„Das kann man sich nicht ausdenken“- GWD-Trainer Frank Carstens blickt auf die verrückteste Saison aller Zeiten zurück Marcus Riechmann Minden. Ein Tisch, zwei Stühle, viel frische Luft. Im Garten von Frank Carstens in ein improvisierter Besprechungsplatz entstanden. Der Trainer des Handball-Bundesligisten GWD Minden beschreibt im MT-Interview die besonderen Herausforderungen, die die Corona-Situation ihm und seinem Team stellt. Die Situation des Stillstandes bewertet er kritisch und hebt hervor: „Unser wichtigstes Kapital sind die Spieler.“ Umso befreiter ist er nach den am Mittwoch beschlossenen Lockerungen, die eine Rückkehr ins gemeinsame Training und die Rückkehr in die Halle ermöglichen. Sein Blick zurück auf die verrückteste Saison aller Zeiten ist trotz der durchwachsenen Zahlen beim Saisonabbruch mit Platz 15 und 18:34 Punkten positiv. „Klingt vielleicht komisch, aber ich bin stolz auf mein Team“, sagt der 48-Jährige. Der Handball macht Pause. Was machen Sie, Herr Carstens? Ist der Garten gut in Schuss? Mein Garten sieht aus wie ein Garten, der von vier Kindern bearbeitet wird. Hier wird viel Ball gespielt. Wir haben keinen englischen Rasen. Auch wenn ich mich bemühe und von meiner Frau immer wieder in den Garten geschickt werde – Freude habe ich an gärtnerischer Arbeit nicht wirklich. Ich bin eher der Typ für die Handlangerdienste. Aber ich sitze ganz gern draußen und schaue wie alles grünt. Das Wetter war ja nicht schlecht. Das kann ich genießen. Genießen Sie auch die familiäre Nähe? Einem Bundesliga-Coach bleibt ja sonst für normales Familienleben wenig Zeit. Ja klar. Aber es ist schon speziell. Ich bin ja nicht der einzige, der wegen Corona gerade Zeit hat und zuhause ist. Die anderen sind ja auch den ganzen Tag da. So ganz normales Familienleben ist das nicht. Aber natürlich schön. Wie sieht der Handball-Alltag aus? Es gab so gut wie keinen. Wir sind bei GWD auf Kurzarbeit Null. Ich kann die Spieler nicht anleiten. Ich darf keine Trainingspläne erstellen. Die Spieler sind in dieser Situation auf sich selbst gestellt und dafür verantwortlich, dass sie fit und gesund bleiben. Klar, ich habe Empfehlungen ausgesprochen. Aber ich habe keinen Zugriff. Das wirkt bei einem Handball-Profiteam wie eine groteske Situation. Ja, der Eindruck entsteht. Aber wir sind nicht die einzigen, die auf Kurzarbeit Null stehen. Es gibt in der Bundesliga nur drei Vereine, bei denen das nicht so ist: Rhein-Neckar Löwen Eulen Ludwigshafen und Tusem Essen. Das ist eine schwierige Lage. Die Klubs müssen in dieser Zeit nun mal sparen. Klar ist es elementar, dass in den Klubs die Finanzen stimmen. Sonst läuft der Laden nicht. Aber das wichtigste Kapital sind die Spieler. Mit diesem Kapital müssen wir alle sorgsam umgehen, wir müssen uns kümmern, sonst fehlt es uns an zentraler Stelle. Wo liegt das Problem? Wenn die Jungs ein paar Monate nicht auf das Tor werfen, dann ist die Präzision weg. Da werden eine Menge Anpassungsprobleme auftauchen. Männer wie Christoffer Rambo, der ohnehin immer ein paar Wochen braucht, um seinen Arm in Gang zu bringen, die werden Probleme bekommen. Wir müssen das abfedern. Wie soll es weitergehen? Wir haben die erste Phase nach dem Saisonabbruch genutzt, um Pause zu machen und um Athletik und Ausdauer zu entwickeln. Die Jungs haben sich die Geräte für Krafttraining nach Hause geholt, auch unser Partner Crossfit-Box hat uns unterstützt. In der zweiten Phase, von etwa jetzt bis Mitte Juni, wollen wir handballspezifische Dinge entwickeln. Zum Glück geht das jetzt wieder. Die am Mittwoch verkündeten Lockerungen in der neuen Corona-Verordnung sind sehr wichtig für uns. In der Folge wird sich auch die Kurzarbeits-Situation verändern. Wir wollen möglichst am Montag wieder mit der Arbeit in der Halle beginnen. Wie das genau aussieht und wie wir die Hygiene-Standards umsetzen, werden wir noch besprechen. Sind die Spieler fit? Ihr Training lief in den vergangenen Wochen ohne Zielvorgaben und Überprüfungen. Zunächst gilt: Ein Leistungssportler befindet sich immer im Training. Auch im Urlaub. Berufssportler