Minden Mit 75 Jahren ist Schluss: Hermann Gotthelf zieht sich vom Fußball zurück Dirk Kröger Minden. Wenn Hermann Gotthelf durch die Mindener Innenstadt schlendert, kann das dauern. Das liegt aber nicht nur an den Folgen seines Oberschenkelhalsbruchs, sondern daran, dass er alle paar Meter angesprochen wird. Jeder zweite Passant scheint den 75-Jährigen zu kennen. Das wiederum hängt mit seinem jahrzehntelangen Engagement im Fußball zusammen: Der inzwischen in Neesen wohnende Rentner lernte als Spieler und Trainer viele, viele Menschen kennen. „Aber jetzt ist Schluss“, kündigt der dreifache Vater und zweifache Großvater an. In der Saison 2020/21 will er nicht mehr aktiv auf dem Fußballplatz stehen. Gotthelfs Laufbahn begann mit sechs Jahren beim TuS Minderheide, acht Jahre später wechselte er zum TuS Königstor und spielte im Sturm. Als sich aber Königstors Torwart verletzte, wurde der 17-Jährige trotz seiner vergleichsweise geringen Körpergröße von 1,71 Metern zwischen die Pfosten geschickt. Dort blieb er. Denn Gotthelf machte seinen Job gut, wurde in die Kreis-, später in die Westfalenauswahl berufen. Als er dort erstmals zu einem Training anreiste, stellte sich der gelernte Zimmermann dem Verbandstrainer Walter Ochs ganz korrekt mit seinem Namen vor. „Sie sind aber nicht der Torwart?“, fragte der, und Gotthelf antwortete: „Doch – ich kann mich nicht größer machen!“ Vielleicht förderten die Auswahlspiele die Karriere des Mindeners, denn er trainierte und spielte dort gemeinsam mit späteren Torwartgrößen wie Wolfgang Kleff und Norbert Nigbur. Als 22-Jähriger wechselte Gotthelf zum SV Porta Neesen in die Verbandsliga, damals die dritthöchste deutsche Spielklasse. Während der vier Jahre als Zeitsoldat in Minden erhielt er ein Angebot von Preußen Münster, wo nach seiner Karriere in England Kult-Torhüter Bernd Trautmann als Trainer arbeitete. Gotthelf aber lehnte ab. Dem zweiten Ruf eines hochklassigen Vereins folgte er dann aber doch, denn der SVA Gütersloh – einer der Vorgänger-Vereine des heutigen FC Gütersloh – bot ihm auch eine berufliche Perspektive. Fortan arbeitete Gotthelf als Lithograph und Druckvorlagenhersteller, zog nach Gütersloh und hütete das SVA-Tor. „Das war eine sehr gute Zeit“, sagt er über seine drei Jahre im Heidewaldstadion. Gleich nach der ersten Saison stand ein Entscheidungsspiel gegen Beckum an. Am gleichen Tag wollte Gotthelf aber heiraten. Es klappte beides: Vormittags ging es zum Standesamt, abends feierte er einen 3:2-Sieg. Neben dem monatlichen Salär von 300 Mark halfen vor allem die Siegprämien zwischen 300 und 500 Mark auch finanziell. Und selbst die Tatsache, dass die Gütersloher nach dem Aufstieg in die Regionalliga West, damals zweithöchste deutsche Spielklasse, 1971 mit Klaus Witt einen Bundeslliga-Torhüter von RW Oberhausen verpflichteten, focht Gotthelf nicht an. „Der war ja nur fünf Zentimeter größer als ich“, sagt der Mann, der 27 Regionalligaspiele bestritt. „Das beste davon war das gegen Fortuna Köln“, weiß er noch genau. Kurz vor Schluss stand es 0:0, weil Gotthelf einfach alles hielt. Dass die Partie wegen eines starken Gewitters dann abgebrochen werden musste, trübt die Leistung des Torhüters nicht: „Selbst Kölns Macher Jean Löring war begeistert.