MT-Serie, Schiedsrichter: Hans-Heinrich Rasche schaffte es bis in die Bundesliga. Er trickste einst Weltmeister Klaus Augenthaler aus Fabian Terwey Petershagen. Dieser Schiedsrichter war mit allen Wassern gewaschen. Niemand aus dem Fußball-Kreis Minden schaffte es, so hochklassig zu pfeifen wie Hans-Heinrich Rasche. Weltmeister Klaus Augenthaler drängte den Fußball-Referee vom TuS Wasserstraße einst bei einem Freundschaftsspiel des FC Bayern in Herford dazu, doch endlich mal diesen „schlappen Ball“ auszutauschen. Freilich. Kein Problem. Rasche verschwand mit seinen Assistenten erstmal in der Halbzeit-Kabine: „Der Ball war aber okay. Wir haben ihn also nur kurz ins Waschbecken geworfen. Mit demselben Ball sind wir wieder raus und haben gesagt, wir hätten ihn ausgetauscht. Für ‚Auge‘ war das vermeintlich neue Spielgerät gleich viel besser. So musste man manchmal mit den Profis umgehen.“ Und diese Anekdote aus dem Jahr 1989 ist nur eine aus der Bilderbuch-Karriere des heute 68-jährigen Pensionärs. Rasche wurde mit zarten 21 Jahren Schiedsrichter. 1972 war das. Zuvor hatte der einstige Postbeamte für Holzhausen/Porta in der Kreisliga gekickt. Als Schiedsrichter schaffte es der Wasserstraßer während seiner 40 Jahre langen Tätigkeit dafür bis in die Oberliga, als Assistent bis in die 1. Liga. Beim DFB stand Rasche zudem auf der sogenannten Liste B für internationale Spiele. Über derlei Kontakte nach ganz oben lotste Rasche in den 80ern sogar DFB-Schiedsrichter-Boss Volker Roth zu einem Schulungsabend nach Minden. Zu diesem Zeitpunkt war Rasche bereits Lehrwart im Kreis Minden. Insgesamt 25 Jahre lang war der leidenschaftliche Unparteiische in dieser Funktion tätig. Rasche selbst lernte als Assistent von den Besten. Bei einem internationalen Vorbereitungsturnier im Dortmunder Westfalenstadion trafen einst Galatasaray Istanbul und PAOK Saloniki aufeinander. „Die Auseinandersetzung zwischen der türkischen und griechischen Mannschaft war traditionell hitzig - auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war. Die Partie stand kurz vor Schluss auf des Messers Schneide. Eine letzte Ecke auf meiner Seite pfiff der Schiedsrichter unerklärlicherweise ab. Im Strafraumgetümmel war eigentlich kein Foul zu sehen.“ Rasche hakte nach der Partie neugierig beim verantwortlichen Fifa-Schiedsrichter Dieter Pauly nach: „Er sagte mir, dass er gar keine Regelwidrigkeit gesehen hätte. Aber er hatte in dieser spielentscheidenden Phase keine Lust auf Diskussionen.“ Selbige musste dafür Rasche einst in Münster führen. Auf dem Weg zum prestigeträchtigen Derby zwischen Gastgeber Preußen und Arminia Bielefeld stoppte ein Polizist sein Auto an einer Straßensperre und ließ Rasche nicht zum Stadion passieren: „Da habe ich ihm gesagt, dass er jetzt auch Feierabend machen könne. Denn ohne Schiedsrichter könne das Spiel wohl nur schlecht angepfiffen werden. Erst nach einiger Zeit haben sie mich dann doch noch durchgelassen.“ Kurz vorm Abbruch hatte auch das Zweitliga-Spiel zwischen Fortuna Köln und Bayer Uerdingen gestanden. Zu Beginn der zweiten Halbzeit war plötzlich das Flutlicht ausgefallen. Fortuna-Boss Hans „Jean“ Löring kümmerte sich höchstpersönlich, hielt medienwirksam zwei Drähte aneinander und siehe da: Es wurde Licht. Ob das wirklich allein seinem Verdienst zu verdanken war? Bis heute fraglich. „Aber das Ganze 45 Minuten lang durchzuhalten, ist ja auch schonmal eine Leistung“, kommentiert Rasche heute rückblickend. Er war bei dieser denkwürdigen Partie Linienrichter. In eben jener Funktion an der Seitenlinie bekam Rasche auch mal den ein oder anderen Spruch zu hören: „Damals gab es noch diese Kameras, die auf einer Schiene fahrend das Spiel filmten. Ein Fan rief mir deshalb zu, ich solle doch lieber auf diese Straßenbahn aufspringen. Da wäre ich eher auf Ballhöhe als zu Fuß.“ Eine vergleichsweise harmlose Kritik zu dem, was Rasche heutzutage beobachtet: „Schiedsrichter haben es aktuell wesentlich schwerer. Von der Kamera wird alles gesehen. Abseits zu erkennen, ist für das menschliche Auge teilweise unmöglich geworden. Man muss in der Schnelle den Ball als auch den angespielten Akteur gleichzeitig im Blick haben.“ In der Bundesliga gibt es zur millimetergenauen Überwachung heute den Video-Schiedsrichter. Rasche ist kein Freund vom Eingriff ins Spiel: „Ich würde mir vor allem wünschen, dass es mit den Entscheidungen aus dem Keller in Köln schneller geht. Wenn so viel Fernsehen geguckt wird, stört das den ganzen Spielfluss. Und auch wenn sicherlich einiges gerechter geworden ist, die Diskussionen um strittige Szenen haben sich nur auf eine andere Ebene verschoben. Früher hat man mit den Fehlern gelebt.“ Grundsätzlich habe die Attraktivität, Schiedsrichter zu werden, stark nachgelassen. Unparteiische werden ständig gesucht. „Früher haben die Spieler Anfang 30 angefangen, zu pfeifen. Kurz nach ihrem Laufbahnende. Diese Altersgruppe ist heute weggebrochen“, meint Rasche und nennt Gründe: „Chancen, nach ganz oben zu kommen, haben sie eh keine. Da ist in ihrem Alter maximal noch die Landesliga drin. Solche Brüller wie unser Gürhan Celik sind nur selten dabei.“ Der Referee aus dem Fußball-Kreis Minden hatte zuletzt den Sprung in die Westfalenliga geschafft. Mit gerade mal 21 Jahren. Vielleicht gelingt einem Mann aus dem Fußball-Kreis also wieder mal eine Bilderbuchkarriere – so wie sie der Wasserstraßer Hans-Heinrich Rasche hinlegte. MT-Serie: Schiedsrichter „Zwischen den Fronten“ – ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

