Fußball-Romantik gegen den Corona-Blues: Trio fährt 22 Stadien an einem Tag an - inklusive Video Astrid Plaßhenrich Porta Westfalica. Es fehlt. Dieses Gefühl Stufe für Stufe hochzusteigen und dann ganz langsam die ersten Grashalme zu sehen bis sich das komplette Spielfeld vor einem ausbreitet. Es fehlt, sich an Menschenmassen vorbeizuschieben und sich einen Weg zu seinem Platz auf der Tribüne oder in der Kurve zu bahnen. Es fehlen die Bratwurst, das Bier, die Diskussionen. Es fehlen der elektrisierende Torjubel und die Kult-Fans, die mit Kutte, Schal und Fahne seit Jahrzehnten mit ihren Klubs leiden. Auch Patrick Kuhlmann (22), Fabio Dörk-Kunze (24) und Daniel Branahl (25) vermissen den Fußball und die regelmäßigen Stadionbesuche. Deshalb entschließen sich die Portaner zu einem Roadtrip. Sie wollen an einem Tag alle Stadien der 21 Vereine der Regionalliga West anfahren. Hinzu kommt die altehrwürdige Grotenburg des Drittligisten KFC Uerdingen. „Da wollten wir schon immer mal hin, und es lag auf dem Weg", sagt Daniel Branahl. Kalter KaffeeEs geht los. Am vergangenen Sonntag treffen sich Patrick Kuhlmann, Fabio Dörk-Kunze und Daniel Branahl um 5 Uhr morgens am Sportplatz des TuS Holzhausen/Porta. Dort spielt das Trio zusammen in der 2. Mannschaft in der Kreisliga B. „Wir wollten zum Sonnenaufgang am ersten Stadion sein, deshalb die verrückte Uhrzeit", erzählt Kuhlmann. Das klappt. Mit kaltem Kaffee in der linken und einem Sandwich in der rechten Hand sehen die Drei die ersten Sonnenstrahlen über dem Häcker Wiehenstadion aufgehen. Pure Fußball-Romantik!Spontanität siegt „Patrick meinte nur ganz lapidar zu mir: Du kannst auch Nein sagen", erzählt Fabio Dörk-Kunze, „ab dem Moment wusste ich zwar noch nicht, worum es geht, aber mir war klar: Es kann nur gut werden." Die Idee zu der Stadiontour entsteht spontan. „Patrick und ich machen Groundhopping seit 2015. Wir haben die Stadien aller Bundesligisten sowie viele der 2. und 3. Liga gesehen. Uns fehlen die Reisen und die Spiele", sagt Branahl. Deshalb schmieden die beiden vor knapp zwei Wochen den Plan, die Regionalliga-Stadien zu besuchen. Die sinnvollste Strecke ist schnell über ein Internetprogramm ermittelt. Dörk-Kunze überlegt nicht lange. Seine Hausarbeit, die er an jenem Sonntag schreiben wollte, zieht der Lehramtsstudent auf Samstag vor, gibt ordentlich Gas. Das schnelle Handeln wird belohnt. Seine Note: 1,7. Ball! Kamera! Action! Um die ungewöhnliche Tour festzuhalten, drehen die Groundhopper ein Video. An jeder Station fliegt der Ball von der Seite vor die Stadiontore. Einer der Drei nimmt ihn an, zeigt einen Trick, hält ihn mit Kopf oder Fuß hoch und schießt ihn anschließend aus dem Bild heraus. Der Zeitplan ist eng getaktet. Deshalb hat jeder seinen Job, um die Stopps so kurz wie möglich zu gestalten. Kuhlmann steuert über die gesamte Strecke den VW T-Roc. „Wir haben zwar jeder ein Auto, aber wollten für den Trip ein etwas schnelleres. Deshalb haben wir uns eins gemietet. Über meinen Onkel haben wir auch sehr gute Konditionen erhalten", erzählt er. Branahl schnappt sich an jedem Ziel den Ball, Dörk-Kunze das Stativ für sein iPhone 11, mit dem die Bilder und Videos entstehen. Er wird den Film auch schneiden. „Wir werden den dann auf unseren Social-Media-Accounts veröffentlichen", erklärt Patrick Kuhlmann, und Dörk-Kunze ist sich sicher: „Das wird richtig cool." Vorsicht, Blitzer! Der Videodreh gelingt nicht immer auf Anhieb. Das Wersestadion von RW Ahlen