Corona macht's möglich: Kevin Gulliksen erkundet die norwegische Wildnis Astrid Plaßhenrich Oslo/Minden. Es musste schnell gehen. In wenigen Minuten waren die Taschen gepackt, die Papiere eingesteckt und das Auto gestartet. Kevin Gulliksen und seine Freundin Bea Dahle entschieden sich am 17. März in ihr Heimatland Norwegen zu fahren. Viel Zeit zum Überlegen hatten die beiden nicht. Niemand wusste zu dem Zeitpunkt, ob und wann die Grenzen aufgrund der Corona-Situation schließen. Und sicherlich haben der Rechtsaußen des Handball-Bundesligisten GWD Minden und die Oberliga-Torhüterin des HSV Minden-Nord nicht damit gerechnet, dass sich aus einer spontanen Idee ein viermonatiger Trip entwickelt. „Wir haben viel zu wenig Klamotten mitgenommen“, sagt Gulliksen und lacht. Das Leben eines Handball-Profis ist getaktet. Training, Pokal, Training, Bundesliga, Training, Länderspiele, Training, EM, Training, WM, Training, Olympische Spiele, Training. Die Termine sind vorgegeben, die Urlaube auch. Doch plötzlich versiegte dieser Takt. Seit dem 13. März stand der Handball still, die Bundesliga stellte ihren Betrieb auf unbestimmte Zeit ein. Nach Sondierung der Lage und Rücksprache mit GWD-Trainer Frank Carstens und dem Geschäftsführer Sport Frank von Behren durften die Spieler einige Tage später in ihre Heimatländer reisen. „Wir wussten, dass die Spieler zu ihren Familien wollten. Zudem befanden sie sich zu dem Zeitpunkt bereits in Kurzarbeit 100“, sagt Frank von Behren, „sie mussten uns nur versichern, umgehend zurückzukehren, sollte die Bundesliga wieder starten.“ Das tat sie aber nicht: Am 21. April brach die HBL die Saison endgültig ab. Deshalb konnten die beiden ihren Heimaturlaub erst einmal auf unbestimmte Zeit verlängern. „Ich bin froh und dankbar, dass GWD uns keine Steine in den Weg gelegt hat“, erklärt Gulliksen. Denn selbstverständlich war das nicht. Andere Bundesligisten bestanden darauf, dass ihre Spieler in Deutschland blieben. Für Gulliksen und Dahle war die unverhoffte Auszeit aber nicht nur eine willkommene Gelegenheit ihre Familien und Freunde wiederzusehen, sie nutzten die Chance auch, um einige Ziele in ihrem Land anzusteuern. „Wir waren ein paarmal Campen“, erzählt der 23-Jährige. Das ist in Norwegen besonders beliebt – und einfach. Schließlich gilt das Jedermannsrecht, ein traditionelles Recht, das seit 1957 Teil des norwegischen Gesetzes über das Leben im Freien ist. So kann überall auf dem Land sowie in den Wäldern oder Bergen, ob mit oder ohne Zelt, übernachtet werden. Unter der Beachtung von einfachen Regeln ist das Wildcampen also ausdrücklich erlaubt. Die beiden Handballer fuhren nach Etne in die Provinz Vestland an die südwestliche Küste des Landes. Dort liegt auch der Langfossen, ein Wasserfall, der mit einer Fallhöhe von 612 Metern zu den weltweit höchsten zählt. Sie wanderten im Nationalpark Folgefonna, der durch türkisschimmernde Seen und seinen Fjorden besticht. Herzstück ist der drittgrößte Gletscher des norwegischen Festlandes. Sie bestiegen aber auch den 724 Meter hohen Berg Kattnakken auf der südlichen Insel Stord und wanderten auf dem Bessegen, einem Gebirgsrücken im Jotunheimen-Nationalpark, etwa 250 Kilometer nördlich von Oslo gelegen. Als Kevin Gulliksen das Gespräch mit dem MT führte, stand er allerdings nicht mitten in der Natur, sondern neben jeder Menge gepackter Kartons. Die beiden haben sich ihre erste gemeinsame Wohnung in Oslo gekauft. „Wir haben heute die erste Nacht hier geschlafen“, erzählt der norwegische Nationalspieler. Das Apartment ist etwa 15 Minuten mit der T-bane, der Osloer U-Bahn, von der Innenstadt gelegen. Und es wird auch nicht leer stehen, wenn Gulliksen kommende Woche nach Deutschland zurückkehrt. Denn Dahle wird in Norwegen bleiben, um in Oslo Fotografie zu studieren. Sie hatte sich auch in Minden schnell einen Namen als talentierte Fotografin gemacht, nachdem ihr Freund vor zwei Jahren zu GWD gewechselt war. Die 24-Jährige verfolgte mit ihrer Kamera zahlreiche Partien direkt am Spielfeldrand. Das Reisen war für die beiden sicher ein positiver Nebeneffekt. Es war aber nicht so, dass sie wochenlang unterwegs waren, sondern immer nur drei, vier Tage. Denn für Gulliksen ging es vor allem auch darum, fit zu bleiben und sein Trainingspensum abzuspulen. „Wir hatten Glück. In Norwegen wurden die Corona-Regeln eher gelockert als in Deutschland. Als Profi hatte ich dann auch schnell die Möglichkeit, in einem Fitnessstudio zu trainieren“, erzählt der Vize-Weltmeister. Auch als GWD Mitte Mai in ein dosiertes Hallentraining unter der Berücksichtigung strenger Hygieneregeln zurückkehrte, durfte Gulliksen in Oslo bleiben. „Frank Carstens hat allerdings zur Auflage gemacht, dass ich mindestens dreimal die Woche mit dem Ball trainieren muss“, erklärt der Linkshänder. Das konnte er gewährleisten. Zwei Einheiten hat er seitdem beim Osloer Verein Baekkelagets SK absolviert, bei dem er von 2015 bis 2017 spielte, eine weitere beim Champions-League-Teilnehmer Elverum Handball, bei dem er von 2017 bis 2018 unter Vertrag stand. Gulliksen wird also topfit nach Minden zurückkehren. Denn für sein Ziel will er alles geben: Die kommende Saison soll besser werden als die abgelaufene. „Uns fehlte die Konstanz. Vor allem in den engen Spielen haben wir zu viele Punkte unnötig liegengelassen“, meint der Rechtsaußen. Vielleicht habe in dem jungen Team die Erfahrung gefehlt. Am 14. Juli wird er bei GWD zur Leistungsdiagnostik antreten. Danach beginnt die erst Vorbereitungsphase auf die kommende Serie. „Ich bin froh, dass es jetzt endlich wieder losgeht“, sagt er. Dann ist alles wieder im richtigen Takt.

