„Das hat viel kaputtgemacht“ - HoPo-Trainer Mike Achtelik bricht sein Schweigen und spricht über den "Sieg-Heil"-Skandal Marcus Riechmann Minden. Der Aufstieg, die Feier, das Video, der Skandal. Bundesweit hatten die Fußballer des TuS Holzhausen/Porta im vergangenen Herbst in den Schlagzeilen gestanden. Wer damals am Abend des 5. Mai 2019 in der Kabine in den Schlachtgesang hinein „Sieg heil“ gerufen hat bleibt ebenso ungeklärt wie die Urheberschaft des Videos, das vier Monate später den Skandal ins Rollen brachte. Der Kameramann ist im Dunkel geblieben und vieles andere auch. Nun ist die Akte juristisch geschlossen: Dem Urteil des Sportgerichts des Fußballverbandes im November 2019 folgte im September 2020 die Einstellung des staatsanwaltlichen Verfahrens. Mike Achtelik hat noch lange keinen Haken an die Sache gesetzt. Im MT-Interview spricht der HoPo-Trainer über Fehler, Aufklärungsversuche, Anfeindungen und persönlichen Druck. Die Erinnerung geht ihm nah, er hat die Geschehnisse noch nicht verarbeitet. „Ich will das nicht schönreden“, sagt er. Doch eine Klarstellung liegt dem 46-Jährigen am Herzen: „Man hat uns da in eine Ecke gestellt. Aber so sind wir nicht.“ Vor gut 18 Monaten hat der TuS Holzhausen/Porta den Aufstieg gefeiert. Im September kam das Video mit dem Sieg-Heil-Gesang ans Licht und löste einen Skandal aus. Wie weit ist das alles heute für Sie weg? Von außen kommt eigentlich nichts mehr, da ist es ruhig geworden. Aber es gibt kleine Dinge, auf die man jetzt achtet, die das immer wieder wachrufen. Es ist schade, dass ein toller sportlicher Moment so kaputt gemacht wurde. Sie und die Mannschaft haben bis heute zu den Vorwürfen geschwiegen. Warum? Wir wollten schon was sagen. Aber uns wurde gesagt, wir sollten ruhig bleiben und zunächst nicht reden. Als dann der Staatsschutz eingeschaltet wurde, haben wir aus Selbstschutz geschwiegen. Das war vielleicht nicht gut, aber es war schwierig, die richtigen Worte zu finden. Weil die Sache strafrechtlich relevant wurde? Richtig. Wir haben uns dann irgendwann als Mannschaft geäußert. Vielleicht zu spät. Wir hätten die Karten gern von Anfang an auf den Tisch gelegt. Aber da wurden uns auch ein, zwei Steine in den Weg gelegt. Wer hat Ihnen damals empfohlen zu schweigen? Das ging vom Verein aus. Wäre es nicht besser gewesen, das Verfahren wäre mit klaren Antworten abgeschlossen worden? Ja, das wäre besser gewesen. Die Sache hat mich mitgenommen, das hat viel kaputtgemacht. Jeder, der die Mannschaft kennt, weiß haargenau, dass das alles nicht zu uns passt. Wir hätten gern die Wahrheit ans Licht gebracht. Will man kein Nestbeschmutzer sein, oder warum sagt niemand, wie es abgelaufen ist? Also ich hab’s ein, zwei Mal in der Kabine gesagt: Wenn es einer aufklären kann, dann soll er es machen. Allein um den Verein, den Vorsitzenden, die Mannschaft oder auch mich zu schützen. Klar, das kostet Überwindung und viel Mumm dann zu sagen: Hey, ich bin es gewesen, tut mir leid. Aber damit hätte man viel abwenden können. Aber bis heute ist es so, dass keiner von uns klar nachvollziehen kann, wer mit den Rufen angefangen hat. Wir haben alle das Lied gesungen, das man aus dem Stadion kennt, und dann haben ein, zwei, drei Leute gemeint, sie müssten das reinbrüllen. Das wurde dann sofort unterbunden, das hört man auch auf dem Video. Es war keine gute Aktion, ich will das nicht schönreden. Aber das ist alles sechs, sieben Stunden nach dem Abpfiff passiert. Wir hatten den Aufstieg geschafft, den wir unbedingt wollten. Da ist unheimlich viel Last abgefallen. Dementsprechend war man durch den Alkoholpegel nicht mehr ganz bei der Sache. Sie sind damals dabei gewesen. In Ihrer Rolle als Trainer: Haben Sie Fehler gemacht? Ich glaube nicht, dass ich an dem Abend damals etwas falsch gemacht habe. Das war nicht meine Feier oder die der Mannschaft, sondern das war die Feier vom Verein mit