MT-Serie, Schiedsrichter: Hans-Heinrich Rasche schaffte es bis in die Bundesliga. Er trickste einst Weltmeister Klaus Augenthaler aus

Schiedsrichter Hans-Heinrich Rasche (Mitte) leitete im Sommer 1988 ein besonderes Freundschaftsspiel auf dem Sportplatz am Twiesbach. Mit einem großen Blumenstrauß begrüßte der Eisberger Mannschaftskapitän Ralf Jobs (rechts) seinen Kollegen vom Deutschen Meister Werder Bremen, Mirko Votava. MT-Archivfoto: fs

Petershagen. Dieser Schiedsrichter war mit allen Wassern gewaschen. Niemand aus dem Fußball-Kreis Minden schaffte es, so hochklassig zu pfeifen wie Hans-Heinrich Rasche.

Weltmeister Klaus Augenthaler drängte den Fußball-Referee vom TuS Wasserstraße einst bei einem Freundschaftsspiel des FC Bayern in Herford dazu, doch endlich mal diesen „schlappen Ball“ auszutauschen. Freilich. Kein Problem. Rasche verschwand mit seinen Assistenten erstmal in der Halbzeit-Kabine: „Der Ball war aber okay. Wir haben ihn also nur kurz ins Waschbecken geworfen. Mit demselben Ball sind wir wieder raus und haben gesagt, wir hätten ihn ausgetauscht. Für ‚Auge‘ war das vermeintlich neue Spielgerät gleich viel besser. So musste man manchmal mit den Profis umgehen.“ Und diese Anekdote aus dem Jahr 1989 ist nur eine aus der Bilderbuch-Karriere des heute 68-jährigen Pensionärs.

Hans-Heinrich Rasche präsentiert vor seiner Erinnerungswand im Keller in Wasserstraße seine Anstecknadeln, die er im Laufe seiner Karriere als Fußball-Schiedsrichter von den Vereinen geschenkt bekommen hat. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Hans-Heinrich Rasche präsentiert vor seiner Erinnerungswand im Keller in Wasserstraße seine Anstecknadeln, die er im Laufe seiner Karriere als Fußball-Schiedsrichter von den Vereinen geschenkt bekommen hat. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Rasche wurde mit zarten 21 Jahren Schiedsrichter. 1972 war das. Zuvor hatte der einstige Postbeamte für Holzhausen/Porta in der Kreisliga gekickt. Als Schiedsrichter schaffte es der Wasserstraßer während seiner 40 Jahre langen Tätigkeit dafür bis in die Oberliga, als Assistent bis in die 1. Liga. Beim DFB stand Rasche zudem auf der sogenannten Liste B für internationale Spiele. Über derlei Kontakte nach ganz oben lotste Rasche in den 80ern sogar DFB-Schiedsrichter-Boss Volker Roth zu einem Schulungsabend nach Minden. Zu diesem Zeitpunkt war Rasche bereits Lehrwart im Kreis Minden. Insgesamt 25 Jahre lang war der leidenschaftliche Unparteiische in dieser Funktion tätig.

