Derby-Analyse: Torhagel prasselt auf labile Psyche - Das beste GWD-Spiel löst die schärfste Kritik aus Marcus Riechmann Minden. Die Fanseele wurde auf eine harte Probe gestellt. Erst stellte GWD Minden den ersten Saisonsieg in Aussicht und führte im OWL-Derby der Handball-Bundesliga gegen den TBV Lemgo-Lippe bereits 21:13 und 23:16. Das weckte schäumende Hoffnung bei den Fans. Wir sind wieder da! Dann schnappten die Gäste den Mindenern mit einem 16:6-Lauf die bereits auf dem Silbertablett liegenden Punkte wieder weg und rissen Fans wie Spieler ruppig aus allen Träumen. Die Zuschauer kochten, der Unmut entlud sich in den Foyers der Kampa-Halle und in den sozialen Medien. Mit 0:16 Punkten eines kaum konkurrenzfähigen Teams konnte sich die Anhängerschaft arrangieren, mit einem 6:16-Torlauf der erstmals auf Siegkurs steuernden Mannschaft aber nicht. Die jäh enttäuschte Hoffnung schmerzte mehr, als die zuvor ausgebreitete Hoffnungslosigkeit. Das Team löste absurderweise ausgerechnet mit der besten Saisonleistung die größte Kritik aus.Es lohnt sich, die Abläufe des OWL-Derby genauer zu betrachten. Schlussendlich gab es zwei vergleichbare Phasen mit unterschiedlichen Profiteuren. In Halbzeit eins gelang Minden von der 15. bis zur 27. Minute ein 7:1-Lauf: Von 7:6 erspielte sich GWD zum 14:7 einen Sieben-Tore-Vorsprung. Lemgo warf die Bälle in Serie am Tor vorbei, das Team stolperte durch die Halle. Minden hingegen gelang alles.Beispielhaft das Tor von Max Staar zum 9:6, das der Rechtsaußen im Getümmel im Abwehrzentrum nahezu aus dem Stand mitten durch die TBV-Abwehrmauer erzielte, oder zwei weitere Aktionen, an denen der Linkshänder beteiligt war: Einen Einwurf passte er an der schlafenden TBV-Deckung vorbei auf Kreisläufer Joshua Thiele, der zum 12:7 traf. Kurz darauf spielte Lemgos Luka Hutecek einen Pass direkt in die Hände von Jan Grebenc, den GWD-Konter vollstreckte Staar zum 13:7.Dann gab es später die Phase, in der es exakt umgekehrt lief, nur fast doppelt so schnell: GWD kassierte innerhalb von sieben Minuten einen 1:7-Lauf. Die feine 23:16-Führung war verspielt, der Vorsprung auf 24:23 geschmolzen. „Wir lagen in der 38. Minute mit acht Toren zurück. Da war das Spiel eigentlich schon weg“, kommentierte TBV-Coach Florian Kehrmann später mit einer Mischung aus Verwunderung und diebischer Freude.In der 50. Minute war das Spiel auf Null gestellt. Die Folgen der 1:7-Läufe beschrieben zwei zentrale Spieler. „Wir haben den Kopf verloren“, erzählte Mindens bester Torschütze Tomas Urban, was der Lipper Torhagel mit der Psyche der sieglosen Gastgeber anrichtete. „Manchmal ist es einfacher, mit sieben Toren zurückzuliegen, weil dann einfach der Druck weg ist“, berichtete Lemgos Tim Suton von der geradezu entspannenden Wirkung des Rückstands für sein vom Erfolg verwöhntes Team, das sich bereits am Montagmorgen um acht Uhr auf die Reise zum Europapokaltrip nach Nantes machte.Mit der Brechstange hatten die Männer in Grün in den krisenhaften Minuten versucht, das Unheil abzuwenden. Eine schlechte Idee, denn statt die Angriffe zu verschleppen und dem TBV den Ball vorzuenthalten, gab GWD mit viel zu schnell abgeschlossenen