Scheidewege - die bewegte Torwart-Laufbahn von Robert Morrison Michael Lorenz Minden. Der Fußballtorwart Robert Morrison gilt als einer der fairsten Sportler seiner Zunft. Derzeit führt er den härtesten Kampf seines Lebens: Der Dützer ist an Krebs erkrankt, nach aktuellem Stand scheint die Geschichte aber gut für ihn auszugehen. Dennoch steht der 42-Jährige an einem Scheideweg. Das war im Jahr 1995 schon einmal so, nur eben ganz anders. Rückblende: In der Berichterstattung über das Stemweder Jugendfußballturnier „Freeway-Cup“ von 1995 fällt die Überschrift einer Randgeschichte ins Auge: „Werder lädt Dützer Torwart ein“. Thomas Schaaf,der damalige Profi und Jugendtrainer des Bundesligisten Werder Bremen, hatte den damals 17-jährigen Torwart der Mühlenkreis-Auswahl, Robert Morrison von der FT Dützen, zum Probetraining gebeten. Im Vorfeld des Turniers hatte es mehrere Sichtungen in der damaligen Kreissporthalle gegeben. „Ich habe unseren damaligen Dützer Trainer Klaus-Dieter Krug gefragt, ob ich da hingehen soll, und der hat gesagt: Mach‘s mal“, blickt der 42-Jährige heute zurück. Für ihn selbst absolut unerwartet wurde er plötzlich zur Nummer eins der Kreisauswahl. In den ersten Turnierspielen schlugen sich die „Mühlis“ mehr als achtbar: Gegen Borussia Mönchengladbach und FC Everton verlor das Team von Trainer Wolfgang Poock jeweils nur 0:1. „Ich habe da einige gute Dinger gehalten“, erinnert sich Morrison, „unter anderem auch einen Elfmeter“. Gegen Galatasaray Istanbul kassierte er mit seinem Team im letzten Gruppenspiel eine 0:5-Niederlage. „Ich kann mich noch genau erinnern: Vor dem Spiel um Platz sieben durften wir länger aufbleiben und auch ein wenig trinken. Plötzlich steht an der Theke Thomas Schaaf hinter mir und spricht mich an“, berichtet der groß gewachsene Keeper: „Wir haben uns eine Dreiviertelstunde unterhalten. Er hat gesagt, dass er sehr viel Talent bei mir gesehen hat und er hat mir seine Karte gegeben. Schaaf wollte allerdings einen Ehrgeiz von mir sehen, den ich damals nicht hatte. Zumal für mich die Priorität war, meine Ausbildung abzuschließen.“ Zum Werder-Training kam er dennoch, wie er sich erinnert: „Ich saß in der Kabine, hatte zwei Sporttaschen mit. Neben mir saß Tim Borowski, und der fragte, was ich mit den ganzen Klamotten wolle. Er sagte, dass ich maximal die Schuhe bräuchte. In bin dann in den Raum mit den Klamotten von Ausrüster Puma und durfte mir eine ganze Tasche vollpacken. Das war wie im Schlaraffenland, einfachbombastisch.“ Im Training merkte der Mindener schnell, dass er mit dem Bundesliganachwuchs absolut mithalten konnte. „Danach waren Schaaf und ich noch essen, und er sagte mir, dass ich wiederkommen solle. Das Talent, welches andere damals bei mir gesehen haben, habe ich selbst so nicht wahrgenommen. Vielleicht fehlte mir zu dem Zeitpunkt einfach auch ein Mentor. So einer hätte Andreas Schwemling zu meiner Zeit bei Union Minden für mich sein können. Er hat sich extrem um mich gekümmert und hätte mich sehr weit bringen können. Leider war ich zu der Zeit aber bei der Bundeswehr an der Nordsee und kaum in Minden. Und, na ja, ich habe Fußball damals nicht so richtig ernstgenommen.“ Bereut er die verpasste Chance? „Ja, definitiv. Da wäre mehr drin gewesen. Zumal, wenn man bedenkt, dass in der damaligen Werder-Mannschaft auch Tim Borowski und Thorsten Frings gespielt haben. Schaaf wurde dann Profitrainer, er machte die beiden zu Profis, sie wurden beide Deutscher Meister und Nationalspieler. Ja, ich bereue es, aber es ist nicht zu ändern.“ Robert Morrison blieb Amateur und in der Heimat. Im Jahr 2011 sorgte er mit einer bemerkenswerten Aktion für Aufmerksamkeit: Im Spitzenspiel der Kreisliga B zwischen dem TuS Minderheide, dessen Tor er hütete, und dem VfB Gorspen-Vahlsen gab er auf Nachfrage des Schiedsrichters zu, einen Ball zur Ecke geklärt zu haben. Diese Ecke führte zum Tor für den VfB und damit zum Ende aller Aufstiegshoffnungen des TuS. „Du mit deiner verdammten Fairness“, sagten meine Kollegen damals, „hinterher haben sie mich aber gefeiert“, blickt er zurück. Morrison wurde für diese außergewöhnliche Aktion als erster Sportler aus dem Fußball-Kreis Minden mit dem Fairplay-Preis des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW) geehrt. Über mehrere Stationen landete er schließlich wieder bei der FT Dützen, mit der er 2017 Ü40-Kreismeister wurde. Da musste er aber bereits Schmerzmittel nehmen, wie er schildert: „Ich glaubte lange Zeit, Zahnschmerzen zu haben. Irgendwann hat sich aber herausgestellt, dass es ein Tumor im Nasennebenhöhlenbereich ist. Die erste Zeit war die härteste meines Lebens, ich habe acht Chemotherapien erdulden müssen und fast 30 Kilogramm verloren. Ich glaube nicht, dass ich das Ganze ohne meine Frau Stefanie überstanden hätte. Mittlerweile sind wir auf einem guten Weg und ich bin mir sicher, dass ich das packen werde. Von so etwas lasse ich mich nicht unterkriegen!“