“ Von Gütersloh ging es zum aufstrebenden SC Oberbecksen. Gotthelfs Rückschritt in die 1. Kreisklasse war aber nur von kurzer Dauer. In wenigen Jahren stieg das Team bis in die Verbandsliga auf. Mäzen Karl Thies und der von Arminia Bielefeld gekommene Spielertrainer Uli Braun hatten ihr Ziel erreicht – und wollten mehr. Die Oberbecksener verpflichteten Ex-Nationalspieler Horst-Dieter Höttges von Werder Bremen und Werner Weist von Borussia Dortmund. „Zum ersten Spiel mit ihnen gegen Westercappeln kamen 5.000 Zuschauer ins Bad Oeynhausener Stadion“, erzählt Gotthelf. Und auch an die Namen weiterer prominenter Mitspieler wie Bodo Horstkotte, Wilhelm Pausch oder Thomas Lautenschläger erinnert er sich. „Überragend war aber Spartenleiter Jürgen Wiele“, sagt der 75-Jährige. Wiele wie Gotthelf waren auch dabei, als 1981 durch eine Fusion von SC Oberbecken und 1. SC Bad Oeynhausen der FC Bad Oeynhausen entstand. Für die von Gotthelfs Schwager Heinz-Werner Tielke trainierte Verbandsliga-Mannschaft des Fusionsvereins wurde Christian Hoffmann als Torhüter verpflichtet – und damit begann die zweite Karriere des Hermann Gotthelf. Er wurde für vier Jahre Spielertrainer des in der Bezirksliga spielenden Reserveteams. Es folgten drei Jahre beim TuS Lohe, wo Gotthelf als Coach zwischenzeitlich wieder ins Tor musste. Beim SC Nienstädt arbeitete er erfolgreich als Trainer, ehe es ihn 1990 wieder in seine Heimatstadt zu Union Minden zog. Gotthelf trainierte die A-, B- und C-Jugend, spielte zudem in der zweiten Mannschaft. Als 55-Jähriger hatte er sein letztes Pflichtspiel bestritten, ehe er fünf Jahre später in einem Freundschaftskick gegen Neuenkirchen noch einmal zwischen den Pfosten stand. Engagements als Trainer der 2. Mannschaft und Torwart-Trainer der Union-Erstvertretung folgten. Nebenbei coachte er auch noch die Mühlenkreis-Auswahl. 2010 folgte der letzte Vereinswechsel. Bei der SV Kutenhausen-Todtenhausen war er fortan für die Torhüter aller Mannschaften des Vereins tätig. „Ich war nur mittwochs zu Hause“, sagt er. In Kutenhausen war er auch in der abgebrochenen Corona-Saison noch tätig. „Aber jetzt ist es vorbei“, kündigt er an. Ein Leben ohne aktiv auf den Platz zu stehen, war für ihn lange Zeit unvorstellbar. „Das Schönste war immer, mit den jungen Leuten im Alter von neun bis 18 Jahren zu arbeiten“, sagt Gotthelf und erzählt stolz, dass viele der von ihm betreuten Torhüter heute in hohen Ligen spielen. Aber wie konnte der für Torwart-Verhältnisse winzige Gotthelf eigentlich so erfolgreich sein? „Ich habe meine geringe Größe mit enormer Sprungkraft wettgemacht“, erklärt er. Im Hochsprung überquerte der Portaner in besten Zeiten 1,68 Meter und damit fast die eigene Körpergröße. Zudem war er enorm reaktionsschnell. „Außerdem konnte ich Fußball spielen. Ich habe damals schon so mitgespielt wie die Torhüter heute.“ Im Februar jedoch verletzte sich die Torwart-Legende erstmals ernsthaft. Nach einem Sturz mit dem Fahrrad lautete die Diagnose Oberschenkelhalsbruch. Bis dahin war er noch jeden Morgen ins Fitnessstudio gefahren, hat Kraft und Ausdauer gestärkt. Jetzt steht Reha auf dem Stundenplan. Die verläuft gut. „Ich mache auch zuhause Übungen, jeden Tag eine Stunde lang“, berichtet er. Während Hermann Gotthelf den Bruch auskurierte, besuchten ihn zahlreiche Freunde. Viele hat er über den Fußball kennengelernt. „In den vier Monaten, in denen ich mich kaum bewegen konnte, waren irgendwie alle da“, freut er sich. In der nächsten Saison will er seine Bekannten dann wieder am Sportplatz treffen – dann allerdings als Zuschauer.
Minden