Angriffen Lemgo die Gelegenheit zu zahlreichen Gegenstößen. Der Versuch von Frank Carstens, das Team mit einer Auszeit in der 47. Minute zu beruhigen fruchtete ebenso wenig wie der Torwartwechsel von Malte Semisch zu Carsten Lichtlein oder die Einwechslung des in der ersten Halbzeit torgefährlichen Amine Darmoul. Gegen das 7:6-Überzahlspiel der Gäste streckte die Mindener Abwehr die Waffen, gegen Tim Suton auf Mitte und Rechtshänder Lukas Hutecek im rechten Rückraum fehlte die Aggressivität.Das Ende war vorhersehbar: In der „Crunchtime“ hatte Lemgo die breitere Brust und das stabilere Nervenkostüm. Mit einem Doppelschlag binnen weniger Sekunden traf der TBV durch Tim Suton und Bjarki Elisson zum 25:25 (52. Minute), dazwischen lag lediglich ein ebenso schneller wie überflüssiger Ballverlust von Mindens Rückraumspieler Jan Grebenc, der symbolhaft für die Fehlerkette der Gastgeber in den Chaosminuten Mitte der zweiten Halbzeit stand. In den restlichen acht Minuten bewegten sich bei Teams wieder auf Augenhöhe. Allerdings gab es einen wichtigen Unterschied. Während die zu Spielbeginn traumhafte Mindener Wurfquote in den Keller ging, versenkten die in Halbzeit eins stümpernden Gäste nun jeden Ball. Labilität hier, Stabilität dort. Schließlich verwirklichte sich, was die mitgereisten TBV-Fans bereits vor dem Anpfiff in einem selbstbewusst ausgerollten Banner verkündet hatten: „Derbysieger“ hielten sie der Mindener Anhängerschaft auf der spärlich besetzten Arbeiter-Tribüne auf der Südseite entgegen – eine nach Abpfiff wiederholte Botschaft, die der Vip-Seite verborgen blieb. Die dünn besetzten Sitzreihen, auf denen auch die am Samstag 80 Jahre alt gewordene Vereinsikone Herbert Lübking mangels Einladung als Ehrengast fehlte, standen auch am Sonntag in Kontrast zum gut besuchten Vip-Raum. Gerade mal 1.352 Zuschauer wollten den OWL-Klassiker sehen, der zu besten Zeiten regelmäßig für eine ausverkaufte Kampa-Halle gesorgt hatte. Nach der tristen Einlauf-Zeremonie, die in der hell erleuchteten Arena wie üblich ohne Lichtshow und unter geringer Anteilnahme der Fans abgewickelt wurde, sahen sie immerhin ein emotionales Handballspiel. Allerdings mit dem die Seele aufwühlenden falschen Ergebnis. Die sportlich Verantwortlichen bei GWD konnten das Spiel und die bittere Wendung nur schwer greifen. „Wir machen das beste Spiel der Saison und haben alle Trümpfe in der Hand“, betonte Frank von Behren vor dem nächsten Spiel am kommenden Donnerstag bei der TSV Hannover-Burgdorf die positive Erkenntnis: Das Team entwickelt sich. „Aber dann werden wir nervös und bringen es nicht nach Hause. Der 1:7-Lauf hat uns schwer getroffen“, musste der Sportgeschäftsführer erleben, wie labil das Team noch ist. Doch die Spieler geben sich nach acht von 34 Spieltagen kämpferisch. „Wir sind alle traurig, wir kämpfen ohne Ende, wir trainieren hart, wir geben immer Gas, und dann fehlt die Belohnung“, sagte GWD-Linkshänder Tomas Urban und malte danach das Ziel in leuchtenden Farben: „Aber wir wissen: das kommt irgendwann. Und wenn sich die Karte dreht, dann werden wir sehen, wie einfach Handball ist. Ich hoffe, dass diese Zeit bald da ist.“

