Das Rassismus-Problem: Entscheidend ist auf dem Platz - Beteiligte schildern ihre Erfahrungen Marcus Riechmann Minden. Meist fängt es ganz simpel an. Hier ein Foul, das nicht geahndet wird, dort das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Noch ein Foul, eine Beleidigung, Rudelbildung. Die Atmosphäre heizt auf, Zuschauer mischen sich ein. Und irgendwann fallen rassistische Äußerungen. „So viele Spiele laufen völlig problemlos. Und manchmal eskaliert es“, sagt ein Fußballer gegenüber dem Mindener Tageblatt. Und die Gründe? Er ist ratlos: „Das weiß man vorher nie, ob was passiert.“ Es sind seltene Fälle, aber es gibt sie. Dessen ist man sich beim Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) bewusst. Dort hat man das Thema Rassismus und Diskriminierung zur Chefsache erhoben – einerseits um die Funktionäre in den Kreisverbänden zu entlasten und andererseits, um die große Bedeutung des Themas deutlich zu machen. Auch auf rechtlicher Ebene hat der Verband den Komplex an sich gezogen: Die Kreisverbände übergeben nach erster Beurteilung Rassismus-Vorfälle automatisch dem Verbandssportgericht. So verfuhr auch der Kreis Minden in zwei aktuellen Fällen. Die jüngsten Vorkommnisse – auch auf Plätzen im Mindener Land –, haben den Verband zu einer Stellungnahme veranlasst, die allen Vereinen per E-Mail zuging. „Wir im FLVW dulden keine Diskriminierung oder Beleidigung aufgrund von Herkunft, Nationalität, Religion, Weltanschauung, Alter, Geschlecht, Behinderung oder sexueller Identität. Wir stehen für Integration, Inklusion, Gleichbehandlung und Gemeinschaft. Das ist im Ethik-Codex des FLVW festgeschrieben. Der Fußball steht für Akzeptanz und Teamgeist“, macht FLVW-Präsident Gundolf Walaschewski die Haltung des Verbandes klar: Diskriminierung und Rassismus sind keine Bagatellen. Der Verband hat eine Hotline für Gewaltprävention eingerichtet. Der Mitarbeiter habe montags leider immer viel zu tun, berichtet Meike Ebbert, die beim FLVW die Stabsstelle Kommunikation und gesellschaftliches Engagement leitet. Das hohe Arbeitsaufkommen belegt: Das Problem ist akut. Besonders sichtbar wird es im Profi-Fußball, der mehr als jeder andere Sport im Scheinwerferlicht steht. Wenn der ehemalige Nationaltorwart Jens Lehmann den Begriff „Quotenschwarzer“ verwendet, wird Alltagsrassismus deutlich. Die brutale Ungerechtigkeit von Rassismus offenbarte sich auch in zwei prominenten Momenten des Scheiterns: Als Gareth Southgate 1996 bei der Heim-EM für England im Halbfinale gegen Deutschland einen Elfmeter verschoss, wurde er Ziel von Verunglimpfungen. Als Bukayo Saka, Marcus Rashford und Jadon Sancho im EM-Finale 2021 gegen Italien Elfmeter verschossen, wurden sie Ziel rassistischer Verunglimpfungen. Der Unterschied zwischen den vier Engländern und damit der Grund für die rassistische Hetze: Einer hatte weiße und drei hatten schwarze Haut. Offener Rassismus ist sichtbar. Die beiläufige Diskriminierung, die aus einer emotional aufgeheizten Situation entsteht, ist es nicht immer. Wenn einer Mannschaft mit vielen Spielern mit Migrationshintergrund von erregten Zuschauern ein „Verpisst euch“ über den Platz entgegen schallt, mag dem Absender vielleicht die Wirkung nicht bewusst sein. Beim Empfänger kommt es auf jeden Fall rassistisch an. „Wir haben Spieler, die vor Krieg geflohen sind. Für die ist so ein Ruf schlimm“, sagt ein Funktionär eines ausländisch geprägten Teams. Kulturelle Unterschiede treffen beim Fußball direkter aufeinander, als das sonst im Leben der Fall ist. Und sie gedeihen in einer Provokations- und Beleidigungskultur des „Trash-Talks“, die Raum gegriffen hat. „Es ist schlimmer geworden“, sagt ein Trainer. Die Erregung auf der einen Seite, das Gefühl, als Migrant sowieso benachteiligt zu werden, trifft auf der anderen Seite auf Unverständnis und das Gefühl, stigmatisiert zu werden. „Man ist als Deutscher automatisch in einer Abwehrhaltung“, sagt ein Fußballer. Ein anderer stellt eine gesellschaftliche Veränderung fest, die sich auch auf dem Fußballplatz spiegelt und dort Unsicherheit schürt: „Es ist alles so sensibel geworden.