Journalist und Buchautor Ronny Blaschke über Rechtsradikalismus im Fußball Angriff von Rechtsaußen auf die Mitte der Gesellschaft / Neonazis stehen noch nicht im Abseits Von Christian Bendig Minden (cb). Die „schönste Nebensache der Welt“ wird zunehmend von Rechtsradikalen unterwandert. Denn dem Fußball zugeordnete Werte wie Autorität, Stärke und Hierarchien sind ein idealer Nährboden für Neonazis, um ihre Weltanschauung zu verbreiten. „Seit 15 Jahren gehe ich nicht mehr ins Stadion, weil ich so viele erschreckende Erfahrungen gemacht habe.“ Das sagt der in Rostock aufgewachsene Journalist und Buchautor Ronny Blaschke, einst glühender Anhänger von Hansa Rostock, in deren Reihen zu den besten Zeiten der dunkelhäutige Victor Agali die gegnerischen Abwehrreihen durcheinander wirbelte. Doch trotzdem stand und steht die Fanszene des ehemaligen Bundesligisten in dem Ruf, von rechtsradikalen Gruppen beherrscht zu werden. Ein Phänomen, das den gesamten deutschen Fußball interessieren sollte. Denn „Rechtsradikalismus ist nicht lokal zu verorten“, sagt der Journalist, der sich seit Jahren mit diesem Thema auseinandersetzt. In seinem Buch „Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen“ recherchierte er erschütternde Fakten. Im Mindener „Kleinen Theater am Weingarten las Blaschke aus seinem Buch.„Die Grenzen zwischen Patriotismus und Nationalismus sind fließend. Im Fußball sehen Rechtsextremisten ein Feld, in dem sie ihre menschenverachtenden Ansichten verbreiten und auf subtile Art und Weise neue Anhänger gewinnen können“, sagt Blaschke.Oft missbrauchten die Extremisten den Sport, um auf dessen Rücken Akzeptanz zu erlangen, „die sie mit politischen Inhalten überhaupt nicht bekommen würden.“ Zwar seien Nazisymbole aus den modernen und bis in den letzten Winkel überwachten Arenen verschwunden. Doch deuteten Zahlencodes und Symbole auf Fan-Utensilien auf rechtsradikale Gesinnungen hin. Neben den bekannten Zahlen wie der „88“ oder der „18“ nutzen die Neonazis noch weitere, der Öffentlichkeit weitestgehend unbekannte Codes zur Meinungsäußerung in den Arenen.„Aber Rechtsradikalismus endet nicht am Stadionzaun“, betont Blaschke, der für seine Recherchen auch in der Szene aktive Neonazis traf und interviewte. Zum Beispiel in Lüdenscheid. Dort leitet ein stadtbekannter und bekennender Nazi als Schiedsrichter Spiele in der Kreisklasse und im DFB-Trikot ein jährlich stattfindendes Neonazi-Turnier. Haase macht keinen Hehl aus seiner Weltanschauung, lässt sich in Blaschkes Buch sogar wie folgt zitieren: „Wir Deutschen waren immer faire und freundliche Gastgeber, ob 1936, 1972, 1974 oder 2006.“ Lücken in den Verbandsstatuten verhindern aber seinen Ausschluss aus dem DFB.Blaschke sieht die Verbände in der Pflicht. Es regiere das Wegsehen. Bei den Bundesligisten ebenfalls. „Wir haben zwar Glatzen im Stadion. Aber die lassen die Politik draußen“, so ihr Credo. Beide Institutionen – Vereine und Verbände – stünden in der Verantwortung, wollen jedoch als unpolitisch angesehen werden.Dabei hätten die Klubs große Wirkung. „Hans-Joachim Watzke als Geschäftsführer von Borussia Dortmund hat in der Stadt eine höhere Bedeutung als der Oberbürgermeister und könnte solche „rechtsoffenen“ Fan-Gruppen eher erreichen.“Immerhin öffne sich der BVB für wissenschaftliche Studien. Doch die meisten Profi-Vereine schweigen das Thema lieber tot, denn „es würde das Geschäftsmodell gefährden.“

Journalist und Buchautor Ronny Blaschke über Rechtsradikalismus im Fußball

Minden (cb). Die „schönste Nebensache der Welt“ wird zunehmend von Rechtsradikalen unterwandert. Denn dem Fußball zugeordnete Werte wie Autorität, Stärke und Hierarchien sind ein idealer Nährboden für Neonazis, um ihre Weltanschauung zu verbreiten.