vielen anderen Leuten, auch vielen Spielern aus anderen Vereinen. Ich hatte mein Handy auf Videokamera gestellt, aber ich war so betrunken, dass ich gar nicht auf Aufnahme gedrückt habe. Wenn ich das Video hätte, wüsste ich, wer alles in der Kabine war. Dann hätte man auch Zeugen suchen können. Das Video wäre jedenfalls länger gewesen, als die kurze Sequenz, die im Internet kursierte. Man hätte auf jeden Fall mehr gesehen, ich habe mich beim Filmen ja auch umgedreht. Da waren 30, 40 vielleicht sogar 50 Leute in der Kabine. Leider habe ich nicht gefilmt. Sind Sie erstaunt, dass nie andere Videos aufgetaucht sind, sondern nur dieser eine kurze Ausschnitt? Da haben doch auch andere gefilmt. Ich weiß nicht, ob da noch jemand gefilmt hat. Ich weiß nicht, was hinter mir passiert ist. Aber es gab nie ein anderes Video zu diesem Moment, da ist nichts aufgetaucht. Wie bewerten Sie Ihre Rolle nach der Feier? Ist es nicht wichtig, als Trainer und Vorbild Haltung zu zeigen, vorzuleben, dass man Verantwortung für seine Handlungen übernehmen muss? Ich denke, wir haben da einen Fehler gemacht. Ungefähr eine Woche nach dem Aufstieg ging das Video ja schon rum, wir wussten das. Da habe ich den Fehler gemacht, dass ich nicht gleich zum Vorstand gegangen bin. Da hätte man offen sagen sollen, was passiert ist. Das muss ich mir vorwerfen, aber ich habe mir damals einfach keine Gedanken darüber gemacht, welche Bedeutung das hat und was daraus werden würde. Das hat man dann im Herbst gemerkt, als alles rauskam. Die Staatsanwaltschaft hat die Akte geschlossen. Wie fühlt es sich an, dass das Verfahren beendet ist? Sehr gut. Da draußen hätten sich vielleicht auch Leute über ein anderes Ergebnis gefreut. Aber so ist es jetzt gut und richtig. Ich bin nicht so, wie das rüberkam. Ich hatte mit der Sache zu kämpfen. Man wurde ja auch öffentlich hart angegangen. Daher ist der Abschluss des Verfahrens jetzt eine Genugtuung. Ich war mir nie einer Schuld bewusst. Ich hatte mit solchen Sachen nie etwas am Hut. Werde ich auch nie. Und jeder, der mich kennt, weiß das. Ich glaube, dass ich meine Fußballer, die ich trainiert habe, auch so erzogen habe. Fußball ist Kultur. Ich habe mit Leuten aus allen möglichen Ländern gespielt, ich verstehe mich gut mit den ausländischen Kollegen auf der Arbeit. Ich habe ein Problem damit, in diese Ecke geschoben zu werden. Wie hat sich der Skandal für Sie persönlich ausgewirkt? In den sozialen Netzwerken war eine Menge los. Ich wurde viel angeschrieben. Wurden Sie auch direkt angesprochen, beim Einkaufen zum Beispiel? Nein, persönlich angesprochen oder angefeindet wurde ich nie. Das ging nur übers Netz. Da sind die Leute ja immer stark. Auch medial ist so einiges über Sie hereingebrochen. Das war zu groß, das war richtig schade. Das ist ja nicht nur bei mir so gewesen, sondern bei anderen auch. Das ging schon sehr nah. Damit hatten viele echt zu kämpfen. Viele sind ein paar Tage Zuhause geblieben. Ich habe mich auch erstmal krankschreiben lassen, weil es einfach nicht ging. Das ging sehr tief. Wie werden Sie und das Team jetzt auf fremden Plätzen empfangen? Spielt der Vorfall noch eine Rolle? Nein. Dafür kennt uns jeder. Ich kenne viele Mannschaften, auch die Trainer. Da ist nichts mehr gekommen. Die Mannschaft hat Sozialstunden geleistet, um dem Verein einen Teil der vom Verbandsgericht ausgesprochenen Geldstrafe zu ersparen. Wie ist das abgelaufen? Es war gar nicht so einfach, eine passende Stelle zu finden. Wir haben dann das Gartenprojekt Greenfairplanet in Leteln gefunden. Da konnten wir die Sozialstunden ableisten mit Flüchtlingen, anderen Freiwilligen. Da wird Gemüse und Obst angebaut. Man kann für eine Spende auch Sachen mitnehmen. Das ist richtig gut. Wir haben am Ende sogar ein paar mehr Stunden gemacht, als wir mussten. Gab es die vom Verein angedachten Aktionen zum Thema Rechtsextremismus? Hat die Begehung in