Der Fußball-Richter und seine Härtefälle: Alexandros Papassimos über knifflige Fälle Fabian Terwey Minden (mt). Die schwere Eingangstür zu seiner Altstadtkanzlei am Friedensplatz steht immer offen. „Jeder kann kommen", sagt Alexandros Papassimos und lächelt: „Mein Labrador Lucky wacht, dass hier keiner die Akten klaut." Die liegen penibel gestapelt auf dem aufgeräumten Bürotisch im zweiten Stock des Fachwerkhauses. Im Bücherregal thront als kleine Figur Justitia – die Göttin der Gerechtigkeit. Mit diesem Thema beschäftigt sich der 42-Jährige nicht nur seit 2006 als selbstständiger Anwalt für Zivilrecht, sondern seit 2012 auch in einer zweiten Rolle: Papassimos ist Fußball-Richter. Der gebürtige Mindener entscheidet als Vorsitzender des Kreis-Sportgerichts über die härtesten Fälle auf den Plätzen. „Die Gerechtigkeit im Fußball liegt für mich im Regelwerk", sagt Papassimos. Und dessen Missachtung habe im Vergleich zu seiner Zeit als Beisitzer sowohl in ihrer Häufung als auch in ihrem Ausmaß drastisch zugenommen. „Die Anzahl der Fälle hat sich fast verdoppelt", sagt Papassimos. Mittlerweile hat es der einstige Stürmer und spätere Libero des Mindener SV 05 pro Saison mit 20 bis 30 kniffligen Fällen zu tun. „In manchen Monaten kommt gar nichts, dann gleich ein ganzer Schwung. Das Unrechtsbewusstsein schwindet jedenfalls zunehmend. Um es zu vergleichen: Was früher die Kneipenschlägerei war, ist heute eine Messerstecherei. Es gibt Bedrohungen, Beleidigungen und tätliche Übergriffe", sagt Papassimos und betont zugleich, dass die Anzahl in vergleichbaren Kreisen im Ruhrgebiet sogar bei nahezu 100 Fällen liege. Das Fehlverhalten auf dem Platz hält der jeweilige Schiedsrichter im Spielbericht fest. Die milderen Strafen spricht der Staffelleiter dann selbst aus, seine Entscheidungsgewalt beschränkt sich allerdings auf ein zeitlich und monetär eingeschränktes Maß. „Die Rolle des Staffelleiters ist vergleichbar mit der des Staatsanwalts. Er muss entscheiden, ob er den Fall an das Kreis-Sportgericht weiterleitet", erklärt dessen Vorsitzender. Neben ihm besteht dieses aus vier Beisitzern: „Wir müssen uns bei Abtretung des Falls ein Bild machen, ob der Vorwurf stimmt. Deswegen verschaffen wir den Betroffenen rechtliches Gehör und schreiben sie an, ob sie eine Stellungnahme abgeben wollen. Das können sie, müssen sie aber nicht", erläutert Papassimos: „Wenn nichts im Spielbericht steht, können wir aber auch nichts urteilen. Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, dass der Verein, der Betroffene oder der Staffelleiter durch die Anzeige des Falls ein Verfahren einleiten. Und selbstverständlich kann ein Betroffener auch eine Strafanzeige bei der Polizei stellen." Früher wurden Fälle hauptsächlich in Sitzungen mit Schiedsrichtern, Betroffenen, Opfern und Zeugen verhandelt. Heute wickelt Papassimos mehr als die Hälfte im schriftlichen Verfahren ab: „Dazu sind wir aus Kosten- und Zeitgründen vom Westdeutschen Fußballverband angehalten." Manches Mal will Papassimos aber aus Mangel an Informationen nicht auf diese Weise entscheiden. Dann leitet der Mindener ein mündliches Verfahren ein: „Ich bin eher ein Freund von Verhandlungen. Da kann man sich sich ein besseres Bild machen. Manchmal stellt sich dann heraus, dass sich ein Fall dramatischer liest als er war. Andere Male merkt man, dass der Täter ,nur' einen Aussetzer hatte und kann dem Betroffenen ins Gewissen reden. Bei einem ehrlich gemeinten Geständnis ist es auch möglich, auf die Urteilskeule zu verzichten." Als