MT-Serie, Schiedsrichter: Unparteiische klären am Lehrabend ein Regelrätsel auf Fabian Terwey Minden. Es ist Montag, 19.25 Uhr. In fünf Minuten geht es los. Ein Großteil der Schiedsrichter hat im hinteren Bewirtungsraum bereits Platz genommen. Andere kommen gerade zur Tür herein – hinein in die urige Ratsklause in Meißen. Der eine trägt den Trainingsanzug seines Vereins, der andere Jeans und Hemd. Eine freundliche Begrüßung hier, ein kurzer Plausch dort. Man kennt und schätzt sich. Das Pfeifen verbindet. Und endlich ist man nicht alleine wie sonst auf dem Platz, sondern zusammen mit seinen Kollegen aus dem Fußballkreis Minden. Ein Mal im Monat treffen sich die Schiedsrichter der Kreisliga A und aufwärts zum Lehrabend. Die Referees aus der Kreisliga B und tiefer treffen sich an einem anderen Tag. In beiden Gruppen pauken die Unparteiischen die Regeln für die jährliche Leistungsüberprüfung. Die Teilnahme ist Pflicht. Und so gibt Karsten Krebs gleich zu Beginn die Anwesenheitsliste herum. Der ehemalige Unparteiische ist als Sachbearbeiter Teil des sechsköpfigen Kreis-Schiedsrichterausschusses. Die mehr als 30 Referees unterschreiben reihum und bestellen beim Wirt noch ein Getränk. „Meine lieben Kollegen“, eröffnet Schiedsrichter-Chef Udo Quast: „Ihr habt unser Shakehands-Rundschreiben bekommen. Wegen des Corona-Virus' müssen die Mannschaften nun auf das Händeschütteln verzichten. Wie es damit weitergeht, werden wir sehen. Wir halten euch auf dem Laufenden.“ Quast lässt es sich an solchen Abenden nicht nehmen, die Begrüßungsrede zu halten. „Ich müsste es nicht, aber ich stehe an der Spitze und sehe es als meine Aufgabe an“, erklärt Quast, der am vergangenen Sonntag seinen 80. Geburtstag feierte. Auf der Leinwand erstrahlt bereits die Beamer-Präsentation der beiden Lehrwarte André Pulter und Marian Zalovic. Plötzlich eilt ein weiterer Schiedsrichter zur Runde hinzu. „Du kommst wohl später, damit du persönlich vorgestellt wirst?“, fragt Quast. Pünktlich zu sein hat ein Schiedsrichter in jedem Fall mit der Bestätigung seiner Ansetzung für ein Spiel im „DFBnet“. Innerhalb von 48 Stunden, sonst drohen Geldstrafen, mahnt Quast und spricht dann einen jungen Referee persönlich an: „Du hast den Spieler auch in der 90. Minute noch vom Platz gestellt, weil er seinem Gegenspieler von hinten die Beine weggezogen hat. Das hast du richtig gemacht, mein Freund.“ Gerade trägt der Wirt das nächste Getränketablett herein, da übernimmt Pulter planungsgemäß das Wort: „Der Fußball- und Leichtathletikverband will den Spielbetrieb bislang nicht aussetzen. Es gibt aber eine eingerichtete Task Force für den Corona-Virus. Die sitzt nahezu täglich zusammen. Ob ihr Desinfektionsmittel wie dieses hier mit zum Platz nehmt, ist euch überlassen.“ Währenddessen notiert der Wirt die Getränke auf den Deckeln der Schiedsrichter. Pulter verweist unter anderem wegen der Wahl der Trikotfarbe auf die Pflicht der frühzeitigen Kontaktaufnahme mit den Mannschaften, da entbrennt eine angeregte Diskussion. „Ich möchte darauf hinweisen, dass auch die Stutzen bei den Mannschaften einheitlich sein müssen“, merkt einer an: „Es kann nicht sein, dass ein Spieler mit zehn Zentimeter langen weißen Socken über blauen Stutzen aufläuft. Ich werte das als Unsportlichkeit.“ Pulter entgegnet: „Klar ist, Blau muss Blau bleiben. Auch wenn getapet wird.“ Problem: Heutzutage sind in den Fußballschuhen teilweise die Socken eingenäht. Quast steht von seinem Platz auf: „Jetzt muss ich mal etwas dazu sagen. Weiße Socken über blauen Stutzen – das ist Neuland für mich. Diese Regel werden wir überprüfen.“ Die Diskussion um den Spezialfall leitet den Lehrteil des Abends ein. Der langjährige Schiedsrichter Manfred Büsching verliest den ersten Fall aus dem 100 Fragen umfassenden Katalog, der für die jährliche Prüfung im Mai relevant ist: „Ein Auswechselspieler läuft unerlaubt auf das Spielfeld und beleidigt den Schiedsrichter. Welche Entscheidung ist zu fällen?“ Büsching überlegt kurz: „Rote Karte und indirekter Freistoß.“ Pulter erklärt: „Richtig, denn direkten Freistoß gibt es nur, wenn auch direkt ins Spielgeschehen eingegriffen wird.“ Der nächste Unparteiische trägt vor: „Ein Abwehrspieler versucht vergeblich, den Ball mit dem Schienbeinschoner im Strafraum zu treffen. Der Ball rollt trotzdem ins Toraus.“ Pulter merkt an: „Früher galt der geworfene Schienbeinschoner als Handspiel, seit dieser Saison nicht mehr.“ Die richtige Entscheidung in diesem Fall: Strafstoß und Verwarnung. Der nächste fährt fort: „Während des laufenden Spiels wirft ein Auswechselspieler einen weiteren Ball auf das Spielfeld. Entscheidungen?“ Richtige Antwort: Gelb, Namen notieren, direkter Freistoß. „Ich hätte Schiedsrichter-Ball gegeben“, gibt einer ehrlich zu. „Hier kannst du eben noch etwas lernen“, lacht ein anderer. Auch deshalb treffen sich die Schiedsrichter: Um fehlerhafter Regelauslegung im Spiel vorzubeugen. Bis zur 30. Frage kommen sie an diesem Abend. „Du schaffst es“, motiviert Pulter zwischendurch die Referees und schließt seinen Vortrag mit dem Hinweis: „Diese ersten 30 Fragen werden aber nicht automatisch auch die Prüfungsfragen im Mai sein.“ Während einige wenige Teilnehmer etwas früher aufbrechen und vorne in der Kneipe noch ihren Deckel bezahlen, bleiben andere für ein letztes Glas im Stehen beisammen. „Jeder Schiedsrichter wird immer nur so gut gesehen wie seine schlechteste Entscheidung“, sagt Ismail Günay während des Smalltalks. „Ich gebe noch einen aus“, lädt Marian Zalovic seine Kollegen zum Abschluss ein. Der Lehrwart hat trotz seines 49. Geburtstages bei der Präsentation über den Laptop mitgewirkt und erklärt im Kreise des noch komplett anwesenden Schiedsrichter-Ausschusses: „Soweit ich von einem Regionalliga-Schiedsrichter weiß, bei dem ich in der Oberliga Assistent war, gilt für die Stutzen die Regel, dass sie im Verhältnis zu den Socken mindestens zwei Drittel einnehmen müssen.“ Damit ist an diesem lehrreichen Abend auch das letzte Regelrätsel gelöst.