der Gedenkstätte im Stollen im Jakobsberg stattgefunden? Daran wird im Verein noch gearbeitet. Das soll wohl noch stattfinden. Das ist in diesem Jahr nicht so einfach. Hat sich die Mannschaft im vergangenen Jahr vom Verein auch mal alleingelassen gefühlt? Ja. Was nimmt man mit? Mal provokant gefragt: Lernt man, dass Schweigen Gold ist? Wir waren immer eine sehr offene Mannschaft. Wir hatten Erfolge, wir waren immer gut drauf. Bei uns konnte immer jeder mitfeiern. Wir haben jetzt sicher gelernt, dass wir besser unter uns bleiben und allein feiern. Da gab es nie ein Problem. Wie viele Spieler haben wegen des Skandals die Aufstiegsmannschaft verlassen nach dem größten Erfolg des Vereins? Aus dem Grund vielleicht einer, der hatte aus beruflichen Gründen Sorgen. Und aus sportlichen Gründen? Gab es Spieler, die gegangen sind, weil sie Fußball spielen wollten? Die Mannschaft durfte ja nicht spielen. Ja, die gab es. Das waren so drei, vier. Die haben gesagt: Wir wollen spielen. Das waren Leute, die zu uns gewechselt waren und die auf der Feier gar nicht dabei waren. Die Wechsel haben sportlich schon weh getan, aber ich kann verstehen, dass die Jungs Fußball spielen wollten. Wie schwer war der sportliche Neuaufbau? Wann durfte die Mannschaft wieder spielen? Wir wurden abgemeldet und haben erst in der neuen Saison wieder spielen dürfen. Ein paar Spieler haben mal in der Zweiten oder in der Dritten gespielt. Das war alles. Das war eine schwere Zeit. Ich habe versucht, das alles zusammenzuhalten und die Jungs zu motivieren. Die Mannschaft ist mittlerweile sportlich in der Kreisliga B Süd wieder auf einem guten Weg. Ja, wir sind jetzt Tabellenzweiter. Die Vorbereitung auf die neue Saison war nicht optimal, die Kaderplanung war schwer. Drei, vier Leute haben ihre Zusagen nicht gehalten und sind nicht gekommen. Wir haben das mit Spielern aus der Zweiten und aus der A-Jugend aufgefangen. Dafür sieht es ganz gut aus, wir haben uns gefangen. Es freut mich, dass auch die Zuschauer wieder auf den Platz kommen. Sie sind wieder zurück als Trainer der beiden Jugendteams der SG Hausberge/Holzhausen. Es gab einige Eltern, die sich für ihre Rückkehr eingesetzt haben. Gab es auch andere Reaktionen? Gab es Eltern, die ihr Kind deswegen aus der Mannschaft genommen haben? Nein, da gab es nicht einen einzigen Fall. Hat der Fußball im Mindener Land generell ein Problem mit rechtsextremistischen Einflüssen? Nein. Davon habe ich nie etwas mitgekriegt. Eher das Gegenteil stimmt: Fußball verbindet, wir haben viele ausländische Kinder in den Vereinen. Aber es gab im November 2019 auch einen rechtsextremen Vorfall beim SuS Wulferdingsen, damals ausgelöst von einem Trainer und seiner Mütze mit einem rechten Symbol. Ja, aber da hat man nicht so eine große Sache draus gemacht wie bei uns. Da hatten wir schon das Gefühl, dass man mit einem unterschiedlichen Maß misst. Über andere will ich nicht reden. Aber ich kann klar sagen: Bei uns gibt es keinen Rechtsextremismus. Zur Person Mike Achtelik lebt für den Fußball. Heimatverein des früheren Stürmers ist der SV Hausberge. Seit 18 Jahren ist er als Trainer tätig, seit vier Jahren beim TuS HoPo als Coach der Männer. Bei der SG Hausberge/Holzhausen trainiert er zwei Jugendteams. Der 46-Jährige lebt in Vennebeck, ist verheiratet und hat drei Söhne. Alle drei spielen Fußball: zwei in den Jugendteams, die er selbst trainiert, sein ältester Sohn in der Bezirksliga bei FT Dützen. Rückblende Der Aufstieg in die Fußball-Kreisliga A war im Mai 2019 der größte Erfolg für Trainer Mike Achtelik und den TuS Holzhausen/Porta. Ein nur wenige Sekunden kurzer Video-Schnipsel von der Siegesfeier zeigte Sieg-Heil-Rufe und löste im September 2019 einen Skandal aus. Folgen: Das Team wurde vom Spielbetrieb zurückgezogen, der Klub vom Verband zu einer Geldstrafe verurteilt, der Vorfall von der Staatsanwaltschaft untersucht. (rich)

