MT-Serie, Schiedsrichter: "Ey, pfeif' doch mal" - Ein Gespann gibt Einblicke in den Alltag Fabian Terwey Bad Oeynhausen. „Ey Schiri, pfeif' das doch mal“, ruft ein Zuschauer von der kleinen Tribüne Richtung Kunstrasenplatz. In der Sparkassen-Arena läuft das Westfalenpokal-Zweitrundenduell zwischen B-Junioren-Bezirksligist JFV Lohe-Bad Oeynhausen und Westfalenligist SC Paderborn. Derlei Proteste von Besuchern, Vereinsverantwortlichen und Spielern gehören auch für die Unparteiischen im Fußballkreis Minden zur Tagesordnung. „Das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Solange keiner von den Besuchern aufs Feld läuft, ist alles gut“, sagt Rames El Bana. Er, der zweite Assistent Maurice Fischer und Schiedsrichter Lucas Krämer sitzen nach dem 1:0 (0:0)-Sieg der favorisierten Gäste bei Currywurst und Pommes im Vereinsheim des FC Bad Oeynhausen zusammen. Das Essen stellt der gastgebende Verein. Es ist der Abschluss eines alltäglichen Sonntags für das Gespann. Und der ist ereignisreicher, als es von außen scheint. Aus allen Himmelsrichtungen reist das Trio im Auto an. Der 24-jährige Finanzberater Krämer vom TuS Volmerdingsen leitet Spiele bis zur Landesliga und kommt aus seinem Wohnort Hannover, der 44-jährige Maschinenbediener und Bezirksliga-Referee El Bana von der SV Eidinghausen-Werste reist aus Bielefeld an. Jüngster im Bunde ist Chemiestudent Fischer von der SV Kutenhausen-Todtenhausen. Der 21-jährige Kreisliga-B-Unparteiische kommt aus Minden. Einsätze als Gespann gibt es nur auf Verbandsebene. El Bana schaut sich zur Vorbereitung beim Frühstück stets die Tabellensituation an: „Am Spielort bin ich dann lieber früher als später.“ Und so schreitet das Gespann bereits um 10 Uhr – eine Stunde vor dem Anpfiff – zur Platzbegehung. Die Kontrolle der Tornetze erfolgt zügig, aber penibel. Es regnet in Strömen. Und um nicht schon vor dem Anstoß klatschnass zu sein, verlegt das Gespann die Signalabsprache kurzerhand in die zehn Quadratermeter große Kabine. Zum ersten Mal pfeifen die drei in dieser Konstellation zusammen. „Wie verhalten wir uns bei Rudelbildung? Kommt der Assistent dann mit aufs Feld oder bleibt er an der Linie?“ Solche Fragen besprechen Krämer und Co. vorher. Die Auswahl der Trikotfarbe fällt bereits im Vorfeld. Diesmal fällt die Wahl auf Gelb. Damit setzen sich die Spielleiter farblich von den schwarz gekleideten Gastgebern und den in Rot spielenden Paderbornern ab. „Wir haben für den Notfall aber die komplette Farbpalette dabei“, sagt Krämer und deutet auf seine voll gepackte Sporttasche. Bevor es um 10. 30 Uhr zum Warmmachen wieder auf den Platz geht, müssen noch die drei Spielbälle abgenommen werden. Yannik Schöbel bringt sie. Der JFV-Jugendleiter betreut die Schiedsrichter: „Ich bringe Wasser oder Kaffee und bereite alles vor, damit der Spielbericht online eingetragen werden kann.