liegt direkt an der viel befahrenen August-Kirchner-Straße. Auf der Suche nach dem perfekten Bildausschnitt platzieren sie das Stativ auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Viele Autofahrer sind voll in die Eisen gegangen", erzählt Branahl, „die dachten, es wird geblitzt." Es dauert, bis sich eine autofreie Phase ergibt. Dann muss es schnell gehen. Eine Regionalliga-Partie durch die Gitterstäbe sehen die drei übrigens nicht. Denn die spielten bereits Samstag. „Das war gar nicht so schlecht. Sonst wären wir vielleicht nicht an jedes Stadion so nah herangekommen", vermutet Dörk-Kunze. Eine Partie sehen die Drei dann aber doch für ein paar Minuten: Der Frauen-Zweitligist Borussia Mönchengladbach verliert im Grenzlandstadion gegen den VfL Wolfsburg II mit 0:1. Dort weht der Wind immer wieder das Stativ um. „Die Ordner haben etwas irritiert geguckt", erzählt Branahl. Im Düsseldorfer Paul-Janes-Stadion trainiert zudem die U23 der Fortuna. Schönheiten Einen besonderen Eindruck hinterlässt das Stadion am Zoo des Wuppertaler SV. Die Portaner fahren eine serpentinenähnliche Straße in Richtung Tierpark hoch. „Von dort hatten wir einen Blick über das gesamte Spielfeld. Im Hintergrund fuhr die Schwebebahn und wir schauten auf die alten Industriegebäude. Das hat Charme", erzählt Patrick Kuhlmann. Und dort spielt sich auch der lustigste Dreh ab. Denn der Ball ist am späten Nachmittag nicht mehr der beste Freund der Groundhopper. Dreimal fliegt er die Böschung hinunter, jedes Mal sprintet ein anderer hinterher. „Wir haben über den ganzen Tag knapp zwölf Kilometer zu Fuß zurückgelegt", berichtet Fabio Dörk-Kunze. Neben dem Wuppertaler Stadion mag das Trio auch die Spielstätten im Ruhrgebiet. Das Schalker Parkstadion gehört genauso dazu wie das Stadion an der Hafenstraße in Essen. Der Aachener Tivoli hat es ihnen auch angetan. Dagegen bleibt der Sportplatz des SV Straelen wohl nicht im Gedächtnis. „Das war ein richtiges Kaff", berichtet Patrick Kuhlmann. Schockmoment Zu jedem Abenteuer gehört auch ein kurzer Schockmoment, der gut ausgeht. Bei den Groundhoppern ist der so ziemlich auf der Hälfte der Strecke beim FC Wegberg-Beeck. Plötzlich ist der Schlüssel des Mietwagens verschwunden. Die Drei strömen aus, suchen jeden Zentimeter vor dem Waldstadion ab. Nichts. Dann die Erlösung: Der Schlüssel liegt im Kofferraum. Weiter geht’s. Nächste Station: Aachen. Abenteuer für wenig Geld Nach 15:14,08 Stunden kommen die Portaner am Wiedenbrücker Jahnstadion an. Es ist die letzte Station vor Holzhausen. Inzwischen ist es stockduster. Die Stoppuhr hatten die Drei am Morgen in Rödinghausen gestartet, 882 Kilometer liegen zwischen den beiden Zielen. Der Roadtrip hat geschlaucht. Das Trio ist hundemüde, aber um viele Eindrücke und kleine und große Geschichten reicher. Als die Drei wenig später in Porta ankommen, stehen 975 Kilometer auf dem Tacho. Während des Trips mussten sie zweimal tanken, dreimal nutzten sie einen Drive-in von Schnellrestaurants. Die Kosten sind überschaubar. „Jeder von uns hat für den ganzen Tag 40 Euro gezahlt", sagt Kuhlmann. Berlin, Berlin... Und der nächste Fußball-Trip ist bereits geplant: Der soll zu den Stadien der Regionalliga Nordost führen. Dann geht es nach Berlin, Leipzig, Chemnitz, Jena oder auch nach Meuselwitz im Altenburger Land. „Die Tour wird aber mindestens 24 Stunden dauern", sagt Daniel Branahl, „dafür müssen wir Urlaub nehmen." Aber die Ostertage bieten sich dafür durchaus an.