zu sein ist eine Lebenseinstellung und nicht nur ein Job. Aber es ist richtig: Es gab keine konkreten Pläne. Aber wir haben den Spielern Empfehlungen gegeben, wie sie diese Situation für sich optimal nutzen können. Wir hatten jedoch nicht die Möglichkeit, das individualisiert zu überprüfen, wie wir das sonst im Sommer- oder Winterurlaub machen. Es gab keine Dokumentationspflicht, aber die Spieler konnten das natürlich auf freiwilliger Basis machen. Da lief viel auf der Basis von privater Initiative. Immer wieder taucht im Profisport die Parallele zum amerikanischen Sport auf, wo man von der Off-Season spricht. In dieser Phase, rund drei Monate zwischen zwei Spielzeiten, bauen sich die Spieler in der NBA beispielsweise so auf, dass sie anschließend 80 Spiele in sechs, sieben Monaten durchhalten. Alle 20 Bundesligatrainer haben sich in dieser Woche in einer Videokonferenz ausgetauscht. Was gab es zu besprechen? Das ist zum ersten Mal passiert, jedenfalls solange ich dabei bin, dass sich die Trainer so zusammenschließen. Es ist bemerkenswert, was da passiert ist. Trainer sind sonst eher Einzelkämpfer. Die Konferenz kam auch zustande, weil wir alle den Eindruck haben, dass der Sport gerade hinter den kaufmännischen Aspekten zurücksteht. Die sind wichtig, wir leben ja davon. Aber die sportliche Seite muss auch mit am Tisch sitzen. Auch die sportlichen Interessen sind elementar für den Profihandball. Die Trainer haben eine kleine Kommission bestimmt, die den Handball vertreten soll. Sie sind dabei. Wo soll diese Gruppe sich beteiligen, was soll sie tun? Wir wollen uns an verschiedenen Stellen einbringen. Zum Beispiel der Spielplangestaltung. Es ist zwingend notwendig, dass da auch Trainer und damit Sportfachleute ihre Meinung und ihr Wissen beisteuern. Der Supercup als traditioneller Startpunkt in die Saison soll am 2. September stattfinden. Wie sieht der GWD-Zeitplan aus? Der Supercup wird die Saison einläuten. Für uns geht es ein paar Tage später los. Davon gehe ich – Stand heute – aus. Darauf ist unser Plan ausgerichtet. Ob Turniere oder Testspiele stattfinden können weiß jetzt keiner. Es ist auch völlig offen, ob und wo man ein Trainingslager machen kann. Aber an der Terminierung, an der Periodisierung unserer Vorbereitung ändert das erstmal nichts. Können Sie sich vorstellen, zu Beginn ohne Zuschauer zu spielen? Ja, das muss ich auch. Es ist für den Profi-Handball extrem wichtig, wieder zu spielen, Präsenz zu erhalten und ins Fernsehen zu kommen. Wenn es nicht anders geht, dann auch ohne Zuschauer in der Halle. Wir dürfen das Feld nicht anderen Sportarten überlassen. Das war eine ungewöhnliche Saison. Erst die hitzige Debatte um die Kampa-Halle, dann die Schließung und der Umzug nach Lübbecke. Schließlich die Corona-Situation und das abrupte Saisonende. Hat das Ihre Fantasie überstiegen? Klar, das kann man sich nicht ausdenken. Die Hallensituation ist zwar nicht über Nacht entstanden. Man hatte etwas Zeit, um sich auf diese noch nie da gewesene Schließung einzustellen und um damit professionell umzugehen. Das haben wir gut hinbekommen. Der Umzug nach Lübbecke hat organisatorisch wie auch atmosphärisch sehr gut funktioniert. Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut angenommen wird. Die Mannschaft hat ihren Anteil daran. Zum Auszug in der Kampa-Halle hat das Team starke Spiele gezeigt und in Lübbecke hat sie zum Einzug geglänzt. Ja. Das Finale in der Kampa-Halle – das Unentschieden gegen Hannover-Burgdorf – ist dem Anlass gerecht geworden. Nach dem Erlangen-Spiel ist ein Ruck durch die Mannschaft gegangen. Wir waren dann nach dem Umzug sehr stabil unterwegs und hätten noch unsere Punkte gemacht. Aber wir hatten im Herbst auch eine schwierige Phase. Wie schwer war es überhaupt, in dieser Zeit der Improvisation mit Spielortwechsel und wechselnden Trainingsstätten Handball auf Bundesliga-Niveau zu spielen und zu trainieren? Das mag von außen so gewirkt haben. Aber wir haben bis Ende Dezember ganz normale Abläufe gehabt. Klar, wir hatten den Auszug im Hinterkopf. Und ich habe übrigens sehr lange