Scheidewege - die bewegte Torwart-Laufbahn von Robert Morrison

Im Jahr 2011 spielte Robert Morrison beim TuS Minderheide und erhielt damals auch den Fairplay-Preis. Archivfoto: Marcel Wähler

Minden. Der Fußballtorwart Robert Morrison gilt als einer der fairsten Sportler seiner Zunft. Derzeit führt er den härtesten Kampf seines Lebens: Der Dützer ist an Krebs erkrankt, nach aktuellem Stand scheint die Geschichte aber gut für ihn auszugehen. Dennoch steht der 42-Jährige an einem Scheideweg. Das war im Jahr 1995 schon einmal so, nur eben ganz anders.

Rückblende: In der Berichterstattung über das Stemweder Jugendfußballturnier „Freeway-Cup“ von 1995 fällt die Überschrift einer Randgeschichte ins Auge: „Werder lädt Dützer Torwart ein“. Thomas Schaaf,der damalige Profi und Jugendtrainer des Bundesligisten Werder Bremen, hatte den damals 17-jährigen Torwart der Mühlenkreis-Auswahl, Robert Morrison von der FT Dützen, zum Probetraining gebeten.

2017 wurde er mit Dützen Ü40-Kreismeister. Archivfoto: Bendig
2017 wurde er mit Dützen Ü40-Kreismeister. Archivfoto: Bendig

Im Vorfeld des Turniers hatte es mehrere Sichtungen in der damaligen Kreissporthalle gegeben. „Ich habe unseren damaligen Dützer Trainer Klaus-Dieter Krug gefragt, ob ich da hingehen soll, und der hat gesagt: Mach‘s mal“, blickt der 42-Jährige heute zurück. Für ihn selbst absolut unerwartet wurde er plötzlich zur Nummer eins der Kreisauswahl.

Die Erkrankung hat den 42-Jährigen gezeichnet.
Die Erkrankung hat den 42-Jährigen gezeichnet.

In den ersten Turnierspielen schlugen sich die „Mühlis“ mehr als achtbar: Gegen Borussia Mönchengladbach und FC Everton verlor das Team von Trainer Wolfgang Poock jeweils nur 0:1. „Ich habe da einige gute Dinger gehalten“, erinnert sich Morrison, „unter anderem auch einen Elfmeter“. Gegen Galatasaray Istanbul kassierte er mit seinem Team im letzten Gruppenspiel eine 0:5-Niederlage.