Beweismittel zulässig sind bei solchen zwei- bis fünfstündigen Sitzungen genauso wie vor Gericht Zeugen, Urkunden wie Spielberichtsbögen, Fotos, Videos oder auch das ärztlich diagnostizierte Verletzungsausmaß. Dabei gilt auch im Fußball das Credo „im Zweifel für den Angeklagten". Ins obere Regal der Strafmaßnahmen greift Papassimos dagegen, wenn es sich um Wiederholungstäter oder besonders schwere Fälle handelt: „Um die Entwicklung ins Negative auf den Plätzen zu stoppen, greifen wir eher zu einem Strafmaß Mitte aufwärts. Es kann nicht sein, dass dem Schiedsrichter teilweise nach dem Spiel aufgelauert wird. So, wie ich es jetzt aus Mannschaftskreisen mitbekomme, haben diese drastischen Maßnahmen schon positive Auswirkungen auf das friedliche Miteinander." Gegen das Urteil können die betroffenen Vereine Rechtsmittel einlegen. Dann wird auf Bezirksebene neu verhandelt. Das ist in Papassimos' bisheriger Amtszeit als Vorsitzender bislang nur ein Mal vorgekommen. Die Sonderzuständigkeit bei Rassismus-Fällen liegt grundsätzlich beim Westdeutschen Fußball-Verband. Gründe für die zugenommene Härte auf den Plätzen sieht der Bayern-München-Fan gleich mehrere: „Es ist ein gesellschaftliches Problem. Das zeigen allein die sozialen Netzwerke. Dort herrscht ein rauer Ton. Insbesondere die jungen Leute haben einfach nicht mehr die Scheu, gewisse Worte in den Mund zu nehmen." Das hat für den Familienvater vor allem etwas mit Erziehung und Vorbildfunktion zu tun. Papassimos spricht also aus Erfahrung, trainierte er doch seinen zwölfjährigen Sohn Aimilios einst selbst bei der SV Kutenhausen-Todtenhausen: „Wenn der Vorsitzende oder der Trainer sich nicht benehmen, dann überträgt sich das auf die ganze Mannschaft. Ähnliches gilt für die Theatralik in der Bundesliga. So, wie die Spieler dort auf den Schiedsrichter losgehen, ahmen es die Fußballer im Amateurbereich nach. Mir war es als Jugendtrainer immer wichtig, dass sich die Protagonisten nach dem Spiel abklatschen. Von manchen Eltern am Spielfeldrand hört man aber die wildesten Sachen." Sprüche bekommt Papassimos vor allem dann zu hören, wenn er selbst Spiele besucht: „Die Leute fragen dann, was wir da schon wieder geurteilt haben", berichtet der Anwalt: „Aber das gehört dazu. Durch meinen Beruf bin ich darin geschult, es nicht persönlich zu nehmen." Grundsätzlich sei es für seine Tätigkeit als Anwalt ein Vorteil, auch die Richterrolle zu bekleiden: „Sonst habe ich ja nur das Mandantenrecht im Sinn. So kann man sich in die andere Position hineindenken." Für die Ausübung dieses zeitaufwendigen Ehrenamts gibt es pro Fall eine kleine Aufwandsentschädigung. Papassimos macht es aber weder aus finanziellen Gründen noch aus dem Antrieb heraus, auch hauptberuflich Richter zu werden: „Man hat so viel mit unterschiedlichen Menschen und Kulturen zu tun. Und auch wenn es nichts Schönes ist, mit dem man sich da beschäftigt, es macht einfach großen Spaß. Ich möchte es noch lange weitermachen." Als Vorteil für die Ausübung des Amtes sieht er seinen Migrationshintergrund. Seine Eltern kamen in den Sechzigern als Gastarbeiter aus Griechenland nach Minden. Seitdem betreiben sie das Lokal „Alte Münze" neben Papassimos' Altstadtkanzlei: „Ausländische Spieler öffnen sich mir gegenüber vielleicht etwas eher", glaubt er. Für das Mitglied von Union Minden spielen in der Beurteilung der Fälle die Nationalität aber ebenso wenig eine Rolle wie die Vereinszugehörigkeit. Darüber wacht Justitia – die ständige Begleiterin in seinem Bücherregal.

