MT-Serie, Schiedsrichter: Erst ausschlafen, dann beurteilen - Die Arbeit von Beobachter Reinhard Beining Fabian Terwey Minden. „Der verpfeift ja das ganze Spiel.“ – „Gut gesehen, Schiri.“ – „Der hat wohl Tomaten auf den Augen.“ Jeder Fußballer, Trainer oder Fan hat es schon einmal getan: Er hat den Unparteiischen bewertet. Reinhard Beining tut das von Amts wegen. Denn der Mindener Polizeibeamte ist Schiedsrichter-Beobachter. An den emotionsgeladenen Ausbrüchen, die auf den Unparteiischen häufig einprasseln, beteiligt Beining sich aber nie. Weil seine Bewertung beeinflusst, ob ein Schiedsrichter auf- oder absteigt, erfordert die Aufgabe des Beobachters eine vollkommen nüchterne Beurteilung. Nicht ganz einfach, doch Beining hat eine ausgeschlafene Strategie. Aktuell ist der 60-Jährige der dienstälteste Beobachter im Fußballkreis Minden, der den verantwortungsvollen Job auf Verbandsebene ausübt. Rund 90 Kollegen sind außer ihm von der Bezirks- bis zur Westfalenliga im Einsatz. Kreis-Schiedsrichter-Boss Udo Quast, der den langjährigen Referee 2006 für dieses Amt gewann, nennt Beining einen „absoluten Fachmann“. Der zweifache Familienvater selbst berichtet: „Ich habe ein Faible dafür, mit jungen Leuten zu arbeiten. Ich erkenne schnell, ob sich ein Schiedsrichter gegen gewiefte Spieler durchsetzen kann.“ Dabei kommt Beining seine Erfahrung zu Gute. 33 Jahre lang leitete das Mitglied von Union Minden selbst Spiele bis zur Oberliga. Exakt 1978 Einsätze zählt der Dützer, bis er die Pfeife 2015 aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hing. „Ich galt als streng und genau, aber nicht als pingelig“, sagt Beining. Als Beobachter möchte er ähnlich wirken: „Wir sind keine Oberlehrer, viel mehr sind wir Scouts, die förderungswürdige Talente erkennen.“ Und dafür fährt Beining durch ganz Ostwestfalen-Lippe: „Je höher man als Beobachter tätig ist, desto weiter und attraktiver werden die Fahrten.“ Aus dem eigenen Kreis darf er aus Neutralitätsgründen niemanden beobachten. 15 bis 18 Spielen wohnt Beining im Jahr bei: „Da bin ich in der Saison fast jeden zweiten Sonntag unterwegs. Zweimal im Jahr gibt es ein Tagesseminar in Kaiserau. Da werden wir in Sachen Regelwerk und Rhetorik geschult. Es ist eine Leidenschaft.“ Auch deshalb ist der Gesetzeshüter häufig schon früh am Spielort. „Eine Stunde vorm Anpfiff nehme ich Kontakt zum Schiedsrichter auf. Auch, um ihm das Hosenflattern zu nehmen.“ Beining selbst wusste zu seiner aktiven Zeit zwar, dass ein Beobachter von seiner Leistung Notiz nimmt, aber Kontakt untereinander gab es damals nie. Der heutzutage obligatorische Smalltalk dauert fünf bis zehn Minuten. Nach dem Spiel kommt es zum erneuten Austausch, dem sogenannten Feedback-Gespräch. Das dauert länger. „15 bis 25 Minuten“, sagt Beining. Die endgültige Note bekommt der Schiedsrichter da aber noch nicht. Grundlage für das Gespräch sind allein Beinings Notizen, die er in sein kleines Heftchen schreibt. „Als Beobachter darf ich natürlich nicht ins Spiel eingreifen“, erklärt der Mindener. Und doch hat er einen gewissen Aktionsradius am Platz: „Ich bewege mich an der Seitenlinie auf und ab. Je nachdem, wo sich das Geschehen abspielt.