damit gerechnet, dass der Sportstandort Minden schon eine Lösung finden wird. Ich habe gedacht, dass da in der Stadt mehr Kreativität und mehr Druck entsteht, damit GWD in Minden bleibt. Wir haben die Lage im Team als Aufgabe angenommen. Aber wir hatten auf die Entwicklung keinen Einfluss. Spiel- und Trainingszentrum waren mit der Schließung der Kampa-Halle weggebrochen. Wie geht man damit um? Bis 31.12. war alles cool, am 1.1. war alles neu. Viele Spieler waren dann erstmal bei der EM. Ein paar andere waren bei der 2. Mannschaft eingebunden, denn wir haben die Zweite in dieser Phase priorisiert. Wir waren zum Teil nur vier Leute, und die haben den Umzug maßgeblich bewältigt. Joscha Ritterbach, Christoph Reißky, Malte Semisch und Christoffer Rambo in den Hauptrollen haben das einfach super gemacht. Als die anderen dazukamen, wurde die neue Situation angenommen. Jeder hat angepackt, um die Dinge zu regeln die sonst selbstverständlich sind. Ist der Trainer unter diesen Umständen auch stolz auf die Teamleistung? Klingt sicher komisch, wenn man auf Platz 15 landet und so eine Phase erlebt wie im November und Dezember, aber ich bin absolut stolz auf mein Team. Stolz darauf, wie wir mit allem umgegangen sind und wie wir zurück in die Spur gefunden haben. Auch darauf, wie die Mannschaft die schwierige Phase gemeistert hat. Wie wir gearbeitet haben, wie wir miteinander umgegangen sind und Probleme konstruktiv gelöst haben. Da hat unser Mentaltrainer Jörg Schiebel seinen Anteil, der hat den Prozess gut begleitet. Die Zahlen sind ernüchternd. Platz 15, 18:34 Punkte, knapp vor den Abstiegsplätzen. Sie setzen also trotzdem einen grünen Haken an die Saison und kein Fragezeichen? Ja. Dass ich mit Platz 15 nicht zufrieden bin ist klar. Das ist hier bei GWD keiner. Aber: Die Tabelle ist nicht ganz rund. Und fehlte beispielsweise noch das Heimspiel gegen TVB Stuttgart, da wären Punkte durchaus drin gewesen. Vor allem aber gilt: wie wir gearbeitet haben war gut. Da gab es in anderen Jahren eher Anlass zur Kritik, wie wir beispielsweise mit Vertragssituationen umgegangen sind. Wir haben jetzt den Michalczik-Wechsel als Mannschaft viel besser verarbeitet als die Doder-Situation im Jahr davor. Als Trainingsgruppe sind wir gut damit umgegangen, wir haben gelernt. Auf den 40 mal 20 Metern hat uns das Thema keine Sorgen bereitet. Warum war es dann im Herbst so holprig? Nun, wir hatten eine Verletzungssituation, die wir so nicht kannten. Zum Start fehlten Korsettstangen. Gullerud, Christensen und Padshyvalau waren verletzt. Danach traf es nacheinander Michalczik, Pusica, Knorr und Rambo. Das hat die Stabilität im Spiel erschüttert. Wir haben die Brot-und-Butter-Spiele einfach nicht gewonnen. Das war sonst immer unsere Stärke. Die Punkte fehlten uns in diesem Jahr. Wir wussten, dass uns die in diesen Spielen wichtige Erfahrung in dieser Saison ein wenig fehlt. Aber das Team hat auch gezeigt, was es mehr kann, was da an neuer Qualität entstanden ist. Da waren richtig gute Spiele dabei, wie zum Beispiel die Berlin-Spiele. Gegen Berlin haben wir jahrelang nicht gewonnen, jetzt holen wir vier Punkte. Für mich war es das erste Mal, dass sich als Trainer gegen Berlin gewinne. Ein tolles Erlebnis. In Joshua Thiele und Carsten Lichtlein hat GWD Ersatz für Magnus Gullerud und Espen Christensen gefunden. Wie läuft die Suche nach einem Nachfolger für Marian Michalczik? Wir sind nach wie vor auf der Suche. Kann man beim derzeitigen Stillstand im Handball überhaupt einen neuen Spieler finden? Nun, wir sehen in der Situation auch Chancen. Es kann sein, dass in dieser Corona-Lage Klubs in ganz Europa wirtschaftlich unter Druck geraten und Spieler abgeben müssen. So kann Bewegung ins Karussell kommen. Man ist bei GWD also noch nicht nervös? Doch. Wenn man im Mai eine so wichtige Personalie noch nicht gelöst hat, dann macht mich das natürlich nervös. Aber man kann ja auch mal nervös sein. Das ist ja nichts Schlechtes. Aber schöner wäre es natürlich, wenn wir schon weiter wären. Unser Sportgeschäftsführer Frank von Behren und ich arbeiten daran.