Mit 75 Jahren ist Schluss: Hermann Gotthelf zieht sich vom Fußball zurück

Erinnerungen: Hermann Gotthelf hatte wegen seiner Verletzung zuletzt viel Zeit, um alte Presseberichte über das eigene Wirken zu studieren. © Foto: Dirk Kröger

Minden. Wenn Hermann Gotthelf durch die Mindener Innenstadt schlendert, kann das dauern. Das liegt aber nicht nur an den Folgen seines Oberschenkelhalsbruchs, sondern daran, dass er alle paar Meter angesprochen wird. Jeder zweite Passant scheint den 75-Jährigen zu kennen. Das wiederum hängt mit seinem jahrzehntelangen Engagement im Fußball zusammen: Der inzwischen in Neesen wohnende Rentner lernte als Spieler und Trainer viele, viele Menschen kennen. „Aber jetzt ist Schluss“, kündigt der dreifache Vater und zweifache Großvater an. In der Saison 2020/21 will er nicht mehr aktiv auf dem Fußballplatz stehen.

Gotthelfs Laufbahn begann mit sechs Jahren beim TuS Minderheide, acht Jahre später wechselte er zum TuS Königstor und spielte im Sturm. Als sich aber Königstors Torwart verletzte, wurde der 17-Jährige trotz seiner vergleichsweise geringen Körpergröße von 1,71 Metern zwischen die Pfosten geschickt. Dort blieb er.

Denn Gotthelf machte seinen Job gut, wurde in die Kreis-, später in die Westfalenauswahl berufen. Als er dort erstmals zu einem Training anreiste, stellte sich der gelernte Zimmermann dem Verbandstrainer Walter Ochs ganz korrekt mit seinem Namen vor. „Sie sind aber nicht der Torwart?“, fragte der, und Gotthelf antwortete: „Doch – ich kann mich nicht größer machen!“ Vielleicht förderten die Auswahlspiele die Karriere des Mindeners, denn er trainierte und spielte dort gemeinsam mit späteren Torwartgrößen wie Wolfgang Kleff und Norbert Nigbur.

Als 22-Jähriger wechselte Gotthelf zum SV Porta Neesen in die Verbandsliga, damals die dritthöchste deutsche Spielklasse. Während der vier Jahre als Zeitsoldat in Minden erhielt er ein Angebot von Preußen Münster, wo nach seiner Karriere in England Kult-Torhüter Bernd Trautmann als Trainer arbeitete. Gotthelf aber lehnte ab. Dem zweiten Ruf eines hochklassigen Vereins folgte er dann aber doch, denn der SVA Gütersloh – einer der Vorgänger-Vereine des heutigen FC Gütersloh – bot ihm auch eine berufliche Perspektive. Fortan arbeitete Gotthelf als Lithograph und Druckvorlagenhersteller, zog nach Gütersloh und hütete das SVA-Tor. „Das war eine sehr gute Zeit“, sagt er über seine drei Jahre im Heidewaldstadion. Gleich nach der ersten Saison stand ein Entscheidungsspiel gegen Beckum an. Am gleichen Tag wollte Gotthelf aber heiraten. Es klappte beides: Vormittags ging es zum Standesamt, abends feierte er einen 3:2-Sieg.

Schon in den frühen Tagen seiner Karriere zeigte Hermann Gotthelf spektakuläre Paraden für den TuS Königstor. - © Foto: privat
Schon in den frühen Tagen seiner Karriere zeigte Hermann Gotthelf spektakuläre Paraden für den TuS Königstor. - © Foto: privat

Neben dem monatlichen Salär von 300 Mark halfen vor allem die Siegprämien zwischen 300 und 500 Mark auch finanziell. Und selbst die Tatsache, dass die Gütersloher nach dem Aufstieg in die Regionalliga West, damals zweithöchste deutsche Spielklasse, 1971 mit Klaus Witt einen Bundeslliga-Torhüter von RW Oberhausen verpflichteten, focht Gotthelf nicht an. „Der war ja nur fünf Zentimeter größer als ich“, sagt der Mann, der 27 Regionalligaspiele bestritt. „Das beste davon war das gegen Fortuna Köln“, weiß er noch genau. Kurz vor Schluss stand es 0:0, weil Gotthelf einfach alles hielt. Dass die Partie wegen eines starken Gewitters dann abgebrochen werden musste, trübt die Leistung des Torhüters nicht: „Selbst Kölns Macher Jean Löring war begeistert.“