“ Anders als früher, als vor dem Anpfiff noch Passmappen kontrolliert werden mussten, tragen heute die Vereine ihre Aufstellung ins System „DFBnet“ ein. Das erspart dem Unparteiischen den einst obligatorischen Gang in die Mannschaftskabine. Nach dem Einlaufen geht es also zurück in den eigenen Raum. Zehn Minuten vor dem Anpfiff streifen sich die drei Unparteiischen ihre Jerseys über. Krämer bringt den Pieper am Oberarm an. Der ertönt und vibriert, wenn seine Assistenten den Knopf an der Fahne drücken. „Das ist eine Hilfe, wenn bei mir im Rücken etwas vorfällt. Zum Beispiel eine Tätlichkeit“, erklärt Krämer. Nötig wird dieser Einsatz während des Pokalkrimis nicht. Nach der Platzwahl mit den beiden Mannschaftskapitänen und der anschließenden Schweigeminute wegen des Attentats von Hanau verläuft die erste Halbzeit ohne Zwischenfälle. „Wie oft habe ich gepfiffen? Vielleicht fünfmal“, sagt Krämer. Zur Auflockerung im Spiel lächelt der Referee viel und hält seine Linie gerne großzügig. Nur einmal verteilt er Gelb. Ein Paderborner sieht die Karte wegen Wegtretens des Balls. „Ich hatte den Spieler vorgewarnt. Kommunikation ist wichtig. Das sind bei den Junioren auch erzieherische Maßnahmen“, sagt Krämer: „Im Unterschied zu Senioren ist es essenziell, Regeln wiederholt zu erklären. So erübrigt sich oft eine Strafe.“ Auch Krämers Austausch mit seinen Kollegen funktioniert. Ein ums andere Mal geht der Daumen fragend nach oben: Alles klar? Bejahend kommt das Zeichen zurück: Alles okay. Die erste Halbzeit ist nach 40 Minuten geschafft, es steht 0:0. Krämer trinkt in der Kabine erstmal einen Schluck Wasser: „Das Spiel verläuft ruhig. Beide Teams wollen nach vorne spielen.“ El Bana trocknet sich die nassen Haare ab, Fischer wechselt sein feuchtes Shirt. Nach kurzem Austausch geht es wieder raus zur zweiten Halbzeit. Und die verläuft hitziger. Gleich dreimal geht Krämer zu den Trainerbänken. Nach erster Ermahnung gibt es Gelb für einen lautstark protestierenden JFV-Betreuer. Den Paderborn-Coach Oliver Döking beschwichtigt Krämer mit einer ermahnenden Handgeste. Die Entscheidung fällt kurz darauf. Der SCP erzielt in der 70. Minute das Tor des Tages (70.). Nach 83 Minuten pfeift Krämer das Spiel ab. Mit seinen Assistenten kommt er am Mittelkreis zusammen und schreitet nach dem Abklatschen mit den Protagonisten in die Kabine. Vorbei ist der Tag aber noch nicht. Der Schiedsrichter muss per Laptop im Nebenraum der Umkleide noch Tor, Auswechslungen und Verwarnungen ins System eingeben. Auch das Eintragen der Fahrtkosten und Spesen ist nötig. Schöbel bringt drei Tassen Tee zum Aufwärmen in die Kabine. Dort gibt es zur Freude der durchnässten Schiedsrichter auch eine Dusche. „Das ist nicht überall der Fall. Manchmal muss man auch bei den Teams duschen. Das kann je nach Spielverlauf unangenehm sein“, sagt Krämer. Diesmal endet der Einsatz harmonisch – beim Imbiss im Vereinsheim. Krämer erklärt: „Um die Kollegen kennenzulernen, ist es wichtig, am Ende zusammenzusitzen.“ Anschließend trennen sich die Drei wieder – bis zum nächsten gemeinsamen Einsatz.

