Party trotz Corona: Arminia-Fans maßlos enttäuscht vom eigenen Klub Christine Panhorst Bielefeld. Die Bielefelder Polizei sieht eine eindeutige Mitschuld beim DSC Arminia Bielefeld daran, dass sich die Feierlichkeit rund um den Aufstieg des Zweitligisten am Sonntag zur spontanen Massenparty entwickelte. Verein und Spieler hätten klare Absprachen gebrochen, sagt Polizeisprecherin Sonja Rehmert. Scharfe Kritik kommt auch von Bielefelds Krisenstab und vielen Fans. Der Verein selbst mauert. Doch auch Stadt und Oberbürgermeister Pit Clausen müssen sich erklären: Ein Foto zeigt Clausen ohne Maske und Mindestabstand, dafür mit Fans und Arminia-Präsident Arm in Arm. Am Montag folgt auf den allgemeinen Party-Rausch die Ernüchterung. Zwar hatte der DSC im Vorfeld seine Fans gebeten, davon abzusehen zur Alm zu kommen. Dennoch versammelten sich laut Polizeisprecherin Rehmert rund 3.000 Menschen nach dem Saisonabschluss gegen Heidenheim vor der Schüco-Arena. Angefacht von den Profis selbst. „Die Menge vor dem Stadion wuchs schnell an, als sich dort die Spieler gezeigt haben", erklärt Rehmert. „Das hatte eine Sogwirkung und ist aus unserer Sicht besonders ärgerlich, weil es mit dem Verein im Vorfeld anders abgesprochen worden war." Mit Gesängen und Rufen sei die Menge animiert worden. Auch Aufsteiger-Trainer Uwe Neuhaus zeigt sich am Sonntag in den Treppenaufgängen zu den Tribünen, reckt die Meisterschale in die Höhe. Videos von diesen Szenen postet der Club anschließend auf seinen Social-Media-Seiten. Später kam es zu einem weiteren Bruch mit den polizeilichen Absprachen.  Wenig souverän die Reaktion des Vereins auf die Kritik: Zu einer Stellungnahme war Arminia auf NW-Anfrage am Montag nicht bereit. Obwohl die Feiernden in der City weitestgehend friedlich blieben, seien Corona-Schutzregeln überwiegend nicht eingehalten worden, kritisiert die Polizei. „Und bei einer emotionalisierten Menge dieser Größe war es uns nicht mehr möglich, aus Gründen der Verhältnismäßigkeit einzuschreiten." Ebenso erging es laut Krisenstab den Ordnungsamt-Kräften, die angesichts der Massen nur in Einzelfällen oder vor Szenekneipen Kontrollen durchführen konnten. Die entstandene Gemengelage dürfte für den Verein ein Nachspiel haben: Polizeisprecherin Rehmert kündigt Gespräche zwischen Polizei und Verein an. Unterdessen erklärt OB Clausen in einer schriftlichen Stellungnahme zu seinem Selfie-Auftritt, das Bild sei nach einem „spontanen Besuch" des Heimspiels auf dem Weg zwischen Taxistand und Gaststätte am Rathaus entstanden, wo er auf Feiernde und den DSC-Präsidenten getroffen sei. „Wir wurden von Fans um Selfies gebeten. Diesem Wunsch sind wir gerne nachgekommen, dabei haben wir für diese kurzen Fotomomente keine Maske getragen und keinen Abstand gewahrt." Anschließend sei er nach Hause gefahren, so der OB. „Ich kann verstehen, dass durch das Foto ein anderer Eindruck entstanden ist. Corona-Zeit ist keine Partyzeit – dazu stehe ich."Ralf Nettelstroth, CDU-Fraktionsvorsitzender und OB-Kandidat, interpretiert das Bild anders: „Der Oberbürgermeister hat den eigenen moralischen Anspruch, den er verkörpert, nicht einhalten können." Über die Bilderbotschaften von Arminen und Stadtchef entlädt sich der Unmut der Daheimgebliebenen in zahlreichen NW-Leserbriefen und in Kommentaren in den sozialen Netzwerken. So heißt es von Facebook-Nutzer Dirk Meyer unter einem Arminia-Post feiernder Spieler: „Ich hätte auch gerne gefeiert. Ob am Rathaus oder an der Alm. Leider war ich so blöde und habe mich an den Aufruf von Arminia gehalten. Danke." Peter Meyer schreibt dort benfalls: "Glückwunsch Arminia, aber ein Schlag ins Gesicht für all die Fans, die sich vernünftiger Weise daran gehalten haben, nicht zur Alm zu kommen. Absolut unverantwortlich! Schade..."Gepfeffertes Feedback kam auch vom Bielefelder Cartoonisten Ralph Ruthe. In vielen Kommentaren wird zudem Kritik laut, dass die Stadt die Feierlichkeiten anders hätte organisieren müssen. Dies sei aufgrund der geltenden Corona-Schutzverordnung, die solche Feiern generell untersagt, ausgeschlossen gewesen, betont Krisenstableiter Udo Witthaus. Man habe an die Selbstverantwortung aller in Corona-Zeiten appelliert. Und die Lage unterschätzt? „Nein, wir waren auf eine dynamische Situation mit feiernden Fans eingestellt. Was aber überhaupt nicht zu erwarten war, dass die Spieler, die sich bis zur letzten Sekunde der Saison sportlich professionell verhalten haben, danach Verantwortung und Vorbildfunktion nicht mehr wahrnehmen." Mit Blick auf die nächste Bundesligasaison werde man aus den jetzigen Erfahrungen sicher noch Lehren ziehen müssen. Die erste, kurzfristige Lehre für den Krisenstab: Vor dem Relegationsspiel des SC Verl, der am Dienstag (30. Juni) gegen die Lok-Leipziger in der Schüco-Arena ein Gastspiel gibt, hat Witthaus nach eigenen Angaben mit den Vereinsverantwortlichen noch einmal persönlich das Gespräch gesucht. Fans sind ausdrücklich aufgerufen, nicht anzureisen. Und Verler und Leipziger Spieler haben jetzt die Chance, bessere Vorbilder zu sein als Bielefelds Erste-Klasse-Aufsteiger.