„Das kann man sich nicht ausdenken“- GWD-Trainer Frank Carstens blickt auf die verrückteste Saison aller Zeiten zurück

Daumen hoch: Trainer Frank Carstens ist stolz auf sein Team Heute Abend hätte er mit GWD bei den Rhein-Neckar Löwen antreten sollen. Doch alles kam anders. Foto: Noah Wedel © Noah Wedel

Minden. Ein Tisch, zwei Stühle, viel frische Luft. Im Garten von Frank Carstens in ein improvisierter Besprechungsplatz entstanden. Der Trainer des Handball-Bundesligisten GWD Minden beschreibt im MT-Interview die besonderen Herausforderungen, die die Corona-Situation ihm und seinem Team stellt. Die Situation des Stillstandes bewertet er kritisch und hebt hervor: „Unser wichtigstes Kapital sind die Spieler.“ Umso befreiter ist er nach den am Mittwoch beschlossenen Lockerungen, die eine Rückkehr ins gemeinsame Training und die Rückkehr in die Halle ermöglichen. Sein Blick zurück auf die verrückteste Saison aller Zeiten ist trotz der durchwachsenen Zahlen beim Saisonabbruch mit Platz 15 und 18:34 Punkten positiv. „Klingt vielleicht komisch, aber ich bin stolz auf mein Team“, sagt der 48-Jährige.

Der Handball macht Pause. Was machen Sie, Herr Carstens? Ist der Garten gut in Schuss?

Mein Garten sieht aus wie ein Garten, der von vier Kindern bearbeitet wird. Hier wird viel Ball gespielt. Wir haben keinen englischen Rasen. Auch wenn ich mich bemühe und von meiner Frau immer wieder in den Garten geschickt werde – Freude habe ich an gärtnerischer Arbeit nicht wirklich. Ich bin eher der Typ für die Handlangerdienste. Aber ich sitze ganz gern draußen und schaue wie alles grünt. Das Wetter war ja nicht schlecht. Das kann ich genießen.

Genießen Sie auch die familiäre Nähe? Einem Bundesliga-Coach bleibt ja sonst für normales Familienleben wenig Zeit.

