Startet die Fußballsaison wieder, wartet ein voller Terminkalender - ist das für Schiedsrichter noch leistbar? Astrid Plaßhenrich Minden. Thomas Schickentanz ist verhalten optimistisch. „Ich hoffe, dass im März wieder Fußball gespielt werden kann", sagt der Vorsitzende des Fußballkreises Minden, um gleich anzuschließen: „Niemand weiß, wie sich die Pandemie in den kommenden Wochen entwickelt und wann die Politik grünes Licht gibt." Fest steht: Sollte die Saison im Frühjahr fortgesetzt werden, ist ein Mammutprogramm zu bewältigen. Es ist davon auszugehen, dass nahezu an jedem Tag in der Woche in der Region ein Pflichtspiel ausgetragen werden muss, damit die Saison gewertet werden kann. Allerdings fehlen Schiedsrichter, um jede Partie zu besetzen. Die Vereine stehen in der Pflicht. Das Problem ist offensichtlich: Der Fußballkreis hat aktuell knapp 90 Schiedsrichter, etwa 130 werden aber benötigt, um jeden Spieltag für alle Partien einen Unparteiischen zu stellen. Viele Vereine erfüllen seit Jahren nicht das geforderte Schiedsrichter-Kontingent. Sie müssen Ordnungsgelder zahlen. Für das dritte Quartal vergangenen Jahres veranschlagte der Verband im Fußballkreis Minden Bußgelder in Höhe von 3.225 Euro. 22 Klubs sind betroffen. Um im Frühjahr das zu erwartende Plus an Spiele zu gewährleisten, müssen die Unparteiischen theoretisch mehr Partien in der Woche pfeifen. „Wir haben zum Glück die positiv Verrückten, die sechs bis acht Spiele im Monat pfeifen", sagt Thomas Schickentanz, selbst Schiedsrichter für den FC Bad Oeynhausen, „ansonsten könnten wir schon den normalen Spielbetrieb nicht aufrecht erhalten." In der Regel leiten Unparteiische drei bis vier Spiele im Monat. Viel mehr kann Lucas Krämer auch nicht schaffen. Der 25-Jährige wohnt inzwischen in Hannover, fühlt sich seinem Heimatverein TuS Volmerdingsen aber noch so sehr verbunden, dass er für ihn pfeift. Um im Fußballkreis Minden im Einsatz zu sein, muss der Investment- und Finanzberater pro Strecke eine Stunde Fahrtzeit einplanen. Hinzu kommt eine gewisse Vorbereitungszeit vor Ort. Dieser Zeitaufwand ist für Krämer neben dem Beruf unter der Woche nur in seltenen Fällen zu stemmen, zumal er bis zur Landesliga pfeift und er auch schon mal bei Spielen im Ruhrgebiet angesetzt wird. Sein Kollege André Pulter, erster Lehrwart und stellvertretender Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses, nimmt sich sogar einen halben Tag frei, um in der Oberliga als Assistenz an der Linie zu stehen. Das geht mal, aber nicht regelmäßig. Auch Johannes Kuse vom SV Hausberge sagt: „Lange Fahrtzeiten müssen unter der Woche vermieden werden. Es wäre sinnvoll, wenn wir höchstens in den Nachbarkreisen eingesetzt werden." Krämer, Pulter, Kuse und Schickentanz – sie alle betreiben ihr Hobby wie ihre Kollegen auch mit großer Leidenschaft, pfeifen gerne und viel. Aber sie alle sehen auf die Unparteiischen nach dem Re-Start ein erhöhtes Stresslevel zukommen. Über einen überschaubaren Zeitraum ist der zu händeln, meint Pulter: „Sicherlich können wir zwei bis drei Spiele in der Woche leiten, aber nicht über Monate." So sieht es auch Krämer, der einer kräftezehrenden Zeit entgegenblickt. In Landesligaspielen legt er zwischen neun und elf Kilometer zurück. Der gesundheitliche Aspekt muss im Mittelpunkt stehen. Da sind sich alle einig. Einige Kollegen seien schließlich über 60 Jahre alt. Deshalb betont Thomas Schickentanz: „Wir werden keinen Schiedsrichter verheizen." Die Unparteiischen haben es auch selbst in der Hand, ihre Einsätze zu steuern. Über das onlinebasierte Verwaltungsprogramm DFB-net werden der Spielleitung nur Termine angezeigt, an denen die Schiedsrichter Zeit haben. Dazu hat der Kreisschiedsrichterausschuss von Anfang an erklärt, dass Mitglieder, die während der Pandemie nicht pfeifen möchten, sich nicht verpflichtet fühlen müssen. „Einige Kollegen leben mit Risikopatienten in einem Haushalt oder gehören selbst zu der Gruppe", sagt Pulter. Doch was tun, wenn an einzelnen Tagen nicht genügend Schiedsrichter zur Verfügung stehen, um alle Spiele zu besetzen? „Dann müssen die Partien in der Kreisliga C ohne Unparteiischen über die Bühne gehen und ein Spielleiter von den beiden Vereinen gestellt werden", sagt Schickentanz. Das wird bereits – wenn nötig – praktiziert. Die Priorität liegt ganz klar darauf, die überkreislichen Begegnungen zu besetzen. Dazu gehören auch Jugendspiele ab der Bezirksliga. Danach sind die Partien in der Kreisliga A an der Reihe. „Danach müssen wir abwägen, wie viele Spiele in den B-Ligen noch bestückt werden können", erklärt Schickentanz. Wichtig sei auch auf die Konstellationen zu achten. Es macht mehr Sinn, ein Derby oder ein Spitzenspiel mit einem Schiedsrichter zu besetzen als ein Mittelfeldduell. Für die Ansetzer wird das ein Puzzlespiel werden. Bleibt zu hoffen, dass der Engpass kompensiert werden kann.