“ Die Hauptarbeit leistet Beining aber zu Hause. Da muss der Beobachter seine Beurteilung im DFB-Net eintragen. Insgesamt gibt der Deutsche Fußball-Bund sieben Kategorien vor. Dazu zählen Regelauslegung und Körpersprache genauso wie die schlichte Beschreibung des Spiels. „Die körperliche Verfassung und das Stellungsspiel ist die einzige Kategorie, die der Schiedsrichter ganz allein beeinflussen kann“, sagt Beining. Der oft verschriene Mittelkreis-Schiedsrichter fällt hier durch. „Auf alle anderen Sachen kann der Unparteiische nur reagieren“, erklärt der Mindener. Pfeift der Referee zu kleinlich oder hält er die Zügel zu locker? Ist das dem Spiel dienlich? „All das muss ich erkennen“, erklärt Beining. Der Persönlichkeit misst der erfahrene Pfeifenmann dabei besonderen Stellenwert bei: „Wir benötigen Schiedsrichter, die aufrecht sind, also einen menschlichen Umgang mit Spielern und Trainerbank pflegen. Rumschreien ist nicht.“ Wesentlich für die Benotung ist der Schwierigkeitsgrad des Spiels. Die Stufen eins bis drei von „normal“ über „schwierig“ bis „sehr schwierig“ geben das an. Ein Derby erhalte grundsätzlich die Stufe zwei. Die Traumnote schlechthin für einen Schiedsrichter ist die 10,0, die schlechteste eine 5,0. Jeder Unparteiische geht mit einer 8,4 ins Spiel und kann sich von dieser Ausgangsposition verbessern oder verschlechtern. Beining erläutert: „Als Beobachter sind wir aber keine Erbsenzähler nach dem Motto: Da war eine Ohrwatschen, die hast du nicht gesehen. Und den Elfer auch nicht. Es ist das große Ganze, was zählt.“ Und genau deshalb lässt der 60-Jährige das Spiel noch einmal in Ruhe Revue passieren, bevor er den Bogen ausfüllt. „Mein Trick ist, eine Nacht darüber zu schlafen.“ Erst am Folgetag wird das Dokument ausgefüllt. Dafür benötigt Beining vier Stunden. Diese Bewertung liest anschließend der Beisitzer im Verbandsschiedsrichterausschuss. Mindestens acht Mal wird jeder Schiedsrichter von der Bezirksliga aufwärts beobachtet. In die Gesamtnote fließt auch die Leistung aus dem jährlichen Theorie- und Fitness-Test ein. Der Aufstieg eines Unparteiischen freut Beining besonders: „Ich habe mal einen 17-jährigen Jung-Schiedsrichter beobachtet. 45 Minuten lang schwebte der auf Wolke sieben. In der 46. Minute hat er Strafstoß und Rot gegen die Heimmannschaft gegeben. Von da an wusste er überhaupt nicht mehr, was er da tat.“ Beining sah ihn von außen massiv unter Druck gesetzt: „Er ist nach diesem Spiel freiwillig zurück auf Kreisebene gegangen. Jahre später habe ich ihn dann in der Westfalenliga wiedergesehen. Er hatte es doch noch nach oben geschafft.“ Beining selbst wird am 23. Juni aus dem Polizeidienst entlassen. Als Schiedsrichter-Beobachter möchte der 60-Jährige aber weiterarbeiten. „Irgendetwas muss ich mit der vielen Zeit ja anstellen“, lächelt er. Denn was so Viele leidenschaftlich betreiben, tut auch er mit Inbrunst – nur eben sachlich mit Papier und Stift.