MT-Serie, Schiedsrichter: "Ey, pfeif' doch mal" - Ein Gespann gibt Einblicke in den Alltag

Der zweite Assistent Maurice Fischer (von links), Schiedsrichter Lucas Krämer und der erste Assistent Rames El Bana gehen in der Halbzeit in die Kabine. MT- © Foto: Fabian Terwey

Bad Oeynhausen. „Ey Schiri, pfeif' das doch mal“, ruft ein Zuschauer von der kleinen Tribüne Richtung Kunstrasenplatz. In der Sparkassen-Arena läuft das Westfalenpokal-Zweitrundenduell zwischen B-Junioren-Bezirksligist JFV Lohe-Bad Oeynhausen und Westfalenligist SC Paderborn. Derlei Proteste von Besuchern, Vereinsverantwortlichen und Spielern gehören auch für die Unparteiischen im Fußballkreis Minden zur Tagesordnung.

„Das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Solange keiner von den Besuchern aufs Feld läuft, ist alles gut“, sagt Rames El Bana. Er, der zweite Assistent Maurice Fischer und Schiedsrichter Lucas Krämer sitzen nach dem 1:0 (0:0)-Sieg der favorisierten Gäste bei Currywurst und Pommes im Vereinsheim des FC Bad Oeynhausen zusammen. Das Essen stellt der gastgebende Verein. Es ist der Abschluss eines alltäglichen Sonntags für das Gespann. Und der ist ereignisreicher, als es von außen scheint.

Der Unparteiische Lucas Krämer (Mitte) und die beiden Assistenten Rames El Bana (links) und Maurice Fischer. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Der Unparteiische Lucas Krämer (Mitte) und die beiden Assistenten Rames El Bana (links) und Maurice Fischer. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Aus allen Himmelsrichtungen reist das Trio im Auto an. Der 24-jährige Finanzberater Krämer vom TuS Volmerdingsen leitet Spiele bis zur Landesliga und kommt aus seinem Wohnort Hannover, der 44-jährige Maschinenbediener und Bezirksliga-Referee El Bana von der SV Eidinghausen-Werste reist aus Bielefeld an. Jüngster im Bunde ist Chemiestudent Fischer von der SV Kutenhausen-Todtenhausen. Der 21-jährige Kreisliga-B-Unparteiische kommt aus Minden. Einsätze als Gespann gibt es nur auf Verbandsebene. El Bana schaut sich zur Vorbereitung beim Frühstück stets die Tabellensituation an: „Am Spielort bin ich dann lieber früher als später.“

Im Vereinsheim sitzen Maurice Fischer (von links), Rames El Bana und Lucas Krämer nach der Partie zusammen und lassen den Spieltag ausklingen. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Im Vereinsheim sitzen Maurice Fischer (von links), Rames El Bana und Lucas Krämer nach der Partie zusammen und lassen den Spieltag ausklingen. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Und so schreitet das Gespann bereits um 10 Uhr – eine Stunde vor dem Anpfiff – zur Platzbegehung. Die Kontrolle der Tornetze erfolgt zügig, aber penibel. Es regnet in Strömen. Und um nicht schon vor dem Anstoß klatschnass zu sein, verlegt das Gespann die Signalabsprache kurzerhand in die zehn Quadratermeter große Kabine. Zum ersten Mal pfeifen die drei in dieser Konstellation zusammen. „Wie verhalten wir uns bei Rudelbildung? Kommt der Assistent dann mit aufs Feld oder bleibt er an der Linie?“ Solche Fragen besprechen Krämer und Co. vorher.

Schiedsrichter Lucas Krämer hat sichtlich Spaß an seinem Job. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Schiedsrichter Lucas Krämer hat sichtlich Spaß an seinem Job. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Die Auswahl der Trikotfarbe fällt bereits im Vorfeld. Diesmal fällt die Wahl auf Gelb. Damit setzen sich die Spielleiter farblich von den schwarz gekleideten Gastgebern und den in Rot spielenden Paderbornern ab. „Wir haben für den Notfall aber die komplette Farbpalette dabei“, sagt Krämer und deutet auf seine voll gepackte Sporttasche. Bevor es um 10. 30 Uhr zum Warmmachen wieder auf den Platz geht, müssen noch die drei Spielbälle abgenommen werden. Yannik Schöbel bringt sie. Der JFV-Jugendleiter betreut die Schiedsrichter: „Ich bringe Wasser oder Kaffee und bereite alles vor, damit der Spielbericht online eingetragen werden kann.“

