Alles hängt an einem Mann: GWD Minden plant das neue Team Marcus Riechmann Minden. Die Pause war ungewöhnlich lang. Aber sie war nötig. Zehn Monate Handball-Bundesliga im Zeichen der Corona-Pandemie haben beim Handball-Bundesligisten GWD Minden Spuren hinterlassen. „Der Akku war absolut leer“, erzählt Sportgeschäftsführer Frank von Behren. Auch Trainer Frank Carstens hatte die Auszeit nötig. „Das war das intensivste Jahr meiner Laufbahn. Obwohl wir so wenige Spiele haben, hatten wir sehr viel Arbeit. Vieles war ungewiss, vieles neu. Die Routinen fehlen, man muss permanent bereit sein, auf Veränderungen zu reagieren“, beschreibt der Coach die Besonderheiten der Corona-Situation, zu der sich weitere Probleme addierten: Das Jahr war mit dem Umzug nach Lübbecke und dem ständigen Wechsel der Trainingsstätte eine fortlaufende Improvisation. Zum Abschluss bitterer Corona-Monate, die zwischenzeitlich das gesamte Team in nervenzehrender Quarantäne sahen, sorgte die Pandemie ironischerweise für einen süßen Jahresabschluss: Weil das Feiertagsspiel bei FA Göppingen absagt werden musste, durften die GWD-Profis erstmals bereits vor den Weihnachtstagen in den Winterurlaub gehen – mit einem stärkenden 23:20-Heimerfolg gegen den SC Leipzig und damit dem vierten Saisonsieg im Gepäck. Nun läuft die Vorbereitung auf den zweiten Saisonabschnitt. Nach den Medizinchecks hat der Coach das Team bis auf die drei WM-Fahrer Juri Knorr, Kevin Gulliksen und Aliaksandr Padshyvalau wieder zum Training in der Halle versammelt. Nach bisher zwölf von 38 Spielen steht der Großteil der Saison noch bevor. Dass es regulär zu Ende geht, glaubt von Behren nicht: „30, vielleicht 32 Spiele. Mehr schaffen wir nicht“, glaubt der Manager an eine Wertung über die Quotientenregel. Mit Platz 15 und 10:14 Punkte liegt GWD derzeit im Soll. Vier Siege gelangen, darunter der Heimerfolg gegen Leipzig. „Das war ganz wichtig. Wahnsinn, wie die Mannschaft das trotz aller Probleme umgesetzt hat“, weiß von Behren um die Bedeutung des letzten Spiel des Jahres 2020, das GWD ein Polster auf die vier Abstiegsplätze beschert hat. Drei Punkte liegt Minden vor Balingen, dem nächsten Gegner am 6. Februar. Die kommenden Monate bis zum letzten Spiel bei der HSG Wetzlar am 27. Juni haben es in sich. Sechs Begegnungen, darunter drei Nachholspiele, warten allein in drei Februar-Wochen auf GWD. Frank Carstens bereitet das Team auf den Re-Start vor. Er wünscht sich, dass seine Männer besser aus der Pause kommen, als das zum Saisonstart oder nach der November-Quarantäne gelang: „Der Start ist bisher nicht ganz so unsere Stärke gewesen. Das muss und soll jetzt besser werden.“ Der Trainer blickt mit gemischten Gefühlen auf den ersten Saisonteil zurück. Die Vorbereitung sei trotz der besonderen Corona-Umstände gut verlaufen. „Da haben alle super mitgezogen“, sagt er. Doch der Umbruch war nicht leicht zu gestalten: Zwar waren nur drei Stammspieler im Sommer gegangen: Marian Michalczik, Magnus Gullerud und Espen Christensen. „Aber gefühlt ist mehr passiert“, sagt von Behren. Carstens hebt hervor: „Vor allem Marian ist als Dreh- und Angelpunkt des Spiels weggebrochen. Ihn zu ersetzen, war nicht einfach. Das brauchte in vielerlei Hinsicht Zeit.