„Wir sind wie Brüder“: Nach seiner Flucht aus Syrien fühlt sich Rodenbecks Kapitän in Minden heimisch Fabian Terwey Minden. Fußball spielte Alhaj Osman bereits in seiner Heimatstadt Aleppo. Rund drei Jahre nach seiner Flucht aus Syrien fühlt sich der 43-Jährige in Deutschland und auf den Plätzen im Mühlenkreis zu Hause. Geholfen hat ihm dabei der heutige B-Kreisligist SC Rodenbeck. Im gleichnamigen Mindener Stadtteil sind viele Flüchtlinge wie Alhaj Osman heimisch geworden. Die seit 2017 bestehende Fußball-Abteilung des 2013 gegründeten Vereins entstand, nachdem sich einige von ihnen regelmäßig am Jugendhaus Westside am Piwittskamp zum Fußballspielen getroffen hatten. Die Mannschaft aus Spielern, deren Völker sich teilweise an Fronten gegenüberstehen, führt der dreifache Familienvater Alhaj Osman seit Bestehen als Kapitän aufs Feld. Im MT-Interview zur Corona-Pause spricht der Verteidiger über die Bedeutung des Vereins beim Einleben in Deutschland, seine Flucht vor dem Krieg und er erklärt die sportliche Krise des derzeitigen Tabellenletzten. Herr Osman, Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern der Rodenbecker Fußball-Abteilung und sind seitdem Kapitän. Was bedeutet der Klub für Sie? Der Verein bedeutet mir viel. Hier spielen zahlreiche verschiedene Kulturen und Anhänger unterschiedlicher Religionsgemeinschaften zusammen: Ob Araber, Afghanen, Kurden, Jesiden, Muslime oder Christen. Und es gibt keine Probleme. Wir sind trotz der unterschiedlichen Herkunft alle wie Brüder und respektieren uns. Es ist eine besondere Ehre, Kapitän dieser Mannschaft zu sein. Wie sehr fehlt diese Gemeinschaft in der aktuellen Corona-Krise? Sehr. Auch abseits des Fußballplatzes können wir uns im Moment nicht treffen. Zwölf, 13 Spieler von uns haben Familie. Zusammen sind wir vor der Pandemie häufig an die Weser gegangen. Das geht leider momentan nicht in der großen Gruppe. 2017 gründete sich die Fußball-Abteilung. Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfangszeit? Ich habe damals mit meiner Familie in Rodenbeck gewohnt. Wir waren sieben, acht Leute, die jeden Tag auf dem Platz an der Realschule Fußball gespielt haben. Eines Tages hat uns unser heutiger Trainer Ahmed Mejri gesehen. Er fragte mich, ob wir uns vorstellen könnten, in einer Liga als Mannschaft zu spielen. Ich war gerade erst ein Jahr in Deutschland und hatte keine Ahnung, wie man einen Verein gründet. Von da an ging es ganz schnell. Wie sind Sie nach Deutschland gekommen? Ich bin Kurde. Ende 2015 bin ich mit meiner Frau, meiner Tochter und meinen zwei Söhnen aus Syrien geflohen. Eine schwere Zeit. Über die Türkei sind wir mit dem Boot nach Griechenland gekommen. Weil die Grenze zu war, mussten wir 20 Tage lang dort bleiben. Nach weiteren Aufenthalten in Mazedonien, Serbien und Ungarn sind wir schließlich nach Deutschland gekommen. Einen Monat lang haben wir draußen unter freiem Himmel geschlafen. Schließlich sind Sie in Rodenbeck gelandet. Wir waren zunächst in Bielefeld in einem Flüchtlingslager untergebracht. Weil mein Bruder schon seit 1974 in Rodenbeck wohnte, konnten wir schon kurz nach unserer Ankunft zu ihm ziehen. Das war perfekt, um sich in Deutschland einzuleben. Mittlerweile wohnen wir als Familie zu fünft in einer Wohnung in Dankersen. Inwieweit haben der SC Rodenbeck und Trainer Ahmed Mejri die Eingewöhnung in Deutschland erleichtert? Es hat geholfen, weil viele in der Mannschaft dieselbe Sprache gesprochen haben. Das Training war größtenteils auf Deutsch. Ahmed ist viel mehr als nur der Trainer. Er ist unser Freund und der Mann für alles neben dem Platz. Er macht zum Beispiel alles Mögliche an Papierkram für uns. Gleich in der ersten Saison nach der Gründung sind Sie mit Ihrer Mannschaft aus der Kreisliga C in die Kreisliga B aufgestiegen. In der laufenden Spielzeit ist das Team sieglos Tabellenletzter. Woran liegt das? Zur Anfangszeit hatten wir sehr viele gute Spieler dabei. Einige von ihnen sind nach und nach zu anderen Klubs abgewandert. Zur Zeit ist der Großteil der Mannschaft über 40 Jahre alt. So konnten wir mit den anderen Teams nicht mithalten. In der vergangenen Saison gab es zwei negative Vorfälle abseits des Sportlichen. Ihr Verein wurde für Schiedsrichter-Beleidigungen jeweils mit Ordnungsgeldern belangt. Unter anderem hatte es einen Spielabbruch gegen Türk SV Minden gegeben. Was sagen Sie zu solchen Vorfällen? Beleidigungen gehören sich nicht. Es ist nicht gut, wenn so etwas passiert. Auch für die Außendarstellung des Vereins nicht. Als Kapitän versuche ich, das Ganze in solchen Fällen mit dem jeweiligen Spieler zu klären, damit es nicht wieder passiert. Derzeit ist offen, ob die pausierende Saison fortgesetzt wird. Welchen Wunsch haben Sie, wie es weitergeht? Bei einer Annullierung der Saison würde der Verein schließlich dem Abstieg entgehen. Ich hoffe, wir können bald wieder spielen. Wir haben jetzt vier, fünf jüngere Leute dazubekommen. Mit ihnen wollen wir zeigen, dass wir besser sind als der derzeitige Tabellenplatz. Anmerkung der Redaktion: Bei wenigen Verständnisproblemen auf Deutsch half Alhaj Osmans 15-jähriger Sohn Rudi während des Interviews aus.