MT-Serie, Schiedsrichter: Unparteiische klären am Lehrabend ein Regelrätsel auf

Frage und Antwort: André Pulter (rechts) leitet den Lehrabend für Fußball-Schiedsrichter. MT- © Foto: Fabian Terwey

Minden. Es ist Montag, 19.25 Uhr. In fünf Minuten geht es los. Ein Großteil der Schiedsrichter hat im hinteren Bewirtungsraum bereits Platz genommen. Andere kommen gerade zur Tür herein – hinein in die urige Ratsklause in Meißen. Der eine trägt den Trainingsanzug seines Vereins, der andere Jeans und Hemd. Eine freundliche Begrüßung hier, ein kurzer Plausch dort. Man kennt und schätzt sich. Das Pfeifen verbindet. Und endlich ist man nicht alleine wie sonst auf dem Platz, sondern zusammen mit seinen Kollegen aus dem Fußballkreis Minden. Ein Mal im Monat treffen sich die Schiedsrichter der Kreisliga A und aufwärts zum Lehrabend. Die Referees aus der Kreisliga B und tiefer treffen sich an einem anderen Tag. In beiden Gruppen pauken die Unparteiischen die Regeln für die jährliche Leistungsüberprüfung. Die Teilnahme ist Pflicht.

Und so gibt Karsten Krebs gleich zu Beginn die Anwesenheitsliste herum. Der ehemalige Unparteiische ist als Sachbearbeiter Teil des sechsköpfigen Kreis-Schiedsrichterausschusses. Die mehr als 30 Referees unterschreiben reihum und bestellen beim Wirt noch ein Getränk. „Meine lieben Kollegen“, eröffnet Schiedsrichter-Chef Udo Quast: „Ihr habt unser Shakehands-Rundschreiben bekommen. Wegen des Corona-Virus' müssen die Mannschaften nun auf das Händeschütteln verzichten. Wie es damit weitergeht, werden wir sehen. Wir halten euch auf dem Laufenden.“

Der Kreis-Schiedsrichterausschuss: Marian Zalovic (von links), Axel Friebel, Detlef Nehring, André Pulter, Udo Quast und Karsten Krebs. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Der Kreis-Schiedsrichterausschuss: Marian Zalovic (von links), Axel Friebel, Detlef Nehring, André Pulter, Udo Quast und Karsten Krebs. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Quast lässt es sich an solchen Abenden nicht nehmen, die Begrüßungsrede zu halten. „Ich müsste es nicht, aber ich stehe an der Spitze und sehe es als meine Aufgabe an“, erklärt Quast, der am vergangenen Sonntag seinen 80. Geburtstag feierte. Auf der Leinwand erstrahlt bereits die Beamer-Präsentation der beiden Lehrwarte André Pulter und Marian Zalovic. Plötzlich eilt ein weiterer Schiedsrichter zur Runde hinzu. „Du kommst wohl später, damit du persönlich vorgestellt wirst?“, fragt Quast.

