Bad Oeynhausen

Die Rolle seines Lebens: Klopapier-Großhändler Uwe Hoberg ist verwundert über den Run auf das "weiße Gold der Corona-Krise"

Nicole Bliesener

Ein bisschen was ist noch da: Uwe Hoberg ist Großhändler für Hygienepapier. Er verkauft Klopapier an gewerbliche Kunden – und auch die ordern drei Mal so viel wie sonst. Foto: Nicole Bliesener - © Nicole Bliesener
Ein bisschen was ist noch da: Uwe Hoberg ist Großhändler für Hygienepapier. Er verkauft Klopapier an gewerbliche Kunden – und auch die ordern drei Mal so viel wie sonst. Foto: Nicole Bliesener (© Nicole Bliesener)

Bad Oeynhausen (nw). „Klopapier ist mein Leben“, sagt Uwe Hoberg. Seit 37 Jahren betreibt der Bad Oeynhausener einen Großhandel für Hygienepapier. Doch so etwas wie im Moment hat der Unternehmer noch nicht erlebt. „Früher habe ich häufig gehört: Na, ja – einer muss es ja machen. Jetzt rufen mich sogar Leute an, zu denen ich seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatte“, sagt Hoberg. Alle wollen nur das eine: Klopapier – das weiße Gold der Corona-Krise.

Hoberg beliefert gewerbliche Kunden aus Handel, Handwerk, Industrie und Gastronomie. „Aber keine Supermärkte“, wie der Bad Oeynhausener ausdrücklich betont. Unter dem Markennamen „Cilan“ vertreibt er Toilettenpapier, Papierhandtücher, Küchenrollen, Seife und die dazugehörigen Spender. Sein Premiumprodukt hat er sogar in der ZDF-Seifenoper „Traumschiff“ platziert. Eine Szene zeigt, wie Harald Schmidt in seiner Rolle als Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle auf der MS Deutschland an einer Euro-Palette Cilan-Toilettenpapier vorbeispaziert.

„Der momentane Ansturm auf Klopapier lässt sich nur psychologisch erklären“, sagt Uwe Hoberg. Die Knappheit würde durch ein völlig übersteigertes Kaufverhalten erzeugt. Die Papierfabriken arbeiten am Limit, sie produzieren im 24-Stunden-Schichtsystem an sieben Tagen die Woche. Auch die Rohstoffe für Klopapier – Altpapier oder Zellstoff – seien in ausreichender Menge vorhanden, die Lieferketten stabil. „Aber hinter dem reißenden Absatz kommt niemand hinterher“, weiß Uwe Hoberg. Und ergänzt: „Wir machen im Moment ein Umsatzplus von 250 Prozent und wir könnten noch mehr verkaufen.“

Die Hoberg Papier GmbH verkauft derzeit 600.000 Rollen pro Tag – nur an den gewerblichen Bereich. „Das sind jeden Tag zehn Lkw-Ladungen voll. Und ich könnte sogar 30 bis 40 Ladungen verkaufen“, rechnet der Unternehmer vor. Supermärkte könnten derzeit auch das Zehnfache des herkömmlichen Bedarfs verkaufen, ist Uwe Hoberg überzeugt.

Die Erklärung für den Klopapier-Hype sieht er in dem Wunsch nach Sicherheit in der Krise. „Und Toilettenpapier scheint diesen Wunsch zu befriedigen. Da gibt es acht Rollen Sicherheit für zwei Euro“, so Hoberg. Dies gelte nicht nur für den privaten Einkauf, sondern auch für gewerbliche Kunden: Vierlagige Sicherheit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Hinzu komme noch der dem Menschen eigene Jagdinstinkt, der durch den Anblick leerer Regale verstärkt würde.

Geordert wird derzeit mindestens die dreifache Menge von dem, was in normalen Zeiten bestellt wird. Produziert wird Hygienepapier in Fabriken, die über die ganze Republik verteilt sind. Hoberg selbst arbeitet beispielsweise mit Fabriken in Thüringen und im Sauerland zusammen. „Es macht nicht viel Sinn, Toilettenpapier aus dem Ausland heranzukarren“, sagt Uwe Hoberg. „Eine Lkw-Ladung Klopapier hat in etwa einen Warenwert von 6.000 Euro, die Frachtkosten für eine Fuhre aus Italien würden allein schon 25 Prozent des Werts auffressen.“

Die Mengen, die allein in bundesdeutschen Papierfabriken jährlich produziert werden, sind beachtlich. „50.000 Tonnen Toilettenpapier werden pro Jahr hergestellt“, sagt Hoberg, und eine Rolle wiege gerade mal 100 Gramm. Eine Papiermaschine produziere pro Minute 2.000 Meter Klopapier auf drei Meter Breite. „Mit der Papier-Produktion einer Stunde könnte man die Autobahn 2 zwischen Bad Oeynhausen und dem Kamener Kreuz sechsspurig auslegen“, rechnet Uwe Hoberg vor.

