Der Bessermacher: Nicht nur bei GWD übernimmt Rekord-Mann Carsten „Lütti“ Lichtlein neue Aufgaben Christian Bendig Minden. Er bastelt fleißig an der Karriere nach der Karriere. Ob Carsten Lichtlein nach seiner aktiven Laufbahn hauptberuflich als Torwarttrainer arbeiten wird? „Es gibt einige Anfragen für die Zeit danach. Aber es ist noch nichts spruchreif“, betont die aktuelle Nummer zwei von Handball-Bundesligist GWD Minden. Der ausgebildete Steuerfachangestellte betont aber auch: „Ich würde gerne im Metier Handball bleiben.“ Lichtleins Einsatzzeiten sind derzeit überschaubar. Daran trifft den zweimaligen Europameister und Weltmeister von 2007 eine nicht unerhebliche Teilschuld. Denn als spielender Torwarttrainer ist Lichtlein eine wichtige Stütze für die etatmäßige Nummer eins, Malte Semisch. Das weiß auch der mittlerweile 40-jährige Torwart-Oldie, dessen Vertrag in Minden noch ein weiteres Jahr läuft. „Die Glückwünsche zu Maltes toller Leistung nehme ich gerne an“, meinte Lichtlein nach dem 27:27-Remis seiner Mindener gegen den TVB Stuttgart. Lichtlein feuert an, Lichtlein gibt Hilfestellung, Lichtlein trägt sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Nicht nur an Semisch, mit dem er sich gemeinsam im Videostudium auf jeden Gegner vorbereitet, sondern auch an die Nachwuchskeeper Leon Grabenstein und Lucas Grabitz, die punktuell an den Torwarteinheiten teilnehmen. „Das hat sich sehr gut gefügt“, bewertet Frank von Behren die Entwicklung zufrieden. „Wir haben Lütti verpflichtet, weil wir uns mehr Stabilität auf der Torwartposition gewünscht haben. Dass sich das nun so entwickelt hat, war nicht abzusehen, aber das Ergebnis passt: Wir haben uns im Tor gesteigert und Lütti hat seinen Anteil daran“, berichtet der GWD-Sportgeschäftsführer, der einst mit Lichtlein gemeinsam in der Nationalmannschaft spielte. „Zuallererst ist Lütti Vollblutsportler, er will spielen“, beschreibt von Behren und lobt den Routinier: „Aber er nimmt seine Aufgabe an und kriegt den Rollenwechsel gut hin. Er ist ein echter Teamplayer. Und wenn er zum Einsatz kommt, gibt er 100 Prozent.“ Auch bei Lehrgängen der Junioren-Nationalmannschaft beziehungsweise im Stützpunkttraining im westfälischen Warendorf arbeitet der Würzburger als Coach für Torwarttalente. Eine Aufgabe, für die Lichtlein als Bundesliga-Rekordspieler mit weit über 600 Einsätzen prädestiniert ist. Daher ist es nicht überraschend, dass Lichtlein dem vor einem Jahr ins Leben gerufenen Kompetenzteams beim Deutschen Handballbund (DHB) angehört. Dem Gremium steht mit dem Leitenden DHB-Torwarttrainer Matthias Andersson ein ehemaliger Weltklasse-Keeper vor. Der Schwede versammelte einen illustren Kreis mehrerer Torwart-Generationen. Neben Lichtlein (220 Länderspiele) zählen Johannes Bitter (161), Henning Fritz (238), Clara Woltering (222), Christine Lindemann (147) und Katja Kramarczyk (140) zu diesem Zirkel. Der hat sich zur Hauptaufgabe gemacht, die vom Verband vor einigen Jahren ausgerollte Torwart-Rahmentrainingskonzeption zu überarbeiten. Wegen der Corona-Pandemie beschränkten sich die Zusammenkünfte fast ausschließlich auf Video-Meetings. Trotzdem ist die Marschrichtung klar: Die neuen Trainingskonzepte sollen zwar einheitlich sein, aber nicht zu einer Gleichmacherei führen. „Wir überlegen, wie wir Trainern Möglichkeiten an die Hand geben können, damit sie vor allem im Kinderhandball die Grundtechniken vermitteln können“, beschreibt Lichtlein die Kernaufgabe. Die Position zwischen den Pfosten soll bei den Kindern aufgewertet werden. „Es soll nicht mehr einfach der Kleinste ins Tor abgeschoben werden“, erklärt Lichtlein, selbst Vater zweier Söhne. Aus eigener Erfahrung weiß er: „Die wenigsten Handballtrainer standen im Tor. Deswegen können sie sich auch schlecht in die spezifischen Dinge der Torhüter hineinversetzen und vermitteln.“ International beherrschten über Jahrzehnte hinweg die sogenannte „jugoslawische“ und „schwedische“ Torwartschule das Spiel zwischen den Pfosten. Von einer aufgrund der neuen Trainingsstruktur entstehenden „deutschen“ Torwartschule möchte Lichtlein nicht sprechen. Er mag Diversität. „Bei den Schweden und den Jugoslawen hatten die Keeper oftmals die gleiche Technik. Wechsel bringen dann nicht so viel“, lautet Lichtleins Meinung. Ohnehin hätten die deutschen Weltklassekeeper von Manfred Hoffmann über Andreas Thiel oder eben Henning Fritz unterschiedliche Techniken angewandt. „Hinzu kommen noch unterschiedliche körperliche Voraussetzungen und unterschiedliche Mentalitäten“, benennt Lichtlein weitere Punkte, die gegen eine einheitliche deutsche Torwartschule sprächen. In puncto Mentalität weiß der „Siebenmeter-Töter“ aus Unterfranken, wovon er spricht. „Mir wurde am Anfang meiner Karriere mal gesagt, ich sollte mich bei Gegentoren nicht so aufregen. Von da an habe ich kaum noch etwas zu fassen bekommen.“ Der Zeithorizont, in dem die ersten Ergebnisse für die Basis sichtbar werden sollen, taxiert Andersson auf zehn bis 15 Jahre. Es ist also noch ein langer Weg. Für seinen eigenen Weg, auch in der nahen Zukunft, erkennt Lichtlein durchaus schon einen Nutzen. „Die Einheiten bei den DHB-Junioren werden auf Video aufgezeichnet. Darüber tauschen Matthias und ich uns auch aus. Davon profitieren wir beide.“