Rasche selbst lernte als Assistent von den Besten. Bei einem internationalen Vorbereitungsturnier im Dortmunder Westfalenstadion trafen einst Galatasaray Istanbul und PAOK Saloniki aufeinander. „Die Auseinandersetzung zwischen der türkischen und griechischen Mannschaft war traditionell hitzig - auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel war. Die Partie stand kurz vor Schluss auf des Messers Schneide. Eine letzte Ecke auf meiner Seite pfiff der Schiedsrichter unerklärlicherweise ab. Im Strafraumgetümmel war eigentlich kein Foul zu sehen.“ Rasche hakte nach der Partie neugierig beim verantwortlichen Fifa-Schiedsrichter Dieter Pauly nach: „Er sagte mir, dass er gar keine Regelwidrigkeit gesehen hätte. Aber er hatte in dieser spielentscheidenden Phase keine Lust auf Diskussionen.“

Selbige musste dafür Rasche einst in Münster führen. Auf dem Weg zum prestigeträchtigen Derby zwischen Gastgeber Preußen und Arminia Bielefeld stoppte ein Polizist sein Auto an einer Straßensperre und ließ Rasche nicht zum Stadion passieren: „Da habe ich ihm gesagt, dass er jetzt auch Feierabend machen könne. Denn ohne Schiedsrichter könne das Spiel wohl nur schlecht angepfiffen werden. Erst nach einiger Zeit haben sie mich dann doch noch durchgelassen.“

Kurz vorm Abbruch hatte auch das Zweitliga-Spiel zwischen Fortuna Köln und Bayer Uerdingen gestanden. Zu Beginn der zweiten Halbzeit war plötzlich das Flutlicht ausgefallen. Fortuna-Boss Hans „Jean“ Löring kümmerte sich höchstpersönlich, hielt medienwirksam zwei Drähte aneinander und siehe da: Es wurde Licht. Ob das wirklich allein seinem Verdienst zu verdanken war? Bis heute fraglich. „Aber das Ganze 45 Minuten lang durchzuhalten, ist ja auch schonmal eine Leistung“, kommentiert Rasche heute rückblickend. Er war bei dieser denkwürdigen Partie Linienrichter.

In eben jener Funktion an der Seitenlinie bekam Rasche auch mal den ein oder anderen Spruch zu hören: „Damals gab es noch diese Kameras, die auf einer Schiene fahrend das Spiel filmten. Ein Fan rief mir deshalb zu, ich solle doch lieber auf diese Straßenbahn aufspringen. Da wäre ich eher auf Ballhöhe als zu Fuß.“ Eine vergleichsweise harmlose Kritik zu dem, was Rasche heutzutage beobachtet: „Schiedsrichter haben es aktuell wesentlich schwerer. Von der Kamera wird alles gesehen. Abseits zu erkennen, ist für das menschliche Auge teilweise unmöglich geworden. Man muss in der Schnelle den Ball als auch den angespielten Akteur gleichzeitig im Blick haben.“ In der Bundesliga gibt es zur millimetergenauen Überwachung heute den Video-Schiedsrichter. Rasche ist kein Freund vom Eingriff ins Spiel: „Ich würde mir vor allem wünschen, dass es mit den Entscheidungen aus dem Keller in Köln schneller geht. Wenn so viel Fernsehen geguckt wird, stört das den ganzen Spielfluss. Und auch wenn sicherlich einiges gerechter geworden ist, die Diskussionen um strittige Szenen haben sich nur auf eine andere Ebene verschoben. Früher hat man mit den Fehlern gelebt.“

Grundsätzlich habe die Attraktivität, Schiedsrichter zu werden, stark nachgelassen. Unparteiische werden ständig gesucht. „Früher haben die Spieler Anfang 30 angefangen, zu pfeifen. Kurz nach ihrem Laufbahnende. Diese Altersgruppe ist heute weggebrochen“, meint Rasche und nennt Gründe: „Chancen, nach ganz oben zu kommen, haben sie eh keine. Da ist in ihrem Alter maximal noch die Landesliga drin. Solche Brüller wie unser Gürhan Celik sind nur selten dabei.“ Der Referee aus dem Fußball-Kreis Minden hatte zuletzt den Sprung in die Westfalenliga geschafft. Mit gerade mal 21 Jahren. Vielleicht gelingt einem Mann aus dem Fußball-Kreis also wieder mal eine Bilderbuchkarriere – so wie sie der Wasserstraßer Hans-Heinrich Rasche hinlegte.

MT-Serie: Schiedsrichter

„Zwischen den Fronten“ – ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Fußball