„Das hat viel kaputtgemacht“ - HoPo-Trainer Mike Achtelik bricht sein Schweigen und spricht über den "Sieg-Heil"-Skandal

Mike Achtelik ist nachdenklich geworden. Erstmals spricht er über die Vorfälle aus dem Jahr 2019. © Marcus Riechmann

Minden. Der Aufstieg, die Feier, das Video, der Skandal. Bundesweit hatten die Fußballer des TuS Holzhausen/Porta im vergangenen Herbst in den Schlagzeilen gestanden. Wer damals am Abend des 5. Mai 2019 in der Kabine in den Schlachtgesang hinein „Sieg heil“ gerufen hat bleibt ebenso ungeklärt wie die Urheberschaft des Videos, das vier Monate später den Skandal ins Rollen brachte. Der Kameramann ist im Dunkel geblieben und vieles andere auch. Nun ist die Akte juristisch geschlossen: Dem Urteil des Sportgerichts des Fußballverbandes im November 2019 folgte im September 2020 die Einstellung des staatsanwaltlichen Verfahrens.

Mike Achtelik hat noch lange keinen Haken an die Sache gesetzt. Im MT-Interview spricht der HoPo-Trainer über Fehler, Aufklärungsversuche, Anfeindungen und persönlichen Druck. Die Erinnerung geht ihm nah, er hat die Geschehnisse noch nicht verarbeitet. „Ich will das nicht schönreden“, sagt er. Doch eine Klarstellung liegt dem 46-Jährigen am Herzen: „Man hat uns da in eine Ecke gestellt. Aber so sind wir nicht.“

Vor gut 18 Monaten hat der TuS Holzhausen/Porta den Aufstieg gefeiert. Im September kam das Video mit dem Sieg-Heil-Gesang ans Licht und löste einen Skandal aus. Wie weit ist das alles heute für Sie weg?

Von außen kommt eigentlich nichts mehr, da ist es ruhig geworden. Aber es gibt kleine Dinge, auf die man jetzt achtet, die das immer wieder wachrufen. Es ist schade, dass ein toller sportlicher Moment so kaputt gemacht wurde.

Sie und die Mannschaft haben bis heute zu den Vorwürfen geschwiegen. Warum?

