Bad Oeynhausen

Willkür an den Grenzen: Spediteur Horst Kottmeyer beklagt fehlende Wertschätzung für die Lkw-Fahrer

Nicole Bliesener

Parkende Lastwagen auf dem Gelände der Spedition Kottmeyer sind ein seltener Anblick. Weil die Automobilbranche brachliegt, hat Horst Kottmeyer 15 Wagen vorübergehend stillgelegt. Foto: Nicole Bliesener - © Nicole Bliesener
Parkende Lastwagen auf dem Gelände der Spedition Kottmeyer sind ein seltener Anblick. Weil die Automobilbranche brachliegt, hat Horst Kottmeyer 15 Wagen vorübergehend stillgelegt. Foto: Nicole Bliesener (© Nicole Bliesener)

Bad Oeynhausen (nw). Die Situation sei zermürbend, sagt Spediteur Horst Kottmeyer junior.. Für die Lkw-Fahrer und die Unternehmen, für die sie unterwegs sind, gleichermaßen. „Besonders schlimm ist es an der polnischen Grenze, da werden beinah täglich neue Auflagen gemacht“, sagt Kottmeyer.

„Zuletzt sollten polnische Fahrer, die für polnische Firmen arbeiten, einreisen dürfen. Polnische Fahrer, die für ausländische Unternehmen fahren, sollten nach der Einreise 14 Tage in Quarantäne“, berichtet der Bad Oeynhausener Spediteur. Da hätten seine Fahrer, die in ihrer freien Woche normalerweise zu ihren Familien nach Polen gefahren wären, lieber weiter arbeiten wollen, schildert Kottmeyer die Situation. Diese – wie Horst Kottmeyer findet – „völlig willkürliche Auflage“ habe die polnische Regierung dann aber in letzter Minute zurückgenommen. „Aber man weiß nie, was als nächstes kommt“, sagt er.

Horst Kottmeyer an seinem Schreibtisch in der Firmenzentrale an der Brückenstraße in Bad Oeynhausen. Foto: Björn Prüßner - © Björn Prüßner
Horst Kottmeyer an seinem Schreibtisch in der Firmenzentrale an der Brückenstraße in Bad Oeynhausen. Foto: Björn Prüßner (© Björn Prüßner)

An den Wochenenden zuvor gab es erst riesige Probleme am Brenner und dann an der polnischen Grenze mit Kilometer langen Staus. „Am Brenner gab es einen Stau von fast 70 Kilometern Länge, da standen acht Fahrer von uns drin – fast 15 Stunden“, berichtet der Spediteur. Keine Probleme gibt es dagegen an der dänischen Grenze und in die Benelux-Länder. Etwas eingeschränkt funktioniert wegen der Corona-Schutzmaßnahmen der Transport nach England und zurück. „Die Fracht-Shuttle-Züge durch den Eurotunnel werden nicht mehr vollgeladen, das heißt, nur noch die Hälfte der Lkw kommen pro Fahrt mit“, sagt Kottmeyer und nennt auch gleich den Grund. Der Personenwaggon bietet normalerweise Platz für 50 Fahrer. Um den Abstand einhalten zu können, dürfen jetzt nur noch 25 mit.“

Mit Beginn der Corona-Krise haben sich in der Transport- und Logistikbranche Probleme aufgetan, die für die Fahrer entwürdigend und diskriminierend seien. „Das Schlimmste waren die geschlossenen Raststätten und die Unternehmen an den Zielorten, die den Fahrern noch nicht mal gestattet haben, sich die Hände zu waschen“, sagt Horst Kottmeyer. Das Problem habe der Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik (BGL), bei dem Horst Kottmeyer ehrenamtlicher Aufsichtsratvorsitzender ist, mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums und der Tank & Rast-Gruppe lösen können. Tank & Rast betreibt im deutschen Autobahnnetz 360 Tankstellen und 400 Raststätten.

Die Autobahnstationen im Netz von Tank & Rast sind seit vergangener Woche wieder für alle Reisenden geöffnet. „Außerdem werden dort auch mehr warme Mitnahmegerichte angeboten, und die auch nicht zu überhöhten Preisen“, sagt Horst Kottmeyer. Kostenlos können die sanitären Anlagen von Sanifair genutzt werden – das gelte auch für die Fernfahrer-Duschen.

