadt zu sein. Ich liebe die Gänge im Glacis und den Kaffee bei Kofi“, erzählt Rambo, der nach einigen Wochen Gulliksen mit den üblichen Abläufen des Zusammenlebens vertraut gemacht hatte: „Am Anfang dachte er noch, ich würde kochen und so.“ Gulliksen, der so gerne chillt, Sport aus aller Welt schaut und mit den Kumpels online unterwegs ist, sagt hingegen über Rambo: „Er ist mehr Deutscher als Norweger,.Er kann überhaupt nicht still sitzen, er muss immer etwas tun.“

Die Wohnung haben die beiden mittlerweile aufgegeben. Seit Montag leben sie im Hotel Lindgart auf gepackten Koffern. Nach dem Saisonfinale am Sonntag verbringen sie dort eine letzte Nacht. Dann geht es heim. Endlich. „Es wird Zeit, ich bin am Limit“, sagt Rambo und beschreibt die ihn tief rührende Auswirkung der Corona-Zeit: „Ich habe Sehnsucht nach meiner Familie. Ich habe die Kinder seit Januar nicht gesehen.“

Nach Jahren auf der Walz in Spanien, Frankreich und vor allem Ostwestfalen will er in Sandefjord in seinem Heimatverein Runar etwas bewegen: „Ich spiele im Moment meinen besten Handball und habe noch gute Jahre in mir. Ich will zuhause etwas aufbauen.“ Für Gulliksen, der wegen der Pandemie und den Quarantäne-Pflichten seit einem Jahr nicht mehr in Norwegen war, steht eine Woche Heimat-Urlaub an, dann geht es mit der Nationalmannschaft in die Olympia-Vorbereitung nach Japan. „Ich brauche nicht wegfahren, zu Hause sein ist wie Urlaub“, sagt der 25-Jährige. Auch Rambo hat keine Urlaubspläne geschmiedet. Sein einziger Wunsch für den Sommer: „Ein Wochenende allein mit Michelle verbringen, egal wo.“

Damit endet der gemeinsam Weg von Trainer Frank Carstens und seinem Musterschützling. Rund sechseinhalb Jahre coachte und förderte „FC“ den mitunter eigensinnigen und in seinem Tordrang kaum zu bremsenden Rambo und formte ihn zu seinem wichtigsten Spieler. „Er hat sich jedes Jahr entwickelt“, sagt Carstens über den Norweger: „Als ich zu GWD kam, saß John auf der Tribüne, und es gab Leute die mit gesagt haben: Der kann laufen und werfen. Sonst nichts. Und heute ist er Dreh- und Angelpunkt unseres Spiels.“

Aus der Wurfkuh von einst ist ein Mann mit vielen Qualitäten geworden: Regelmäßig führt Rambo die GWD-Torjägerliste an, ist Liga-Spitze bei Assists und Steals – und einer, der ohne Rücksicht auf die eigene Quote Verantwortung nimmt: Rambo ist der Mann für den letzten Wurf, wenn im Angriff nichts mehr geht. Und manchmal, da ist er ganz Straßenhandballer geblieben – nimmt er auch die Würfe, die den Trainer die Hände über den Kopf zusammenschlagen lassen. „Wir haben viel erlebt, das war eine tolle Zeit“, sagt Carstens über den Norweger: „Der war als einziger schon da, als ich damals zu GWD kam.“ Carstens hat ihm damals auch den Spitznamen verpasst. John – frei nach Sylvester Stallones martialischer Kinofigur John Rambo. „Christoph (Steinert) und Christoffer war ihm zu kompliziert“, erläutert der Norweger, der noch nie einen Rambo-Film gesehen hat. „Das ist nicht so meins“, meint er und schiebt nach: „Ich hoffe, der Spitzname bleibt hier.“

Rambo spielte mit etlichen Partnern im rechten Rückraum zusammen: Von Moritz Schäpsmeier und Christoph Steinert reicht der Bogen über Andreas Cederholm und Christoph Reißky bis hin zum Routinier Christian Zeitz. Sein Nachfolger kommt wie einst er selbst aus Frankreich: Von Chartres Metropoles wechselt der Kroate Nikola Jukic.

Bei Gulliksen, über den der Trainer sagt: „Er kann mit seiner Geschwindigkeit Spiele verändern“, verhalten sich die Dinge einfacher. Max Staar als sein einziger Partner in drei Jahren bei GWD wird auch sein Erbe auf Rechtsaußen. Obwohl er im Wechsel mit Staar nur etwa jedes zweites Spiel aufläuft, hat Gulliksen in dieser Saison als drittbester GWD-Schütze hinter Rambo und Juri Knorr 130 Tore erzielt. 345 sind es in drei GWD-Jahren insgesamt. Von einer Mitgliedschaft im elitären Tausender-Klub ist er noch weit entfernt. Doch das kann noch werden, meint er grinsend: „Ich kann ja wieder zurückkommen.“

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