MT-Serie, Schiedsrichter: Erst ausschlafen, dann beurteilen - Die Arbeit von Beobachter Reinhard Beining

Notizblock und Kugelschreiber gezückt: Reinhard Beining von Union Minden hält auf der Tribüne des heimischen Weserstadions das Werkzeug eines Schiedsrichter-Beobachters in der Hand. MT- © Foto: Fabian Terwey

Minden. „Der verpfeift ja das ganze Spiel.“ – „Gut gesehen, Schiri.“ – „Der hat wohl Tomaten auf den Augen.“

Jeder Fußballer, Trainer oder Fan hat es schon einmal getan: Er hat den Unparteiischen bewertet. Reinhard Beining tut das von Amts wegen. Denn der Mindener Polizeibeamte ist Schiedsrichter-Beobachter. An den emotionsgeladenen Ausbrüchen, die auf den Unparteiischen häufig einprasseln, beteiligt Beining sich aber nie. Weil seine Bewertung beeinflusst, ob ein Schiedsrichter auf- oder absteigt, erfordert die Aufgabe des Beobachters eine vollkommen nüchterne Beurteilung. Nicht ganz einfach, doch Beining hat eine ausgeschlafene Strategie.

Am Seitenrand in Aktion: Schiedsrichter-Beobachter Reinhard Beining ist immer auf Ballhöhe. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Am Seitenrand in Aktion: Schiedsrichter-Beobachter Reinhard Beining ist immer auf Ballhöhe. MT- - © Foto: Fabian Terwey

Aktuell ist der 60-Jährige der dienstälteste Beobachter im Fußballkreis Minden, der den verantwortungsvollen Job auf Verbandsebene ausübt. Rund 90 Kollegen sind außer ihm von der Bezirks- bis zur Westfalenliga im Einsatz. Kreis-Schiedsrichter-Boss Udo Quast, der den langjährigen Referee 2006 für dieses Amt gewann, nennt Beining einen „absoluten Fachmann“. Der zweifache Familienvater selbst berichtet: „Ich habe ein Faible dafür, mit jungen Leuten zu arbeiten. Ich erkenne schnell, ob sich ein Schiedsrichter gegen gewiefte Spieler durchsetzen kann.“ Dabei kommt Beining seine Erfahrung zu Gute. 33 Jahre lang leitete das Mitglied von Union Minden selbst Spiele bis zur Oberliga. Exakt 1978 Einsätze zählt der Dützer, bis er die Pfeife 2015 aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hing.

„Ich galt als streng und genau, aber nicht als pingelig“, sagt Beining. Als Beobachter möchte er ähnlich wirken: „Wir sind keine Oberlehrer, viel mehr sind wir Scouts, die förderungswürdige Talente erkennen.“ Und dafür fährt Beining durch ganz Ostwestfalen-Lippe: „Je höher man als Beobachter tätig ist, desto weiter und attraktiver werden die Fahrten.“ Aus dem eigenen Kreis darf er aus Neutralitätsgründen niemanden beobachten.

15 bis 18 Spielen wohnt Beining im Jahr bei: „Da bin ich in der Saison fast jeden zweiten Sonntag unterwegs. Zweimal im Jahr gibt es ein Tagesseminar in Kaiserau. Da werden wir in Sachen Regelwerk und Rhetorik geschult. Es ist eine Leidenschaft.“ Auch deshalb ist der Gesetzeshüter häufig schon früh am Spielort. „Eine Stunde vorm Anpfiff nehme ich Kontakt zum Schiedsrichter auf. Auch, um ihm das Hosenflattern zu nehmen.“

Beining selbst wusste zu seiner aktiven Zeit zwar, dass ein Beobachter von seiner Leistung Notiz nimmt, aber Kontakt untereinander gab es damals nie. Der heutzutage obligatorische Smalltalk dauert fünf bis zehn Minuten. Nach dem Spiel kommt es zum erneuten Austausch, dem sogenannten Feedback-Gespräch. Das dauert länger. „15 bis 25 Minuten“, sagt Beining. Die endgültige Note bekommt der Schiedsrichter da aber noch nicht. Grundlage für das Gespräch sind allein Beinings Notizen, die er in sein kleines Heftchen schreibt. „Als Beobachter darf ich natürlich nicht ins Spiel eingreifen“, erklärt der Mindener. Und doch hat er einen gewissen Aktionsradius am Platz: „Ich bewege mich an der Seitenlinie auf und ab. Je nachdem, wo sich das Geschehen abspielt.“