Eine weitere Verbesserung für die Fahrer verspricht sich Kottmeyer auch von der Tatsache, dass Lkw-Fahrer nun auch als systemrelevant gelten. „Das hat auch etwas mit der Wertschätzung der Arbeit zu tun“, sagt der Spediteur. Denn schließlich seien volle Regale in den Supermärkten und der permanente Nachschub auch ein Verdienst der Brummi-Fahrer. Die Wartezeiten auf Produkte wie Klopapier, Bockwürstchen im Glas oder Nudeln hätten kaum etwas mit unterbrochenen Lieferketten zu tun, sondern mit einem „völlig überzogenen Kaufverhalten“.

Horst Kottmeyer macht das an einem Beispiel aus seinem eigenen Auftragsbuch fest: „Wir fahren Windeln – normalerweise zwei Lkw-Ladungen in der Woche. Im Moment sind es fünf“, zählt Kottmeyer auf. Die Produktion bei den Herstellern laufe am Limit, hinter der übersteigerten Nachfrage käme keiner hinterher.

Ein weiteres Problem, das die Fahrer belastet, gebe es schon länger. „Es wirkt sich jetzt in der Krise aber besonders aus“, erläutert Horst Kottmeyer. Die Fahrer seien immer länger mit dem Be- und Entladen beschäftigt. „Die Unternehmen haben über Jahre immer mehr Personal eingespart. Und jetzt müssen die Fahrer am Zielort sogar erst einmal jemanden suchen, der ihnen sagt, wo sie denn die Ware abladen sollen.“

Transportkapazitäten gebe es derzeit mehr als genug. Und dies liege auch an der brachliegenden Autoindustrie, für die die Flotte von Horst Kottmeyer normalerweise viel unterwegs ist. „Das Wegbrechen dieser Aufträge spüren wir deutlich“, sagt Kottmeyer. 15 Lastwagen seiner Flotte hat er aus diesem Grund vorübergehend stillgelegt. „Wir haben vorsorglich Kurzarbeit beantragt, aber noch kein Geld in Anspruch genommen.“

So gut es geht auf die Corona-Krise vorbereitet hat Horst Kottmeyer auch die Firmenzentrale an der Brückenstraße. „Homeoffice geht bei Fahrern, Staplerfahrern und Mechanikern natürlich nicht“, sagt der Spediteur und grinst. „Aber in der Werkstatt wird zeitversetzt gearbeitet und insgesamt haben wir uns etwas ausgebreitet.“