“ Fußball lebe von Emotionen. Und nicht jedes Wort gehöre auf die Goldwaage, sagt ein Spieler: „Wenn da gegenseitig durchbeleidigt wird, vergreift man sich auch mal in der Wortwahl.“ Was er empfindet: Wenn dann ein Wort dabei ist, das auf einem Index steht, ist man dran. So entsteht eine Gemengelage, in der sich Täter auch schon mal als Opfer fühlen, weil sie sich in einer Erregungskultur benachteiligt sehen, und in der Opfer sich oft allein und machtlos fühlen. Dazu addiert sich eine zementierte Erwartungshaltung. „Die fühlen sich grundsätzlich benachteiligt“, sagt ein Fußballer über manche Spieler mit Migrationshintergrund. „Wenn sie provoziert und ungerecht behandelt werden, ist es auch verständlich das sie aufbrausen“, meint ein Funktionär mit ausländischen Wurzeln. Er sagt: „Man merkt auf einem Platz, ob man willkommen ist. Manchmal ist das so und manchmal nicht.“ Man fühle sich manchmal als „typisch Ausländer“ in eine Ecke gedrängt oder als „scheiß Ausländer“ diffamiert. Auf der anderen Seite gilt: „Man wird auch schon mal als Nazi beleidigt“, berichtet ein deutscher Spieler. Die Spirale der Eskalation dreht sich in manchen Spielen und das Ergebnis sieht dann so aus: Frustrierte Spieler, überforderte Schiedsrichter, aufgewühlte Zuschauer, verunsicherte Ordner. Es gibt Rote Karten, vielleicht einen Spielabbruch. Im schlimmsten Fall wird aus einem Fußballspiel ein Fall für das Verbandsgericht. Es gibt eigentlich nur Verlierer. Und das, obwohl alle Seiten glaubhaft betonen: „Wir wollen doch nur Fußball spielen.“ Das Thema ist schwer zu greifen. Auch weil es oft am Unrechtsverständnis fehlt. Gerd Wagner, der sich bei der Koordinationsstelle Fanprojekte mit Rassismus im Fußball beschäftigt, sagte jüngst im „Tagesspiegel“: Alltagsrassismus zeige „dass es immer noch Menschen gibt, die kein Bewusstsein dafür haben, was so etwas bei denen bewirkt, die gemeint sind.“ In diesen Aspekt steigt auch Meike Ebbert vom FLVW ein. Sie sagt, eine gängige Erklärung nach rassistischen Äußerungen sei: „Ich habe ja nichts gegen die.“ Es ist nötig, Bewusstsein zu verändern und Verständnis zu entwickeln. „Wir haben erkannt: Mit Strafen allein kommen wir nicht weiter“, sagt Ebbert. Auch Plakate, Kampagnen und Imagefilmchen haben nur begrenzten Einfluss. Deshalb bietet der FLVW Präventionsmaßnahmen an, die von einem „Arbeitskreis Gewaltprävention/Sicherheit/Fairplay“ gelenkt und entwickelt werden. Hierzu gehören unter anderem konkrete Vereinsberatungsangebote, Schulungen von Schiedsrichtern oder des Ordnungsdienstes. Man wolle Schiedsrichtern vermitteln, was sie tun können, damit eine Situation nicht eskaliert. Ordner sollen gemeinsam agieren, damit sie in einer Konfrontation nicht allein sind. Und Vereine, so erläutert Meike Ebbert weiter, „sollen für etwas stehen, sie sollen klar Haltung zeigen.“ Soll heißen: Nur wenn der Vorstand für Prinzipien steht und sie beispielsweise mit Leitlinien oder Schulungen in den Klub hineinträgt, wird Haltung glaubhaft gelebt. Entscheidend gestaltet wird eine tolerante Gesellschaft letztlich vor Ort: Im Verein und auf dem Platz. Solidarität wünschen sich manche Betroffene. Zum Beispiel, dass Ordner oder andere Vereinsvertreter Zuschauer klar in die Schranken oder vom Platz weisen, wenn sie sich diskriminierend äußern. „Aber da kommt manchmal nichts“, bedauert ein Trainer. In der Konfrontation fühle man sich als Sportler mit Migrationshintergrund oft allein. Anmerkung der Redaktion: Zum Schutz der Beteiligten wurde vielfach auf eine Namens- oder Vereinsnennung verzichtet.