Der Bessermacher: Nicht nur bei GWD übernimmt Rekord-Mann Carsten „Lütti“ Lichtlein neue Aufgaben

Vorbild, Trainer, Antreiber, Mentor, Konkurrent: Vielfältig begleitet GWD-Torhüter Carsten Lichtlein (links) seinen Partner Malte Semisch, so auch in dieser Auszeit im Heimspiel gegen Nordhorn-Lingen. Foto: Noah Wedelel © Noah Wedel

Minden. Er bastelt fleißig an der Karriere nach der Karriere. Ob Carsten Lichtlein nach seiner aktiven Laufbahn hauptberuflich als Torwarttrainer arbeiten wird? „Es gibt einige Anfragen für die Zeit danach. Aber es ist noch nichts spruchreif“, betont die aktuelle Nummer zwei von Handball-Bundesligist GWD Minden. Der ausgebildete Steuerfachangestellte betont aber auch: „Ich würde gerne im Metier Handball bleiben.“

Lichtleins Einsatzzeiten sind derzeit überschaubar. Daran trifft den zweimaligen Europameister und Weltmeister von 2007 eine nicht unerhebliche Teilschuld. Denn als spielender Torwarttrainer ist Lichtlein eine wichtige Stütze für die etatmäßige Nummer eins, Malte Semisch. Das weiß auch der mittlerweile 40-jährige Torwart-Oldie, dessen Vertrag in Minden noch ein weiteres Jahr läuft. „Die Glückwünsche zu Maltes toller Leistung nehme ich gerne an“, meinte Lichtlein nach dem 27:27-Remis seiner Mindener gegen den TVB Stuttgart.

Lichtlein feuert an, Lichtlein gibt Hilfestellung, Lichtlein trägt sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Nicht nur an Semisch, mit dem er sich gemeinsam im Videostudium auf jeden Gegner vorbereitet, sondern auch an die Nachwuchskeeper Leon Grabenstein und Lucas Grabitz, die punktuell an den Torwarteinheiten teilnehmen. „Das hat sich sehr gut gefügt“, bewertet Frank von Behren die Entwicklung zufrieden. „Wir haben Lütti verpflichtet, weil wir uns mehr Stabilität auf der Torwartposition gewünscht haben. Dass sich das nun so entwickelt hat, war nicht abzusehen, aber das Ergebnis passt: Wir haben uns im Tor gesteigert und Lütti hat seinen Anteil daran“, berichtet der GWD-Sportgeschäftsführer, der einst mit Lichtlein gemeinsam in der Nationalmannschaft spielte. „Zuallererst ist Lütti Vollblutsportler, er will spielen“, beschreibt von Behren und lobt den Routinier: „Aber er nimmt seine Aufgabe an und kriegt den Rollenwechsel gut hin. Er ist ein echter Teamplayer. Und wenn er zum Einsatz kommt, gibt er 100 Prozent.“