Die Hauptarbeit leistet Beining aber zu Hause. Da muss der Beobachter seine Beurteilung im DFB-Net eintragen. Insgesamt gibt der Deutsche Fußball-Bund sieben Kategorien vor. Dazu zählen Regelauslegung und Körpersprache genauso wie die schlichte Beschreibung des Spiels. „Die körperliche Verfassung und das Stellungsspiel ist die einzige Kategorie, die der Schiedsrichter ganz allein beeinflussen kann“, sagt Beining. Der oft verschriene Mittelkreis-Schiedsrichter fällt hier durch. „Auf alle anderen Sachen kann der Unparteiische nur reagieren“, erklärt der Mindener. Pfeift der Referee zu kleinlich oder hält er die Zügel zu locker? Ist das dem Spiel dienlich? „All das muss ich erkennen“, erklärt Beining. Der Persönlichkeit misst der erfahrene Pfeifenmann dabei besonderen Stellenwert bei: „Wir benötigen Schiedsrichter, die aufrecht sind, also einen menschlichen Umgang mit Spielern und Trainerbank pflegen. Rumschreien ist nicht.“

Wesentlich für die Benotung ist der Schwierigkeitsgrad des Spiels. Die Stufen eins bis drei von „normal“ über „schwierig“ bis „sehr schwierig“ geben das an. Ein Derby erhalte grundsätzlich die Stufe zwei. Die Traumnote schlechthin für einen Schiedsrichter ist die 10,0, die schlechteste eine 5,0. Jeder Unparteiische geht mit einer 8,4 ins Spiel und kann sich von dieser Ausgangsposition verbessern oder verschlechtern. Beining erläutert: „Als Beobachter sind wir aber keine Erbsenzähler nach dem Motto: Da war eine Ohrwatschen, die hast du nicht gesehen. Und den Elfer auch nicht. Es ist das große Ganze, was zählt.“ Und genau deshalb lässt der 60-Jährige das Spiel noch einmal in Ruhe Revue passieren, bevor er den Bogen ausfüllt. „Mein Trick ist, eine Nacht darüber zu schlafen.“ Erst am Folgetag wird das Dokument ausgefüllt. Dafür benötigt Beining vier Stunden. Diese Bewertung liest anschließend der Beisitzer im Verbandsschiedsrichterausschuss.

Mindestens acht Mal wird jeder Schiedsrichter von der Bezirksliga aufwärts beobachtet. In die Gesamtnote fließt auch die Leistung aus dem jährlichen Theorie- und Fitness-Test ein. Der Aufstieg eines Unparteiischen freut Beining besonders: „Ich habe mal einen 17-jährigen Jung-Schiedsrichter beobachtet. 45 Minuten lang schwebte der auf Wolke sieben. In der 46. Minute hat er Strafstoß und Rot gegen die Heimmannschaft gegeben. Von da an wusste er überhaupt nicht mehr, was er da tat.“ Beining sah ihn von außen massiv unter Druck gesetzt: „Er ist nach diesem Spiel freiwillig zurück auf Kreisebene gegangen. Jahre später habe ich ihn dann in der Westfalenliga wiedergesehen. Er hatte es doch noch nach oben geschafft.“

Beining selbst wird am 23. Juni aus dem Polizeidienst entlassen. Als Schiedsrichter-Beobachter möchte der 60-Jährige aber weiterarbeiten. „Irgendetwas muss ich mit der vielen Zeit ja anstellen“, lächelt er. Denn was so Viele leidenschaftlich betreiben, tut auch er mit Inbrunst – nur eben sachlich mit Papier und Stift.

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