Am Ende des Leidensweges: Nach langer Verletzungspause ist Miljan Pusica wieder für GWD Minden am Ball Marcus Riechmann Minden. Miljan Pusica steht wieder mit beiden Beinen auf der Erde. Die Zeit, in der das Leben Kopf stand und die Psyche angeknackst war, diese Zeit der Leere ist vorüber. Mehr als ein Jahr währte die Verletzungspause, eine gefühlte Ewigkeit konnte der Profi von GWD Minden kein Handball spielen. Am 15. Dezember 2020 begann die Leidenszeit des serbischen Nationalspielers. Im Bundesliga-Heimspiel gegen den TBV Lemgo zog er sich einen Kreuzbandriss zu. Zwar gewann GWD 28:23, doch der Ausfall Pusicas wog schwer. Wenige Tage nach der Verletzung wurde er operiert, aber kurz nach dem Eingriff entzündete sich das Knie. Er wechselte in eine Klinik nach Augsburg. Das Kreuzband wurde wieder entnommen, das Knie musste heilen. „Das war eine schwere Zeit, vor allem für den Kopf. Als ich gehört habe, dass das Kreuzband wieder raus muss, war das der schlimmste Moment. Ich hatte nicht gedacht, dass mir so etwas passieren kann“, berichtet der 30-Jährige über die erste Jahreshälfte 2020, die geprägt war von Sorgen und Zweifeln: „Ich habe nicht gewusst: Kann ich wieder Handball spielen? Ich habe manchmal nicht geglaubt, dass ich gesund werde.“ Der Zwei-Meter-Mann mit den mächtigen Muskeln war klein geworden: „Ich habe jetzt viel Zeit gehabt, um über mich und die Zukunft nachzudenken. Das war nicht immer leicht.“ Die Corona-Situation machte die Lage nicht einfacher. Seine Frau Mina, mit der er seit gut zwei Jahren verheiratet ist, erhielt erst im Mai ein halbjähriges Visum als Ehegattin. „Das war bei der Botschaft ein langer Prozess, das geht auch bei Sportlern nicht schneller“, beschreibt Pusica bürokratische Hürden. Minas Visum ist angedockt an die Aufenthaltserlaubnis ihres Mannes, die wiederum mit seiner beruflichen Anstellung als Handballprofi verknüpft ist. Bis zum Mai musste sich das Paar mit Touristenvisa behelfen. Das hieß: Drei Monate durfte sich Mina in Minden aufhalten, dann musste sie für sechs Monate zurück.Neben seiner Frau standen ihm seine Schwester und die Teamkollegen bei. „Ich habe viel Unterstützung erhalten, das hat mir sehr geholfen“, sagt Pusica. Engen Kontakt pflegt er vor allem mit den ehemaligen GWD-Profis Joscha Ritterbach und Savvas Savvas. „Es gibt ein paar Freundschaften, die bleiben. Mit Savvas und Joscha habe ich damals viel zusammen gemacht“, erzählt Pusica. Zu Savvas, der beim TV Großwallstadt spielt, läuft der Kontakt meist über das Handy. Mit Ritterbach, der für den VfL Lübeck-Bad Schwartau spielt, trifft sich Pusica auch hin und wieder. „Er ist im Moment verletzt, da kommt er öfter nach Minden.“Die engste Freundschaft besteht zu Aleksandar Svitlica. Der neun Jahre ältere einstige GWD-Rechtsaußen ist wie Pusica im Städtchen Prijepolje im Westen Serbiens, nahe der Grenzen zu Montenegro und Bosnien-Herzegowina geboren. „Aleks war wie ein zweiter Doktor. Er hat das ja alles schon genauso erlebt. Er konnte immer sagen, was als nächstes passiert“, berichtet Pusica über den in Minden sesshaft gewordenen Montenegriner. 2018 hatte sich Svitlica, bis dahin mit 1.061 Treffern einer der besten GWD-Torjäger aller Zeiten, ebenfalls einen Kreuzbandriss zugezogen und in der Folge unter nahezu identischen Komplikationen gelitten wie Pusica. Für Svitlica bedeutete das Knie-Martyrium seinerzeit das Ende der Karriere als Handballprofi. Pusica hat hingegen Glück gehabt. Er ist wieder da. Im Juli wurde ihm erneut ein Kreuzband eingesetzt. Danach ging es vorwärts. Pusica, der in seiner Profikarriere erst einmal – damals noch beim polnischen Erstligisten Wisla Plock – mit einem Meniskusriss länger ausgefallen war, kam wieder in die Spur. Er arbeitete für sein Comeback, die Fortschritte motivierten ihn. „Ich habe gemerkt, dass es geht“, sagt er. Im Dezember kehrte er in die Halle zurück. Während das Team normal trainierte, absolvierte er nebenher sein Aufbauprogramm. Über die Weihnachtsfeiertage verzichtete er auf einen Heimaturlaub: „Ich bin in Minden geblieben, um bei unserm Physio Philipp Roessler soviel wie möglich zu trainieren. Ich brauche jede Trainingseinheit.