Wir wollten schon was sagen. Aber uns wurde gesagt, wir sollten ruhig bleiben und zunächst nicht reden. Als dann der Staatsschutz eingeschaltet wurde, haben wir aus Selbstschutz geschwiegen. Das war vielleicht nicht gut, aber es war schwierig, die richtigen Worte zu finden.

Weil die Sache strafrechtlich relevant wurde?

Richtig. Wir haben uns dann irgendwann als Mannschaft geäußert. Vielleicht zu spät. Wir hätten die Karten gern von Anfang an auf den Tisch gelegt. Aber da wurden uns auch ein, zwei Steine in den Weg gelegt.

Wer hat Ihnen damals empfohlen zu schweigen?

Das ging vom Verein aus.

Wäre es nicht besser gewesen, das Verfahren wäre mit klaren Antworten abgeschlossen worden?

Ja, das wäre besser gewesen. Die Sache hat mich mitgenommen, das hat viel kaputtgemacht. Jeder, der die Mannschaft kennt, weiß haargenau, dass das alles nicht zu uns passt. Wir hätten gern die Wahrheit ans Licht gebracht.

Will man kein Nestbeschmutzer sein, oder warum sagt niemand, wie es abgelaufen ist?

Also ich hab’s ein, zwei Mal in der Kabine gesagt: Wenn es einer aufklären kann, dann soll er es machen. Allein um den Verein, den Vorsitzenden, die Mannschaft oder auch mich zu schützen. Klar, das kostet Überwindung und viel Mumm dann zu sagen: Hey, ich bin es gewesen, tut mir leid. Aber damit hätte man viel abwenden können. Aber bis heute ist es so, dass keiner von uns klar nachvollziehen kann, wer mit den Rufen angefangen hat. Wir haben alle das Lied gesungen, das man aus dem Stadion kennt, und dann haben ein, zwei, drei Leute gemeint, sie müssten das reinbrüllen. Das wurde dann sofort unterbunden, das hört man auch auf dem Video. Es war keine gute Aktion, ich will das nicht schönreden. Aber das ist alles sechs, sieben Stunden nach dem Abpfiff passiert. Wir hatten den Aufstieg geschafft, den wir unbedingt wollten. Da ist unheimlich viel Last abgefallen. Dementsprechend war man durch den Alkoholpegel nicht mehr ganz bei der Sache.

Sie sind damals dabei gewesen. In Ihrer Rolle als Trainer: Haben Sie Fehler gemacht?

Ich glaube nicht, dass ich an dem Abend damals etwas falsch gemacht habe. Das war nicht meine Feier oder die der Mannschaft, sondern das war die Feier vom Verein mit vielen anderen Leuten, auch vielen Spielern aus anderen Vereinen. Ich hatte mein Handy auf Videokamera gestellt, aber ich war so betrunken, dass ich gar nicht auf Aufnahme gedrückt habe. Wenn ich das Video hätte, wüsste ich, wer alles in der Kabine war. Dann hätte man auch Zeugen suchen können.

Das Video wäre jedenfalls länger gewesen, als die kurze Sequenz, die im Internet kursierte.

Man hätte auf jeden Fall mehr gesehen, ich habe mich beim Filmen ja auch umgedreht. Da waren 30, 40 vielleicht sogar 50 Leute in der Kabine. Leider habe ich nicht gefilmt.

Sind Sie erstaunt, dass nie andere Videos aufgetaucht sind, sondern nur dieser eine kurze Ausschnitt? Da haben doch auch andere gefilmt.

Ich weiß nicht, ob da noch jemand gefilmt hat. Ich weiß nicht, was hinter mir passiert ist. Aber es gab nie ein anderes Video zu diesem Moment, da ist nichts aufgetaucht.

Wie bewerten Sie Ihre Rolle nach der Feier? Ist es nicht wichtig, als Trainer und Vorbild Haltung zu zeigen, vorzuleben, dass man Verantwortung für seine Handlungen übernehmen muss?