Assistent Rames El Bana im peitschenden Regen an der Seitenlinie. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Assistent Rames El Bana im peitschenden Regen an der Seitenlinie. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Anders als früher, als vor dem Anpfiff noch Passmappen kontrolliert werden mussten, tragen heute die Vereine ihre Aufstellung ins System „DFBnet“ ein. Das erspart dem Unparteiischen den einst obligatorischen Gang in die Mannschaftskabine. Nach dem Einlaufen geht es also zurück in den eigenen Raum. Zehn Minuten vor dem Anpfiff streifen sich die drei Unparteiischen ihre Jerseys über. Krämer bringt den Pieper am Oberarm an. Der ertönt und vibriert, wenn seine Assistenten den Knopf an der Fahne drücken. „Das ist eine Hilfe, wenn bei mir im Rücken etwas vorfällt. Zum Beispiel eine Tätlichkeit“, erklärt Krämer. Nötig wird dieser Einsatz während des Pokalkrimis nicht.

Lucas Krämer trägt nach der Partie Auswechselungen, Karten und Tore im System "DFBnet" ein. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Lucas Krämer trägt nach der Partie Auswechselungen, Karten und Tore im System "DFBnet" ein. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Nach der Platzwahl mit den beiden Mannschaftskapitänen und der anschließenden Schweigeminute wegen des Attentats von Hanau verläuft die erste Halbzeit ohne Zwischenfälle. „Wie oft habe ich gepfiffen? Vielleicht fünfmal“, sagt Krämer. Zur Auflockerung im Spiel lächelt der Referee viel und hält seine Linie gerne großzügig. Nur einmal verteilt er Gelb. Ein Paderborner sieht die Karte wegen Wegtretens des Balls. „Ich hatte den Spieler vorgewarnt. Kommunikation ist wichtig. Das sind bei den Junioren auch erzieherische Maßnahmen“, sagt Krämer: „Im Unterschied zu Senioren ist es essenziell, Regeln wiederholt zu erklären. So erübrigt sich oft eine Strafe.“

Auch Krämers Austausch mit seinen Kollegen funktioniert. Ein ums andere Mal geht der Daumen fragend nach oben: Alles klar? Bejahend kommt das Zeichen zurück: Alles okay. Die erste Halbzeit ist nach 40 Minuten geschafft, es steht 0:0. Krämer trinkt in der Kabine erstmal einen Schluck Wasser: „Das Spiel verläuft ruhig. Beide Teams wollen nach vorne spielen.“ El Bana trocknet sich die nassen Haare ab, Fischer wechselt sein feuchtes Shirt.

Nach kurzem Austausch geht es wieder raus zur zweiten Halbzeit. Und die verläuft hitziger. Gleich dreimal geht Krämer zu den Trainerbänken. Nach erster Ermahnung gibt es Gelb für einen lautstark protestierenden JFV-Betreuer. Den Paderborn-Coach Oliver Döking beschwichtigt Krämer mit einer ermahnenden Handgeste. Die Entscheidung fällt kurz darauf. Der SCP erzielt in der 70. Minute das Tor des Tages (70.). Nach 83 Minuten pfeift Krämer das Spiel ab. Mit seinen Assistenten kommt er am Mittelkreis zusammen und schreitet nach dem Abklatschen mit den Protagonisten in die Kabine.

Vorbei ist der Tag aber noch nicht. Der Schiedsrichter muss per Laptop im Nebenraum der Umkleide noch Tor, Auswechslungen und Verwarnungen ins System eingeben. Auch das Eintragen der Fahrtkosten und Spesen ist nötig. Schöbel bringt drei Tassen Tee zum Aufwärmen in die Kabine. Dort gibt es zur Freude der durchnässten Schiedsrichter auch eine Dusche. „Das ist nicht überall der Fall. Manchmal muss man auch bei den Teams duschen. Das kann je nach Spielverlauf unangenehm sein“, sagt Krämer. Diesmal endet der Einsatz harmonisch – beim Imbiss im Vereinsheim. Krämer erklärt: „Um die Kollegen kennenzulernen, ist es wichtig, am Ende zusammenzusitzen.“ Anschließend trennen sich die Drei wieder – bis zum nächsten gemeinsamen Einsatz.

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