„Ich kann mich noch genau erinnern: Vor dem Spiel um Platz sieben durften wir länger aufbleiben und auch ein wenig trinken. Plötzlich steht an der Theke Thomas Schaaf hinter mir und spricht mich an“, berichtet der groß gewachsene Keeper: „Wir haben uns eine Dreiviertelstunde unterhalten. Er hat gesagt, dass er sehr viel Talent bei mir gesehen hat und er hat mir seine Karte gegeben. Schaaf wollte allerdings einen Ehrgeiz von mir sehen, den ich damals nicht hatte. Zumal für mich die Priorität war, meine Ausbildung abzuschließen.“

Zum Werder-Training kam er dennoch, wie er sich erinnert: „Ich saß in der Kabine, hatte zwei Sporttaschen mit. Neben mir saß Tim Borowski, und der fragte, was ich mit den ganzen Klamotten wolle. Er sagte, dass ich maximal die Schuhe bräuchte. In bin dann in den Raum mit den Klamotten von Ausrüster Puma und durfte mir eine ganze Tasche vollpacken. Das war wie im Schlaraffenland, einfachbombastisch.“

Im Training merkte der Mindener schnell, dass er mit dem Bundesliganachwuchs absolut mithalten konnte. „Danach waren Schaaf und ich noch essen, und er sagte mir, dass ich wiederkommen solle. Das Talent, welches andere damals bei mir gesehen haben, habe ich selbst so nicht wahrgenommen. Vielleicht fehlte mir zu dem Zeitpunkt einfach auch ein Mentor. So einer hätte Andreas Schwemling zu meiner Zeit bei Union Minden für mich sein können. Er hat sich extrem um mich gekümmert und hätte mich sehr weit bringen können. Leider war ich zu der Zeit aber bei der Bundeswehr an der Nordsee und kaum in Minden. Und, na ja, ich habe Fußball damals nicht so richtig ernstgenommen.“

Bereut er die verpasste Chance? „Ja, definitiv. Da wäre mehr drin gewesen. Zumal, wenn man bedenkt, dass in der damaligen Werder-Mannschaft auch Tim Borowski und Thorsten Frings gespielt haben. Schaaf wurde dann Profitrainer, er machte die beiden zu Profis, sie wurden beide Deutscher Meister und Nationalspieler. Ja, ich bereue es, aber es ist nicht zu ändern.“

Robert Morrison blieb Amateur und in der Heimat. Im Jahr 2011 sorgte er mit einer bemerkenswerten Aktion für Aufmerksamkeit: Im Spitzenspiel der Kreisliga B zwischen dem TuS Minderheide, dessen Tor er hütete, und dem VfB Gorspen-Vahlsen gab er auf Nachfrage des Schiedsrichters zu, einen Ball zur Ecke geklärt zu haben. Diese Ecke führte zum Tor für den VfB und damit zum Ende aller Aufstiegshoffnungen des TuS. „Du mit deiner verdammten Fairness“, sagten meine Kollegen damals, „hinterher haben sie mich aber gefeiert“, blickt er zurück. Morrison wurde für diese außergewöhnliche Aktion als erster Sportler aus dem Fußball-Kreis Minden mit dem Fairplay-Preis des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW) geehrt.

Über mehrere Stationen landete er schließlich wieder bei der FT Dützen, mit der er 2017 Ü40-Kreismeister wurde. Da musste er aber bereits Schmerzmittel nehmen, wie er schildert: „Ich glaubte lange Zeit, Zahnschmerzen zu haben. Irgendwann hat sich aber herausgestellt, dass es ein Tumor im Nasennebenhöhlenbereich ist. Die erste Zeit war die härteste meines Lebens, ich habe acht Chemotherapien erdulden müssen und fast 30 Kilogramm verloren. Ich glaube nicht, dass ich das Ganze ohne meine Frau Stefanie überstanden hätte. Mittlerweile sind wir auf einem guten Weg und ich bin mir sicher, dass ich das packen werde. Von so etwas lasse ich mich nicht unterkriegen!“

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