Corona macht's möglich: Kevin Gulliksen erkundet die norwegische Wildnis

Oslo/Minden. Es musste schnell gehen. In wenigen Minuten waren die Taschen gepackt, die Papiere eingesteckt und das Auto gestartet. Kevin Gulliksen und seine Freundin Bea Dahle entschieden sich am 17. März in ihr Heimatland Norwegen zu fahren. Viel Zeit zum Überlegen hatten die beiden nicht. Niemand wusste zu dem Zeitpunkt, ob und wann die Grenzen aufgrund der Corona-Situation schließen. Und sicherlich haben der Rechtsaußen des Handball-Bundesligisten GWD Minden und die Oberliga-Torhüterin des HSV Minden-Nord nicht damit gerechnet, dass sich aus einer spontanen Idee ein viermonatiger Trip entwickelt. „Wir haben viel zu wenig Klamotten mitgenommen“, sagt Gulliksen und lacht.

Der Gebirgsrücken Besseggen liegt in der norwegischen Provinz Innlandet. Von dort aus hatten Kevin Gulliksen und Bea Dahle einen sensationellen Blick über die Berge und die Seen Gjende und Bessvatnet. - © Foto: privat
Der Gebirgsrücken Besseggen liegt in der norwegischen Provinz Innlandet. Von dort aus hatten Kevin Gulliksen und Bea Dahle einen sensationellen Blick über die Berge und die Seen Gjende und Bessvatnet. - © Foto: privat

Das Leben eines Handball-Profis ist getaktet. Training, Pokal, Training, Bundesliga, Training, Länderspiele, Training, EM, Training, WM, Training, Olympische Spiele, Training. Die Termine sind vorgegeben, die Urlaube auch. Doch plötzlich versiegte dieser Takt. Seit dem 13. März stand der Handball still, die Bundesliga stellte ihren Betrieb auf unbestimmte Zeit ein. Nach Sondierung der Lage und Rücksprache mit GWD-Trainer Frank Carstens und dem Geschäftsführer Sport Frank von Behren durften die Spieler einige Tage später in ihre Heimatländer reisen. „Wir wussten, dass die Spieler zu ihren Familien wollten. Zudem befanden sie sich zu dem Zeitpunkt bereits in Kurzarbeit 100“, sagt Frank von Behren, „sie mussten uns nur versichern, umgehend zurückzukehren, sollte die Bundesliga wieder starten.“ Das tat sie aber nicht: Am 21. April brach die HBL die Saison endgültig ab.