Ja klar. Aber es ist schon speziell. Ich bin ja nicht der einzige, der wegen Corona gerade Zeit hat und zuhause ist. Die anderen sind ja auch den ganzen Tag da. So ganz normales Familienleben ist das nicht. Aber natürlich schön.

Wie sieht der Handball-Alltag aus?

Es gab so gut wie keinen. Wir sind bei GWD auf Kurzarbeit Null. Ich kann die Spieler nicht anleiten. Ich darf keine Trainingspläne erstellen. Die Spieler sind in dieser Situation auf sich selbst gestellt und dafür verantwortlich, dass sie fit und gesund bleiben. Klar, ich habe Empfehlungen ausgesprochen. Aber ich habe keinen Zugriff.

Das wirkt bei einem Handball-Profiteam wie eine groteske Situation.

Ja, der Eindruck entsteht. Aber wir sind nicht die einzigen, die auf Kurzarbeit Null stehen. Es gibt in der Bundesliga nur drei Vereine, bei denen das nicht so ist: Rhein-Neckar Löwen Eulen Ludwigshafen und Tusem Essen. Das ist eine schwierige Lage.

Die Klubs müssen in dieser Zeit nun mal sparen.

Klar ist es elementar, dass in den Klubs die Finanzen stimmen. Sonst läuft der Laden nicht. Aber das wichtigste Kapital sind die Spieler. Mit diesem Kapital müssen wir alle sorgsam umgehen, wir müssen uns kümmern, sonst fehlt es uns an zentraler Stelle.

Wo liegt das Problem?

Wenn die Jungs ein paar Monate nicht auf das Tor werfen, dann ist die Präzision weg. Da werden eine Menge Anpassungsprobleme auftauchen. Männer wie Christoffer Rambo, der ohnehin immer ein paar Wochen braucht, um seinen Arm in Gang zu bringen, die werden Probleme bekommen. Wir müssen das abfedern.

Wie soll es weitergehen?

Wir haben die erste Phase nach dem Saisonabbruch genutzt, um Pause zu machen und um Athletik und Ausdauer zu entwickeln. Die Jungs haben sich die Geräte für Krafttraining nach Hause geholt, auch unser Partner Crossfit-Box hat uns unterstützt. In der zweiten Phase, von etwa jetzt bis Mitte Juni, wollen wir handballspezifische Dinge entwickeln. Zum Glück geht das jetzt wieder. Die am Mittwoch verkündeten Lockerungen in der neuen Corona-Verordnung sind sehr wichtig für uns. In der Folge wird sich auch die Kurzarbeits-Situation verändern. Wir wollen möglichst am Montag wieder mit der Arbeit in der Halle beginnen. Wie das genau aussieht und wie wir die Hygiene-Standards umsetzen, werden wir noch besprechen.

Sind die Spieler fit? Ihr Training lief in den vergangenen Wochen ohne Zielvorgaben und Überprüfungen.

Zunächst gilt: Ein Leistungssportler befindet sich immer im Training. Auch im Urlaub. Berufssportler zu sein ist eine Lebenseinstellung und nicht nur ein Job. Aber es ist richtig: Es gab keine konkreten Pläne. Aber wir haben den Spielern Empfehlungen gegeben, wie sie diese Situation für sich optimal nutzen können. Wir hatten jedoch nicht die Möglichkeit, das individualisiert zu überprüfen, wie wir das sonst im Sommer- oder Winterurlaub machen. Es gab keine Dokumentationspflicht, aber die Spieler konnten das natürlich auf freiwilliger Basis machen. Da lief viel auf der Basis von privater Initiative. Immer wieder taucht im Profisport die Parallele zum amerikanischen Sport auf, wo man von der Off-Season spricht. In dieser Phase, rund drei Monate zwischen zwei Spielzeiten, bauen sich die Spieler in der NBA beispielsweise so auf, dass sie anschließend 80 Spiele in sechs, sieben Monaten durchhalten.

Alle 20 Bundesligatrainer haben sich in dieser Woche in einer Videokonferenz ausgetauscht. Was gab es zu besprechen?