“ Am vergangenen Mittwoch war es dann soweit: Er nahm erstmals wieder ganz normal am ersten Mannschaftstraining nach der Winterpause teil. Noch ohne Vollkontakt, dafür erhält er erst am kommenden Dienstag bei der Abschlussuntersuchung die Freigabe, wenn alles nach Plan läuft. „Das hat sich gut angefühlt“, sagt der bullige Sportler über die erste echte Übungseinheit. Doch die Rückkehr in die im Sommer umfänglich neu aufgestellte Mannschaft war speziell. „Das war ein seltsames Gefühl. Ich komme zurück und alles ist neu. Ich habe das Gefühl, ich muss mich neu beweisen und meine Rolle neu finden. Früher habe ich vor dem Training mit jedem Spieler kurz gesprochen, am Mittwoch stand ich da, wie ein neuer Spieler und wusste erst gar nicht, was ich sagen soll“, beschreibt Pusica seine Eindrücke: „Das war fast wie beim ersten Mal.“Doch er ist zurück im Teamtraining. Das ist gut für ihn und gut für GWD. Denn der heimische Bundesligist hat großen Bedarf an einer Verstärkung. Bereits im Dezember suchte man nach einer Hilfe für die Defensive. Spätestens mit der Verletzung von Abwehrchef Max Janke, der mit einem Mittelhandbruch noch bis Mitte März auszufallen droht, ist die Not gewachsen. Auf dem Markt war bislang keine Nachverpflichtung zu finden. Der Wechsel Mait Patrails von den Rhein-Neckar Löwen ließ sich bis jetzt noch nicht realisieren. Nun eröffnet sich eine neue Alternative: Pusica, der seit 2017 für GWD spielt, könnte die Lücke vielleicht füllen.Der 2,02 Meter große Serbe, der neben Max Staar und Mats Korte dienstältester Profi im Mindener Kader ist, bringt in Bestform exakt die Qualitäten mit, die Trainer Frank Carstens beim Tabellenletzten sucht: Er ist physisch stark, erfahren, steht im Abwehrzentrum seinen Mann und kann auch im Angriff für Entlastung sorgen. Und ganz nebenbei ist – oder jedenfalls war – er eingespielt mit den anderen Innenblockern Lucas Meister und Joschua Thiele.Sein Trainer Frank Carstens schätzt die Lage vor einigen Tagen mit Blick auf den Start in den zweiten Saisonabschnitt Anfang Februar vorsichtig ein: „Miljan hat jetzt ein Jahr kein Handball gespielt. Er trainiert, aber erstmal ohne Kontakt. Er ist noch weit von Bundesliga entfernt. Es würde sich schön ergeben, wenn er wieder ins Team rutschen würde, aber dazu kann man seriös im Moment keine Prognose abgeben.“ Auch Pusica ist realistisch. „Ich habe jetzt bis zum ersten Spiel einen Monat, um mit der Mannschaft voll zu trainieren. Dann müssen wir sehen, ob es reicht und ob ich gut genug bin. Das muss Frank entscheiden.“ Der Vertrag des Serben läuft Ende Januar aus. Zuletzt hat die Berufsgenossenschaft die Bezüge Pusicas übernommen. Nun muss man bei GWD erwägen, ob man dem einstigen Abwehrboss einen Folgevertrag anbietet. „Ich würde gerne bleiben“, sagt der Sportler und gibt offen zu: „Ich habe im Moment nach einem Jahr Pause nicht viele Optionen.“Er ist zuversichtlich, die noch überzähligen Pfunde abzutrainieren („Das geht bei mir schnell“), doch auf das Gewicht allein kommt es nicht an. Pusica weiß, dass die Situation auch für GWD nicht einfach ist, zumal die Entscheidung über eine Verlängerung seines Vertrags nicht erst zum Monatsende getroffen werden kann: „Vielleicht findet GWD noch den Spieler, den man gerade sucht. Vielleicht auch nicht. Wenn sie keinen Spieler finden und Frank mit meiner Performance zufrieden ist, dann bleibe ich gern. Ich muss trainieren, dann sehen wir, was geht.“ Die Vertragsverlängerung wäre für ihn die Kirsche auf der Sahne. Zunächst einmal ist er froh, dass er wieder voll im Leben steht: "Ich war kaputt und jetzt bin ich wieder da." Das ist das wichtigste.