Das Rassismus-Problem: Entscheidend ist auf dem Platz - Beteiligte schildern ihre Erfahrungen

Immer wieder gibt es sichtbare Aktionen der Verbände, so wie hier im Leipziger Stadion. Doch die Erfahrung lehrt: Mit Plakaten lässt sich weder Respekt verordnen noch Diskriminierung bekämpfen. Archivfoto: imago © imago/Picture Point

Minden. Meist fängt es ganz simpel an. Hier ein Foul, das nicht geahndet wird, dort das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Noch ein Foul, eine Beleidigung, Rudelbildung. Die Atmosphäre heizt auf, Zuschauer mischen sich ein. Und irgendwann fallen rassistische Äußerungen.

„So viele Spiele laufen völlig problemlos. Und manchmal eskaliert es“, sagt ein Fußballer gegenüber dem Mindener Tageblatt. Und die Gründe? Er ist ratlos: „Das weiß man vorher nie, ob was passiert.“ Es sind seltene Fälle, aber es gibt sie. Dessen ist man sich beim Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) bewusst. Dort hat man das Thema Rassismus und Diskriminierung zur Chefsache erhoben – einerseits um die Funktionäre in den Kreisverbänden zu entlasten und andererseits, um die große Bedeutung des Themas deutlich zu machen. Auch auf rechtlicher Ebene hat der Verband den Komplex an sich gezogen: Die Kreisverbände übergeben nach erster Beurteilung Rassismus-Vorfälle automatisch dem Verbandssportgericht. So verfuhr auch der Kreis Minden in zwei aktuellen Fällen.

Die jüngsten Vorkommnisse – auch auf Plätzen im Mindener Land –, haben den Verband zu einer Stellungnahme veranlasst, die allen Vereinen per E-Mail zuging. „Wir im FLVW dulden keine Diskriminierung oder Beleidigung aufgrund von Herkunft, Nationalität, Religion, Weltanschauung, Alter, Geschlecht, Behinderung oder sexueller Identität. Wir stehen für Integration, Inklusion, Gleichbehandlung und Gemeinschaft. Das ist im Ethik-Codex des FLVW festgeschrieben. Der Fußball steht für Akzeptanz und Teamgeist“, macht FLVW-Präsident Gundolf Walaschewski die Haltung des Verbandes klar: Diskriminierung und Rassismus sind keine Bagatellen.

Der Verband hat eine Hotline für Gewaltprävention eingerichtet. Der Mitarbeiter habe montags leider immer viel zu tun, berichtet Meike Ebbert, die beim FLVW die Stabsstelle Kommunikation und gesellschaftliches Engagement leitet. Das hohe Arbeitsaufkommen belegt: Das Problem ist akut.

Besonders sichtbar wird es im Profi-Fußball, der mehr als jeder andere Sport im Scheinwerferlicht steht. Wenn der ehemalige Nationaltorwart Jens Lehmann den Begriff „Quotenschwarzer“ verwendet, wird Alltagsrassismus deutlich. Die brutale Ungerechtigkeit von Rassismus offenbarte sich auch in zwei prominenten Momenten des Scheiterns: Als Gareth Southgate 1996 bei der Heim-EM für England im Halbfinale gegen Deutschland einen Elfmeter verschoss, wurde er Ziel von Verunglimpfungen. Als Bukayo Saka, Marcus Rashford und Jadon Sancho im EM-Finale 2021 gegen Italien Elfmeter verschossen, wurden sie Ziel rassistischer Verunglimpfungen. Der Unterschied zwischen den vier Engländern und damit der Grund für die rassistische Hetze: Einer hatte weiße und drei hatten schwarze Haut.

Offener Rassismus ist sichtbar. Die beiläufige Diskriminierung, die aus einer emotional aufgeheizten Situation entsteht, ist es nicht immer. Wenn einer Mannschaft mit vielen Spielern mit Migrationshintergrund von erregten Zuschauern ein „Verpisst euch“ über den Platz entgegen schallt, mag dem Absender vielleicht die Wirkung nicht bewusst sein. Beim Empfänger kommt es auf jeden Fall rassistisch an. „Wir haben Spieler, die vor Krieg geflohen sind. Für die ist so ein Ruf schlimm“, sagt ein Funktionär eines ausländisch geprägten Teams.