Party trotz Corona: Arminia-Fans maßlos enttäuscht vom eigenen Klub

Arminia-Profis fuhren nach dem Saisonabschluss in die City und ließen sich feiern – entgegen fester Absprachen mit der Polizei. © Sarah Jonek

Bielefeld. Die Bielefelder Polizei sieht eine eindeutige Mitschuld beim DSC Arminia Bielefeld daran, dass sich die Feierlichkeit rund um den Aufstieg des Zweitligisten am Sonntag zur spontanen Massenparty entwickelte. Verein und Spieler hätten klare Absprachen gebrochen, sagt Polizeisprecherin Sonja Rehmert. Scharfe Kritik kommt auch von Bielefelds Krisenstab und vielen Fans. Der Verein selbst mauert. Doch auch Stadt und Oberbürgermeister Pit Clausen müssen sich erklären: Ein Foto zeigt Clausen ohne Maske und Mindestabstand, dafür mit Fans und Arminia-Präsident Arm in Arm. Am Montag folgt auf den allgemeinen Party-Rausch die Ernüchterung.

Zwar hatte der DSC im Vorfeld seine Fans gebeten, davon abzusehen zur Alm zu kommen. Dennoch versammelten sich laut Polizeisprecherin Rehmert rund 3.000 Menschen nach dem Saisonabschluss gegen Heidenheim vor der Schüco-Arena. Angefacht von den Profis selbst. „Die Menge vor dem Stadion wuchs schnell an, als sich dort die Spieler gezeigt haben", erklärt Rehmert. „Das hatte eine Sogwirkung und ist aus unserer Sicht besonders ärgerlich, weil es mit dem Verein im Vorfeld anders abgesprochen worden war."

Verls Bürgermeister Michael Esken kritisiert in einem Facebookpost den Bielefelder Oberbürgermeister Pit Clausen (l.), der sich bei Arminias spontaner Aufstiegsparty mit DSC-Präsident Hans-Jürgen Laufer und einer Frau ohne Abstand fotografieren ließ. - © NW
Verls Bürgermeister Michael Esken kritisiert in einem Facebookpost den Bielefelder Oberbürgermeister Pit Clausen (l.), der sich bei Arminias spontaner Aufstiegsparty mit DSC-Präsident Hans-Jürgen Laufer und einer Frau ohne Abstand fotografieren ließ. - © NW

Mit Gesängen und Rufen sei die Menge animiert worden. Auch Aufsteiger-Trainer Uwe Neuhaus zeigt sich am Sonntag in den Treppenaufgängen zu den Tribünen, reckt die Meisterschale in die Höhe. Videos von diesen Szenen postet der Club anschließend auf seinen Social-Media-Seiten. Später kam es zu einem weiteren Bruch mit den polizeilichen Absprachen. 