Startet die Fußballsaison wieder, wartet ein voller Terminkalender - ist das für Schiedsrichter noch leistbar?

Ohne sie geht es nicht: Schiedsrichter Lucas Krämer (Mitte) pfeift für den TuS Volmerdingsen, wohnt inzwischen in Hannover und kann deswegen nur eingeschränkt Spiele leiten. Auch Maurice Fischer (2. von links) und Rames El Bana werden nach dem Neustart mehr gefordert sein. Foto: Fabian Terwey © Fabian Terwey

Minden. Thomas Schickentanz ist verhalten optimistisch. „Ich hoffe, dass im März wieder Fußball gespielt werden kann", sagt der Vorsitzende des Fußballkreises Minden, um gleich anzuschließen: „Niemand weiß, wie sich die Pandemie in den kommenden Wochen entwickelt und wann die Politik grünes Licht gibt." Fest steht: Sollte die Saison im Frühjahr fortgesetzt werden, ist ein Mammutprogramm zu bewältigen. Es ist davon auszugehen, dass nahezu an jedem Tag in der Woche in der Region ein Pflichtspiel ausgetragen werden muss, damit die Saison gewertet werden kann. Allerdings fehlen Schiedsrichter, um jede Partie zu besetzen. Die Vereine stehen in der Pflicht.

Das Problem ist offensichtlich: Der Fußballkreis hat aktuell knapp 90 Schiedsrichter, etwa 130 werden aber benötigt, um jeden Spieltag für alle Partien einen Unparteiischen zu stellen. Viele Vereine erfüllen seit Jahren nicht das geforderte Schiedsrichter-Kontingent. Sie müssen Ordnungsgelder zahlen. Für das dritte Quartal vergangenen Jahres veranschlagte der Verband im Fußballkreis Minden Bußgelder in Höhe von 3.225 Euro. 22 Klubs sind betroffen.

Um im Frühjahr das zu erwartende Plus an Spiele zu gewährleisten, müssen die Unparteiischen theoretisch mehr Partien in der Woche pfeifen. „Wir haben zum Glück die positiv Verrückten, die sechs bis acht Spiele im Monat pfeifen", sagt Thomas Schickentanz, selbst Schiedsrichter für den FC Bad Oeynhausen, „ansonsten könnten wir schon den normalen Spielbetrieb nicht aufrecht erhalten." In der Regel leiten Unparteiische drei bis vier Spiele im Monat.