Kulturelle Unterschiede treffen beim Fußball direkter aufeinander, als das sonst im Leben der Fall ist. Und sie gedeihen in einer Provokations- und Beleidigungskultur des „Trash-Talks“, die Raum gegriffen hat. „Es ist schlimmer geworden“, sagt ein Trainer. Die Erregung auf der einen Seite, das Gefühl, als Migrant sowieso benachteiligt zu werden, trifft auf der anderen Seite auf Unverständnis und das Gefühl, stigmatisiert zu werden. „Man ist als Deutscher automatisch in einer Abwehrhaltung“, sagt ein Fußballer. Ein anderer stellt eine gesellschaftliche Veränderung fest, die sich auch auf dem Fußballplatz spiegelt und dort Unsicherheit schürt: „Es ist alles so sensibel geworden.“

Fußball lebe von Emotionen. Und nicht jedes Wort gehöre auf die Goldwaage, sagt ein Spieler: „Wenn da gegenseitig durchbeleidigt wird, vergreift man sich auch mal in der Wortwahl.“ Was er empfindet: Wenn dann ein Wort dabei ist, das auf einem Index steht, ist man dran. So entsteht eine Gemengelage, in der sich Täter auch schon mal als Opfer fühlen, weil sie sich in einer Erregungskultur benachteiligt sehen, und in der Opfer sich oft allein und machtlos fühlen.

Dazu addiert sich eine zementierte Erwartungshaltung. „Die fühlen sich grundsätzlich benachteiligt“, sagt ein Fußballer über manche Spieler mit Migrationshintergrund. „Wenn sie provoziert und ungerecht behandelt werden, ist es auch verständlich das sie aufbrausen“, meint ein Funktionär mit ausländischen Wurzeln. Er sagt: „Man merkt auf einem Platz, ob man willkommen ist. Manchmal ist das so und manchmal nicht.“ Man fühle sich manchmal als „typisch Ausländer“ in eine Ecke gedrängt oder als „scheiß Ausländer“ diffamiert. Auf der anderen Seite gilt: „Man wird auch schon mal als Nazi beleidigt“, berichtet ein deutscher Spieler.

Die Spirale der Eskalation dreht sich in manchen Spielen und das Ergebnis sieht dann so aus: Frustrierte Spieler, überforderte Schiedsrichter, aufgewühlte Zuschauer, verunsicherte Ordner. Es gibt Rote Karten, vielleicht einen Spielabbruch. Im schlimmsten Fall wird aus einem Fußballspiel ein Fall für das Verbandsgericht. Es gibt eigentlich nur Verlierer. Und das, obwohl alle Seiten glaubhaft betonen: „Wir wollen doch nur Fußball spielen.“

Das Thema ist schwer zu greifen. Auch weil es oft am Unrechtsverständnis fehlt. Gerd Wagner, der sich bei der Koordinationsstelle Fanprojekte mit Rassismus im Fußball beschäftigt, sagte jüngst im „Tagesspiegel“: Alltagsrassismus zeige „dass es immer noch Menschen gibt, die kein Bewusstsein dafür haben, was so etwas bei denen bewirkt, die gemeint sind.“ In diesen Aspekt steigt auch Meike Ebbert vom FLVW ein. Sie sagt, eine gängige Erklärung nach rassistischen Äußerungen sei: „Ich habe ja nichts gegen die.“

Es ist nötig, Bewusstsein zu verändern und Verständnis zu entwickeln. „Wir haben erkannt: Mit Strafen allein kommen wir nicht weiter“, sagt Ebbert. Auch Plakate, Kampagnen und Imagefilmchen haben nur begrenzten Einfluss. Deshalb bietet der FLVW Präventionsmaßnahmen an, die von einem „Arbeitskreis Gewaltprävention/Sicherheit/Fairplay“ gelenkt und entwickelt werden. Hierzu gehören unter anderem konkrete Vereinsberatungsangebote, Schulungen von Schiedsrichtern oder des Ordnungsdienstes. Man wolle Schiedsrichtern vermitteln, was sie tun können, damit eine Situation nicht eskaliert. Ordner sollen gemeinsam agieren, damit sie in einer Konfrontation nicht allein sind. Und Vereine, so erläutert Meike Ebbert weiter, „sollen für etwas stehen, sie sollen klar Haltung zeigen.“ Soll heißen: Nur wenn der Vorstand für Prinzipien steht und sie beispielsweise mit Leitlinien oder Schulungen in den Klub hineinträgt, wird Haltung glaubhaft gelebt.

Entscheidend gestaltet wird eine tolerante Gesellschaft letztlich vor Ort: Im Verein und auf dem Platz. Solidarität wünschen sich manche Betroffene. Zum Beispiel, dass Ordner oder andere Vereinsvertreter Zuschauer klar in die Schranken oder vom Platz weisen, wenn sie sich diskriminierend äußern. „Aber da kommt manchmal nichts“, bedauert ein Trainer. In der Konfrontation fühle man sich als Sportler mit Migrationshintergrund oft allein.

Anmerkung der Redaktion: Zum Schutz der Beteiligten wurde vielfach auf eine Namens- oder Vereinsnennung verzichtet.

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