Ich denke, wir haben da einen Fehler gemacht. Ungefähr eine Woche nach dem Aufstieg ging das Video ja schon rum, wir wussten das. Da habe ich den Fehler gemacht, dass ich nicht gleich zum Vorstand gegangen bin. Da hätte man offen sagen sollen, was passiert ist. Das muss ich mir vorwerfen, aber ich habe mir damals einfach keine Gedanken darüber gemacht, welche Bedeutung das hat und was daraus werden würde. Das hat man dann im Herbst gemerkt, als alles rauskam.

Die Staatsanwaltschaft hat die Akte geschlossen. Wie fühlt es sich an, dass das Verfahren beendet ist?

Sehr gut. Da draußen hätten sich vielleicht auch Leute über ein anderes Ergebnis gefreut. Aber so ist es jetzt gut und richtig. Ich bin nicht so, wie das rüberkam. Ich hatte mit der Sache zu kämpfen. Man wurde ja auch öffentlich hart angegangen. Daher ist der Abschluss des Verfahrens jetzt eine Genugtuung. Ich war mir nie einer Schuld bewusst. Ich hatte mit solchen Sachen nie etwas am Hut. Werde ich auch nie. Und jeder, der mich kennt, weiß das. Ich glaube, dass ich meine Fußballer, die ich trainiert habe, auch so erzogen habe. Fußball ist Kultur. Ich habe mit Leuten aus allen möglichen Ländern gespielt, ich verstehe mich gut mit den ausländischen Kollegen auf der Arbeit. Ich habe ein Problem damit, in diese Ecke geschoben zu werden.

Wie hat sich der Skandal für Sie persönlich ausgewirkt?

In den sozialen Netzwerken war eine Menge los. Ich wurde viel angeschrieben.

Wurden Sie auch direkt angesprochen, beim Einkaufen zum Beispiel?

Nein, persönlich angesprochen oder angefeindet wurde ich nie. Das ging nur übers Netz. Da sind die Leute ja immer stark.

Auch medial ist so einiges über Sie hereingebrochen.

Das war zu groß, das war richtig schade. Das ist ja nicht nur bei mir so gewesen, sondern bei anderen auch. Das ging schon sehr nah. Damit hatten viele echt zu kämpfen. Viele sind ein paar Tage Zuhause geblieben. Ich habe mich auch erstmal krankschreiben lassen, weil es einfach nicht ging. Das ging sehr tief.

Wie werden Sie und das Team jetzt auf fremden Plätzen empfangen? Spielt der Vorfall noch eine Rolle?

Nein. Dafür kennt uns jeder. Ich kenne viele Mannschaften, auch die Trainer. Da ist nichts mehr gekommen.

Die Mannschaft hat Sozialstunden geleistet, um dem Verein einen Teil der vom Verbandsgericht ausgesprochenen Geldstrafe zu ersparen. Wie ist das abgelaufen?

Es war gar nicht so einfach, eine passende Stelle zu finden. Wir haben dann das Gartenprojekt Greenfairplanet in Leteln gefunden. Da konnten wir die Sozialstunden ableisten mit Flüchtlingen, anderen Freiwilligen. Da wird Gemüse und Obst angebaut. Man kann für eine Spende auch Sachen mitnehmen. Das ist richtig gut. Wir haben am Ende sogar ein paar mehr Stunden gemacht, als wir mussten.

Gab es die vom Verein angedachten Aktionen zum Thema Rechtsextremismus? Hat die Begehung in der Gedenkstätte im Stollen im Jakobsberg stattgefunden?

Daran wird im Verein noch gearbeitet. Das soll wohl noch stattfinden. Das ist in diesem Jahr nicht so einfach.

Hat sich die Mannschaft im vergangenen Jahr vom Verein auch mal alleingelassen gefühlt?

Ja.

Was nimmt man mit? Mal provokant gefragt: Lernt man, dass Schweigen Gold ist?

Wir waren immer eine sehr offene Mannschaft. Wir hatten Erfolge, wir waren immer gut drauf. Bei uns konnte immer jeder mitfeiern. Wir haben jetzt sicher gelernt, dass wir besser unter uns bleiben und allein feiern. Da gab es nie ein Problem.