Derby-Analyse: Torhagel prasselt auf labile Psyche - Das beste GWD-Spiel löst die schärfste Kritik aus

So nah dran, aber wieder nichts: Die GWD-Profis Jan Grebenc (von links), Max Staar, Tomas Urban und Lucas Meister verarbeiten nach Abpfiff die Leere der achten Niederlage in Folge. Foto: Angela Metge ©Angela Metge

Minden. Die Fanseele wurde auf eine harte Probe gestellt. Erst stellte GWD Minden den ersten Saisonsieg in Aussicht und führte im OWL-Derby der Handball-Bundesliga gegen den TBV Lemgo-Lippe bereits 21:13 und 23:16. Das weckte schäumende Hoffnung bei den Fans. Wir sind wieder da! Dann schnappten die Gäste den Mindenern mit einem 16:6-Lauf die bereits auf dem Silbertablett liegenden Punkte wieder weg und rissen Fans wie Spieler ruppig aus allen Träumen.

Die Zuschauer kochten, der Unmut entlud sich in den Foyers der Kampa-Halle und in den sozialen Medien. Mit 0:16 Punkten eines kaum konkurrenzfähigen Teams konnte sich die Anhängerschaft arrangieren, mit einem 6:16-Torlauf der erstmals auf Siegkurs steuernden Mannschaft aber nicht. Die jäh enttäuschte Hoffnung schmerzte mehr, als die zuvor ausgebreitete Hoffnungslosigkeit. Das Team löste absurderweise ausgerechnet mit der besten Saisonleistung die größte Kritik aus.

Es lohnt sich, die Abläufe des OWL-Derby genauer zu betrachten. Schlussendlich gab es zwei vergleichbare Phasen mit unterschiedlichen Profiteuren. In Halbzeit eins gelang Minden von der 15. bis zur 27. Minute ein 7:1-Lauf: Von 7:6 erspielte sich GWD zum 14:7 einen Sieben-Tore-Vorsprung. Lemgo warf die Bälle in Serie am Tor vorbei, das Team stolperte durch die Halle. Minden hingegen gelang alles.

Beispielhaft das Tor von Max Staar zum 9:6, das der Rechtsaußen im Getümmel im Abwehrzentrum nahezu aus dem Stand mitten durch die TBV-Abwehrmauer erzielte, oder zwei weitere Aktionen, an denen der Linkshänder beteiligt war: Einen Einwurf passte er an der schlafenden TBV-Deckung vorbei auf Kreisläufer Joshua Thiele, der zum 12:7 traf. Kurz darauf spielte Lemgos Luka Hutecek einen Pass direkt in die Hände von Jan Grebenc, den GWD-Konter vollstreckte Staar zum 13:7.

Dann gab es später die Phase, in der es exakt umgekehrt lief, nur fast doppelt so schnell: GWD kassierte innerhalb von sieben Minuten einen 1:7-Lauf. Die feine 23:16-Führung war verspielt, der Vorsprung auf 24:23 geschmolzen. „Wir lagen in der 38. Minute mit acht Toren zurück. Da war das Spiel eigentlich schon weg“, kommentierte TBV-Coach Florian Kehrmann später mit einer Mischung aus Verwunderung und diebischer Freude.

In der 50. Minute war das Spiel auf Null gestellt. Die Folgen der 1:7-Läufe beschrieben zwei zentrale Spieler. „Wir haben den Kopf verloren“, erzählte Mindens bester Torschütze Tomas Urban, was der Lipper Torhagel mit der Psyche der sieglosen Gastgeber anrichtete. „Manchmal ist es einfacher, mit sieben Toren zurückzuliegen, weil dann einfach der Druck weg ist“, berichtete Lemgos Tim Suton von der geradezu entspannenden Wirkung des Rückstands für sein vom Erfolg verwöhntes Team, das sich bereits am Montagmorgen um acht Uhr auf die Reise zum Europapokaltrip nach Nantes machte.