Auch bei Lehrgängen der Junioren-Nationalmannschaft beziehungsweise im Stützpunkttraining im westfälischen Warendorf arbeitet der Würzburger als Coach für Torwarttalente. Eine Aufgabe, für die Lichtlein als Bundesliga-Rekordspieler mit weit über 600 Einsätzen prädestiniert ist. Daher ist es nicht überraschend, dass Lichtlein dem vor einem Jahr ins Leben gerufenen Kompetenzteams beim Deutschen Handballbund (DHB) angehört. Dem Gremium steht mit dem Leitenden DHB-Torwarttrainer Matthias Andersson ein ehemaliger Weltklasse-Keeper vor. Der Schwede versammelte einen illustren Kreis mehrerer Torwart-Generationen. Neben Lichtlein (220 Länderspiele) zählen Johannes Bitter (161), Henning Fritz (238), Clara Woltering (222), Christine Lindemann (147) und Katja Kramarczyk (140) zu diesem Zirkel. Der hat sich zur Hauptaufgabe gemacht, die vom Verband vor einigen Jahren ausgerollte Torwart-Rahmentrainingskonzeption zu überarbeiten.

Wegen der Corona-Pandemie beschränkten sich die Zusammenkünfte fast ausschließlich auf Video-Meetings. Trotzdem ist die Marschrichtung klar: Die neuen Trainingskonzepte sollen zwar einheitlich sein, aber nicht zu einer Gleichmacherei führen. „Wir überlegen, wie wir Trainern Möglichkeiten an die Hand geben können, damit sie vor allem im Kinderhandball die Grundtechniken vermitteln können“, beschreibt Lichtlein die Kernaufgabe. Die Position zwischen den Pfosten soll bei den Kindern aufgewertet werden. „Es soll nicht mehr einfach der Kleinste ins Tor abgeschoben werden“, erklärt Lichtlein, selbst Vater zweier Söhne. Aus eigener Erfahrung weiß er: „Die wenigsten Handballtrainer standen im Tor. Deswegen können sie sich auch schlecht in die spezifischen Dinge der Torhüter hineinversetzen und vermitteln.“

International beherrschten über Jahrzehnte hinweg die sogenannte „jugoslawische“ und „schwedische“ Torwartschule das Spiel zwischen den Pfosten. Von einer aufgrund der neuen Trainingsstruktur entstehenden „deutschen“ Torwartschule möchte Lichtlein nicht sprechen. Er mag Diversität. „Bei den Schweden und den Jugoslawen hatten die Keeper oftmals die gleiche Technik. Wechsel bringen dann nicht so viel“, lautet Lichtleins Meinung. Ohnehin hätten die deutschen Weltklassekeeper von Manfred Hoffmann über Andreas Thiel oder eben Henning Fritz unterschiedliche Techniken angewandt.

„Hinzu kommen noch unterschiedliche körperliche Voraussetzungen und unterschiedliche Mentalitäten“, benennt Lichtlein weitere Punkte, die gegen eine einheitliche deutsche Torwartschule sprächen. In puncto Mentalität weiß der „Siebenmeter-Töter“ aus Unterfranken, wovon er spricht. „Mir wurde am Anfang meiner Karriere mal gesagt, ich sollte mich bei Gegentoren nicht so aufregen. Von da an habe ich kaum noch etwas zu fassen bekommen.“

Der Zeithorizont, in dem die ersten Ergebnisse für die Basis sichtbar werden sollen, taxiert Andersson auf zehn bis 15 Jahre. Es ist also noch ein langer Weg. Für seinen eigenen Weg, auch in der nahen Zukunft, erkennt Lichtlein durchaus schon einen Nutzen. „Die Einheiten bei den DHB-Junioren werden auf Video aufgezeichnet. Darüber tauschen Matthias und ich uns auch aus. Davon profitieren wir beide.“

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