Der Fußball-Richter und seine Härtefälle: Alexandros Papassimos über knifflige Fälle

Der Fußball-Richter: Alexandros Papassimos ist Vorsitzender des Kreis-Sportgerichts. In seiner Mindener Altstadtkanzlei helfen dem Anwalt nicht nur die reichlichen Bücher bei der Urteilsfindung, sondern auch Justitia - die Göttin der Gerechtigkeit, die der 42-Jährige als Figur in seiner Hand hält. MT- © Foto: Fabian Terwey

Minden (mt). Die schwere Eingangstür zu seiner Altstadtkanzlei am Friedensplatz steht immer offen. „Jeder kann kommen", sagt Alexandros Papassimos und lächelt: „Mein Labrador Lucky wacht, dass hier keiner die Akten klaut." Die liegen penibel gestapelt auf dem aufgeräumten Bürotisch im zweiten Stock des Fachwerkhauses. Im Bücherregal thront als kleine Figur Justitia – die Göttin der Gerechtigkeit. Mit diesem Thema beschäftigt sich der 42-Jährige nicht nur seit 2006 als selbstständiger Anwalt für Zivilrecht, sondern seit 2012 auch in einer zweiten Rolle: Papassimos ist Fußball-Richter.

Der gebürtige Mindener entscheidet als Vorsitzender des Kreis-Sportgerichts über die härtesten Fälle auf den Plätzen. „Die Gerechtigkeit im Fußball liegt für mich im Regelwerk", sagt Papassimos. Und dessen Missachtung habe im Vergleich zu seiner Zeit als Beisitzer sowohl in ihrer Häufung als auch in ihrem Ausmaß drastisch zugenommen. „Die Anzahl der Fälle hat sich fast verdoppelt", sagt Papassimos.

Mittlerweile hat es der einstige Stürmer und spätere Libero des Mindener SV 05 pro Saison mit 20 bis 30 kniffligen Fällen zu tun. „In manchen Monaten kommt gar nichts, dann gleich ein ganzer Schwung. Das Unrechtsbewusstsein schwindet jedenfalls zunehmend. Um es zu vergleichen: Was früher die Kneipenschlägerei war, ist heute eine Messerstecherei. Es gibt Bedrohungen, Beleidigungen und tätliche Übergriffe", sagt Papassimos und betont zugleich, dass die Anzahl in vergleichbaren Kreisen im Ruhrgebiet sogar bei nahezu 100 Fällen liege.

Das Fehlverhalten auf dem Platz hält der jeweilige Schiedsrichter im Spielbericht fest. Die milderen Strafen spricht der Staffelleiter dann selbst aus, seine Entscheidungsgewalt beschränkt sich allerdings auf ein zeitlich und monetär eingeschränktes Maß. „Die Rolle des Staffelleiters ist vergleichbar mit der des Staatsanwalts. Er muss entscheiden, ob er den Fall an das Kreis-Sportgericht weiterleitet", erklärt dessen Vorsitzender.

Neben ihm besteht dieses aus vier Beisitzern: „Wir müssen uns bei Abtretung des Falls ein Bild machen, ob der Vorwurf stimmt. Deswegen verschaffen wir den Betroffenen rechtliches Gehör und schreiben sie an, ob sie eine Stellungnahme abgeben wollen. Das können sie, müssen sie aber nicht", erläutert Papassimos: „Wenn nichts im Spielbericht steht, können wir aber auch nichts urteilen. Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, dass der Verein, der Betroffene oder der Staffelleiter durch die Anzeige des Falls ein Verfahren einleiten. Und selbstverständlich kann ein Betroffener auch eine Strafanzeige bei der Polizei stellen."

Früher wurden Fälle hauptsächlich in Sitzungen mit Schiedsrichtern, Betroffenen, Opfern und Zeugen verhandelt. Heute wickelt Papassimos mehr als die Hälfte im schriftlichen Verfahren ab: „Dazu sind wir aus Kosten- und Zeitgründen vom Westdeutschen Fußballverband angehalten."

Manches Mal will Papassimos aber aus Mangel an Informationen nicht auf diese Weise entscheiden. Dann leitet der Mindener ein mündliches Verfahren ein: „Ich bin eher ein Freund von Verhandlungen. Da kann man sich sich ein besseres Bild machen. Manchmal stellt sich dann heraus, dass sich ein Fall dramatischer liest als er war. Andere Male merkt man, dass der Täter ,nur' einen Aussetzer hatte und kann dem Betroffenen ins Gewissen reden. Bei einem ehrlich gemeinten Geständnis ist es auch möglich, auf die Urteilskeule zu verzichten." Als Beweismittel zulässig sind bei solchen zwei- bis fünfstündigen Sitzungen genauso wie vor Gericht Zeugen, Urkunden wie Spielberichtsbögen, Fotos, Videos oder auch das ärztlich diagnostizierte Verletzungsausmaß.