“ Das zeigte sich beim Saisonstart Anfang Oktober, „aber wir haben uns stetig entwickelt mit dem Berlin-Sieg als ersten Höhepunkt“, beschreibt Carstens. Eine Woche später wurde dem Team mit einem 26:41 beim THW Kiel die Luft abgelassen. „Das war bitter, aber Kiel hat das ernst genommen und das Ding durchgezogen“, sagt Carstens über die derbe Niederlage. Dann erkrankte Juri Knorr an Corona, das Team wurde unter Quarantäne gestellt. „Das hat uns schwer getroffen“, blickt Carstens zurück. Die Zwangspause hatte Folgen. Bei der Rückkehr in den Spielbetrieb gab es beim Keller-Konkurrenten Eulen Ludwigshafen eine 24:30-Niederlage. „Das war sicher das schlechteste Spiel von uns. Wir waren überhaupt nicht bereit dieses Spiel zu spielen, die Eulen schon“, erinnert sich Carstens. Danach setzte eine Krisenstimmung ein, viele Gespräche folgten. Am Ende, so berichten Carstens und von Behren, stand bei allen eine klare Erkenntnis: Wir wollen das ändern. Die Wende gelang: Dem 30:29-Zittersieg gegen Tusem Essen folgte zwar noch ein 26:30 in Stuttgart, doch es ging aufwärts. GWD gewann das Derby gegen Lemgo 28:23, punktete in Erlangen (21:21) und feierte schließlich den Heimsieg gegen Leipzig. Das Team zeigte Nehmer-Qualitäten. „Wir sind personell gebeutelt worden“, sagt von Behren: Nach Christoph Reißky (Schulter-OP) schmerzten die Ausfälle von Spielmacher Juri Knorr (Corona) und des Abwehr-Innenblocks mit Lucas Meister (Sehnenabriss im Arm) und Miljan Pusica (Kreuzbandriss), die sich beide im Heimspiel gegen den TBV Lemgo schwer verletzten und noch Monate fehlen werden. „Das hat die Mannschaft gut kompensiert“, lobt von Behren. Mit den Sommer-Zugängen Doruk Pehlivan und Joshua Thiele, die beide wenig Erstliga-Erfahrung besitzen, funktionierte die Abwehr. „Die haben das gerockt“, sagt von Behren und hebt einen dritten Spieler hervor: Justus Richtzenhain ersetzte den Schweizer Nationalspieler Meister am Kreis blendend. „Justus hat sich phänomenal entwickelt“, sagt von Behren über das Eigengewächs, das auch in der Abwehr mehr Verantwortung übernehmen soll. Über die Entwicklungen bei Pehlivan, Thiele, Richtzenhain oder auch bei Ersatz-Mittelmann Simon Strakeljahn sagt der Sportchef: „Darauf können wir stolz sein, und daran kann man die Leistung bewerten, die Frank Carsten hier abliefert.“ Richtzenhain liegt ein Angebot des Zweitliga-Spitzenreiters HSV Hamburg vor, doch von Behren möchte den Kreisläufer unbedingt halten und hat einen Zwei-Jahres-Vertrag vorgelegt: „Wir haben ihm eine Zukunft aufgezeigt. Er kann den Weg jetzt bei uns weitergehen.“ Bereits einig ist er sich mit einem neuen Rückraumspieler, der als Sofort-Ersatz für Pusica nächste Woche vorgestellt werden soll. Von Behren muss ein großes Personalpuzzle zusammenlegen. In Juri Knorr, Christoffer Rambo und Kevin Gulliksen gehen drei Schlüsselspieler. Weitere Verträge wie die von Pusica, Torwart Malte Semisch oder Padshyvalau laufen aus. „Ich freue mich auf die nächsten Wochen, wir können die Zukunft gestalten“, geht von Behren das Thema trotz leicht geschmolzenem Etat optimistisch an. Erste Priorität hat die Verpflichtung eines neuen Spielmachers in der Nachfolge von Knorr. Von dieser Personalie und den damit entstehenden Kosten hängt fast alles andere ab. „Wir haben uns einen Namen als Sprungbrett für Talente gemacht, aber Geld wollen die Spieler trotzdem verdienen. Aber wir haben finanzielle Grenzen“, sagt von Behren und weist darauf hin, dass die Personalentscheidungen eng miteinander verwoben sind: „Da läuft vieles parallel.“ Ihm ist bewusst, dass Härten und auch Risiken entstehen: „Die Spieler, deren Verträge auslaufen, wollen ja wissen, wie es weitergeht.“ Doch einige Antworten kann und will er noch nicht geben – auch auf die Gefahr hin, dass sich die Spieler neu orientieren. Aber erst muss ein neuer Spielmacher her.