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Bad OeynhausenWillkür an den Grenzen: Spediteur Horst Kottmeyer beklagt fehlende Wertschätzung für die Lkw-FahrerNicole BliesenerBad Oeynhausen (nw). Die Situation sei zermürbend, sagt Spediteur Horst Kottmeyer junior.. Für die Lkw-Fahrer und die Unternehmen, für die sie unterwegs sind, gleichermaßen. „Besonders schlimm ist es an der polnischen Grenze, da werden beinah täglich neue Auflagen gemacht“, sagt Kottmeyer. „Zuletzt sollten polnische Fahrer, die für polnische Firmen arbeiten, einreisen dürfen. Polnische Fahrer, die für ausländische Unternehmen fahren, sollten nach der Einreise 14 Tage in Quarantäne“, berichtet der Bad Oeynhausener Spediteur. Da hätten seine Fahrer, die in ihrer freien Woche normalerweise zu ihren Familien nach Polen gefahren wären, lieber weiter arbeiten wollen, schildert Kottmeyer die Situation. Diese – wie Horst Kottmeyer findet – „völlig willkürliche Auflage“ habe die polnische Regierung dann aber in letzter Minute zurückgenommen. „Aber man weiß nie, was als nächstes kommt“, sagt er. An den Wochenenden zuvor gab es erst riesige Probleme am Brenner und dann an der polnischen Grenze mit Kilometer langen Staus. „Am Brenner gab es einen Stau von fast 70 Kilometern Länge, da standen acht Fahrer von uns drin – fast 15 Stunden“, berichtet der Spediteur. Keine Probleme gibt es dagegen an der dänischen Grenze und in die Benelux-Länder. Etwas eingeschränkt funktioniert wegen der Corona-Schutzmaßnahmen der Transport nach England und zurück. „Die Fracht-Shuttle-Züge durch den Eurotunnel werden nicht mehr vollgeladen, das heißt, nur noch die Hälfte der Lkw kommen pro Fahrt mit“, sagt Kottmeyer und nennt auch gleich den Grund. Der Personenwaggon bietet normalerweise Platz für 50 Fahrer. Um den Abstand einhalten zu können, dürfen jetzt nur noch 25 mit.“ Mit Beginn der Corona-Krise haben sich in der Transport- und Logistikbranche Probleme aufgetan, die für die Fahrer entwürdigend und diskriminierend seien. „Das Schlimmste waren die geschlossenen Raststätten und die Unternehmen an den Zielorten, die den Fahrern noch nicht mal gestattet haben, sich die Hände zu waschen“, sagt Horst Kottmeyer. Das Problem habe der Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik (BGL), bei dem Horst Kottmeyer ehrenamtlicher Aufsichtsratvorsitzender ist, mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums und der Tank & Rast-Gruppe lösen können. Tank & Rast betreibt im deutschen Autobahnnetz 360 Tankstellen und 400 Raststätten. Die Autobahnstationen im Netz von Tank & Rast sind seit vergangener Woche wieder für alle Reisenden geöffnet. „Außerdem werden dort auch mehr warme Mitnahmegerichte angeboten, und die auch nicht zu überhöhten Preisen“, sagt Horst Kottmeyer. Kostenlos können die sanitären Anlagen von Sanifair genutzt werden – das gelte auch für die Fernfahrer-Duschen. Eine weitere Verbesserung für die Fahrer verspricht sich Kottmeyer auch von der Tatsache, dass Lkw-Fahrer nun auch als systemrelevant gelten. „Das hat auch etwas mit der Wertschätzung der Arbeit zu tun“, sagt der Spediteur. Denn schließlich seien volle Regale in den Supermärkten und der permanente Nachschub auch ein Verdienst der Brummi-Fahrer. Die Wartezeiten auf Produkte wie Klopapier, Bockwürstchen im Glas oder Nudeln hätten kaum etwas mit unterbrochenen Lieferketten zu tun, sondern mit einem „völlig überzogenen Kaufverhalten“. Horst Kottmeyer macht das an einem Beispiel aus seinem eigenen Auftragsbuch fest: „Wir fahren Windeln – normalerweise zwei Lkw-Ladungen in der Woche. Im Moment sind es fünf“, zählt Kottmeyer auf. Die Produktion bei den Herstellern laufe am Limit, hinter der übersteigerten Nachfrage käme keiner hinterher. Ein weiteres Problem, das die Fahrer belastet, gebe es schon länger. „Es wirkt sich jetzt in der Krise aber besonders aus“, erläutert Horst Kottmeyer. Die Fahrer seien immer länger mit dem Be- und Entladen beschäftigt. „Die Unternehmen haben über Jahre immer mehr Personal eingespart. Und jetzt müssen die Fahrer am Zielort sogar erst einmal jemanden suchen, der ihnen sagt, wo sie denn die Ware abladen sollen.“ Transportkapazitäten gebe es derzeit mehr als genug. Und dies liege auch an der brachliegenden Autoindustrie, für die die Flotte von Horst Kottmeyer normalerweise viel unterwegs ist. „Das Wegbrechen dieser Aufträge spüren wir deutlich“, sagt Kottmeyer. 15 Lastwagen seiner Flotte hat er aus diesem Grund vorübergehend stillgelegt. „Wir haben vorsorglich Kurzarbeit beantragt, aber noch kein Geld in Anspruch genommen.“ So gut es geht auf die Corona-Krise vorbereitet hat Horst Kottmeyer auch die Firmenzentrale an der Brückenstraße. „Homeoffice geht bei Fahrern, Staplerfahrern und Mechanikern natürlich nicht“, sagt der Spediteur und grinst. „Aber in der Werkstatt wird zeitversetzt gearbeitet und insgesamt haben wir uns etwas ausgebreitet.“