„Wir sind wie Brüder“: Nach seiner Flucht aus Syrien fühlt sich Rodenbecks Kapitän in Minden heimisch

Laufduell: SC Rodenbecks Kapitän Alhaj Osman (rechts) im Spiel gegen den TuS Holzhausen/Porta in der Saison 2018/19. Doto: Daniel Branahl © Daniel Branahl

Minden. Fußball spielte Alhaj Osman bereits in seiner Heimatstadt Aleppo. Rund drei Jahre nach seiner Flucht aus Syrien fühlt sich der 43-Jährige in Deutschland und auf den Plätzen im Mühlenkreis zu Hause. Geholfen hat ihm dabei der heutige B-Kreisligist SC Rodenbeck. Im gleichnamigen Mindener Stadtteil sind viele Flüchtlinge wie Alhaj Osman heimisch geworden. Die seit 2017 bestehende Fußball-Abteilung des 2013 gegründeten Vereins entstand, nachdem sich einige von ihnen regelmäßig am Jugendhaus Westside am Piwittskamp zum Fußballspielen getroffen hatten. Die Mannschaft aus Spielern, deren Völker sich teilweise an Fronten gegenüberstehen, führt der dreifache Familienvater Alhaj Osman seit Bestehen als Kapitän aufs Feld. Im MT-Interview zur Corona-Pause spricht der Verteidiger über die Bedeutung des Vereins beim Einleben in Deutschland, seine Flucht vor dem Krieg und er erklärt die sportliche Krise des derzeitigen Tabellenletzten.

Herr Osman, Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern der Rodenbecker Fußball-Abteilung und sind seitdem Kapitän. Was bedeutet der Klub für Sie?

Der Verein bedeutet mir viel. Hier spielen zahlreiche verschiedene Kulturen und Anhänger unterschiedlicher Religionsgemeinschaften zusammen: Ob Araber, Afghanen, Kurden, Jesiden, Muslime oder Christen. Und es gibt keine Probleme. Wir sind trotz der unterschiedlichen Herkunft alle wie Brüder und respektieren uns. Es ist eine besondere Ehre, Kapitän dieser Mannschaft zu sein.

Alhaj Osman, Kapitän des Fußball-B-Kreisligisten SC Rodenbeck. Foto: privat - © privat
Alhaj Osman, Kapitän des Fußball-B-Kreisligisten SC Rodenbeck. Foto: privat - © privat

Wie sehr fehlt diese Gemeinschaft in der aktuellen Corona-Krise?