Beim Aufstieg: GWD-Profi Kevin Gulliksen und seine Freundin Bea Dahle. - © Foto: privat
Beim Aufstieg: GWD-Profi Kevin Gulliksen und seine Freundin Bea Dahle. - © Foto: privat

Deshalb konnten die beiden ihren Heimaturlaub erst einmal auf unbestimmte Zeit verlängern. „Ich bin froh und dankbar, dass GWD uns keine Steine in den Weg gelegt hat“, erklärt Gulliksen. Denn selbstverständlich war das nicht. Andere Bundesligisten bestanden darauf, dass ihre Spieler in Deutschland blieben.

Für Gulliksen und Dahle war die unverhoffte Auszeit aber nicht nur eine willkommene Gelegenheit ihre Familien und Freunde wiederzusehen, sie nutzten die Chance auch, um einige Ziele in ihrem Land anzusteuern. „Wir waren ein paarmal Campen“, erzählt der 23-Jährige. Das ist in Norwegen besonders beliebt – und einfach. Schließlich gilt das Jedermannsrecht, ein traditionelles Recht, das seit 1957 Teil des norwegischen Gesetzes über das Leben im Freien ist. So kann überall auf dem Land sowie in den Wäldern oder Bergen, ob mit oder ohne Zelt, übernachtet werden. Unter der Beachtung von einfachen Regeln ist das Wildcampen also ausdrücklich erlaubt.

Die beiden Handballer fuhren nach Etne in die Provinz Vestland an die südwestliche Küste des Landes. Dort liegt auch der Langfossen, ein Wasserfall, der mit einer Fallhöhe von 612 Metern zu den weltweit höchsten zählt. Sie wanderten im Nationalpark Folgefonna, der durch türkisschimmernde Seen und seinen Fjorden besticht. Herzstück ist der drittgrößte Gletscher des norwegischen Festlandes. Sie bestiegen aber auch den 724 Meter hohen Berg Kattnakken auf der südlichen Insel Stord und wanderten auf dem Bessegen, einem Gebirgsrücken im Jotunheimen-Nationalpark, etwa 250 Kilometer nördlich von Oslo gelegen.

Als Kevin Gulliksen das Gespräch mit dem MT führte, stand er allerdings nicht mitten in der Natur, sondern neben jeder Menge gepackter Kartons. Die beiden haben sich ihre erste gemeinsame Wohnung in Oslo gekauft. „Wir haben heute die erste Nacht hier geschlafen“, erzählt der norwegische Nationalspieler. Das Apartment ist etwa 15 Minuten mit der T-bane, der Osloer U-Bahn, von der Innenstadt gelegen. Und es wird auch nicht leer stehen, wenn Gulliksen kommende Woche nach Deutschland zurückkehrt. Denn Dahle wird in Norwegen bleiben, um in Oslo Fotografie zu studieren. Sie hatte sich auch in Minden schnell einen Namen als talentierte Fotografin gemacht, nachdem ihr Freund vor zwei Jahren zu GWD gewechselt war. Die 24-Jährige verfolgte mit ihrer Kamera zahlreiche Partien direkt am Spielfeldrand.

Das Reisen war für die beiden sicher ein positiver Nebeneffekt. Es war aber nicht so, dass sie wochenlang unterwegs waren, sondern immer nur drei, vier Tage. Denn für Gulliksen ging es vor allem auch darum, fit zu bleiben und sein Trainingspensum abzuspulen. „Wir hatten Glück. In Norwegen wurden die Corona-Regeln eher gelockert als in Deutschland. Als Profi hatte ich dann auch schnell die Möglichkeit, in einem Fitnessstudio zu trainieren“, erzählt der Vize-Weltmeister. Auch als GWD Mitte Mai in ein dosiertes Hallentraining unter der Berücksichtigung strenger Hygieneregeln zurückkehrte, durfte Gulliksen in Oslo bleiben. „Frank Carstens hat allerdings zur Auflage gemacht, dass ich mindestens dreimal die Woche mit dem Ball trainieren muss“, erklärt der Linkshänder. Das konnte er gewährleisten. Zwei Einheiten hat er seitdem beim Osloer Verein Baekkelagets SK absolviert, bei dem er von 2015 bis 2017 spielte, eine weitere beim Champions-League-Teilnehmer Elverum Handball, bei dem er von 2017 bis 2018 unter Vertrag stand.

Gulliksen wird also topfit nach Minden zurückkehren. Denn für sein Ziel will er alles geben: Die kommende Saison soll besser werden als die abgelaufene. „Uns fehlte die Konstanz. Vor allem in den engen Spielen haben wir zu viele Punkte unnötig liegengelassen“, meint der Rechtsaußen. Vielleicht habe in dem jungen Team die Erfahrung gefehlt. Am 14. Juli wird er bei GWD zur Leistungsdiagnostik antreten. Danach beginnt die erst Vorbereitungsphase auf die kommende Serie. „Ich bin froh, dass es jetzt endlich wieder losgeht“, sagt er. Dann ist alles wieder im richtigen Takt.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in GWD Minden