Viel mehr kann Lucas Krämer auch nicht schaffen. Der 25-Jährige wohnt inzwischen in Hannover, fühlt sich seinem Heimatverein TuS Volmerdingsen aber noch so sehr verbunden, dass er für ihn pfeift. Um im Fußballkreis Minden im Einsatz zu sein, muss der Investment- und Finanzberater pro Strecke eine Stunde Fahrtzeit einplanen. Hinzu kommt eine gewisse Vorbereitungszeit vor Ort. Dieser Zeitaufwand ist für Krämer neben dem Beruf unter der Woche nur in seltenen Fällen zu stemmen, zumal er bis zur Landesliga pfeift und er auch schon mal bei Spielen im Ruhrgebiet angesetzt wird. Sein Kollege André Pulter, erster Lehrwart und stellvertretender Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses, nimmt sich sogar einen halben Tag frei, um in der Oberliga als Assistenz an der Linie zu stehen. Das geht mal, aber nicht regelmäßig. Auch Johannes Kuse vom SV Hausberge sagt: „Lange Fahrtzeiten müssen unter der Woche vermieden werden. Es wäre sinnvoll, wenn wir höchstens in den Nachbarkreisen eingesetzt werden."

Krämer, Pulter, Kuse und Schickentanz – sie alle betreiben ihr Hobby wie ihre Kollegen auch mit großer Leidenschaft, pfeifen gerne und viel. Aber sie alle sehen auf die Unparteiischen nach dem Re-Start ein erhöhtes Stresslevel zukommen. Über einen überschaubaren Zeitraum ist der zu händeln, meint Pulter: „Sicherlich können wir zwei bis drei Spiele in der Woche leiten, aber nicht über Monate." So sieht es auch Krämer, der einer kräftezehrenden Zeit entgegenblickt. In Landesligaspielen legt er zwischen neun und elf Kilometer zurück. Der gesundheitliche Aspekt muss im Mittelpunkt stehen. Da sind sich alle einig. Einige Kollegen seien schließlich über 60 Jahre alt. Deshalb betont Thomas Schickentanz: „Wir werden keinen Schiedsrichter verheizen."

Die Unparteiischen haben es auch selbst in der Hand, ihre Einsätze zu steuern. Über das onlinebasierte Verwaltungsprogramm DFB-net werden der Spielleitung nur Termine angezeigt, an denen die Schiedsrichter Zeit haben. Dazu hat der Kreisschiedsrichterausschuss von Anfang an erklärt, dass Mitglieder, die während der Pandemie nicht pfeifen möchten, sich nicht verpflichtet fühlen müssen. „Einige Kollegen leben mit Risikopatienten in einem Haushalt oder gehören selbst zu der Gruppe", sagt Pulter.

Doch was tun, wenn an einzelnen Tagen nicht genügend Schiedsrichter zur Verfügung stehen, um alle Spiele zu besetzen? „Dann müssen die Partien in der Kreisliga C ohne Unparteiischen über die Bühne gehen und ein Spielleiter von den beiden Vereinen gestellt werden", sagt Schickentanz. Das wird bereits – wenn nötig – praktiziert. Die Priorität liegt ganz klar darauf, die überkreislichen Begegnungen zu besetzen. Dazu gehören auch Jugendspiele ab der Bezirksliga. Danach sind die Partien in der Kreisliga A an der Reihe. „Danach müssen wir abwägen, wie viele Spiele in den B-Ligen noch bestückt werden können", erklärt Schickentanz. Wichtig sei auch auf die Konstellationen zu achten. Es macht mehr Sinn, ein Derby oder ein Spitzenspiel mit einem Schiedsrichter zu besetzen als ein Mittelfeldduell. Für die Ansetzer wird das ein Puzzlespiel werden. Bleibt zu hoffen, dass der Engpass kompensiert werden kann.

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