Sehr. Auch abseits des Fußballplatzes können wir uns im Moment nicht treffen. Zwölf, 13 Spieler von uns haben Familie. Zusammen sind wir vor der Pandemie häufig an die Weser gegangen. Das geht leider momentan nicht in der großen Gruppe.

2017 gründete sich die Fußball-Abteilung. Welche Erinnerungen haben Sie an die Anfangszeit?

Ich habe damals mit meiner Familie in Rodenbeck gewohnt. Wir waren sieben, acht Leute, die jeden Tag auf dem Platz an der Realschule Fußball gespielt haben. Eines Tages hat uns unser heutiger Trainer Ahmed Mejri gesehen. Er fragte mich, ob wir uns vorstellen könnten, in einer Liga als Mannschaft zu spielen. Ich war gerade erst ein Jahr in Deutschland und hatte keine Ahnung, wie man einen Verein gründet. Von da an ging es ganz schnell.

Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Ich bin Kurde. Ende 2015 bin ich mit meiner Frau, meiner Tochter und meinen zwei Söhnen aus Syrien geflohen. Eine schwere Zeit. Über die Türkei sind wir mit dem Boot nach Griechenland gekommen. Weil die Grenze zu war, mussten wir 20 Tage lang dort bleiben. Nach weiteren Aufenthalten in Mazedonien, Serbien und Ungarn sind wir schließlich nach Deutschland gekommen. Einen Monat lang haben wir draußen unter freiem Himmel geschlafen.

Schließlich sind Sie in Rodenbeck gelandet.

Wir waren zunächst in Bielefeld in einem Flüchtlingslager untergebracht. Weil mein Bruder schon seit 1974 in Rodenbeck wohnte, konnten wir schon kurz nach unserer Ankunft zu ihm ziehen. Das war perfekt, um sich in Deutschland einzuleben. Mittlerweile wohnen wir als Familie zu fünft in einer Wohnung in Dankersen.

Inwieweit haben der SC Rodenbeck und Trainer Ahmed Mejri die Eingewöhnung in Deutschland erleichtert?

Es hat geholfen, weil viele in der Mannschaft dieselbe Sprache gesprochen haben. Das Training war größtenteils auf Deutsch. Ahmed ist viel mehr als nur der Trainer. Er ist unser Freund und der Mann für alles neben dem Platz. Er macht zum Beispiel alles Mögliche an Papierkram für uns.

Gleich in der ersten Saison nach der Gründung sind Sie mit Ihrer Mannschaft aus der Kreisliga C in die Kreisliga B aufgestiegen. In der laufenden Spielzeit ist das Team sieglos Tabellenletzter. Woran liegt das?

Zur Anfangszeit hatten wir sehr viele gute Spieler dabei. Einige von ihnen sind nach und nach zu anderen Klubs abgewandert. Zur Zeit ist der Großteil der Mannschaft über 40 Jahre alt. So konnten wir mit den anderen Teams nicht mithalten.

In der vergangenen Saison gab es zwei negative Vorfälle abseits des Sportlichen. Ihr Verein wurde für Schiedsrichter-Beleidigungen jeweils mit Ordnungsgeldern belangt. Unter anderem hatte es einen Spielabbruch gegen Türk SV Minden gegeben. Was sagen Sie zu solchen Vorfällen?

Beleidigungen gehören sich nicht. Es ist nicht gut, wenn so etwas passiert. Auch für die Außendarstellung des Vereins nicht. Als Kapitän versuche ich, das Ganze in solchen Fällen mit dem jeweiligen Spieler zu klären, damit es nicht wieder passiert.

Derzeit ist offen, ob die pausierende Saison fortgesetzt wird. Welchen Wunsch haben Sie, wie es weitergeht? Bei einer Annullierung der Saison würde der Verein schließlich dem Abstieg entgehen.

Ich hoffe, wir können bald wieder spielen. Wir haben jetzt vier, fünf jüngere Leute dazubekommen. Mit ihnen wollen wir zeigen, dass wir besser sind als der derzeitige Tabellenplatz.

Anmerkung der Redaktion: Bei wenigen Verständnisproblemen auf Deutsch half Alhaj Osmans 15-jähriger Sohn Rudi während des Interviews aus.

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