Wenig souverän die Reaktion des Vereins auf die Kritik: Zu einer Stellungnahme war Arminia auf NW-Anfrage am Montag nicht bereit.

Obwohl die Feiernden in der City weitestgehend friedlich blieben, seien Corona-Schutzregeln überwiegend nicht eingehalten worden, kritisiert die Polizei. „Und bei einer emotionalisierten Menge dieser Größe war es uns nicht mehr möglich, aus Gründen der Verhältnismäßigkeit einzuschreiten." Ebenso erging es laut Krisenstab den Ordnungsamt-Kräften, die angesichts der Massen nur in Einzelfällen oder vor Szenekneipen Kontrollen durchführen konnten.

Die entstandene Gemengelage dürfte für den Verein ein Nachspiel haben: Polizeisprecherin Rehmert kündigt Gespräche zwischen Polizei und Verein an.

Unterdessen erklärt OB Clausen in einer schriftlichen Stellungnahme zu seinem Selfie-Auftritt, das Bild sei nach einem „spontanen Besuch" des Heimspiels auf dem Weg zwischen Taxistand und Gaststätte am Rathaus entstanden, wo er auf Feiernde und den DSC-Präsidenten getroffen sei. „Wir wurden von Fans um Selfies gebeten. Diesem Wunsch sind wir gerne nachgekommen, dabei haben wir für diese kurzen Fotomomente keine Maske getragen und keinen Abstand gewahrt." Anschließend sei er nach Hause gefahren, so der OB. „Ich kann verstehen, dass durch das Foto ein anderer Eindruck entstanden ist. Corona-Zeit ist keine Partyzeit – dazu stehe ich."

Ralf Nettelstroth, CDU-Fraktionsvorsitzender und OB-Kandidat, interpretiert das Bild anders: „Der Oberbürgermeister hat den eigenen moralischen Anspruch, den er verkörpert, nicht einhalten können."

Über die Bilderbotschaften von Arminen und Stadtchef entlädt sich der Unmut der Daheimgebliebenen in zahlreichen NW-Leserbriefen und in Kommentaren in den sozialen Netzwerken. So heißt es von Facebook-Nutzer Dirk Meyer unter einem Arminia-Post feiernder Spieler: „Ich hätte auch gerne gefeiert. Ob am Rathaus oder an der Alm. Leider war ich so blöde und habe mich an den Aufruf von Arminia gehalten. Danke." Peter Meyer schreibt dort benfalls: "Glückwunsch Arminia, aber ein Schlag ins Gesicht für all die Fans, die sich vernünftiger Weise daran gehalten haben, nicht zur Alm zu kommen. Absolut unverantwortlich! Schade..."Gepfeffertes Feedback kam auch vom Bielefelder Cartoonisten Ralph Ruthe. In vielen Kommentaren wird zudem Kritik laut, dass die Stadt die Feierlichkeiten anders hätte organisieren müssen.

Dies sei aufgrund der geltenden Corona-Schutzverordnung, die solche Feiern generell untersagt, ausgeschlossen gewesen, betont Krisenstableiter Udo Witthaus. Man habe an die Selbstverantwortung aller in Corona-Zeiten appelliert. Und die Lage unterschätzt?

„Nein, wir waren auf eine dynamische Situation mit feiernden Fans eingestellt. Was aber überhaupt nicht zu erwarten war, dass die Spieler, die sich bis zur letzten Sekunde der Saison sportlich professionell verhalten haben, danach Verantwortung und Vorbildfunktion nicht mehr wahrnehmen." Mit Blick auf die nächste Bundesligasaison werde man aus den jetzigen Erfahrungen sicher noch Lehren ziehen müssen.

Die erste, kurzfristige Lehre für den Krisenstab: Vor dem Relegationsspiel des SC Verl, der am Dienstag (30. Juni) gegen die Lok-Leipziger in der Schüco-Arena ein Gastspiel gibt, hat Witthaus nach eigenen Angaben mit den Vereinsverantwortlichen noch einmal persönlich das Gespräch gesucht. Fans sind ausdrücklich aufgerufen, nicht anzureisen. Und Verler und Leipziger Spieler haben jetzt die Chance, bessere Vorbilder zu sein als Bielefelds Erste-Klasse-Aufsteiger.

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