Pünktlich zu sein hat ein Schiedsrichter in jedem Fall mit der Bestätigung seiner Ansetzung für ein Spiel im „DFBnet“. Innerhalb von 48 Stunden, sonst drohen Geldstrafen, mahnt Quast und spricht dann einen jungen Referee persönlich an: „Du hast den Spieler auch in der 90. Minute noch vom Platz gestellt, weil er seinem Gegenspieler von hinten die Beine weggezogen hat. Das hast du richtig gemacht, mein Freund.“ Gerade trägt der Wirt das nächste Getränketablett herein, da übernimmt Pulter planungsgemäß das Wort: „Der Fußball- und Leichtathletikverband will den Spielbetrieb bislang nicht aussetzen. Es gibt aber eine eingerichtete Task Force für den Corona-Virus. Die sitzt nahezu täglich zusammen. Ob ihr Desinfektionsmittel wie dieses hier mit zum Platz nehmt, ist euch überlassen.“ Währenddessen notiert der Wirt die Getränke auf den Deckeln der Schiedsrichter.

Pulter verweist unter anderem wegen der Wahl der Trikotfarbe auf die Pflicht der frühzeitigen Kontaktaufnahme mit den Mannschaften, da entbrennt eine angeregte Diskussion. „Ich möchte darauf hinweisen, dass auch die Stutzen bei den Mannschaften einheitlich sein müssen“, merkt einer an: „Es kann nicht sein, dass ein Spieler mit zehn Zentimeter langen weißen Socken über blauen Stutzen aufläuft. Ich werte das als Unsportlichkeit.“ Pulter entgegnet: „Klar ist, Blau muss Blau bleiben. Auch wenn getapet wird.“ Problem: Heutzutage sind in den Fußballschuhen teilweise die Socken eingenäht. Quast steht von seinem Platz auf: „Jetzt muss ich mal etwas dazu sagen. Weiße Socken über blauen Stutzen – das ist Neuland für mich. Diese Regel werden wir überprüfen.“

Die Diskussion um den Spezialfall leitet den Lehrteil des Abends ein. Der langjährige Schiedsrichter Manfred Büsching verliest den ersten Fall aus dem 100 Fragen umfassenden Katalog, der für die jährliche Prüfung im Mai relevant ist: „Ein Auswechselspieler läuft unerlaubt auf das Spielfeld und beleidigt den Schiedsrichter. Welche Entscheidung ist zu fällen?“ Büsching überlegt kurz: „Rote Karte und indirekter Freistoß.“ Pulter erklärt: „Richtig, denn direkten Freistoß gibt es nur, wenn auch direkt ins Spielgeschehen eingegriffen wird.“ Der nächste Unparteiische trägt vor: „Ein Abwehrspieler versucht vergeblich, den Ball mit dem Schienbeinschoner im Strafraum zu treffen. Der Ball rollt trotzdem ins Toraus.“ Pulter merkt an: „Früher galt der geworfene Schienbeinschoner als Handspiel, seit dieser Saison nicht mehr.“ Die richtige Entscheidung in diesem Fall: Strafstoß und Verwarnung.

Der nächste fährt fort: „Während des laufenden Spiels wirft ein Auswechselspieler einen weiteren Ball auf das Spielfeld. Entscheidungen?“ Richtige Antwort: Gelb, Namen notieren, direkter Freistoß. „Ich hätte Schiedsrichter-Ball gegeben“, gibt einer ehrlich zu. „Hier kannst du eben noch etwas lernen“, lacht ein anderer. Auch deshalb treffen sich die Schiedsrichter: Um fehlerhafter Regelauslegung im Spiel vorzubeugen. Bis zur 30. Frage kommen sie an diesem Abend. „Du schaffst es“, motiviert Pulter zwischendurch die Referees und schließt seinen Vortrag mit dem Hinweis: „Diese ersten 30 Fragen werden aber nicht automatisch auch die Prüfungsfragen im Mai sein.“

Während einige wenige Teilnehmer etwas früher aufbrechen und vorne in der Kneipe noch ihren Deckel bezahlen, bleiben andere für ein letztes Glas im Stehen beisammen. „Jeder Schiedsrichter wird immer nur so gut gesehen wie seine schlechteste Entscheidung“, sagt Ismail Günay während des Smalltalks. „Ich gebe noch einen aus“, lädt Marian Zalovic seine Kollegen zum Abschluss ein. Der Lehrwart hat trotz seines 49. Geburtstages bei der Präsentation über den Laptop mitgewirkt und erklärt im Kreise des noch komplett anwesenden Schiedsrichter-Ausschusses: „Soweit ich von einem Regionalliga-Schiedsrichter weiß, bei dem ich in der Oberliga Assistent war, gilt für die Stutzen die Regel, dass sie im Verhältnis zu den Socken mindestens zwei Drittel einnehmen müssen.“ Damit ist an diesem lehrreichen Abend auch das letzte Regelrätsel gelöst.

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