Fußball-Romantik gegen den Corona-Blues: Trio fährt 22 Stadien an einem Tag an - inklusive Video

Der Aachener Tivoli steht für Tradition: Das neue Stadion der Alemannia befindet sich seit August 2009 im Sportpark Soers, auf dem ehemaligen Grundstück der Villa Tivoli. Die erbaute der Aachener Baumeister Jakob Couven vermutlich 1806. Der Tivoli mit seinen 32.960 Plätzen war auch für Patrick Kuhlmann (von links), Daniel Branahl und Fabio Dörk-Kunze eine besondere Station. Foto:privat © privat

Porta Westfalica. Es fehlt. Dieses Gefühl Stufe für Stufe hochzusteigen und dann ganz langsam die ersten Grashalme zu sehen bis sich das komplette Spielfeld vor einem ausbreitet. Es fehlt, sich an Menschenmassen vorbeizuschieben und sich einen Weg zu seinem Platz auf der Tribüne oder in der Kurve zu bahnen. Es fehlen die Bratwurst, das Bier, die Diskussionen. Es fehlen der elektrisierende Torjubel und die Kult-Fans, die mit Kutte, Schal und Fahne seit Jahrzehnten mit ihren Klubs leiden. Auch Patrick Kuhlmann (22), Fabio Dörk-Kunze (24) und Daniel Branahl (25) vermissen den Fußball und die regelmäßigen Stadionbesuche. Deshalb entschließen sich die Portaner zu einem Roadtrip. Sie wollen an einem Tag alle Stadien der 21 Vereine der Regionalliga West anfahren. Hinzu kommt die altehrwürdige Grotenburg des Drittligisten KFC Uerdingen. „Da wollten wir schon immer mal hin, und es lag auf dem Weg", sagt Daniel Branahl.

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Kalter Kaffee
Es geht los. Am vergangenen Sonntag treffen sich Patrick Kuhlmann, Fabio Dörk-Kunze und Daniel Branahl um 5 Uhr morgens am Sportplatz des TuS Holzhausen/Porta. Dort spielt das Trio zusammen in der 2. Mannschaft in der Kreisliga B. „Wir wollten zum Sonnenaufgang am ersten Stadion sein, deshalb die verrückte Uhrzeit", erzählt Kuhlmann. Das klappt. Mit kaltem Kaffee in der linken und einem Sandwich in der rechten Hand sehen die Drei die ersten Sonnenstrahlen über dem Häcker Wiehenstadion aufgehen. Pure Fußball-Romantik!

Spontanität siegt

- © Astrid Plaßhenrich
© Astrid Plaßhenrich

„Patrick meinte nur ganz lapidar zu mir: Du kannst auch Nein sagen", erzählt Fabio Dörk-Kunze, „ab dem Moment wusste ich zwar noch nicht, worum es geht, aber mir war klar: Es kann nur gut werden." Die Idee zu der Stadiontour entsteht spontan. „Patrick und ich machen Groundhopping seit 2015. Wir haben die Stadien aller Bundesligisten sowie viele der 2. und 3. Liga gesehen. Uns fehlen die Reisen und die Spiele", sagt Branahl. Deshalb schmieden die beiden vor knapp zwei Wochen den Plan, die Regionalliga-Stadien zu besuchen. Die sinnvollste Strecke ist schnell über ein Internetprogramm ermittelt. Dörk-Kunze überlegt nicht lange. Seine Hausarbeit, die er an jenem Sonntag schreiben wollte, zieht der Lehramtsstudent auf Samstag vor, gibt ordentlich Gas. Das schnelle Handeln wird belohnt. Seine Note: 1,7.

Ball! Kamera! Action!

Um die ungewöhnliche Tour festzuhalten, drehen die Groundhopper ein Video. An jeder Station fliegt der Ball von der Seite vor die Stadiontore. Einer der Drei nimmt ihn an, zeigt einen Trick, hält ihn mit Kopf oder Fuß hoch und schießt ihn anschließend aus dem Bild heraus. Der Zeitplan ist eng getaktet. Deshalb hat jeder seinen Job, um die Stopps so kurz wie möglich zu gestalten. Kuhlmann steuert über die gesamte Strecke den VW T-Roc. „Wir haben zwar jeder ein Auto, aber wollten für den Trip ein etwas schnelleres. Deshalb haben wir uns eins gemietet. Über meinen Onkel haben wir auch sehr gute Konditionen erhalten", erzählt er. Branahl schnappt sich an jedem Ziel den Ball, Dörk-Kunze das Stativ für sein iPhone 11, mit dem die Bilder und Videos entstehen. Er wird den Film auch schneiden. „Wir werden den dann auf unseren Social-Media-Accounts veröffentlichen", erklärt Patrick Kuhlmann, und Dörk-Kunze ist sich sicher: „Das wird richtig cool."