Das ist zum ersten Mal passiert, jedenfalls solange ich dabei bin, dass sich die Trainer so zusammenschließen. Es ist bemerkenswert, was da passiert ist. Trainer sind sonst eher Einzelkämpfer. Die Konferenz kam auch zustande, weil wir alle den Eindruck haben, dass der Sport gerade hinter den kaufmännischen Aspekten zurücksteht. Die sind wichtig, wir leben ja davon. Aber die sportliche Seite muss auch mit am Tisch sitzen. Auch die sportlichen Interessen sind elementar für den Profihandball.

Die Trainer haben eine kleine Kommission bestimmt, die den Handball vertreten soll. Sie sind dabei. Wo soll diese Gruppe sich beteiligen, was soll sie tun?

Wir wollen uns an verschiedenen Stellen einbringen. Zum Beispiel der Spielplangestaltung. Es ist zwingend notwendig, dass da auch Trainer und damit Sportfachleute ihre Meinung und ihr Wissen beisteuern.

Der Supercup als traditioneller Startpunkt in die Saison soll am 2. September stattfinden. Wie sieht der GWD-Zeitplan aus?

Der Supercup wird die Saison einläuten. Für uns geht es ein paar Tage später los. Davon gehe ich – Stand heute – aus. Darauf ist unser Plan ausgerichtet. Ob Turniere oder Testspiele stattfinden können weiß jetzt keiner. Es ist auch völlig offen, ob und wo man ein Trainingslager machen kann. Aber an der Terminierung, an der Periodisierung unserer Vorbereitung ändert das erstmal nichts.

Können Sie sich vorstellen, zu Beginn ohne Zuschauer zu spielen?

Ja, das muss ich auch. Es ist für den Profi-Handball extrem wichtig, wieder zu spielen, Präsenz zu erhalten und ins Fernsehen zu kommen. Wenn es nicht anders geht, dann auch ohne Zuschauer in der Halle. Wir dürfen das Feld nicht anderen Sportarten überlassen.

Das war eine ungewöhnliche Saison. Erst die hitzige Debatte um die Kampa-Halle, dann die Schließung und der Umzug nach Lübbecke. Schließlich die Corona-Situation und das abrupte Saisonende. Hat das Ihre Fantasie überstiegen?

Klar, das kann man sich nicht ausdenken. Die Hallensituation ist zwar nicht über Nacht entstanden. Man hatte etwas Zeit, um sich auf diese noch nie da gewesene Schließung einzustellen und um damit professionell umzugehen. Das haben wir gut hinbekommen. Der Umzug nach Lübbecke hat organisatorisch wie auch atmosphärisch sehr gut funktioniert. Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut angenommen wird.

Die Mannschaft hat ihren Anteil daran. Zum Auszug in der Kampa-Halle hat das Team starke Spiele gezeigt und in Lübbecke hat sie zum Einzug geglänzt.

Ja. Das Finale in der Kampa-Halle – das Unentschieden gegen Hannover-Burgdorf – ist dem Anlass gerecht geworden. Nach dem Erlangen-Spiel ist ein Ruck durch die Mannschaft gegangen. Wir waren dann nach dem Umzug sehr stabil unterwegs und hätten noch unsere Punkte gemacht. Aber wir hatten im Herbst auch eine schwierige Phase.

Wie schwer war es überhaupt, in dieser Zeit der Improvisation mit Spielortwechsel und wechselnden Trainingsstätten Handball auf Bundesliga-Niveau zu spielen und zu trainieren?

Das mag von außen so gewirkt haben. Aber wir haben bis Ende Dezember ganz normale Abläufe gehabt. Klar, wir hatten den Auszug im Hinterkopf. Und ich habe übrigens sehr lange damit gerechnet, dass der Sportstandort Minden schon eine Lösung finden wird. Ich habe gedacht, dass da in der Stadt mehr Kreativität und mehr Druck entsteht, damit GWD in Minden bleibt. Wir haben die Lage im Team als Aufgabe angenommen. Aber wir hatten auf die Entwicklung keinen Einfluss.

Spiel- und Trainingszentrum waren mit der Schließung der Kampa-Halle weggebrochen. Wie geht man damit um?