Von Gütersloh ging es zum aufstrebenden SC Oberbecksen. Gotthelfs Rückschritt in die 1. Kreisklasse war aber nur von kurzer Dauer. In wenigen Jahren stieg das Team bis in die Verbandsliga auf. Mäzen Karl Thies und der von Arminia Bielefeld gekommene Spielertrainer Uli Braun hatten ihr Ziel erreicht – und wollten mehr. Die Oberbecksener verpflichteten Ex-Nationalspieler Horst-Dieter Höttges von Werder Bremen und Werner Weist von Borussia Dortmund. „Zum ersten Spiel mit ihnen gegen Westercappeln kamen 5.000 Zuschauer ins Bad Oeynhausener Stadion“, erzählt Gotthelf. Und auch an die Namen weiterer prominenter Mitspieler wie Bodo Horstkotte, Wilhelm Pausch oder Thomas Lautenschläger erinnert er sich. „Überragend war aber Spartenleiter Jürgen Wiele“, sagt der 75-Jährige.

Wiele wie Gotthelf waren auch dabei, als 1981 durch eine Fusion von SC Oberbecken und 1. SC Bad Oeynhausen der FC Bad Oeynhausen entstand. Für die von Gotthelfs Schwager Heinz-Werner Tielke trainierte Verbandsliga-Mannschaft des Fusionsvereins wurde Christian Hoffmann als Torhüter verpflichtet – und damit begann die zweite Karriere des Hermann Gotthelf. Er wurde für vier Jahre Spielertrainer des in der Bezirksliga spielenden Reserveteams. Es folgten drei Jahre beim TuS Lohe, wo Gotthelf als Coach zwischenzeitlich wieder ins Tor musste. Beim SC Nienstädt arbeitete er erfolgreich als Trainer, ehe es ihn 1990 wieder in seine Heimatstadt zu Union Minden zog.

Gotthelf trainierte die A-, B- und C-Jugend, spielte zudem in der zweiten Mannschaft. Als 55-Jähriger hatte er sein letztes Pflichtspiel bestritten, ehe er fünf Jahre später in einem Freundschaftskick gegen Neuenkirchen noch einmal zwischen den Pfosten stand. Engagements als Trainer der 2. Mannschaft und Torwart-Trainer der Union-Erstvertretung folgten. Nebenbei coachte er auch noch die Mühlenkreis-Auswahl.

2010 folgte der letzte Vereinswechsel. Bei der SV Kutenhausen-Todtenhausen war er fortan für die Torhüter aller Mannschaften des Vereins tätig. „Ich war nur mittwochs zu Hause“, sagt er. In Kutenhausen war er auch in der abgebrochenen Corona-Saison noch tätig. „Aber jetzt ist es vorbei“, kündigt er an. Ein Leben ohne aktiv auf den Platz zu stehen, war für ihn lange Zeit unvorstellbar. „Das Schönste war immer, mit den jungen Leuten im Alter von neun bis 18 Jahren zu arbeiten“, sagt Gotthelf und erzählt stolz, dass viele der von ihm betreuten Torhüter heute in hohen Ligen spielen.

Aber wie konnte der für Torwart-Verhältnisse winzige Gotthelf eigentlich so erfolgreich sein? „Ich habe meine geringe Größe mit enormer Sprungkraft wettgemacht“, erklärt er. Im Hochsprung überquerte der Portaner in besten Zeiten 1,68 Meter und damit fast die eigene Körpergröße. Zudem war er enorm reaktionsschnell. „Außerdem konnte ich Fußball spielen. Ich habe damals schon so mitgespielt wie die Torhüter heute.“

Im Februar jedoch verletzte sich die Torwart-Legende erstmals ernsthaft. Nach einem Sturz mit dem Fahrrad lautete die Diagnose Oberschenkelhalsbruch. Bis dahin war er noch jeden Morgen ins Fitnessstudio gefahren, hat Kraft und Ausdauer gestärkt. Jetzt steht Reha auf dem Stundenplan. Die verläuft gut. „Ich mache auch zuhause Übungen, jeden Tag eine Stunde lang“, berichtet er.

Während Hermann Gotthelf den Bruch auskurierte, besuchten ihn zahlreiche Freunde. Viele hat er über den Fußball kennengelernt. „In den vier Monaten, in denen ich mich kaum bewegen konnte, waren irgendwie alle da“, freut er sich. In der nächsten Saison will er seine Bekannten dann wieder am Sportplatz treffen – dann allerdings als Zuschauer.

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