Mit der Brechstange hatten die Männer in Grün in den krisenhaften Minuten versucht, das Unheil abzuwenden. Eine schlechte Idee, denn statt die Angriffe zu verschleppen und dem TBV den Ball vorzuenthalten, gab GWD mit viel zu schnell abgeschlossenen Angriffen Lemgo die Gelegenheit zu zahlreichen Gegenstößen. Der Versuch von Frank Carstens, das Team mit einer Auszeit in der 47. Minute zu beruhigen fruchtete ebenso wenig wie der Torwartwechsel von Malte Semisch zu Carsten Lichtlein oder die Einwechslung des in der ersten Halbzeit torgefährlichen Amine Darmoul. Gegen das 7:6-Überzahlspiel der Gäste streckte die Mindener Abwehr die Waffen, gegen Tim Suton auf Mitte und Rechtshänder Lukas Hutecek im rechten Rückraum fehlte die Aggressivität.

Das Ende war vorhersehbar: In der „Crunchtime“ hatte Lemgo die breitere Brust und das stabilere Nervenkostüm. Mit einem Doppelschlag binnen weniger Sekunden traf der TBV durch Tim Suton und Bjarki Elisson zum 25:25 (52. Minute), dazwischen lag lediglich ein ebenso schneller wie überflüssiger Ballverlust von Mindens Rückraumspieler Jan Grebenc, der symbolhaft für die Fehlerkette der Gastgeber in den Chaosminuten Mitte der zweiten Halbzeit stand. In den restlichen acht Minuten bewegten sich bei Teams wieder auf Augenhöhe. Allerdings gab es einen wichtigen Unterschied. Während die zu Spielbeginn traumhafte Mindener Wurfquote in den Keller ging, versenkten die in Halbzeit eins stümpernden Gäste nun jeden Ball. Labilität hier, Stabilität dort.

Schließlich verwirklichte sich, was die mitgereisten TBV-Fans bereits vor dem Anpfiff in einem selbstbewusst ausgerollten Banner verkündet hatten: „Derbysieger“ hielten sie der Mindener Anhängerschaft auf der spärlich besetzten Arbeiter-Tribüne auf der Südseite entgegen – eine nach Abpfiff wiederholte Botschaft, die der Vip-Seite verborgen blieb. Die dünn besetzten Sitzreihen, auf denen auch die am Samstag 80 Jahre alt gewordene Vereinsikone Herbert Lübking mangels Einladung als Ehrengast fehlte, standen auch am Sonntag in Kontrast zum gut besuchten Vip-Raum. Gerade mal 1.352 Zuschauer wollten den OWL-Klassiker sehen, der zu besten Zeiten regelmäßig für eine ausverkaufte Kampa-Halle gesorgt hatte. Nach der tristen Einlauf-Zeremonie, die in der hell erleuchteten Arena wie üblich ohne Lichtshow und unter geringer Anteilnahme der Fans abgewickelt wurde, sahen sie immerhin ein emotionales Handballspiel. Allerdings mit dem die Seele aufwühlenden falschen Ergebnis.

Die sportlich Verantwortlichen bei GWD konnten das Spiel und die bittere Wendung nur schwer greifen. „Wir machen das beste Spiel der Saison und haben alle Trümpfe in der Hand“, betonte Frank von Behren vor dem nächsten Spiel am kommenden Donnerstag bei der TSV Hannover-Burgdorf die positive Erkenntnis: Das Team entwickelt sich. „Aber dann werden wir nervös und bringen es nicht nach Hause. Der 1:7-Lauf hat uns schwer getroffen“, musste der Sportgeschäftsführer erleben, wie labil das Team noch ist.

Doch die Spieler geben sich nach acht von 34 Spieltagen kämpferisch. „Wir sind alle traurig, wir kämpfen ohne Ende, wir trainieren hart, wir geben immer Gas, und dann fehlt die Belohnung“, sagte GWD-Linkshänder Tomas Urban und malte danach das Ziel in leuchtenden Farben: „Aber wir wissen: das kommt irgendwann. Und wenn sich die Karte dreht, dann werden wir sehen, wie einfach Handball ist. Ich hoffe, dass diese Zeit bald da ist.“

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