Am Ende des Leidensweges: Nach langer Verletzungspause ist Miljan Pusica wieder für GWD Minden am Ball

Es ist lange her, dass Miljan Pusica, hier mit seinem Abwehrpartner Lucas Meister (links), im Trikot von GWD Minden jubeln konnte. Foto: © Noah Wedel

Minden. Miljan Pusica steht wieder mit beiden Beinen auf der Erde. Die Zeit, in der das Leben Kopf stand und die Psyche angeknackst war, diese Zeit der Leere ist vorüber. Mehr als ein Jahr währte die Verletzungspause, eine gefühlte Ewigkeit konnte der Profi von GWD Minden kein Handball spielen.

Am 15. Dezember 2020 begann die Leidenszeit des serbischen Nationalspielers. Im Bundesliga-Heimspiel gegen den TBV Lemgo zog er sich einen Kreuzbandriss zu. Zwar gewann GWD 28:23, doch der Ausfall Pusicas wog schwer. Wenige Tage nach der Verletzung wurde er operiert, aber kurz nach dem Eingriff entzündete sich das Knie. Er wechselte in eine Klinik nach Augsburg. Das Kreuzband wurde wieder entnommen, das Knie musste heilen. „Das war eine schwere Zeit, vor allem für den Kopf. Als ich gehört habe, dass das Kreuzband wieder raus muss, war das der schlimmste Moment. Ich hatte nicht gedacht, dass mir so etwas passieren kann“, berichtet der 30-Jährige über die erste Jahreshälfte 2020, die geprägt war von Sorgen und Zweifeln: „Ich habe nicht gewusst: Kann ich wieder Handball spielen? Ich habe manchmal nicht geglaubt, dass ich gesund werde.“ Der Zwei-Meter-Mann mit den mächtigen Muskeln war klein geworden: „Ich habe jetzt viel Zeit gehabt, um über mich und die Zukunft nachzudenken. Das war nicht immer leicht.“

Die Corona-Situation machte die Lage nicht einfacher. Seine Frau Mina, mit der er seit gut zwei Jahren verheiratet ist, erhielt erst im Mai ein halbjähriges Visum als Ehegattin. „Das war bei der Botschaft ein langer Prozess, das geht auch bei Sportlern nicht schneller“, beschreibt Pusica bürokratische Hürden. Minas Visum ist angedockt an die Aufenthaltserlaubnis ihres Mannes, die wiederum mit seiner beruflichen Anstellung als Handballprofi verknüpft ist. Bis zum Mai musste sich das Paar mit Touristenvisa behelfen. Das hieß: Drei Monate durfte sich Mina in Minden aufhalten, dann musste sie für sechs Monate zurück.

Neben seiner Frau standen ihm seine Schwester und die Teamkollegen bei. „Ich habe viel Unterstützung erhalten, das hat mir sehr geholfen“, sagt Pusica. Engen Kontakt pflegt er vor allem mit den ehemaligen GWD-Profis Joscha Ritterbach und Savvas Savvas. „Es gibt ein paar Freundschaften, die bleiben. Mit Savvas und Joscha habe ich damals viel zusammen gemacht“, erzählt Pusica. Zu Savvas, der beim TV Großwallstadt spielt, läuft der Kontakt meist über das Handy. Mit Ritterbach, der für den VfL Lübeck-Bad Schwartau spielt, trifft sich Pusica auch hin und wieder. „Er ist im Moment verletzt, da kommt er öfter nach Minden.“

Die engste Freundschaft besteht zu Aleksandar Svitlica. Der neun Jahre ältere einstige GWD-Rechtsaußen ist wie Pusica im Städtchen Prijepolje im Westen Serbiens, nahe der Grenzen zu Montenegro und Bosnien-Herzegowina geboren. „Aleks war wie ein zweiter Doktor. Er hat das ja alles schon genauso erlebt. Er konnte immer sagen, was als nächstes passiert“, berichtet Pusica über den in Minden sesshaft gewordenen Montenegriner. 2018 hatte sich Svitlica, bis dahin mit 1.061 Treffern einer der besten GWD-Torjäger aller Zeiten, ebenfalls einen Kreuzbandriss zugezogen und in der Folge unter nahezu identischen Komplikationen gelitten wie Pusica. Für Svitlica bedeutete das Knie-Martyrium seinerzeit das Ende der Karriere als Handballprofi. Pusica hat hingegen Glück gehabt. Er ist wieder da.