Dabei gilt auch im Fußball das Credo „im Zweifel für den Angeklagten". Ins obere Regal der Strafmaßnahmen greift Papassimos dagegen, wenn es sich um Wiederholungstäter oder besonders schwere Fälle handelt: „Um die Entwicklung ins Negative auf den Plätzen zu stoppen, greifen wir eher zu einem Strafmaß Mitte aufwärts. Es kann nicht sein, dass dem Schiedsrichter teilweise nach dem Spiel aufgelauert wird. So, wie ich es jetzt aus Mannschaftskreisen mitbekomme, haben diese drastischen Maßnahmen schon positive Auswirkungen auf das friedliche Miteinander."

Gegen das Urteil können die betroffenen Vereine Rechtsmittel einlegen. Dann wird auf Bezirksebene neu verhandelt. Das ist in Papassimos' bisheriger Amtszeit als Vorsitzender bislang nur ein Mal vorgekommen. Die Sonderzuständigkeit bei Rassismus-Fällen liegt grundsätzlich beim Westdeutschen Fußball-Verband.

Gründe für die zugenommene Härte auf den Plätzen sieht der Bayern-München-Fan gleich mehrere: „Es ist ein gesellschaftliches Problem. Das zeigen allein die sozialen Netzwerke. Dort herrscht ein rauer Ton. Insbesondere die jungen Leute haben einfach nicht mehr die Scheu, gewisse Worte in den Mund zu nehmen." Das hat für den Familienvater vor allem etwas mit Erziehung und Vorbildfunktion zu tun.

Papassimos spricht also aus Erfahrung, trainierte er doch seinen zwölfjährigen Sohn Aimilios einst selbst bei der SV Kutenhausen-Todtenhausen: „Wenn der Vorsitzende oder der Trainer sich nicht benehmen, dann überträgt sich das auf die ganze Mannschaft. Ähnliches gilt für die Theatralik in der Bundesliga. So, wie die Spieler dort auf den Schiedsrichter losgehen, ahmen es die Fußballer im Amateurbereich nach. Mir war es als Jugendtrainer immer wichtig, dass sich die Protagonisten nach dem Spiel abklatschen. Von manchen Eltern am Spielfeldrand hört man aber die wildesten Sachen."

Sprüche bekommt Papassimos vor allem dann zu hören, wenn er selbst Spiele besucht: „Die Leute fragen dann, was wir da schon wieder geurteilt haben", berichtet der Anwalt: „Aber das gehört dazu. Durch meinen Beruf bin ich darin geschult, es nicht persönlich zu nehmen." Grundsätzlich sei es für seine Tätigkeit als Anwalt ein Vorteil, auch die Richterrolle zu bekleiden: „Sonst habe ich ja nur das Mandantenrecht im Sinn. So kann man sich in die andere Position hineindenken."

Für die Ausübung dieses zeitaufwendigen Ehrenamts gibt es pro Fall eine kleine Aufwandsentschädigung. Papassimos macht es aber weder aus finanziellen Gründen noch aus dem Antrieb heraus, auch hauptberuflich Richter zu werden: „Man hat so viel mit unterschiedlichen Menschen und Kulturen zu tun. Und auch wenn es nichts Schönes ist, mit dem man sich da beschäftigt, es macht einfach großen Spaß. Ich möchte es noch lange weitermachen."

Als Vorteil für die Ausübung des Amtes sieht er seinen Migrationshintergrund. Seine Eltern kamen in den Sechzigern als Gastarbeiter aus Griechenland nach Minden. Seitdem betreiben sie das Lokal „Alte Münze" neben Papassimos' Altstadtkanzlei: „Ausländische Spieler öffnen sich mir gegenüber vielleicht etwas eher", glaubt er. Für das Mitglied von Union Minden spielen in der Beurteilung der Fälle die Nationalität aber ebenso wenig eine Rolle wie die Vereinszugehörigkeit. Darüber wacht Justitia – die ständige Begleiterin in seinem Bücherregal.

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