Alles hängt an einem Mann: GWD Minden plant das neue Team

Frank Carstens zeigt den Weg. Der soll GWD Minden zum Klassenerhalt und in ein weiteres Bundesliga-Jahr führen. Foto: Noah Wedel © Noah Wedel

Minden. Die Pause war ungewöhnlich lang. Aber sie war nötig. Zehn Monate Handball-Bundesliga im Zeichen der Corona-Pandemie haben beim Handball-Bundesligisten GWD Minden Spuren hinterlassen. „Der Akku war absolut leer“, erzählt Sportgeschäftsführer Frank von Behren. Auch Trainer Frank Carstens hatte die Auszeit nötig. „Das war das intensivste Jahr meiner Laufbahn. Obwohl wir so wenige Spiele haben, hatten wir sehr viel Arbeit. Vieles war ungewiss, vieles neu. Die Routinen fehlen, man muss permanent bereit sein, auf Veränderungen zu reagieren“, beschreibt der Coach die Besonderheiten der Corona-Situation, zu der sich weitere Probleme addierten: Das Jahr war mit dem Umzug nach Lübbecke und dem ständigen Wechsel der Trainingsstätte eine fortlaufende Improvisation.

Zum Abschluss bitterer Corona-Monate, die zwischenzeitlich das gesamte Team in nervenzehrender Quarantäne sahen, sorgte die Pandemie ironischerweise für einen süßen Jahresabschluss: Weil das Feiertagsspiel bei FA Göppingen absagt werden musste, durften die GWD-Profis erstmals bereits vor den Weihnachtstagen in den Winterurlaub gehen – mit einem stärkenden 23:20-Heimerfolg gegen den SC Leipzig und damit dem vierten Saisonsieg im Gepäck.

Nun läuft die Vorbereitung auf den zweiten Saisonabschnitt. Nach den Medizinchecks hat der Coach das Team bis auf die drei WM-Fahrer Juri Knorr, Kevin Gulliksen und Aliaksandr Padshyvalau wieder zum Training in der Halle versammelt. Nach bisher zwölf von 38 Spielen steht der Großteil der Saison noch bevor. Dass es regulär zu Ende geht, glaubt von Behren nicht: „30, vielleicht 32 Spiele. Mehr schaffen wir nicht“, glaubt der Manager an eine Wertung über die Quotientenregel.

Mit Platz 15 und 10:14 Punkte liegt GWD derzeit im Soll. Vier Siege gelangen, darunter der Heimerfolg gegen Leipzig. „Das war ganz wichtig. Wahnsinn, wie die Mannschaft das trotz aller Probleme umgesetzt hat“, weiß von Behren um die Bedeutung des letzten Spiel des Jahres 2020, das GWD ein Polster auf die vier Abstiegsplätze beschert hat. Drei Punkte liegt Minden vor Balingen, dem nächsten Gegner am 6. Februar.

Die kommenden Monate bis zum letzten Spiel bei der HSG Wetzlar am 27. Juni haben es in sich. Sechs Begegnungen, darunter drei Nachholspiele, warten allein in drei Februar-Wochen auf GWD. Frank Carstens bereitet das Team auf den Re-Start vor. Er wünscht sich, dass seine Männer besser aus der Pause kommen, als das zum Saisonstart oder nach der November-Quarantäne gelang: „Der Start ist bisher nicht ganz so unsere Stärke gewesen. Das muss und soll jetzt besser werden.“

Der Trainer blickt mit gemischten Gefühlen auf den ersten Saisonteil zurück. Die Vorbereitung sei trotz der besonderen Corona-Umstände gut verlaufen. „Da haben alle super mitgezogen“, sagt er. Doch der Umbruch war nicht leicht zu gestalten: Zwar waren nur drei Stammspieler im Sommer gegangen: Marian Michalczik, Magnus Gullerud und Espen Christensen. „Aber gefühlt ist mehr passiert“, sagt von Behren. Carstens hebt hervor: „Vor allem Marian ist als Dreh- und Angelpunkt des Spiels weggebrochen. Ihn zu ersetzen, war nicht einfach. Das brauchte in vielerlei Hinsicht Zeit.“

Das zeigte sich beim Saisonstart Anfang Oktober, „aber wir haben uns stetig entwickelt mit dem Berlin-Sieg als ersten Höhepunkt“, beschreibt Carstens. Eine Woche später wurde dem Team mit einem 26:41 beim THW Kiel die Luft abgelassen. „Das war bitter, aber Kiel hat das ernst genommen und das Ding durchgezogen“, sagt Carstens über die derbe Niederlage.