Im Juli wurde ihm erneut ein Kreuzband eingesetzt. Danach ging es vorwärts. Pusica, der in seiner Profikarriere erst einmal – damals noch beim polnischen Erstligisten Wisla Plock – mit einem Meniskusriss länger ausgefallen war, kam wieder in die Spur. Er arbeitete für sein Comeback, die Fortschritte motivierten ihn. „Ich habe gemerkt, dass es geht“, sagt er. Im Dezember kehrte er in die Halle zurück. Während das Team normal trainierte, absolvierte er nebenher sein Aufbauprogramm. Über die Weihnachtsfeiertage verzichtete er auf einen Heimaturlaub: „Ich bin in Minden geblieben, um bei unserm Physio Philipp Roessler soviel wie möglich zu trainieren. Ich brauche jede Trainingseinheit.“ Am vergangenen Mittwoch war es dann soweit: Er nahm erstmals wieder ganz normal am ersten Mannschaftstraining nach der Winterpause teil. Noch ohne Vollkontakt, dafür erhält er erst am kommenden Dienstag bei der Abschlussuntersuchung die Freigabe, wenn alles nach Plan läuft.

„Das hat sich gut angefühlt“, sagt der bullige Sportler über die erste echte Übungseinheit. Doch die Rückkehr in die im Sommer umfänglich neu aufgestellte Mannschaft war speziell. „Das war ein seltsames Gefühl. Ich komme zurück und alles ist neu. Ich habe das Gefühl, ich muss mich neu beweisen und meine Rolle neu finden. Früher habe ich vor dem Training mit jedem Spieler kurz gesprochen, am Mittwoch stand ich da, wie ein neuer Spieler und wusste erst gar nicht, was ich sagen soll“, beschreibt Pusica seine Eindrücke: „Das war fast wie beim ersten Mal.“

Doch er ist zurück im Teamtraining. Das ist gut für ihn und gut für GWD. Denn der heimische Bundesligist hat großen Bedarf an einer Verstärkung. Bereits im Dezember suchte man nach einer Hilfe für die Defensive. Spätestens mit der Verletzung von Abwehrchef Max Janke, der mit einem Mittelhandbruch noch bis Mitte März auszufallen droht, ist die Not gewachsen. Auf dem Markt war bislang keine Nachverpflichtung zu finden. Der Wechsel Mait Patrails von den Rhein-Neckar Löwen ließ sich bis jetzt noch nicht realisieren. Nun eröffnet sich eine neue Alternative: Pusica, der seit 2017 für GWD spielt, könnte die Lücke vielleicht füllen.

Der 2,02 Meter große Serbe, der neben Max Staar und Mats Korte dienstältester Profi im Mindener Kader ist, bringt in Bestform exakt die Qualitäten mit, die Trainer Frank Carstens beim Tabellenletzten sucht: Er ist physisch stark, erfahren, steht im Abwehrzentrum seinen Mann und kann auch im Angriff für Entlastung sorgen. Und ganz nebenbei ist – oder jedenfalls war – er eingespielt mit den anderen Innenblockern Lucas Meister und Joschua Thiele.

Sein Trainer Frank Carstens schätzt die Lage vor einigen Tagen mit Blick auf den Start in den zweiten Saisonabschnitt Anfang Februar vorsichtig ein: „Miljan hat jetzt ein Jahr kein Handball gespielt. Er trainiert, aber erstmal ohne Kontakt. Er ist noch weit von Bundesliga entfernt. Es würde sich schön ergeben, wenn er wieder ins Team rutschen würde, aber dazu kann man seriös im Moment keine Prognose abgeben.“

Auch Pusica ist realistisch. „Ich habe jetzt bis zum ersten Spiel einen Monat, um mit der Mannschaft voll zu trainieren. Dann müssen wir sehen, ob es reicht und ob ich gut genug bin. Das muss Frank entscheiden.“ Der Vertrag des Serben läuft Ende Januar aus. Zuletzt hat die Berufsgenossenschaft die Bezüge Pusicas übernommen. Nun muss man bei GWD erwägen, ob man dem einstigen Abwehrboss einen Folgevertrag anbietet. „Ich würde gerne bleiben“, sagt der Sportler und gibt offen zu: „Ich habe im Moment nach einem Jahr Pause nicht viele Optionen.“

Er ist zuversichtlich, die noch überzähligen Pfunde abzutrainieren („Das geht bei mir schnell“), doch auf das Gewicht allein kommt es nicht an. Pusica weiß, dass die Situation auch für GWD nicht einfach ist, zumal die Entscheidung über eine Verlängerung seines Vertrags nicht erst zum Monatsende getroffen werden kann: „Vielleicht findet GWD noch den Spieler, den man gerade sucht. Vielleicht auch nicht. Wenn sie keinen Spieler finden und Frank mit meiner Performance zufrieden ist, dann bleibe ich gern. Ich muss trainieren, dann sehen wir, was geht.“ Die Vertragsverlängerung wäre für ihn die Kirsche auf der Sahne. Zunächst einmal ist er froh, dass er wieder voll im Leben steht: "Ich war kaputt und jetzt bin ich wieder da." Das ist das wichtigste.

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