Vorsicht, Blitzer!

Der Videodreh gelingt nicht immer auf Anhieb. Das Wersestadion von RW Ahlen liegt direkt an der viel befahrenen August-Kirchner-Straße. Auf der Suche nach dem perfekten Bildausschnitt platzieren sie das Stativ auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Viele Autofahrer sind voll in die Eisen gegangen", erzählt Branahl, „die dachten, es wird geblitzt." Es dauert, bis sich eine autofreie Phase ergibt. Dann muss es schnell gehen. Eine Regionalliga-Partie durch die Gitterstäbe sehen die drei übrigens nicht. Denn die spielten bereits Samstag. „Das war gar nicht so schlecht. Sonst wären wir vielleicht nicht an jedes Stadion so nah herangekommen", vermutet Dörk-Kunze. Eine Partie sehen die Drei dann aber doch für ein paar Minuten: Der Frauen-Zweitligist Borussia Mönchengladbach verliert im Grenzlandstadion gegen den VfL Wolfsburg II mit 0:1. Dort weht der Wind immer wieder das Stativ um. „Die Ordner haben etwas irritiert geguckt", erzählt Branahl. Im Düsseldorfer Paul-Janes-Stadion trainiert zudem die U23 der Fortuna.

Schönheiten

Einen besonderen Eindruck hinterlässt das Stadion am Zoo des Wuppertaler SV. Die Portaner fahren eine serpentinenähnliche Straße in Richtung Tierpark hoch. „Von dort hatten wir einen Blick über das gesamte Spielfeld. Im Hintergrund fuhr die Schwebebahn und wir schauten auf die alten Industriegebäude. Das hat Charme", erzählt Patrick Kuhlmann. Und dort spielt sich auch der lustigste Dreh ab. Denn der Ball ist am späten Nachmittag nicht mehr der beste Freund der Groundhopper. Dreimal fliegt er die Böschung hinunter, jedes Mal sprintet ein anderer hinterher. „Wir haben über den ganzen Tag knapp zwölf Kilometer zu Fuß zurückgelegt", berichtet Fabio Dörk-Kunze. Neben dem Wuppertaler Stadion mag das Trio auch die Spielstätten im Ruhrgebiet. Das Schalker Parkstadion gehört genauso dazu wie das Stadion an der Hafenstraße in Essen. Der Aachener Tivoli hat es ihnen auch angetan. Dagegen bleibt der Sportplatz des SV Straelen wohl nicht im Gedächtnis. „Das war ein richtiges Kaff", berichtet Patrick Kuhlmann.

Schockmoment

Zu jedem Abenteuer gehört auch ein kurzer Schockmoment, der gut ausgeht. Bei den Groundhoppern ist der so ziemlich auf der Hälfte der Strecke beim FC Wegberg-Beeck. Plötzlich ist der Schlüssel des Mietwagens verschwunden. Die Drei strömen aus, suchen jeden Zentimeter vor dem Waldstadion ab. Nichts. Dann die Erlösung: Der Schlüssel liegt im Kofferraum. Weiter geht’s. Nächste Station: Aachen.

Abenteuer für wenig Geld

Nach 15:14,08 Stunden kommen die Portaner am Wiedenbrücker Jahnstadion an. Es ist die letzte Station vor Holzhausen. Inzwischen ist es stockduster. Die Stoppuhr hatten die Drei am Morgen in Rödinghausen gestartet, 882 Kilometer liegen zwischen den beiden Zielen. Der Roadtrip hat geschlaucht. Das Trio ist hundemüde, aber um viele Eindrücke und kleine und große Geschichten reicher. Als die Drei wenig später in Porta ankommen, stehen 975 Kilometer auf dem Tacho. Während des Trips mussten sie zweimal tanken, dreimal nutzten sie einen Drive-in von Schnellrestaurants. Die Kosten sind überschaubar. „Jeder von uns hat für den ganzen Tag 40 Euro gezahlt", sagt Kuhlmann.

Berlin, Berlin...

Und der nächste Fußball-Trip ist bereits geplant: Der soll zu den Stadien der Regionalliga Nordost führen. Dann geht es nach Berlin, Leipzig, Chemnitz, Jena oder auch nach Meuselwitz im Altenburger Land. „Die Tour wird aber mindestens 24 Stunden dauern", sagt Daniel Branahl, „dafür müssen wir Urlaub nehmen." Aber die Ostertage bieten sich dafür durchaus an.

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