Ronny Blaschke will mit seinen Vorträgen aufklären. „Die Leute sollen sich selbst eine Meinung bilden.“ - © Foto: Bendig
Ronny Blaschke will mit seinen Vorträgen aufklären. „Die Leute sollen sich selbst eine Meinung bilden.“ - © Foto: Bendig

„Seit 15 Jahren gehe ich nicht mehr ins Stadion, weil ich so viele erschreckende Erfahrungen gemacht habe.“ Das sagt der in Rostock aufgewachsene Journalist und Buchautor Ronny Blaschke, einst glühender Anhänger von Hansa Rostock, in deren Reihen zu den besten Zeiten der dunkelhäutige Victor Agali die gegnerischen Abwehrreihen durcheinander wirbelte. Doch trotzdem stand und steht die Fanszene des ehemaligen Bundesligisten in dem Ruf, von rechtsradikalen Gruppen beherrscht zu werden. Ein Phänomen, das den gesamten deutschen Fußball interessieren sollte. Denn „Rechtsradikalismus ist nicht lokal zu verorten“, sagt der Journalist, der sich seit Jahren mit diesem Thema auseinandersetzt. In seinem Buch „Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen“ recherchierte er erschütternde Fakten. Im Mindener „Kleinen Theater am Weingarten las Blaschke aus seinem Buch.

„Die Grenzen zwischen Patriotismus und Nationalismus sind fließend. Im Fußball sehen Rechtsextremisten ein Feld, in dem sie ihre menschenverachtenden Ansichten verbreiten und auf subtile Art und Weise neue Anhänger gewinnen können“, sagt Blaschke.

Oft missbrauchten die Extremisten den Sport, um auf dessen Rücken Akzeptanz zu erlangen, „die sie mit politischen Inhalten überhaupt nicht bekommen würden.“ Zwar seien Nazisymbole aus den modernen und bis in den letzten Winkel überwachten Arenen verschwunden. Doch deuteten Zahlencodes und Symbole auf Fan-Utensilien auf rechtsradikale Gesinnungen hin. Neben den bekannten Zahlen wie der „88“ oder der „18“ nutzen die Neonazis noch weitere, der Öffentlichkeit weitestgehend unbekannte Codes zur Meinungsäußerung in den Arenen.

„Aber Rechtsradikalismus endet nicht am Stadionzaun“, betont Blaschke, der für seine Recherchen auch in der Szene aktive Neonazis traf und interviewte. Zum Beispiel in Lüdenscheid. Dort leitet ein stadtbekannter und bekennender Nazi als Schiedsrichter Spiele in der Kreisklasse und im DFB-Trikot ein jährlich stattfindendes Neonazi-Turnier. Haase macht keinen Hehl aus seiner Weltanschauung, lässt sich in Blaschkes Buch sogar wie folgt zitieren: „Wir Deutschen waren immer faire und freundliche Gastgeber, ob 1936, 1972, 1974 oder 2006.“ Lücken in den Verbandsstatuten verhindern aber seinen Ausschluss aus dem DFB.

Blaschke sieht die Verbände in der Pflicht. Es regiere das Wegsehen. Bei den Bundesligisten ebenfalls. „Wir haben zwar Glatzen im Stadion. Aber die lassen die Politik draußen“, so ihr Credo. Beide Institutionen – Vereine und Verbände – stünden in der Verantwortung, wollen jedoch als unpolitisch angesehen werden.

Dabei hätten die Klubs große Wirkung. „Hans-Joachim Watzke als Geschäftsführer von Borussia Dortmund hat in der Stadt eine höhere Bedeutung als der Oberbürgermeister und könnte solche „rechtsoffenen“ Fan-Gruppen eher erreichen.“

Immerhin öffne sich der BVB für wissenschaftliche Studien. Doch die meisten Profi-Vereine schweigen das Thema lieber tot, denn „es würde das Geschäftsmodell gefährden.“

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