Ein richtiges Problem, sagt der Bad Oeynhausener Großhändler für Toilettenpapier, könnte die Krise nach der Krise werden. „Wenn sich die Situation wieder normalisiert, werden die Hamsterkäufer Monate brauchen, um das gehortete Papier zu verbrauchen“, ahnt Hoberg. „Und die Frage ist, ob die Papierfabriken diese Phase dann überleben werden.“

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Bad OeynhausenDie Rolle seines Lebens: Klopapier-Großhändler Uwe Hoberg ist verwundert über den Run auf das "weiße Gold der Corona-Krise"Nicole BliesenerBad Oeynhausen (nw). „Klopapier ist mein Leben“, sagt Uwe Hoberg. Seit 37 Jahren betreibt der Bad Oeynhausener einen Großhandel für Hygienepapier. Doch so etwas wie im Moment hat der Unternehmer noch nicht erlebt. „Früher habe ich häufig gehört: Na, ja – einer muss es ja machen. Jetzt rufen mich sogar Leute an, zu denen ich seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatte“, sagt Hoberg. Alle wollen nur das eine: Klopapier – das weiße Gold der Corona-Krise. Hoberg beliefert gewerbliche Kunden aus Handel, Handwerk, Industrie und Gastronomie. „Aber keine Supermärkte“, wie der Bad Oeynhausener ausdrücklich betont. Unter dem Markennamen „Cilan“ vertreibt er Toilettenpapier, Papierhandtücher, Küchenrollen, Seife und die dazugehörigen Spender. Sein Premiumprodukt hat er sogar in der ZDF-Seifenoper „Traumschiff“ platziert. Eine Szene zeigt, wie Harald Schmidt in seiner Rolle als Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle auf der MS Deutschland an einer Euro-Palette Cilan-Toilettenpapier vorbeispaziert. „Der momentane Ansturm auf Klopapier lässt sich nur psychologisch erklären“, sagt Uwe Hoberg. Die Knappheit würde durch ein völlig übersteigertes Kaufverhalten erzeugt. Die Papierfabriken arbeiten am Limit, sie produzieren im 24-Stunden-Schichtsystem an sieben Tagen die Woche. Auch die Rohstoffe für Klopapier – Altpapier oder Zellstoff – seien in ausreichender Menge vorhanden, die Lieferketten stabil. „Aber hinter dem reißenden Absatz kommt niemand hinterher“, weiß Uwe Hoberg. Und ergänzt: „Wir machen im Moment ein Umsatzplus von 250 Prozent und wir könnten noch mehr verkaufen.“ Die Hoberg Papier GmbH verkauft derzeit 600.000 Rollen pro Tag – nur an den gewerblichen Bereich. „Das sind jeden Tag zehn Lkw-Ladungen voll. Und ich könnte sogar 30 bis 40 Ladungen verkaufen“, rechnet der Unternehmer vor. Supermärkte könnten derzeit auch das Zehnfache des herkömmlichen Bedarfs verkaufen, ist Uwe Hoberg überzeugt. Die Erklärung für den Klopapier-Hype sieht er in dem Wunsch nach Sicherheit in der Krise. „Und Toilettenpapier scheint diesen Wunsch zu befriedigen. Da gibt es acht Rollen Sicherheit für zwei Euro“, so Hoberg. Dies gelte nicht nur für den privaten Einkauf, sondern auch für gewerbliche Kunden: Vierlagige Sicherheit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Hinzu komme noch der dem Menschen eigene Jagdinstinkt, der durch den Anblick leerer Regale verstärkt würde. Geordert wird derzeit mindestens die dreifache Menge von dem, was in normalen Zeiten bestellt wird. Produziert wird Hygienepapier in Fabriken, die über die ganze Republik verteilt sind. Hoberg selbst arbeitet beispielsweise mit Fabriken in Thüringen und im Sauerland zusammen. „Es macht nicht viel Sinn, Toilettenpapier aus dem Ausland heranzukarren“, sagt Uwe Hoberg. „Eine Lkw-Ladung Klopapier hat in etwa einen Warenwert von 6.000 Euro, die Frachtkosten für eine Fuhre aus Italien würden allein schon 25 Prozent des Werts auffressen.“ Die Mengen, die allein in bundesdeutschen Papierfabriken jährlich produziert werden, sind beachtlich. „50.000 Tonnen Toilettenpapier werden pro Jahr hergestellt“, sagt Hoberg, und eine Rolle wiege gerade mal 100 Gramm. Eine Papiermaschine produziere pro Minute 2.000 Meter Klopapier auf drei Meter Breite. „Mit der Papier-Produktion einer Stunde könnte man die Autobahn 2 zwischen Bad Oeynhausen und dem Kamener Kreuz sechsspurig auslegen“, rechnet Uwe Hoberg vor. Ein richtiges Problem, sagt der Bad Oeynhausener Großhändler für Toilettenpapier, könnte die Krise nach der Krise werden. „Wenn sich die Situation wieder normalisiert, werden die Hamsterkäufer Monate brauchen, um das gehortete Papier zu verbrauchen“, ahnt Hoberg. „Und die Frage ist, ob die Papierfabriken diese Phase dann überleben werden.“