Wie viele Spieler haben wegen des Skandals die Aufstiegsmannschaft verlassen nach dem größten Erfolg des Vereins?

Aus dem Grund vielleicht einer, der hatte aus beruflichen Gründen Sorgen.

Und aus sportlichen Gründen? Gab es Spieler, die gegangen sind, weil sie Fußball spielen wollten? Die Mannschaft durfte ja nicht spielen.

Ja, die gab es. Das waren so drei, vier. Die haben gesagt: Wir wollen spielen. Das waren Leute, die zu uns gewechselt waren und die auf der Feier gar nicht dabei waren. Die Wechsel haben sportlich schon weh getan, aber ich kann verstehen, dass die Jungs Fußball spielen wollten.

Wie schwer war der sportliche Neuaufbau? Wann durfte die Mannschaft wieder spielen?

Wir wurden abgemeldet und haben erst in der neuen Saison wieder spielen dürfen. Ein paar Spieler haben mal in der Zweiten oder in der Dritten gespielt. Das war alles. Das war eine schwere Zeit. Ich habe versucht, das alles zusammenzuhalten und die Jungs zu motivieren.

Die Mannschaft ist mittlerweile sportlich in der Kreisliga B Süd wieder auf einem guten Weg.

Ja, wir sind jetzt Tabellenzweiter. Die Vorbereitung auf die neue Saison war nicht optimal, die Kaderplanung war schwer. Drei, vier Leute haben ihre Zusagen nicht gehalten und sind nicht gekommen. Wir haben das mit Spielern aus der Zweiten und aus der A-Jugend aufgefangen. Dafür sieht es ganz gut aus, wir haben uns gefangen. Es freut mich, dass auch die Zuschauer wieder auf den Platz kommen.

Sie sind wieder zurück als Trainer der beiden Jugendteams der SG Hausberge/Holzhausen. Es gab einige Eltern, die sich für ihre Rückkehr eingesetzt haben. Gab es auch andere Reaktionen? Gab es Eltern, die ihr Kind deswegen aus der Mannschaft genommen haben?

Nein, da gab es nicht einen einzigen Fall.

Hat der Fußball im Mindener Land generell ein Problem mit rechtsextremistischen Einflüssen?

Nein. Davon habe ich nie etwas mitgekriegt. Eher das Gegenteil stimmt: Fußball verbindet, wir haben viele ausländische Kinder in den Vereinen.

Aber es gab im November 2019 auch einen rechtsextremen Vorfall beim SuS Wulferdingsen, damals ausgelöst von einem Trainer und seiner Mütze mit einem rechten Symbol.

Ja, aber da hat man nicht so eine große Sache draus gemacht wie bei uns. Da hatten wir schon das Gefühl, dass man mit einem unterschiedlichen Maß misst. Über andere will ich nicht reden. Aber ich kann klar sagen: Bei uns gibt es keinen Rechtsextremismus.

Zur Person

Mike Achtelik lebt für den Fußball. Heimatverein des früheren Stürmers ist der SV Hausberge. Seit 18 Jahren ist er als Trainer tätig, seit vier Jahren beim TuS HoPo als Coach der Männer. Bei der SG Hausberge/Holzhausen trainiert er zwei Jugendteams. Der 46-Jährige lebt in Vennebeck, ist verheiratet und hat drei Söhne. Alle drei spielen Fußball: zwei in den Jugendteams, die er selbst trainiert, sein ältester Sohn in der Bezirksliga bei FT Dützen.

Rückblende

Der Aufstieg in die Fußball-Kreisliga A war im Mai 2019 der größte Erfolg für Trainer Mike Achtelik und den TuS Holzhausen/Porta. Ein nur wenige Sekunden kurzer Video-Schnipsel von der Siegesfeier zeigte Sieg-Heil-Rufe und löste im September 2019 einen Skandal aus. Folgen: Das Team wurde vom Spielbetrieb zurückgezogen, der Klub vom Verband zu einer Geldstrafe verurteilt, der Vorfall von der Staatsanwaltschaft untersucht. (rich)

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