Bis 31.12. war alles cool, am 1.1. war alles neu. Viele Spieler waren dann erstmal bei der EM. Ein paar andere waren bei der 2. Mannschaft eingebunden, denn wir haben die Zweite in dieser Phase priorisiert. Wir waren zum Teil nur vier Leute, und die haben den Umzug maßgeblich bewältigt. Joscha Ritterbach, Christoph Reißky, Malte Semisch und Christoffer Rambo in den Hauptrollen haben das einfach super gemacht. Als die anderen dazukamen, wurde die neue Situation angenommen. Jeder hat angepackt, um die Dinge zu regeln die sonst selbstverständlich sind.

Ist der Trainer unter diesen Umständen auch stolz auf die Teamleistung?

Klingt sicher komisch, wenn man auf Platz 15 landet und so eine Phase erlebt wie im November und Dezember, aber ich bin absolut stolz auf mein Team. Stolz darauf, wie wir mit allem umgegangen sind und wie wir zurück in die Spur gefunden haben. Auch darauf, wie die Mannschaft die schwierige Phase gemeistert hat. Wie wir gearbeitet haben, wie wir miteinander umgegangen sind und Probleme konstruktiv gelöst haben. Da hat unser Mentaltrainer Jörg Schiebel seinen Anteil, der hat den Prozess gut begleitet.

Die Zahlen sind ernüchternd. Platz 15, 18:34 Punkte, knapp vor den Abstiegsplätzen. Sie setzen also trotzdem einen grünen Haken an die Saison und kein Fragezeichen?

Ja. Dass ich mit Platz 15 nicht zufrieden bin ist klar. Das ist hier bei GWD keiner. Aber: Die Tabelle ist nicht ganz rund. Und fehlte beispielsweise noch das Heimspiel gegen TVB Stuttgart, da wären Punkte durchaus drin gewesen. Vor allem aber gilt: wie wir gearbeitet haben war gut. Da gab es in anderen Jahren eher Anlass zur Kritik, wie wir beispielsweise mit Vertragssituationen umgegangen sind. Wir haben jetzt den Michalczik-Wechsel als Mannschaft viel besser verarbeitet als die Doder-Situation im Jahr davor. Als Trainingsgruppe sind wir gut damit umgegangen, wir haben gelernt. Auf den 40 mal 20 Metern hat uns das Thema keine Sorgen bereitet.

Warum war es dann im Herbst so holprig?

Nun, wir hatten eine Verletzungssituation, die wir so nicht kannten. Zum Start fehlten Korsettstangen. Gullerud, Christensen und Padshyvalau waren verletzt. Danach traf es nacheinander Michalczik, Pusica, Knorr und Rambo. Das hat die Stabilität im Spiel erschüttert. Wir haben die Brot-und-Butter-Spiele einfach nicht gewonnen. Das war sonst immer unsere Stärke. Die Punkte fehlten uns in diesem Jahr. Wir wussten, dass uns die in diesen Spielen wichtige Erfahrung in dieser Saison ein wenig fehlt. Aber das Team hat auch gezeigt, was es mehr kann, was da an neuer Qualität entstanden ist. Da waren richtig gute Spiele dabei, wie zum Beispiel die Berlin-Spiele. Gegen Berlin haben wir jahrelang nicht gewonnen, jetzt holen wir vier Punkte. Für mich war es das erste Mal, dass sich als Trainer gegen Berlin gewinne. Ein tolles Erlebnis.

In Joshua Thiele und Carsten Lichtlein hat GWD Ersatz für Magnus Gullerud und Espen Christensen gefunden. Wie läuft die Suche nach einem Nachfolger für Marian Michalczik?

Wir sind nach wie vor auf der Suche.

Kann man beim derzeitigen Stillstand im Handball überhaupt einen neuen Spieler finden?

Nun, wir sehen in der Situation auch Chancen. Es kann sein, dass in dieser Corona-Lage Klubs in ganz Europa wirtschaftlich unter Druck geraten und Spieler abgeben müssen. So kann Bewegung ins Karussell kommen.

Man ist bei GWD also noch nicht nervös?

Doch. Wenn man im Mai eine so wichtige Personalie noch nicht gelöst hat, dann macht mich das natürlich nervös. Aber man kann ja auch mal nervös sein. Das ist ja nichts Schlechtes. Aber schöner wäre es natürlich, wenn wir schon weiter wären. Unser Sportgeschäftsführer Frank von Behren und ich arbeiten daran.

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