Dann erkrankte Juri Knorr an Corona, das Team wurde unter Quarantäne gestellt. „Das hat uns schwer getroffen“, blickt Carstens zurück. Die Zwangspause hatte Folgen. Bei der Rückkehr in den Spielbetrieb gab es beim Keller-Konkurrenten Eulen Ludwigshafen eine 24:30-Niederlage. „Das war sicher das schlechteste Spiel von uns. Wir waren überhaupt nicht bereit dieses Spiel zu spielen, die Eulen schon“, erinnert sich Carstens. Danach setzte eine Krisenstimmung ein, viele Gespräche folgten. Am Ende, so berichten Carstens und von Behren, stand bei allen eine klare Erkenntnis: Wir wollen das ändern.

Die Wende gelang: Dem 30:29-Zittersieg gegen Tusem Essen folgte zwar noch ein 26:30 in Stuttgart, doch es ging aufwärts. GWD gewann das Derby gegen Lemgo 28:23, punktete in Erlangen (21:21) und feierte schließlich den Heimsieg gegen Leipzig. Das Team zeigte Nehmer-Qualitäten. „Wir sind personell gebeutelt worden“, sagt von Behren: Nach Christoph Reißky (Schulter-OP) schmerzten die Ausfälle von Spielmacher Juri Knorr (Corona) und des Abwehr-Innenblocks mit Lucas Meister (Sehnenabriss im Arm) und Miljan Pusica (Kreuzbandriss), die sich beide im Heimspiel gegen den TBV Lemgo schwer verletzten und noch Monate fehlen werden.

„Das hat die Mannschaft gut kompensiert“, lobt von Behren. Mit den Sommer-Zugängen Doruk Pehlivan und Joshua Thiele, die beide wenig Erstliga-Erfahrung besitzen, funktionierte die Abwehr. „Die haben das gerockt“, sagt von Behren und hebt einen dritten Spieler hervor: Justus Richtzenhain ersetzte den Schweizer Nationalspieler Meister am Kreis blendend. „Justus hat sich phänomenal entwickelt“, sagt von Behren über das Eigengewächs, das auch in der Abwehr mehr Verantwortung übernehmen soll. Über die Entwicklungen bei Pehlivan, Thiele, Richtzenhain oder auch bei Ersatz-Mittelmann Simon Strakeljahn sagt der Sportchef: „Darauf können wir stolz sein, und daran kann man die Leistung bewerten, die Frank Carsten hier abliefert.“

Richtzenhain liegt ein Angebot des Zweitliga-Spitzenreiters HSV Hamburg vor, doch von Behren möchte den Kreisläufer unbedingt halten und hat einen Zwei-Jahres-Vertrag vorgelegt: „Wir haben ihm eine Zukunft aufgezeigt. Er kann den Weg jetzt bei uns weitergehen.“ Bereits einig ist er sich mit einem neuen Rückraumspieler, der als Sofort-Ersatz für Pusica nächste Woche vorgestellt werden soll.

Von Behren muss ein großes Personalpuzzle zusammenlegen. In Juri Knorr, Christoffer Rambo und Kevin Gulliksen gehen drei Schlüsselspieler. Weitere Verträge wie die von Pusica, Torwart Malte Semisch oder Padshyvalau laufen aus. „Ich freue mich auf die nächsten Wochen, wir können die Zukunft gestalten“, geht von Behren das Thema trotz leicht geschmolzenem Etat optimistisch an. Erste Priorität hat die Verpflichtung eines neuen Spielmachers in der Nachfolge von Knorr. Von dieser Personalie und den damit entstehenden Kosten hängt fast alles andere ab. „Wir haben uns einen Namen als Sprungbrett für Talente gemacht, aber Geld wollen die Spieler trotzdem verdienen. Aber wir haben finanzielle Grenzen“, sagt von Behren und weist darauf hin, dass die Personalentscheidungen eng miteinander verwoben sind: „Da läuft vieles parallel.“ Ihm ist bewusst, dass Härten und auch Risiken entstehen: „Die Spieler, deren Verträge auslaufen, wollen ja wissen, wie es weitergeht.“ Doch einige Antworten kann und will er noch nicht geben – auch auf die Gefahr hin, dass sich die Spieler neu orientieren. Aber erst muss ein neuer Spielmacher her.

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